Asche über Medina?

Medina war am Anfang des 7. Jahrhunderts eine Oase von 50 km2 (Kontrolle@), also etwas größer als Offenbach. In der Antike war es voller Dattelpalmen. Oasen konnten immer nur eine gewisse Anzahl Einwohner ernähren. Wurden es mehr, so mussten die Überzähligen wegziehen—oder es mussten Lebensmittel von außen importiert werden. Wenn die Ernte gering ausfiel, wurde gehungert. Es war aber nicht so, dass die Einwohner Medinas nur die Datteln aßen, die dort wuchsen. Sie tauschten einen Teil davon gegen Kamel- und Hammelfleisch, das die Halbnomaden aus dem Umland lieferten. Selbst hatten sie auch Milchschafe und wahrscheinlich gingen sie auf die Jagd. Aus Syrien importierten sie Getreide, das mit Gütern oder Goldklümpchen bezahlt wurde.
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Als der Prophet Mohammed 622 sich nach der Hidschra mit geschätzten achtundachtzig Männern und ihren Familien in Medina niederließ, drückte das auf das verfügbare Lebensmittelkontingent der Oasenbewohner. Die Neuankömmlinge kompensierten das, indem sie Raubzüge außerhalb der Oase unternahmen. Die ärmeren Emigranten, die ahl al-suffa,1 durften in der Moschee wohnen und wurden aus der Staatskrippe ernährt.
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Während der arabischen Eroberungen nach Mohammeds Tod wurde reiche Beute gemacht, die in der Staatskasse landete und verteilt wurde. Viele Männer genossen nach abgeleistetem Dienst ihren Ruhestand in Medina und hatten eigenes Geld in der Tasche. Die Oase wurde immer wohlhabender. Es wurde auch in Bewässerungsprojekte investiert, u.a. vom Kalifen Mu‘āwiya. Die Importe nahmen zu. Später im 7. Jahrhundert war Medina ein Luxuswohnort. Der Lebemann Hasan ibn ‘Alī wohnte dort und die grande dame Sukaina, aber auch Aischa und viele Intellektuelle. Dazu ein anderes Mal.
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Es lief aber nicht gleich so prächtig. Das Jahr 18 der islamischen Jahreszählung, das ist 639,2 war ein Jahr von Hunger und Not. ‘Ām ar-ramāda wurde es genannt, das „Jahr des Untergangs“.
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Im Geschichtswerk von at-Tabarī (gest. 923; tatsächlich, fast drei Jahrhunderte später!)3 steht dazu u.a.: „Die Menschen wurden in dem Jahr durch eine schwere Hungersnot, Unfruchtbarkeit und Trockenheit getroffen; es war das Jahr das ‘ām ar-ramāda geannt wird.“ Welche Menschen? Die Einwohner von Medina? Gleich darauf redet er von ‘Amwās in Palästina, wo die Pest ausbrach (25.000 Tote).4 Das war, so erklärt er (oder vielmehr seine Quelle), weil die Menschen dort angefangen hatten Wein zu trinken. Die Übeltäter wurden ausgepeitscht und Kalif ‘Umar fluchte: „Volk von Syrien, möge euch etwas Unerhörtes widerfahren!“ worauf die ramāda ausbrach.“ Merkwürdig, dass ein Staatsoberhaupt so etwas seinen Untertanen wünscht. Aber er wird das wohl nicht wirklich gesagt haben. Alle diese Erzählungen sind hauptsächlich Dichtung.
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Die ramāda war jedoch in Medina und davon handelt aṭ-Ṭabarī’s Folgetext. Es könnte natürlich sein, dass auch in Syrien gehungert wurde, aber dann wäre es unglaubwürdig, dass aus Syrien nicht weniger als 4.0004 Kamellasten Getreide als Hilfe nach Medina übergebracht wurden, wie wir noch sehen werden.

  • „Während der Regierung ‘Umars wurden die Bewohner Medinas und das Umland von einem unfruchtbaren Jahr (sana) heimgesucht, in dem der Staub aufgewirbelt wurde, wenn es wehte, als wäre es Asche (ramād). Deshalb wird es das Jahr des Untergangs genannt.“
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    „Die ramāda war eine Hungersnot, die Medina und das Umland traf und so viel Tod und Zerstörung verbreitete, dass die wilden Tiere in den Wohnstätten der Menschen Zuflucht suchten. Die Menschen fingen sogar an ihre Schafe zu schlachten, aber sie ekelten sich davor, so abscheulich sah das aus—und das obwohl sie hungerten.“

In einem Paralleltext wird der Ekel erklärt: weil die Tiere nur Haut und Knochen waren, und an ihnen kaum Fleisch zu sehen war.

Der Kalif zögerte lange, bevor er sich entschied, die Garnisonsstädte im Norden um Hilfe zu bitten. Schließlich kam eine Karawane von 40004 Kamelen, mit Getreide beladen. Das war eine große Erleichterung, aber sie kam ziemlich spät. Erst wurde gezögert, dann ein Kurier ausgeschickt, dann musste das Getreide gesammelt und aufgeladen werden und die Karawane brauchte auch einige Wochen—kurzum, es werden wohl noch viele Menschen verhungert sein. Einige Jahre später sollte Getreide über den Seeweg aus dem frisch eroberten Ägypten kommen, aber 639 war davon noch nicht  die Rede.
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VulkaanVOLCANIC_11_57415Noch kurz zu den Wörtern: „…indem der Staub aufgewirbelt wurde, wenn es wehte, als wäre es Asche (ramād).“ Die Staubteilchen in der Luft wurden also nicht durch Regen oder Feuchtigkeit festgehalten—aber war das etwas Besonderes? Schauen Sie mit auf das (heutige) Wetter in Medina. Monatelang kein Regen, sehr geringe Luftfeuchtigkeit: Selbstverständlich waren dort Staubteilchen in der Luft. Hier war aber die Rede von Staub „als wäre es Asche.“

Und wenn es nun wirklich Asche gewesen wäre? Die Umgebung Medinas ist sehr vulkanisch. Des Öfteren haben Vulkanausbrüche in der Umgebung die Oase bedroht; am Rande der heutigen Stadt fangen gleich die Lavafelder an. Der Harrat ‘Uwayrid, 300 km nordwestlich von Medina, hatte einen Ausbruch um 640; der viel näher gelegene Harrat Khaybar zehn Jahre später. So sagen es Vulkanologen, die für ihre Schlussfolgerungen keine Texte brauchen. Unweit ist der al-Djabal al-Baidā’, der „weiße Berg“, der so heißt, weil er der Aschekrater eines Vulkans ist. Könnte vielleicht ein Vulkanausbruch die Ursache des Notjahrs 639 gewesen sein? Hier weiß ich nicht weiter. Verschwinden die Regenwolken, regnet es (noch) weniger als sonst, wenn etwas weiter ein Vulkan ausbricht? Hatte der unterirdische Wasservorrat der Oase sich unter dem Einfluss der Naturgewalten vorübergehend zurückgezogen? Sterben Schafe, wenn allerlei Partikel vom Himmel auf sie fallen oder ihr Futter mit Asche bedeckt ist? War die Handelsroute nach Syrien eine Zeitlang blockiert? Das alles sollen Geo-, Bio- und Vulkanologen erforschen.

„Year of Drought’, schreibt G.H.A. Juynboll in seiner Tabarī-Übersetzung. Aber „Trockenheit“ bedeutet das Wort ramāda eigentlich nicht. Was macht ein Arabist um eine Wortbedeutung herauszufinden? Er kann z.B. das alte Wörterbuch von Lane4 zur Hand nehmen. Der nahm alle jahrhundertealten arabischen Wörterbücher, schrieb ab, was darin stand, und übersetzte es in viktorianisches Englisch. Deshalb findet man bei ihm oft strittige und „mittelalterlich“ anmutende Umschreibungen. Es ist ein trauriges Hilfsmittel, aber wir haben nicht viele andere. Wenn Farbbezeichnungen vorkommen, ist es immer gut, noch mal bei Fischer5 nachzuschauen. Es stellt sich heraus, dass die Wurzel r-m-d zwei hier relevante Basisbedeutungen hat:

ramada: „untergehen, kaputt gehen“, und zwar durch verschiedene Ursachen. In Lanes Wortlaut: by becoming old and worn-out, and had no goodness and lastingness; by reason of cold or of hoar frost or rhyme; by drought, barrenness, or dearth. Das „Untergehen“ ist primär; dessen Ursache, also auch die Trockenheit, ist sekundär. ramāda ist das Verbalsubstantiv: „das Untergehen, der Untergang“.
ramād, „Asche“ und das Farbwort armad: „in Bezug auf die Farbe durch Asche (ramād) besonders charakterisiert; vom Auge: Grauer Star usw.“

Die beiden Basisbedeutungen haben nichts miteinander zu tun, wenn auch sowohl die Texte als auch die Wörterbücher sich manchmal durch die Ähnlichkeit von ramāda und ramād hinreißen lassen. Man muss ihnen in ihrer Volksetymologie nicht folgen.
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Also, ramāda ist „Untergang“. Es war das Jahr des Untergangs, nicht das der Trockenheit und auch nicht das der Asche, wie ich einen Augenblick dachte. Ein Vulkanausbruch ist mit Hilfe des Lexikons nicht belegbar. Bleibt aber meine Verwunderung über die Meldung vom aufgewirbelten Staub „als wäre es Asche“. In großen Teilen des Nahen Osten regnet es doch immer Staub? Wenn es nur Staub gewesen wäre, wäre es wohl kaum erwähnenswert, oder?

ANMERKUNGEN
1. Klar, das ist unser Wort Sofa, Ruhebank.
2. Anderen zufolge war es Ende 17 bis Anfang 18. Die Jahreszahlen für diese Periode stimmen nie so wirklich.
3. At-Tabarī, Ta’rīkh i, 2570–8.
4. Bei großen Zahlen in der Antike hilft diese Regel: Teile durch zehn!
5. Edward William Lane, Al-madd al-qamoos. An Arabic-Eglish Lexicon, 8 Bde., London/ Edinburgh 1863.
6. Wolfdietrich Fischer, Farb- und Formbezeichnugen in der Sprache der altarabischen Dichtung, Wiesbaden 1965.

Diakritische Zeichen: ṣuffa, Ḥarrat, al-Ǧabal al-Baiḍāʾ, aṭ-Ṭabarī,Ta’rīḥ

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Abd al-Malik übt sich in Grausamkeit und Mord

Als ‘Abd al-Malik 685 unerwartet die Nachfolge seines Vaters Marwān als Umaiyadenkalif in Damaskus antreten musste, fand er sich einem formidablen Gegner gegenüber: ‘Abdallah ibn az-Zubair, der in Arabien ein Kalifat gegründet hatte. Aber auch in Syrien war er nicht unangefochten. Dort bekam er es nämlich mit ‘Amr ibn Sa‘īd al-Ashdaq (?–689) zu tun. Dieser war auch Angehöriger der Sippe Umaiya und hatte sich u.a. als General und als Statthalter von Mekka und Medina verdient gemacht. Marwān hatte diesem ‘Amr versprochen, dass er ihm nachfolgen dürfe. Aber sobald er auf dem Thron saß, hatte er die Huldigung seiner eigenen Söhne forciert. Als ‘Abd al-Malik tatsächlich seinen Vater nachfolgte, war ‘Amr von Groll erfüllt. Trotzdem sah er noch eine Zukunft für sich. Als er einmal ‘Abd al-Malik auf einem Feldzug in den Irak begleitete, sprach er ihn auf eine mögliche Nachfolge an. ‘Abd al-Malik ließ sich aber nicht darauf ein.1 Nach diesem für ihn enttäuschenden Gespräch schlich ‘Amr mit einigen Anhängern weg aus dem Lager und ging zurück nach Damaskus. Es gelang ihm die Stadt an sich zu bringen, wo er einen beträchtlichen Anhang hatte. ‘Abd al-Malik sah sich gezwungen umzukehren um seine eigene Hauptstadt zurückzuerobern. ‘Amr ergab sich unter der Bedingung, dass er Leib und Leben behalten dürfe.
‘Abd al-Malik hatte aber etwas anderes mit ihm vor. Eines Tages lud er ‘Amr in seinen Palast. Dieser zog sicherheitshalber ein Kettenhemd an und nahm hundert Gefolgsmänner mit, von denen aber nur einer hereingelassen wurde. Als er die vielen Soldaten und Verwandten des Kalifen sah, witterte er Unheil und sandte seinen Sklaven weg um bei seinem Bruder Hilfe zu holen. Der Sklave verstand aber den Auftrag nicht richtig und die Hilfe blieb aus.
‘Abd al-Malik fing an ihn einzuschüchtern und zu piesacken. Er ließ ihm sein Schwert abnehmen und ließ ihn in Fesseln legen, seine Hände hinter seinem Nacken gebunden.

  • Darauf gab ihm ‘Abd al-Malik einen Stoß, so dass er mit seinem Mund gegen die Bank kippte und seinen Vorderzahn abbrach.
    „Verdammt noch mal,’ sagte ‘Amr, ‘ich hoffe, das reicht dir jetzt!“
    „Wenn ich wüsste, dass du mich verschonen würdest,’ antwortete ‘Abd al-Malik, ‘würde ich dich verschonen und laufen lassen. Aber es gab nie zwei Männer in einer Lage wie dieser, ohne das der eine den anderen beseitigte.“ […]
    ‘Abd al-Malik ließ sich jetzt eine Lanze bringen. Er schwang sie hin und her und warf sie auf ‘Amr, aber die Waffe drang nicht in dessen Körper ein. Er tat es noch einmal, wieder vergeblich. Als er einen Schlag auf ‘Amrs Arm gab, spürte er, dass dieser ein Kettenhemd trug. Er lachte und sagte: „Hah, ein Kettenhemd! Du bist gut vorbereitet hierher gekommen! Knappe, bring mir das kurze Schwert!“ Es wurde ihm gereicht und er befahl seinen Männern ‘Amr auf den Boden zu drücken. ‘Abd al-Malik setzte sich auf dessen Brust und schnitt ihm die Kehle durch. […]
    ‘Abd al-Malik zuckte und zitterte. So ergeht es, wie man sagt, einem Mann, wenn er einen Verwandten tötet. ‘Abd al-Malik wurde von ‘Amrs Brust fortgezogen und auf die Bank gelegt. Er sagte: „Nie habe ich so etwas erlebt: Er ist von jemandem getötet worden, der das Diesseits besitzt und das Jenseits nicht suchte.“2

Dann erschienen endlich ‘Amrs Männer—zu spät. Sie schrien die Anwesenden an und es begann ein Kampf. Aber jemand warf den Kopf des Getöteten unter die Leute, nebst einer Anzahl Beutel mit Geld, worauf sie auseinandergingen.

Der Kalif „zuckte und zitterte“. Dieser Erzählung zufolge wünschte ‘Abd al-Malik den Mord persönlich und vor Zeugen auszuführen. Leicht fiel es ihm nicht und stolz war er auch nicht. Vielleicht wollte er seine Umgebung wissen lassen, was für einer er war und dass er gnadenlos durchgreifen konnte. Vielleicht wollte er das vor allem auch sich selbst beweisen, weil er sich noch in Grausamkeit üben musste. Sein bisheriges Leben war relativ ruhig gewesen, aber als Herrscher musste er hart sein können—das verstand er sehr gut. Nicht ohne Grund ließ er sich auf seinen Münzen mit Schwert und Peitsche abbilden.

Eine Überlieferung3 berichtet, dass die Feindschaft zwischen ‘Abd al-Malik und ‘Amr auf altes Leid zurückging. Als Jungen sollen die beiden schon des öfteren gekämpft haben, dazu ermutigt von ‘Abd al-Maliks Großmutter Umm Marwān. Diese lud sie oft zusammen mit noch anderen Jungen zum Essen ein. Dann hetzte sie die Jungen gegeneinander auf; die fingen dann an sich zu schlagen und verließen das Haus ohne noch ein Wort zu wechseln. Wollte die Oma die Rivalität zwischen den Zweigen des Hauses Umaiya anstacheln, in der Hoffnung, dass ihre eigene Nachkommen schon früh die Oberhand bekommen würden? Oder hat diese Erzählung die spätere Rivalität in die Vergangenheit zurückprojiziert? Das ist gut möglich, denn das Motiv altes Leid“ kommt auch in anderen Texten zur Mordepisode vor.
‘Amr hatte nämlich vier Söhne, die nach der Ermordung ihres Vaters versuchten ihre Überlebenschancen sicherzustellen, indem sie die Flucht nach vorne antraten und sich zum Kalifen begaben:

  • Die Söhne ‘Amrs erschienen vor ‘Abd al-Malik nach der Wiederherstellung der Reichseinheit (djamā‘a). Sie waren zu viert. […] Als ‘Abd al-Malik sie sah, sagte er: „Ihr seid Männer aus einer noblen Familie, die ihr euch selbst immer für besser gehalten habt als alle eure Verwandten, wenn Gott euch das auch nicht vergönnt hat. Was zwischen eurem Vater und mir passiert ist, war nichts Neues: Es war ein altes Leid, das bereits in der vorislamischen Zeit (djāhiliya) tief in den Seelen eurer Väter und der unseren verwurzelt war.“
    Umaiya, der Älteste, konnte kein Wort herausbringen: Er war der Nobelste und Intelligenteste. Deshalb […] stand Sa‘īd, der Mittlere auf und sagte: „Fürst der Gläubigen, warum werfen Sie uns etwas aus der vorislamischen Zeit vor, wo doch Gott den Islam gebracht und das Alte niedergerissen hat […]? Was zwischen Ihnen und ‘Amr passiert ist: ‘Amr war Ihr Neffe und Sie wissen am besten was Sie getan haben. ‘Amr ist vor Gott erschienen, und Gott genügt als Abrechner.4 Bei meinem Leben, wenn Sie uns bestrafen für das, was geschehen ist, dann ist es für uns unter der Erde besser als darauf.“
    ‘Abd al-Malik war sehr gerührt und spürte eine große Milde für sie. Er sagte: „Euer Vater stellte mich vor die Wahl: ihn zu töten oder von ihm getötet zu werden, also zog ich es vor, ihn zu töten. Aber ihr—wie habe ich mich nach euch gesehnt, wie verwandt fühle ich mich mit euch—und natürlich habe ich ein Auge für eure Rechte!“ Er gab ihnen also große Zuwendungen, zeigte ihnen seine Gunst und behielt sie ganz in seiner Nähe.5

Mit dem Begriff „vorislamische Zeit“ (djāhilīya) verwies ‘Abd al-Malik auf eine weit zurückliegende Vergangenheit6—obwohl der Mord noch frisch in der Erinnerung haftete. Dass die Fehde alt und vererbt war, sollte offenbar als Entschuldigung dienen oder wenigstens zu Verständnis führen. ‘Amrs Sohn Sa‘īd reagierte geschickt und wies darauf hin, dass der Islam alles alte Leid aus der djāhilīya gelöscht hatte.
Das Verhalten ‘Abd al-Maliks den vier Söhnen seines Mordopfers gegenüber war typisch für ihn, als seine Macht gefestigt war: so wenige Menschen wie nur möglich sich zu Gegnern zu machen, vor allem nicht in Syrien und schon gar nicht aus der Sippe Umaiya—vielmehr die Menschen ganz in seiner Nähe zu behalten.

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Zur Ernüchterung: Es gibt auch kurze Überlieferungen, die zu ‘Amrs Ermordung etwas ganz anderes erzählen:

  • Es wird auch erzählt: Als ‘Abd al-Malik ‘Amr den Stoß gab, durch den dessen Zahn herausflog, fing ‘Amr an die verletzte Stelle zu reiben. ‘Abd al-Malik sagte zu ihm: „Ich sehe, dass du deinen Zahn so wichtig findest, dass du mir nie mehr gewogen sein kannst.“ Und er befahl ihn zu enthaupten.7

Und:

  • Es wird auch gesagt: Als ‘Abd al-Malik zum Gebet ging, beauftragte er seinen Sklaven Abū az-Zu‘ayzi‘a mit der Tötung ‘Amrs. Das tat der, und den Kopf warf er den Umstehenden und seinen Gefährten zu.8

Das waren normalere Manieren mit einem politischen Gegner abzurechnen. Aber mit solchen Berichten bekommt man kein spannendes Geschichtsbuch.

 

ANMERKUNGEN
1. aṭ-Ṭabarī, Ta’rīkh ii, 784.
2. aṭ-Ṭabarī, Ta’rīkh ii, 788–91.
3. aṭ-Ṭabarī, Ta’rīkh ii, 793–4.
4. Koran 4:6; 33:39.
5. aṭ-Ṭabarī, Ta’rīkh ii, 795.
6. Es sei denn, der Kalif meinte mit „vorislamischer Zeit“ die Periode vor der von ihm durchgeführten Wiederherstellung der Reichseinheit (djamā‘a). In dem Fall würde der Islam nicht mit dem Propheten Mohammed, sondern mit Kalif ‘Abd al-Malik anfangen—was nicht so abwegig ist, wie es sich anhört; vg. hier.
7. aṭ-Ṭabarī, Ta’rīkh ii, 789.
8. aṭ-Ṭabarī, Ta’rīkh ii, 791–2.

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Mohammeds Hidschra im Koran

Die Hidschra war die Migration des Propheten Mohammed von Mekka nach Medina. Das Datum der Hidschra, der 20. September 622 (oder auch ein anderes), wurde nicht mal zwanzig Jahre später zum Anfangspunkt der islamischen Jahreszählung gemacht. Das Ereignis wurde also als äußerst wichtig betrachtet.

Im Koran kommt das Verbalsubstantiv hidjra nicht vor. Des öfteren ist jedoch die Rede von Menschen, die ausgewandert sind (alladhīna hādjarū), oder kurz von Emigranten (muhādjirūn). Diese sind „zu Gott und seinem Gesandten“ ausgewandert, oder „auf dem Weg Gottes“. Letzteres bedeutet meist Krieg führen: Emigration geht dann mit dem Kampf für die gute Sache einher. Nur einmal deutet der Koran an, dass auch der Prophet ein muhādjir war, und das nur indirekt: In Vers 33:50 ist von weiblichen Verwandten die Rede, „die mit dir ausgewandert sind“.

Von den Emigranten wird im Koran einige Male gesagt, dass sie „aus ihren Wohnstätten vertrieben wurden“ (ukhridjū min diyārihim). An einigen Stellen wird das auch vom Propheten gesagt, z.B. in Koran 9:40; 47:13.  In 17:76 heißt es: „Und sie hätten dich beinahe aus dem Land verscheucht, um dich daraus zu vertreiben“ und in 9:13 dass sie vorhatten ihn zu vertreiben.

Von welcher Art war Mohammeds Emigration, was war ihr Grund? Der niederländische Orientalist Chr. Snouck Hurgronje bekämpfte 1886 die damals gängige Meinung, die Hidschra sei eine Flucht gewesen.1 Das Wort bedeutet ja nicht Flucht, sondern: „die Beziehungen abbrechen, sich lossagen, seine Stadt oder seinen Stamm verlassen um sich woanders niederzulassen, auswandern“. Snouck zufolge war sie Teil eines Plans, einer Strategie: „Die Hidschra wurde also von Mohammed, wegen seiner im Lauf der Zeit veränderten Auffassung von seiner Sendung, lange im Voraus sorgfältig geplant.“ So ist auch die gängige islamische Darstellung, die bereits bei ‘Urwa ibn al-Zubair zu lesen ist, obwohl bei ihm der Plan, die Strategie natürlich ein Heilsplan Gottes ist. Im großen Ganzen wird es bei den Orientalisten so beschrieben wie bei Snouck.1

Die allgemein bekannte Erzählung von der Hidschra steht nicht im Koran, sondern in den biografischen Texten über Mohammed (sīra) und in Hadithen, selbstverständlich in unterschiedlichen Fassungen; z.B. in zwei kurzen von ‘Urwa3 und in einer ausgearbeiteten Version von Ibn Ishāq.4 In groben Zügen läuft es so: Mohammed und seine Anhänger werden in Mekka gemobbt. Manche Gläubigen emigrieren deswegen nach Äthiopien, die meisten kommen nach einiger Zeit wieder. Versuche unter den Beduinen und in Tā’if Unterstützer zu finden verlaufen im Sande. Eine Gruppe Einwohner von Yathrib (Medina), die zum Jahrmarkt nach Mekka kommt, will sich aber doch auf Mohammed einlassen. Nach zwei Jahren der Verhandlungen und Vorbereitungen reisen erst die Gläubigen ab nach Medina und darauf Mohammed selbst.

Das im Koran verwendete Verb akhradja, „hinauswerfen, vertreiben, ausweisen“, bezeichnet tatsächlich nicht eine Flucht, aber auch keine souveräne Entscheidung abzureisen. In der biografischen Erzählung kommt das „Hinauswerfen“ gar nicht vor—oder nur einmal, aber verneint. Ibn Ishāq hat an seine Version eine Vergrößerung von Koran 8:30 hinzugefügt. In der Erzählung berät der Gemeinderat von Mekka über das, was mit Mohammed zu tun sei: soll man ihn töten, ihn rauswerfen oder ihn einsperren? In der Erzählung wird der Beschluss gefasst ihn eben nicht rauszuwerfen: dann würde er ja außerhalb Verbündete suchen. Nein, sie werden ihn in der Nacht in seinem eigenen Bett töten. Gott warnt Mohammed aber und dieser weiß … zu fliehen. Nach einer spannenden Verfolgungsjagd findet er mit Gottes Hilfe Zuflucht in einer Höhle und erreicht von dort aus Medina. Also doch eine Flucht—aber nur in einer Ergänzung der Hidschra-Erzählung.

Offensichtlich vermieden es die Biografen aus Feingefühl, das koranische Motiv des „Hinauswerfens“ mit Mohammeds Hidschra in Verbindung zu bringen, da diese ihnen zufolge nicht von einer erniedrigenden Initiative der Heiden ausgelöst wurde, sondern auf einem Heilsplan Gottes beruhte und aus selbständigem Handeln seines Propheten heraus erfolgte. Das hört sich erheblich positiver an. Inzwischen habe ich den Eindruck, dass auch in modernen Betrachtungen ignoriert wird, dass die Hidschra de facto ein Rauswurf war – oder zumindest ganz wie einer aussah.

ANMERKUNGEN
1. In seinem Twee populaire dwalingen verbeterd, Nachdruck in Chr. Snouck Hurgronje, Verspreide geschriften, 6 Bde., Bonn/Leiden 1923–27, i, 295–305. (online hier oder hier).
2. Ein bequemer Überblick steht bei W. Montgomery Watt, Muhammad at Mecca, Oxford 1953, 141–51.
3. In ‘Urwas Brief an Kalif ‘Abd al-Malik (al-Tabarī, Ta’rīkh  i, 1180–1, 1224–5, 1234ff) und in seiner Erzählung bei ‘Abd ar-Razzāq as-San‘ā’ī, Musannaf STELLE@. S. weiter A. Görke und G. Schoeler, Die ältesten Berichte über das Leben Muḥammads. Das Korpus ‘Urwa ibn az-Zubair, Princeton 2008, 39ff.
4. Ibn Ishāq: Das Leben Muhammed’s nach Muhammed Ibn Ishâk bearbeitet von Abd el-Malik Ibn Hischâm, Hrsg. F. Wüstenfeld, Göttingen 1858–60, 217–223.

Diakritische Zeichen: hiǧra, allaḏīna hāǧarū, muhāǧirūn, uḫriǧū, ʿUrwa, Ibn Isḥāq, Ṭāʾif, aḫraǧa, al-Ṭabarī, Taʾrīḥ, ʿAbd ar-Razzāq aṣ-Ṣanʿāʾī, Muṣannaf

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Das Kalifat, historischer Überblick

Arab khalīfa, Pl. khulafā’ = „Stellvertreter” oder „Nachfolger“. „Stellvertreter Gottes auf Erden“ nämlich: khalīfat allāh. Manchmal auch genannt: „Stellvertreter/Nachfolger des Propheten“: khalīfat rasūl allāh.
Der Kalif ist idealerweise das Staatsoberhaupt des islamischen Einheitsstaates.
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Trotz des Einheitsideals haben oft islamische Staaten nebeneinander existiert, wie auch unterschiedliche Kalifen. In der Neuzeit sind islamische Staaten rar geworden. Einige Kalifate waren:

  • Die ersten vier gewählten Kalifen      632–661         Medina (Kūfa)
    Umayyaden                                            661–750         Damaskus
    Abbasiden                                              750–1258       Bagdad
    Umayyadenkalifat in Spanien            756–1031       Córdoba
    Fāṭimiden (schiitisch)                           909–1171        Mahdīya, Kairo

Die Nachfolge Mohammeds war von Anfang an ein heißes Eisen. Der Konflikt zwischen Sunniten und Schiiten geht zurück auf einen Meinungsunterschied über die Nachfolge.
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Söhne des Propheten
Hätte Mohammed einen Sohn gehabt, so hätte dieser seine Nachfolge angetreten. Die Überlieferung erwähnt drei Söhne des Propheten: Qāsim, ‘Abdallāh und Ibrāhīm, die alle sehr jung gestorben sein sollen. Über Ibrāhīm heißt es in einem Hadith: „[Ibrāhīm] starb als kleines Kind. Hätte Gott bestimmt, dass es einen Propheten nach Mohammed geben sollte, so wäre sein Sohn am Leben geblieben. Aber es gibt keinen Propheten nach ihm.“ 1 Interessanter für den Ursprungsmythos war Zaid [ibn Hāritha], den Mohammed bereits bevor er Prophet wurde adoptiert hatte. Später wurde mittels eines Koranverses die Adoption rückgängig gemacht, aber immerhin war Zaid fünfzehn, wenn nicht zwanzig Jahre Sohn und Erbe des Propheten gewesen. Zum Glück soll er vor dem Propheten verstorben sein, denn, so der Korankommentar des Muqātil: „Wäre Zaid Mohammeds Sohn [geblieben], so wäre er ein Prophet gewesen.“ 2
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Wessen Stellvertreter/Nachfolger?
Die Kalifen ließen sich durch die Jahrhunderte khalīfat Allāh, „Stellvertreter Gottes“ nennen, oder nā’ib allāh fī al-ard, „Stellvertreter Gottes auf Erden“ oder zill allāh fī al-ard, „Schatten Gottes auf Erden“ usw. Die Idee, dass sie nur weltliche Macht hatten, während die geistliche Macht anfangs in den Händen der Prophetengefährten und später der ‘ulamā’ , den Schriftgelehrten, lag, ist eine fromme, aber nicht uneigennützige Fantasie der Letzteren. Die ‘ulamā’ sind auch diejenigen, die sich ausgedacht haben, dass die ersten Kalifen sich als khalīfat rasūl allāh, „Stellvertreter des Propheten“ und ihre Nachfolger als khalīfat khalīfat rasūl allāh, „Stellvertreter des Stellvertreters des Propheten“ betitelt hätten, usw. Sehr unwahrscheinlich.
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Hat Mohammed einen Nachfolger bestimmt?
Der Prophet hat nach Auffassung der Sunniten niemanden als Nachfolger bestimmt. Nach Auffassung der Schiiten setzte er nach seiner Abschiedspilgerfahrt bei Ghadīr Khumm seinen Vetter und Schwiegersohn ‘Alī ibn abī Tālib ein, mit den Worten: „Derjenige, dessen maulā ich bin, dessen maulā ist ‘Alī.“ Lästig ist, dass nicht ganz klar ist, was maulā hier bedeuten soll. Etwas wie „Patron“?
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Nachfolger als was?
Meist sagt man: Mohammed konnte als Prophet keinen Nachfolger bekommen, nur als Staatsoberhaupt.
– Warum nicht auch als Prophet? Die Prophetie war doch immer in der Familie gewesen? In Koran 29:27 wird von Ibrāhīm gesagt:

  • „Wir schenkten ihm den Ishāq und Ya‘qūb und machten in seiner Nachkommenschaft die Prophetie und die Schrift [heimisch].“

In K 57:26 wird Noah mit einbezogen:

  • „Wir haben doch Nūh und Ibrāhīm gesandt und in ihrer Nachkommenschaft die Prophetie und die Schrift [heimisch] gemacht.“

– Die real existierenden Kalifen hätten bis ca. 850 nicht im entferntesten daran gedacht, sich ausschließlich als weltliche Herrscher aufzufassen. Ein Kalif war Stellvertreter Gottes auf Erden, höchster Richter, höchster Koraninterpret, seine sunna musste befolgt werden. Über ihn sangen die Dichter, dass er die Ernte gelingen ließ, für Regen sorgte, Recht und Gerechtigkeit etablierte — alles in der besten altorientalischen Tradition des Gottkönigs.
– Die späteren ‘ulamā’ machten einen Unterschied zwischen geistlicher und weltlicher Macht. Die Erben der geistlichen Autorität des Propheten waren seine Gefährten (ashāb), ihre Nachfolger und deren Nachfolger; und später — Sie erraten es schon — die ‘ulamā’. Die weltliche Macht überließen sie den Kalifen. Dass es im Islam keine Trennung zwischen geistlicher und weltlicher Macht gäbe, ist nicht richtig. Die Losung Der Islam ist Religion und Staat“ (al-islām dīn wa-daula) gerade mal hundert Jahre alt.
– Die Schiiten betrachteten das Kalifat oder das Imamat, wie sie es lieber nennen, immer als Gemisch aus weltlicher und geistlicher Macht.
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Die „rechtgeleiteten Kalifen“
Nach Mohammeds Tod haben erst vier gewählte Kalifen regiert, die von den Sunniten die „rechtgeleiteten Kalifen“ (al-khulafā’ al-rāshidūn) genannt werden. Ihre Hauptstadt soll Medina gewesen sein.

  • Abū Bakr as-siddīq 632–634
    ‘Umar ibn al­-Khattāb 634–644
    ‘Uthmān ibn ʿAffān 644–656
    ‘Alī ibn abī Tālib 656–661

Traditionelle sunnitische Auffassung: Abū Bakr, ‘Umar, ‘Uthmān und ‘Alī waren die ersten vier Nachfolger des Propheten. Sie hatten als Hauptstadt Medina, wenn ‘Alī auch in Kūfa residierte. Diese Periode sei die Blütezeit des Islams gewesen, so meint man; besser sei nur die Periode des Propheten selbst gewesen. Die Kalifen führten den idealen Islamstaat fromm und volksnah. Die Muslime konnten ihre sunna befolgen im Fall, dass der Prophet über ein gewisses Thema keine hinterlassen hatte. Sie konnten sich auch für nähere Verhaltensregeln an die Kalifen wenden, wenn der Prophet nicht alle Einzelheiten geklärt hatte.
– Für die Schiiten gab es nur einen rechtgeleiteten Kalifen: ‘Alī. Die anderen drei seien Usurpatoren gewesen, von ihnen wurde — und wird —abwertend gesprochen.
– Die traditionelle Orientalistik behielt das sunnitische Grundgerüst bei, vermochte aber das Paradiesische dieser Zeit nicht so recht einzusehen, weil drei von den vier „rechtgeleiteten Kalifen“ ermordet wurden und sich in dieser Periode auch der erste Bürgerkrieg des Islams abgespielt hat.
– Moderne Wissenschaftler sind immer öfter der Meinung, über die ganze frühe Periode lasse sich bei dem jetzigen Stand der Quellen nicht richtig Geschichte schreiben. Oft werden sogar die Jahreszahlen angezweifelt.
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Frühe Auffassungen über die Nachfolge
Nach dem Tod des Propheten gab es Gruppierungen, die je eigene Ideen zur Nachfolge und zur Macht hatten:
– Die frühislamische Elite: Die ersten Konvertiten, die frühesten Anhänger der neuen Bewegung mit großen Verdiensten für diese. Sie wünschten immer in eigenem Kreis zu bestimmen, wer nachfolgen sollte (shūrā). Aus dieser Gruppe waren wie von selbst die ersten vier Kalifen hervorgegangen, aber auch danach gab sie noch nicht gleich auf; das geschah erst nach ihrem Gegenkalifat (680–92) von Mekka.
– Die vorislamische Elite: die Sippe Umayya des Stammes ‘Abd Shams. Anfangs waren sie Gegner Mohammeds gewesen; sie schlossen sich ihm erst kurz vor seinem Tod an. Als sie als Umayyadendynastie die Macht übernommen hatten, praktizierten sie die Erbfolge innerhalb ihrer eigenen Sippe.
– ‘Alī und seine Partei, die Schiiten (shī‘a). Nach ihrer Meinung war ‘Alī vom Propheten als Nachfolger eingesetzt worden. Sie befürworteten die Erbfolge innerhalb der Familie des Propheten.
– Die Kharidjiten waren gegen Erbfolge und Klüngelei in Elitegrüppchen, sie wollten immer wieder feststellen, wer aus moralischer Sicht der beste Kandidat war. Der Kalif konnte abgesetzt werden, falls er enttäuschte.
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Die Umayyaden (661–750)
umayyadenkalief‘Alī hatte in stetem Konflikt mit Mu‘āwiya gelegen, der seit 642 de facto Herrscher in Syrien war. Nach ‘Alīs Tod übernahm sein Gegner im Jahr 661 das Kalifat. Mu‘āwiya gehörte zur Sippe Umayya, also zu der vorislamischen Elite, der auch Kalif ‘Uthmān (644–56) wie auch dessen Statthalter in den Provinzen schon angehört hatten. Die Sippe war es gewohnt, Macht auszuüben. Die Kalifen hatten absolute Macht, ihre sunna musste befolgt werden und die Nachfolge wurde durch Vererbung innerhalb der Sippe geregelt. Ihr Styling war das der persischen Herrscher, obwohl—oder vielleicht gerade weil— ihre Machtbasis Syrien eine oströmische Provinz gewesen war.
Unter dieser Dynastie wurde viel zustande gebracht:
– Eroberungen: Nordafrika, Spanien, Zentralasien.
– Konsolidierung der Macht in bereits besetzten Gebieten.
– Integration der Ostprovinzen des Römerreiches und des Persischen Reichs. Durch den Frieden und die verschwundene Grenze wurde jetzt viel Energie für den Wiederaufbau frei.
– Aufbau und Arabisierung der Verwaltung; ab 700 Siegeszug der arabischen Sprache.
– Herausgabe und Verbreitung des Koran; Entwicklung eines Rechtssystems (nein, noch nicht die Scharia).
– Aufbau einer (einer!) islamischen Identität. Als Symbol galt anfangs der achteckige Felsendom in Jerusalem, errichtet vom Kalifen ‘Abd al-Malik (691), gemeint als Zeichen der Abgrenzung von den Christen.
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Die Umayyaden fanden sich konfrontiert mit den drei bereits genannten Gruppen:
– die frühislamische Elite, die nach der Vernichtung des Gegenkalifats 692 ausstarb.
– die Shia, die man klein zu halten wusste.
– die Kharidjiten, die zu einem bedrohlichen Feind wurden.
Ab ca. 700 kamen noch zwei Faktionen dazu:
– Die „Leute der Sunna und der Gemeinde“ (ahl as-sunna wa ’l-djamā‘a), die an die Stelle der Sunna der Umayyadenkalifen die des Propheten Mohammeds stellen wollten, der die Kalifen sich zu unterwerfen hätten. Aus dieser immer mächtiger werdenden Oppositionsgruppe sollten später die Schriftgelehrten (‘ulamā’) hervorgehen.
– Die Abbasiden, die mittels eines perfiden Propagandakriegs und in Verbund mit den Schiiten und den ‘ulamā’ allmählich an der Machtübernahme arbeiteten: die Abbasidische Revolution.
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In der traditionell-islamischen Auffassung haben die Umayyaden einen ganz schlechten Ruf, und zwar aus religiösen Gründen. Nach der Blütezeit unter den Rechtgeleiteten Kalifen, so heißt es da, wurde der junge Islam von diesen Bösewichten gleichsam gekapert. Sie regierten selbstherrlich, wie Könige statt Kalifen. Sie machten die Herrschaft erblich, aber die Abstammung vom Propheten bedeutete ihnen nichts. Mu‘āwiya setzte seinen eigenen Sohn Yazīd als Nachfolger ein, und so ging es weiter. Sie griffen Mekka und Medina an und schossen die Ka‘ba in Brand; sie verwehrten Bekehrungswilligen zum Islam überzutreten; sie lebten gottlos, tranken Wein, feierten Orgien, hatten Bilder, sie waren tyrannisch und beuteten ihre Untertanen aus.
Kurzum, sie hielten sich nicht an die Sunna des Propheten, so meinte die Opposition — wenn auch um 710 noch niemand hätte sagen können, was das genau wäre. In schiitischen Augen waren sie noch schlimmer: Mu‘āwiya hatte ja ‘Alī bekämpft und dessen Sohn Husain ermordet!
Die Hälfte dieser vielen Vorwürfe mag zu Recht erhoben worden sein, aber Regierungen ohne Tyrannei gab es in der Antike nie, weder vor noch nach den Umayyaden. Die schlechte Presse haben die Umayyaden bekommen, weil die Texte über sie von einer Klasse verwaltet wurden, die ihnen feindselig gesonnen war: die oppositionellen ‘ulamā’. Mit etwas Mühe sind noch Texte auffindbar, die ein anderes Bild zeigen. Das der umayyadische Islamentwurf von dem späteren der ‘ulamā’ abwich, kann man ihnen schlecht übel nehmen.
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Die Abbasiden (750–1258(–1517))
– Die Abbasiden ließen ihre Verbündeten, die Schiiten und die ‘ulamā’, sofort nach der Machtergreifung fallen.
– Auch sie regierten anfangs als absolute Herrscher in ihrer neuen, durchaus kaiserlich anmutenden Hauptstadt Bagdad.
– Ab ca. 850 wurden sie durch die ‘ulamā’ in ihrer Macht beschränkt. Unter den Abbasiden wuchs deren Einfluss so sehr, dass die Kalifen fortan nicht mehr autokratisch regieren konnten. Sie mussten sich der Scharia, die ab 800 Gestalt anzunehmen begann, unterwerfen.
– Die Glanzperiode der Abbasidenkalifen war 945 vorbei, als schiitische Militärführer der Būyiden die eigentliche Macht in die Hände nahmen und der Kalif mitsamt seinem Hof nur noch eine zeremonielle Rolle spielen durfte. Nach hundert Jahren wurden die Schiiten wieder entmachtet, aber zu ihrer früheren Größe fanden die Kalifen nie mehr zurück. Fortan lag die wirkliche Macht bei Großwesiren (Staatsministern), Sultanen oder Generälen.
– Als 1258 die Mongolen Bagdad stürmten, wichen die Abbasidenkalifen nach Kairo aus, wo sie unter den Mamlukenherrschern, die eine Legitimation brauchten, noch fast drei Jahrhunderte eine rein zeremonielle Funktion ausübten—aber offiziell noch immer als Stellvertreter Gottes auf Erden (nāʾib Allāh fī ardihi).
– Mit der türkischen Besetzung Ägyptens im Jahr 1517 endete das Abbasidenkalifat endgültig.
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Die Osmanen. Europäischer Einfluss. Das Ende (1517–1924)
Als die Türken 1517 Ägypten eroberten, schafften sie das Abbasidenkalifat ab und überführten al-Mutawakkil III, den letzten Kalifen, nach İstanbul, wo er aber keine Aufgabe bekam. Er lebte noch sechsundzwanzig Jahre, wohl im Genuss einer Rente.
Der Kalifentitel war schon davor von türkischen Sultanen angenommen worden, wie genau ist nicht bekannt, aber er war nicht mehr als einer von vielen Titeln. Das änderte sich im 18. Jahrhundert. Die Europäer meinten oft, dass der Sultan-Kalif eine Art Papst sei, mit geistlicher Autorität über alle Muslime der Welt. Dem war nicht so, aber die Sultane ließen es sich gerne gefallen und ließen sich ab 1774 öffentlich Kalif nennen. Das hatte einen Anlass: Beim Frieden von Küçük Kaynarca verlor das Osmanenreich u.a. die Krim an Russland; als Kalif konnte der Sultan doch noch Einfluss auf die dort ansässigen Krimtartaren ausüben. Die apokryphe Erzählung, dass der letzte Kalif al-Mutawakkil seinen Titel dem türkischen Sultan Selīm I. übertragen hätte, wurde kurze Zeit später in Umlauf gebracht.5 So wurde der Sultan-Kalif als geistiges Oberhaupt aufgebaut. Im 19. Jahrhundert wohnten viele Muslime in von Kolonialmächten besetzten Gebieten und eine geistliche Stütze in İstanbul tat ihnen gut, während der Sultan so seinen diplomatischen Einfluss vergrößern konnte. In der Osmanischen Verfassung von 1876 heißt es: „Der Sultan, in seiner Eigenschaft als Kalif, ist der Beschützer der islamischen Religion.“ Er war nicht der Einzige, der Gläubige im Ausland schützte: Der russische Zar sah sich als Beschützer der orthodoxen Christen im Nahen Osten; Frankreich kümmerte sich um die dortigen Katholiken usw. Das Osmanenreich hatte kaum eine Kriegsmarine, deshalb wurde aus dem Beschützen nicht viel.
Atatürk schaffte im Rahmen seiner Modernisierung der Türkei 1922 erst das Sultanat ab, zwei Jahre später auch das völlig ausgehöhlte Kalifat.
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Versuche zur Neubelebung des Kalifats (1924–2014)
Die Abschaffung des Kalifats verursachte in vielen islamischen Ländern einen Sturm der Entrüstung, z.B. in Indien, aber auch in Ägypten, obwohl das Land sich politisch längst von der Türkei losgesagt hatte. Versuche das Kalifat wiederzubeleben, waren eher schäbig. Husain ibn ‘Alī, Scherif von Mekka und König des Hidschas, der sich 1924 sofort zum Kalifen ausrief, wurde von den Saudis besiegt und zum Abdanken gezwungen. Später wäre der ägyptische Köning Fārūq (reg. 1936–1952) gerne Kalif geworden, aber auch er wurde abgesetzt. 1984 ernannte sich an-Numairī im Sudan zum „Kalif Gottes auf Erden“; der Tālibān-Molla in Afghanistan Muhammad ‘Umar (reg. 1996–2001) ließ sich mit einem alten Kalifentitel „Fürst der Gläubigen“ nennen, und sogar Deutschland hatte seinen Kalifen: „Kaplan, der Kalif von Köln“. 2004 wurde er wegen Anstiftung zum Mord an einem „Gegenkalif“  in die Türkei abgeschoben, wo er zu lebenslanger Haft verurteilt wurde. Der neueste Kalif heißt Abū Bakr al-Baghdādī und hat sich 2014 im Irak und in Syrien als Oberhaupt des sog. „Islamischen Staates“ breit gemacht. Weil ein Kalif nach traditionell-sunnitischer Vorstellung immer ein Araber aus dem Stamm Quraisch, dem Stamm des Propheten, sein muss, hat er seinen Stammbaum schon revidiert: Er nennt sich jetzt u.a. al-Husainī al-Qurashī.
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Die Befürchtung der Islamhasserin Bat Ye’or und ihrer Gefolgschaft, dass demnächst in Europa ein Kalifat entstünde, ist unsinnig und verdient keine Aufmerksamkeit.

 

ANMERKUNGEN
1. Ibn Mādja, Djanā’iz 27
2. Muqātil ibn Sulaimān, Tafsīr, hrsg. A.M. Shihāta, 5 Bde., Kairo 1979,  iii, 498–9, zu Koran 33:40.
3.
4.
5. Lange Zeit galt d’Ohssons Tableau den Europäern als wichtige Auskunftsquelle über das Osmanische Reich. Offensichtlich hat dieser Autor Missverständnisse zum Kalifat in Europa verbreitet. Khalīfa und imām übersetzte er konsequent mit pontife, also ‘Hohepriester, Papst’; der Kalifenthron heißt bei ihm siège pontifical. Aber darin dürfte er nicht der Erste gewesen sein. Die Erzählung von der Übertragung des Kalifats (o.c. i, 269–70) stammt aber sicher von ihm.

BIBLIOGRAFIE    NOCH NICHT FERTIG@
– Arnold@@
– P. Crone und M. Hinds, God’s Caliph. Religious Authority in the First Centuries of Islam, Cambridge 1986.
– Ibn ‘Abd Rabbihī, al-‘Iqd al-farīd @@@
– [Ibn Ishaq, Sīra] in: Das Leben Muhammed’s nach Muhammed Ibn Ishâk bearbeitet von Abd el-Malik Ibn Hischâm, […] Hg. F. Wüstenfeld, 3 dln., Göttingen 1858–60. In englischer Übersetzung: A. Guilaume, The Life of Muhammad, A Translation of Isḥāq’s (so!) Sīrat Rasūl Allāh, Oxford 1955.
– G. Lecomte, „Sakīfa“ in EI2.
– M. Lecker, “Siffīn” in EI2.
– Muqātil ibn Sulaymān, Tafsīr, 5 Bde., Hg. A.M. Shiḥāṭa, Kairo 1979.
– Ignatius Mouradgea d’Ohsson, Tableau Général de l’Empire Othoman, 7 Bde., Paris 1788-1824.

Diakritische Zeichen: ḫalīfa, ḫulafāʾ, Ḥāritha, ẓill allāh fī al-arḍ, Ġadīr Ḫumm, ʿĀlī ibn abī Ṭālib, šūrā, šīʿa, aṣḥāb, Isḥāq, Yaʿqūb, Nūḥ, aṣ-siddīq, ʿUmar ibn al­-Ḫaṭṭāb, ʿUṯmān, Ḥusayn, Ibn Māǧa, Ǧanā’iz, Djanā’iz, Ibn Isḥaq    Saḳīfa, Ṣiffīn, Shihāta

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Das Schwert des Islams

Kennen Sie die Vorstellung, dass Mohammed und nach ihm die Muslime den Islam „mit dem Schwert in der einen Hand und dem Koran in der anderen” verbreitet hätten? Sie geht zurück auf den britischen Historiker Edward Gibbon, der 1781 schrieb:1

  • […], mit dem Schwert in der einen Hand und dem Koran in der anderen errichtete Mohammed seinen Thron auf den Ruinen des Christentums und Roms.

Hier muss man das Schwert und das Buch nicht wörtlich nehmen, genau so wenig wie die Ruinen: Es handelt sich um eine bildliche Darstellung. Aber etwas weiter im selben Kapitel ließ Gibbon sich bei seiner Beschreibung des Martyriums von Alīs Sohn Husain bei Kerbela wohl von seiner eigenen Bildersprache mitreissen:

  • Am Morgen des Schicksalstags stieg er auf sein Pferd, mit dem Schwert in der einen Hand und dem Koran in der anderen […]

Dieser Satz liest sich, als habe Husain sich an seinem Todestag wirklich mit diesen Attributen in den Sattel geschwungen. Anzunehmen ist aber, dass er nur sein Schwert bei sich trug. Den Koran als Taschenbuch gab es noch nicht.
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dOhssonOffensichtlich besaß auch D’Ohsson ein Exemplar von Gibbons Werk. Der Armenier war Dolmetscher des schwedischen Botschafters im Osmanenreich gewesen und wohnte lange in Paris. Sein Buch über das Reich2 hat in Europa viel Kenntnis und Unkenntnis über die Türkei und den Islam verbreitet. Und siehe da: Auf der Titelseite seines Werks hat er Gibbons Vorstellung wörtlich genommen. Man erkennt dann gleich, wie unsinnig die ist: Der Koran existierte noch gar nicht als Buch —und überdies: Welcher Muslim würde ihn in die linke Hand nehmen? Abgesehen davon, dass es wohl eher lästig wäre, so zu kämpfen. Hinter dem Propheten stehen denn auch Herren mit Turbanen, die die Tätigkeiten unter sich aufgeteilt haben: Die eine Hälfte beschäftigt sich mit der Schrift, die andere fuchtelt wenig überzeugend mit Schwertern herum. Links ist die Ka‘ba zu sehen, auf dem Dach die Götzenbilder, die es zu zerstören galt. Laut Überlieferung befanden sich diese Statuen in der Ka‘ba, aber das macht sich auf einer Abbildung nicht so gut.
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MahomethSchon erheblich früher hatte der niederländische Graphiker Romeyn de Hooghe (1645–1708) Mohammed auf einem Kupferstich dargestellt — mit einem Schwert in der rechten Hand und einem Schreibstift in der linken.3 Der Künstler drückte ihm diese Attribute in die Hand, genau so, wie man es von Abbildungen christlicher Evangelisten, von Aposteln und Heiligen gewohnt war — wenngleich diesen die Dynamik der Mohammed-Darstellungen fehlt. Konkret bezog de Hooghe sich wohl auf den Stift, der im Koranvers 96:4 erwähnt wird. Vielleicht schwang auch die Vorstellung mit, dass Mohammed den Koran selbst geschrieben habe, wie man früher in Europa glaubte. Im Laufe des 18. Jahrhunderts hat sich der Stift dann zu einem Buch weiterentwickelt. 
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Bei einer bloß oberflächlichen Suche habe ich noch etwa zehn westliche Abbildungen des Propheten gefunden, zwei davon nur mit Schwert und eine mit Schwert und Buch. Allzu unentbehrlich scheint das Attribut doch nicht gewesen zu sein.
Jemand hat mich darauf hingewiesen, dass sowohl Gibbon als auch d’Ohsson Freimaurer waren. Könnte es sein, dass es eine freimaurerische Tradition war, Mohammed mit besagten Attributen abzubilden? Das ist auf die Schnelle schwer zu sagen.4

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RegnaultExécutionWie dem auch sei: Ganz unabhängig vom Propheten hat das Schwert des Islams seit Jahrhunderten eine Rolle in europäischen Vorstellungen gespielt. Europa hatte ja insgesamt eine negative Vorstellung von der islamischen Welt, obwohl man dort immer gerne die schönen Textilien und köstlichen Gewürze kaufte. Es gab die Erinnerung an die reale militärische Bedrohung durch die Araber im frühen Mittelalter und durch das starke Osmanenreich bis etwa 1700. Im 18. Jahrhundert war die Bedrohung gewichen und das Orientbild wurde positiver. Die orientalischen Herrscher konnten ja sogar den absolutistischen Fürsten Europas als Beispiel für Toleranz und Aufklärung entgegengehalten werden (Lessing). Im 19. Jahrhundert, als die Kolonialmächte sich die Welt untertan machten, verschlechterte das Bild sich wieder. Edward Said hat 1978 in seinem epochemachenden Buch Orientalism gezeigt, dass die europäischen Vorstellungen sogar mit Absicht verzerrt wurden um das Herrschen zu erleichtern. Der Orient sollte schön exotisch, aber auch rückständig und antiquiert sein und dazu noch unvorstellbar grausam. Orientalische Despoten mussten nur mit den Fingern schnippen und schon wurde jemand standrechtlich geköpft, natürlich malerisch mit einem Schwert, wie auf dem Gemälde Regnaults.5 Der so kreierte Orient bescherte dem Betrachter ständig ein wohliges Schaudern: Angstlust. Bilder von Arabern, die mit Schwertern um sich schlagen, sind in dem europäischen Gedächtnis wie eingebrannt.
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Natürlich verwendeten die alten Araber und die frühen Muslime tatsächlich Schwerter; das waren damals überall gängige Waffen. Aber später stiegen sie auf modernere Hinrichtungsmethoden um, wie alle anderen auch. Im Osmanenreich, das ja auch Syrien und den Irak umfasste, hat man seit Mitte des 19. Jahrhunderts nur noch durch Erhängen hingerichtet.6 Die Todesstrafe mittels Enthäuptung ist in der hanafitischen Rechtsschule auch gar nicht vorgesehen. Die Rechtsbücher der Hanbaliten dagegen, denen sowohl die Saudis wie die irakisch-syrische Terrorgruppe „Islamischer Staat“ folgen, schreiben das Schwert vor. In Saudi-Arabien wird in der Tat mit dem Schwert hingerichtet, aber seit wann? Der Staat existiert ohnehin erst seit 1932. Es gibt im Königreich nur wenige gute Scharfrichter, weshalb man dort das Erschießen bevorzugt.
Wahrscheinlich hat man sowohl in Saudi-Arabien wie auch im „Islamischen Staat“ irgendwelche Prophetenüberlieferungen neu beleben wollen, was einer re-invented tradition gleichkommt. Solchen Hadithen zufolge hat der Kalif Umar (reg. 634–44) dem Propheten mehrmals vorgeschlagen jemandem den Kopf abzuschlagen. Zu der Zeit war das noch nicht exotisch.

reelbadarabsIch vermute aber, dass der IS mit seinen Schwertern — mehr noch als auf Hadithe — auf die orientalistische Bildertradition im „Westen“ Bezug nimmt und sie medial ausnutzt. IS-Kämpfer lassen sich gerne mit Schwertern ablichten. Vielleicht werden die auch bei Hinrichtungen benutzt, obwohl das Bildmaterial oft irgendwie unecht wirkt. Ich habe mir die Filme dieser Hinrichtungen nicht so genau angesehen, und schon gar kein zweites Mal. Vielleicht habe ich hier oder da ein Schwert erkannt, wo nur ein Fleischermesser war. Das bewiese dann, dass auch ich darauf progammiert bin, Muslime mit Schwertern zu sehen. Welcher von den Terroristen hat wirklich jemanden mit einem Schwertschlag geköpft? Köpfen will gelernt sein und man braucht dazu viel Körperkraft. Es verlangt äußerste Konzentration, bis es bei laufender Kamera mit einem Mal gelingt.

So oder so, der IS will die jahrhundertealte Bildkraft des Schwertes nutzen; man weiß dort sehr wohl, dass Muslime mit Schwertern uns seit Jahrhunderten gruseln lassen. Es ist ein weiteres Beispiel dafür, wie Muslime sich selbst nach Vorbildern inszenieren, die von „orientalistischen“ Europäern stammen. Der „Westen“ bekommt damit genau die Muslime, die er sich vorstellt. Natürlich ist das Schwert nur ein Aspekt dieses Stylings. Mit dem finsteren Mittelalter hat das Ganze auf jeden Fall nicht so viel zu tun.

Vielleicht sollte jemand einmal der Frage nachgehen, warum archaische Tötungsweisen wie Köpfen oder Steinigen bei uns Entsetzen und Fassungslosigkeit auslösen, während das Morden mit Maschinengewehren und Drohnen als alltäglich hingenommen wird.

 

ANMERKUNGEN
1. Edward Gibbon, The Decline And Fall Of The Roman Empire, Bd. 3, London 1781, Kap. 50: […] „Mahomet, with the sword in one hand and the Koran in the other, erected his throne on the ruins of Christianity and of Rome,“ und „On the morning of the fatal day, he mounted on horseback, with his sword in one hand and the Koran in the other… .“
2. Ignatius Mouradgea d’Ohsson, Tableau Général de l’Empire Othoman, 7 Bde., Paris 1788-1824.
3. In Gottfried (Godfried) Arnold, Historie der kerken en ketteren van den beginne des Nieuwen Testaments tot aan het jaar onses Heeren 1688, Bd.1, Amsterdam 1701, S. 469. Ich danke dem niederländischen Historiker Martin Hillenga für den Hinweis. Eine hochauflösende Reproduktion steht hier.
4. De Hooghe kann noch kein Freimaurer gewesen sein, da die erste Loge in den Niederlanden erst 1734 eröffnet wurde.
5. So auch wieder in Sacha Baron Cohens Film The Dictator (2012).
6. Adolf Heidborn, Manuel de droit public et administratif de l’Empire Ottoman, 2 Bde., Wien 1909–1912, i, 370.

Diakritische Zeichen: Ḥusain ibn ʿAlī, Karbalāʾ, ʿUmar

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Das Kalifat in Medina, oder: das erste Arabische Reich, 622–661

Die Standarderzählung zum ersten arabischen Staat ist allgemein bekannt. Im Jahr 622 verließ der Prophet Mohammed seine Heimatstadt Mekka und wanderte nach Medina aus, wo er einen Staat gründete. Nach seinem Tod behielten drei seiner Nachfolger, gemeinhin bekannt als die „Rechtgeleiteten Kalifen“, Medina als Hauptstadt bei, das sie als Basis für immense Eroberungen benutzten. Der vierte Kalif, ‘Alī, regierte de facto von Kūfa (im Irak) aus. Nach seinem Tod im Jahr 661 verschob sich der Schwerpunkt nach Damaskus in Syrien, wo der Umayyade Mu‘āwiya, der bereits seit 642 als Statthalter regiert hatte, jetzt Kalif wurde.
Dieser sehr kurze Überblick scheint sowohl für Muslime wie auch für traditionelle Orientalisten im Westen akzeptabel zu sein. Aber ist diese Darstellung heutzutage wirklich noch vertretbar? Ich möchte mich hier nicht mit der Frage beschäftigen, ob dieses Reich *islamisch genannt werden kann oder noch nicht, sondern vielmehr mit der, ob Medina, eine Oase tief im Inneren der Arabischen Halbinsel, wirklich die Hauptstadt eines zentralistischen und sich schnell erweiternden Weltreichs sein konnte. Es hatte in der Gegend aus verständlichen geographischen Gründen noch nie einen unabhängigen Staat gegeben — und das sollte von 632 bis 661 auf einmal der Fall gewesen sein?

Im Jemen (Arabia Felix) hatte es schon seit zweitausend Jahren Staaten gegeben. Dieser Teil der Halbinsel hat ein relativ feuchtes Klima, sodass eine geregelte Landwirtschaft möglich ist. Bewässerung und Terrassenfeldbau verlangen eine zentrale Organisation, ein Staatswesen.

In Nordarabien (Arabia Petraea) hatte es über längere oder kürzere Perioden Staaten gegeben. Ich nenne nur Thamūd (ca. 715 vChr–600 nChr), den Nabatäerstaat (110 vChr–106 nChr) und die kurze Machtentfaltung der Königin Zenobia in Palmyra (268–272). Danach hatte es zwei arabische Dynastien in Vasallenstaaten gegeben: die Ghassāniden (500–630), Vasallen des Oströmischen Reichs, und die Lakhmiden (266–602), Vasallen Persiens. Beide Großreiche wurden regelmäßig von nomadischen Räuberbanden heimgesucht. Weder Ostrom noch Persien hatte diese Kamelnomaden erfolgreich bekämpfen können, weil sie sich schnell mit ihrer Beute in die Wüste zurückziehen konnten, in die geregelte Heere mit Pferden und Wagen nicht vordringen konnten. Deshalb hatten jene beiden Großreiche sich lieber mit den Beduinen angefreundet. Sie ernannten ein Stammesoberhaupt zum König, der bekam eine Krone, einen Königsmantel und einen Palast und darüber hinaus das Geld um seine Soldaten zu bezahlen, die im Gegenzug nicht länger ihre Wohltäter ausplünderten. Aber Ghassān und Lakhm hörten auf zu existieren, sobald das Oströmische Reich und Persien, durch Kriege untereinander erschöpft, aufhörten ihre Vasallen zu finanzieren.

In Mittelarabien (Arabia Deserta) hatte es nur eine staatsähnliche Entität gegeben: Kinda (425–528). Auch dies war ein Vasallenstaat, der vom jemenitischen Staat Himyar abhängig war. Als Himyar kollabierte, verschwand auch er. Es blieb nur eine vage Erinnerung an seine Könige; der letzte Königssohn war der berühmte Dichter Imru’u l-Qais. Es hatte in Mittelarabien also schon so etwas wie einen Staat gegeben, aber keinen unabhängigen.

Diese Lage änderte sich im siebten Jahrhundert mit dem überraschend erfolgreichen Versuch, einige Stämme um die Oase Yathrib (Medina) zu vereinen. Bleiben wir einen Augenblick bei der Standarderzählung: Es war Mohammed, der in seinen Jahren in Medina (622–632) die Stämme unter seinem Banner vereinte. Als er starb, hinterließ er tatsächlich etwas, das man einen Staat nennen kann.
Die islamische Standarderzählung über die Ereignisse nach seinem Tod unterscheidet sich  einigermaßen von der modernen. Die alten islamischen Geschichtsschreiber drücken es in religiösen Worten aus: Mohammed hatte die ganze Halbinsel unter dem Banner des Islams vereint. Nach seinem Tod wurden viele Stämme abtrünnig und schwuren dem Islam ab. In den sogenannten Ridda-Kriegen (632–634) islamisierten die Generäle des Kalifen Abū Bakr die Halbinsel aufs Neue. Nicht-islamische Historiker sind dagegen an der religiös geprägten Darstellung nicht interessiert. Sie gehen davon aus, dass Mohammeds Kernstaat ziemlich klein war, dass aber in den Jahren nach seinem Tod allerlei arabische Stämme erfolgreich in das neue Staatswesen integriert wurden; nicht zum zweiten, sondern zum ersten Mal.
Bis hier ist die Erzählung von dem neuen Staat mehr oder weniger plausibel. Alle Oasen müssen gewissermaßen Staaten sein, wäre es nur um den Zugang zum Wasser und dessen Verteilung zu regeln. Stämme entlang der Handelsstraßen müssen unter Kontrolle gebracht und gehalten werden, damit Karawanen sich nicht plötzlich von Wasser, Nahrung und Futter abgeschnitten sehen. Eine allmähliche Erweiterung dieses ersten Staates in den Rest der Halbinsel hinein, wenn auch noch nie zuvor da gewesen, ist auch nicht unvorstellbar. Aber einhergehend mit der Einigung der Halbinsel setzte eine schnelle und gewaltige Vergrößerung des neuen Staats ein. 635 wurde Syrien annektiert; 634–642 wurden Irak und West-Iran erobert, 639–642 Ägypten, 640 Palästina und 640–660 der gesamte Iran, bis tief hinein nach Zentralasien. Mit anderen Worten: in dreißig Jahren wurden das ganze Persische und das halbe Oströmische Reich dem Arabischen Reich eingegliedert. Wenn es nicht nachweisbar so geschehen wäre, würde man es nicht glauben. Aber stimmt es auch, dass dieses riesige Reich dreißig Jahre lang das ungünstig gelegene Medina zur Hauptstadt hatte und von dort aus zentralistisch regiert wurde? Um diese Frage zu beantworten sollten wir erst mal schauen, was ein Reich so braucht:

– Ein großes Grundgebiet
– Eine Bevölkerung
– Eine zentrale Befehlsgewalt, Statthalter, Steuer- und andere Beamte, Richter
– Schnelle und zuverlässige Kommunikationsmittel
– Agrarüberschüsse
– Regelmäßige Steuereinkünfte
– Ein stehendes Heer unter zentralem Kommando und das Geld um es zu bezahlen.
– Legitimität der Regierung

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Diakritische Zeichen: ʿAlī, Muʿāwiya, Ṯamūd, Ġassān, Lakhm, Ḥimyar

Porträts berühmter Araber

Ali ibn abi TalibDer berühmteste Araber, der je gelebt hat, war der Prophet Mohammed. Inzwischen ist allgemein bekannt, dass Muslime es ungern sehen, dass ihr Prophet abgebildet wird. Für manche Leute, die gerne piesacken, ist gerade das ein Anlass um auf provozierender Weise ein Porträt oder gar eine Karikatur von ihm zu veröffentlichen, am liebsten mit abwertender Unterschrift.

„Aber das ist doch gar nicht Mohammed; das ist Ali!,“ rufen Sie vielleicht aus, wenn sie das obige Bildchen anklicken. Ach ja? Woher wollen Sie das wissen? Haben Sie die beiden gekannt? Wahrscheinlich haben Sie Ali nur „erkannt“, weil Sie den Text über seinem Kopf lesen konnten. Oder Sie waren in Iran oder in anderen shiitischen Umgebungen unterwegs, wo man in der Tat zahllose „Porträts“ Alis findet, wie auch von seinen Söhnen Hasan und Husain, die ganz der Vater sind. Diese Bilder haben den europäischen Andachtsbildchen und Kinderbibeln viel zu verdanken; sie sind ziemlich stereotyp und nichtssagend, so dass jeder doch noch die Chance bekommt sich die Abgebildeten nach eigenem Wunsch vorzustellen. Wenn ich das Bild von Husain betrachte, vermute ich dass es bei jungen Mädchen dieselbe Erregung wecken könnte wie manche Popstars auch. Zufall ist das sicherlich nicht.
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sooreh hera-021Es gibt etliche Texte, bei denen ein Bild von Ali mit der Unterschrift „Mohammed“ abgedruckt worden ist. Manchmal hat jemand sich einfach vertan; manchmal steckt Absicht dahinter. Im niederländischen Den Haag musste 2007 eine Ausstellung der Künstlerin Sooreh Hera abgeblasen werden, weil sie zwei halbnackte Männer auf einem Bett abgebildet hatte mit zwei nahezu identischen Gesichtsmasken, die vage an Ali erinnerten. Die Bildtexte nannten ausdrücklich Mohammed und Ali.
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Die Empörung über Mohammedporträts wird nie durch die Abbildungen selbst verursacht, sondern immer durch die Bildtexte oder Kommentare. Weder von Mohammed noch von Ali ist nämlich bekannt, wie sie ausgesehen haben. Die alten Muslime machten keine Porträts, auch nicht von irgendjemand anderem. Das hat mit dem islamischen *Bilderverbot zu tun: Menschen und Tiere sollten nicht gemalt oder plastisch wiedergegeben werden. In Iran, Indien und im Osmanenreich hat man es trotzdem getan, aber erst ziemlich spät und längst nicht so oft wie in Europa, das eine reiche Porträttradition vorweist. Es gibt also keine (keine!) Zeichnungen oder Gemälde von Mohammed oder Ali oder von dessen Söhnen oder von wem auch immer — und Statuen schon gar nicht. Porträts entstanden in der arabischen Welt erst nach der Erfindung der Fotografie, also in der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts. Aus der Zeit davor kennen wir bestenfalls die Konterfeis einiger mächtiger Personen, wenn sie zufällig von einem auf Besuch weilenden europäischen Künstler gemalt wurden. Ob solche Gemälde oder Stiche nach dem Leben angefertigt wurden, ist dann noch fraglich.
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Al-Ma‘arriAl-MutanabbiTrotzdem finden Sie in Ihren Wikipedia-Artikeln bei vielen berühmten alten Arabern und anderen Muslimen Porträts. Saladin, Ibn Khaldun, Avicenna und viele mehr: bei allen gibt es Bildchen. Auch auf Briefmarken und Banknoten sind die Herren verewigt worden und von den allerberühmtesten gibt es sogar Statuen; alles in Nachahmung europäischer Gepflogenheiten. Alle diese Porträts basieren auf nichts anderem als der Fantasie und sind eine Folge der modernen Bildersucht. Es ist kaum noch möglich, einen Artikel ohne Bild zu schreiben, also legt sich die freie Fantasie ins Zeug. Deren Produkte sind meist ziemlich einförmig. Die Herren schauen würdig aus, sie sind vornehm mit irgendeinem historischen Gewand bekleidet und tragen Vollbart und Turban; auf einer DDR-Briefmarke hat Avicenna eine Fantasiemütze auf dem Kopf und oben darauf eine Art Dornenkrone. Manchmal wird das Gemälde eines europäischen „orientalistischen“ Malers benutzt (Hasan al-Basri). In anderen Fällen wird ein bereits existierendes Porträt einer Berühmtheit für eine andere spiegelverkehrt wiederverwendet. Das ist zum Beispiel den Dichtern al-Mutanabbi und al-Ma‘arri widerfahren.
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Aus der Vergangenheit sind manchmal Beschreibungen von Personen erhalten geblieben. Im Fall Mohammeds sind die sogar ziemlich ausgiebig; die habe ich hier besprochen. Aber was hat man von solchen Schilderungen? Die Polizei kann heutzutage auf Grund von Beschreibungen ein Phantombild anfertigen, aber das wird der betreffenden Person nur dann ähnlich, wenn ein Zeuge sie wirklich gesehen hat. Das führt uns also bei den alten Arabern nicht weiter.
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Nach der Erfindung der Fotografie war es um das Bilderverbot übrigens schnell geschehen. Die ersten Porträtfotos aus der Arabischen Halbinsel sind von Muhammad Sadiq Bey und datieren von 1861. Chr. Snouck Hurgronje hat 1884 viele Menschen in Mekka fotografiert und die Ergebnisse veröffentlicht. Fortan wollten alle geknipst werden und das Bilderverbot wurde einfach abgeschafft. Hier finden Sie einige Pseudoporträts beisammen; hier folgen noch einige:

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