Abd al-Malik übt sich in Grausamkeit und Mord

Als ‘Abd al-Malik 685 unerwartet die Nachfolge seines Vaters Marwān als Umaiyadenkalif in Damaskus antreten musste, fand er sich einem formidablen Gegner gegenüber: ‘Abdallah ibn az-Zubair, der in Arabien ein Kalifat gegründet hatte. Aber auch in Syrien war er nicht unangefochten. Dort bekam er es nämlich mit ‘Amr ibn Sa‘īd al-Ashdaq (?–689) zu tun. Dieser war auch Angehöriger der Sippe Umaiya und hatte sich u.a. als General und als Statthalter von Mekka und Medina verdient gemacht. Marwān hatte diesem ‘Amr versprochen, dass er ihm nachfolgen dürfe. Aber sobald er auf dem Thron saß, hatte er die Huldigung seiner eigenen Söhne forciert. Als ‘Abd al-Malik tatsächlich seinen Vater nachfolgte, war ‘Amr von Groll erfüllt. Trotzdem sah er noch eine Zukunft für sich. Als er einmal ‘Abd al-Malik auf einem Feldzug in den Irak begleitete, sprach er ihn auf eine mögliche Nachfolge an. ‘Abd al-Malik ließ sich aber nicht darauf ein.1 Nach diesem für ihn enttäuschenden Gespräch schlich ‘Amr mit einigen Anhängern weg aus dem Lager und ging zurück nach Damaskus. Es gelang ihm die Stadt an sich zu bringen, wo er einen beträchtlichen Anhang hatte. ‘Abd al-Malik sah sich gezwungen umzukehren um seine eigene Hauptstadt zurückzuerobern. ‘Amr ergab sich unter der Bedingung, dass er Leib und Leben behalten dürfe.
‘Abd al-Malik hatte aber etwas anderes mit ihm vor. Eines Tages lud er ‘Amr in seinen Palast. Dieser zog sicherheitshalber ein Kettenhemd an und nahm hundert Gefolgsmänner mit, von denen aber nur einer hereingelassen wurde. Als er die vielen Soldaten und Verwandten des Kalifen sah, witterte er Unheil und sandte seinen Sklaven weg um bei seinem Bruder Hilfe zu holen. Der Sklave verstand aber den Auftrag nicht richtig und die Hilfe blieb aus.
‘Abd al-Malik fing an ihn einzuschüchtern und zu piesacken. Er ließ ihm sein Schwert abnehmen und ließ ihn in Fesseln legen, seine Hände hinter seinem Nacken gebunden.

  • Darauf gab ihm ‘Abd al-Malik einen Stoß, so dass er mit seinem Mund gegen die Bank kippte und seinen Vorderzahn abbrach.
    „Verdammt noch mal,’ sagte ‘Amr, ‘ich hoffe, das reicht dir jetzt!“
    „Wenn ich wüsste, dass du mich verschonen würdest,’ antwortete ‘Abd al-Malik, ‘würde ich dich verschonen und laufen lassen. Aber es gab nie zwei Männer in einer Lage wie dieser, ohne das der eine den anderen beseitigte.“ […]
    ‘Abd al-Malik ließ sich jetzt eine Lanze bringen. Er schwang sie hin und her und warf sie auf ‘Amr, aber die Waffe drang nicht in dessen Körper ein. Er tat es noch einmal, wieder vergeblich. Als er einen Schlag auf ‘Amrs Arm gab, spürte er, dass dieser ein Kettenhemd trug. Er lachte und sagte: „Hah, ein Kettenhemd! Du bist gut vorbereitet hierher gekommen! Knappe, bring mir das kurze Schwert!“ Es wurde ihm gereicht und er befahl seinen Männern ‘Amr auf den Boden zu drücken. ‘Abd al-Malik setzte sich auf dessen Brust und schnitt ihm die Kehle durch. […]
    ‘Abd al-Malik zuckte und zitterte. So ergeht es, wie man sagt, einem Mann, wenn er einen Verwandten tötet. ‘Abd al-Malik wurde von ‘Amrs Brust fortgezogen und auf die Bank gelegt. Er sagte: „Nie habe ich so etwas erlebt: Er ist von jemandem getötet worden, der das Diesseits besitzt und das Jenseits nicht suchte.“2

Dann erschienen endlich ‘Amrs Männer—zu spät. Sie schrien die Anwesenden an und es begann ein Kampf. Aber jemand warf den Kopf des Getöteten unter die Leute, nebst einer Anzahl Beutel mit Geld, worauf sie auseinandergingen.

Der Kalif „zuckte und zitterte“. Dieser Erzählung zufolge wünschte ‘Abd al-Malik den Mord persönlich und vor Zeugen auszuführen. Leicht fiel es ihm nicht und stolz war er auch nicht. Vielleicht wollte er seine Umgebung wissen lassen, was für einer er war und dass er gnadenlos durchgreifen konnte. Vielleicht wollte er das vor allem auch sich selbst beweisen, weil er sich noch in Grausamkeit üben musste. Sein bisheriges Leben war relativ ruhig gewesen, aber als Herrscher musste er hart sein können—das verstand er sehr gut. Nicht ohne Grund ließ er sich auf seinen Münzen mit Schwert und Peitsche abbilden.

Eine Überlieferung3 berichtet, dass die Feindschaft zwischen ‘Abd al-Malik und ‘Amr auf altes Leid zurückging. Als Jungen sollen die beiden schon des öfteren gekämpft haben, dazu ermutigt von ‘Abd al-Maliks Großmutter Umm Marwān. Diese lud sie oft zusammen mit noch anderen Jungen zum Essen ein. Dann hetzte sie die Jungen gegeneinander auf; die fingen dann an sich zu schlagen und verließen das Haus ohne noch ein Wort zu wechseln. Wollte die Oma die Rivalität zwischen den Zweigen des Hauses Umaiya anstacheln, in der Hoffnung, dass ihre eigene Nachkommen schon früh die Oberhand bekommen würden? Oder hat diese Erzählung die spätere Rivalität in die Vergangenheit zurückprojiziert? Das ist gut möglich, denn das Motiv altes Leid“ kommt auch in anderen Texten zur Mordepisode vor.
‘Amr hatte nämlich vier Söhne, die nach der Ermordung ihres Vaters versuchten ihre Überlebenschancen sicherzustellen, indem sie die Flucht nach vorne antraten und sich zum Kalifen begaben:

  • Die Söhne ‘Amrs erschienen vor ‘Abd al-Malik nach der Wiederherstellung der Reichseinheit (djamā‘a). Sie waren zu viert. […] Als ‘Abd al-Malik sie sah, sagte er: „Ihr seid Männer aus einer noblen Familie, die ihr euch selbst immer für besser gehalten habt als alle eure Verwandten, wenn Gott euch das auch nicht vergönnt hat. Was zwischen eurem Vater und mir passiert ist, war nichts Neues: Es war ein altes Leid, das bereits in der vorislamischen Zeit (djāhiliya) tief in den Seelen eurer Väter und der unseren verwurzelt war.“
    Umaiya, der Älteste, konnte kein Wort herausbringen: Er war der Nobelste und Intelligenteste. Deshalb […] stand Sa‘īd, der Mittlere auf und sagte: „Fürst der Gläubigen, warum werfen Sie uns etwas aus der vorislamischen Zeit vor, wo doch Gott den Islam gebracht und das Alte niedergerissen hat […]? Was zwischen Ihnen und ‘Amr passiert ist: ‘Amr war Ihr Neffe und Sie wissen am besten was Sie getan haben. ‘Amr ist vor Gott erschienen, und Gott genügt als Abrechner.4 Bei meinem Leben, wenn Sie uns bestrafen für das, was geschehen ist, dann ist es für uns unter der Erde besser als darauf.“
    ‘Abd al-Malik war sehr gerührt und spürte eine große Milde für sie. Er sagte: „Euer Vater stellte mich vor die Wahl: ihn zu töten oder von ihm getötet zu werden, also zog ich es vor, ihn zu töten. Aber ihr—wie habe ich mich nach euch gesehnt, wie verwandt fühle ich mich mit euch—und natürlich habe ich ein Auge für eure Rechte!“ Er gab ihnen also große Zuwendungen, zeigte ihnen seine Gunst und behielt sie ganz in seiner Nähe.5

Mit dem Begriff „vorislamische Zeit“ (djāhilīya) verwies ‘Abd al-Malik auf eine weit zurückliegende Vergangenheit6—obwohl der Mord noch frisch in der Erinnerung haftete. Dass die Fehde alt und vererbt war, sollte offenbar als Entschuldigung dienen oder wenigstens zu Verständnis führen. ‘Amrs Sohn Sa‘īd reagierte geschickt und wies darauf hin, dass der Islam alles alte Leid aus der djāhilīya gelöscht hatte.
Das Verhalten ‘Abd al-Maliks den vier Söhnen seines Mordopfers gegenüber war typisch für ihn, als seine Macht gefestigt war: so wenige Menschen wie nur möglich sich zu Gegnern zu machen, vor allem nicht in Syrien und schon gar nicht aus der Sippe Umaiya—vielmehr die Menschen ganz in seiner Nähe zu behalten.

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Zur Ernüchterung: Es gibt auch kurze Überlieferungen, die zu ‘Amrs Ermordung etwas ganz anderes erzählen:

  • Es wird auch erzählt: Als ‘Abd al-Malik ‘Amr den Stoß gab, durch den dessen Zahn herausflog, fing ‘Amr an die verletzte Stelle zu reiben. ‘Abd al-Malik sagte zu ihm: „Ich sehe, dass du deinen Zahn so wichtig findest, dass du mir nie mehr gewogen sein kannst.“ Und er befahl ihn zu enthaupten.7

Und:

  • Es wird auch gesagt: Als ‘Abd al-Malik zum Gebet ging, beauftragte er seinen Sklaven Abū az-Zu‘ayzi‘a mit der Tötung ‘Amrs. Das tat der, und den Kopf warf er den Umstehenden und seinen Gefährten zu.8

Das waren normalere Manieren mit einem politischen Gegner abzurechnen. Aber mit solchen Berichten bekommt man kein spannendes Geschichtsbuch.

 

ANMERKUNGEN
1. aṭ-Ṭabarī, Ta’rīkh ii, 784.
2. aṭ-Ṭabarī, Ta’rīkh ii, 788–91.
3. aṭ-Ṭabarī, Ta’rīkh ii, 793–4.
4. Koran 4:6; 33:39.
5. aṭ-Ṭabarī, Ta’rīkh ii, 795.
6. Es sei denn, der Kalif meinte mit „vorislamischer Zeit“ die Periode vor der von ihm durchgeführten Wiederherstellung der Reichseinheit (djamā‘a). In dem Fall würde der Islam nicht mit dem Propheten Mohammed, sondern mit Kalif ‘Abd al-Malik anfangen—was nicht so abwegig ist, wie es sich anhört; vg. hier.
7. aṭ-Ṭabarī, Ta’rīkh ii, 789.
8. aṭ-Ṭabarī, Ta’rīkh ii, 791–2.

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Mohammeds Hidschra im Koran

Die Hidschra war die Migration des Propheten Mohammed von Mekka nach Medina. Das Datum der Hidschra, der 20. September 622 (oder auch ein anderes), wurde nicht mal zwanzig Jahre später zum Anfangspunkt der islamischen Jahreszählung gemacht. Das Ereignis wurde also als äußerst wichtig betrachtet.

Im Koran kommt das Verbalsubstantiv hidjra nicht vor. Des öfteren ist jedoch die Rede von Menschen, die ausgewandert sind (alladhīna hādjarū), oder kurz von Emigranten (muhādjirūn). Diese sind „zu Gott und seinem Gesandten“ ausgewandert, oder „auf dem Weg Gottes“. Letzteres bedeutet meist Krieg führen: Emigration geht dann mit dem Kampf für die gute Sache einher. Nur einmal deutet der Koran an, dass auch der Prophet ein muhādjir war, und das nur indirekt: In Vers 33:50 ist von weiblichen Verwandten die Rede, „die mit dir ausgewandert sind“.

Von den Emigranten wird im Koran einige Male gesagt, dass sie „aus ihren Wohnstätten vertrieben wurden“ (ukhridjū min diyārihim). An einigen Stellen wird das auch vom Propheten gesagt, z.B. in Koran 9:40; 47:13.  In 17:76 heißt es: „Und sie hätten dich beinahe aus dem Land verscheucht, um dich daraus zu vertreiben“ und in 9:13 dass sie vorhatten ihn zu vertreiben.

Von welcher Art war Mohammeds Emigration, was war ihr Grund? Der niederländische Orientalist Chr. Snouck Hurgronje bekämpfte 1886 die damals gängige Meinung, die Hidschra sei eine Flucht gewesen.1 Das Wort bedeutet ja nicht Flucht, sondern: „die Beziehungen abbrechen, sich lossagen, seine Stadt oder seinen Stamm verlassen um sich woanders niederzulassen, auswandern“. Snouck zufolge war sie Teil eines Plans, einer Strategie: „Die Hidschra wurde also von Mohammed, wegen seiner im Lauf der Zeit veränderten Auffassung von seiner Sendung, lange im Voraus sorgfältig geplant.“ So ist auch die gängige islamische Darstellung, die bereits bei ‘Urwa ibn al-Zubair zu lesen ist, obwohl bei ihm der Plan, die Strategie natürlich ein Heilsplan Gottes ist. Im großen Ganzen wird es bei den Orientalisten so beschrieben wie bei Snouck.1

Die allgemein bekannte Erzählung von der Hidschra steht nicht im Koran, sondern in den biografischen Texten über Mohammed (sīra) und in Hadithen, selbstverständlich in unterschiedlichen Fassungen; z.B. in zwei kurzen von ‘Urwa3 und in einer ausgearbeiteten Version von Ibn Ishāq.4 In groben Zügen läuft es so: Mohammed und seine Anhänger werden in Mekka gemobbt. Manche Gläubigen emigrieren deswegen nach Äthiopien, die meisten kommen nach einiger Zeit wieder. Versuche unter den Beduinen und in Tā’if Unterstützer zu finden verlaufen im Sande. Eine Gruppe Einwohner von Yathrib (Medina), die zum Jahrmarkt nach Mekka kommt, will sich aber doch auf Mohammed einlassen. Nach zwei Jahren der Verhandlungen und Vorbereitungen reisen erst die Gläubigen ab nach Medina und darauf Mohammed selbst.

Das im Koran verwendete Verb akhradja, „hinauswerfen, vertreiben, ausweisen“, bezeichnet tatsächlich nicht eine Flucht, aber auch keine souveräne Entscheidung abzureisen. In der biografischen Erzählung kommt das „Hinauswerfen“ gar nicht vor—oder nur einmal, aber verneint. Ibn Ishāq hat an seine Version eine Vergrößerung von Koran 8:30 hinzugefügt. In der Erzählung berät der Gemeinderat von Mekka über das, was mit Mohammed zu tun sei: soll man ihn töten, ihn rauswerfen oder ihn einsperren? In der Erzählung wird der Beschluss gefasst ihn eben nicht rauszuwerfen: dann würde er ja außerhalb Verbündete suchen. Nein, sie werden ihn in der Nacht in seinem eigenen Bett töten. Gott warnt Mohammed aber und dieser weiß … zu fliehen. Nach einer spannenden Verfolgungsjagd findet er mit Gottes Hilfe Zuflucht in einer Höhle und erreicht von dort aus Medina. Also doch eine Flucht—aber nur in einer Ergänzung der Hidschra-Erzählung.

Offensichtlich vermieden es die Biografen aus Feingefühl, das koranische Motiv des „Hinauswerfens“ mit Mohammeds Hidschra in Verbindung zu bringen, da diese ihnen zufolge nicht von einer erniedrigenden Initiative der Heiden ausgelöst wurde, sondern auf einem Heilsplan Gottes beruhte und aus selbständigem Handeln seines Propheten heraus erfolgte. Das hört sich erheblich positiver an. Inzwischen habe ich den Eindruck, dass auch in modernen Betrachtungen ignoriert wird, dass die Hidschra de facto ein Rauswurf war – oder zumindest ganz wie einer aussah.

ANMERKUNGEN
1. In seinem Twee populaire dwalingen verbeterd, Nachdruck in Chr. Snouck Hurgronje, Verspreide geschriften, 6 Bde., Bonn/Leiden 1923–27, i, 295–305. (online hier oder hier).
2. Ein bequemer Überblick steht bei W. Montgomery Watt, Muhammad at Mecca, Oxford 1953, 141–51.
3. In ‘Urwas Brief an Kalif ‘Abd al-Malik (al-Tabarī, Ta’rīkh  i, 1180–1, 1224–5, 1234ff) und in seiner Erzählung bei ‘Abd ar-Razzāq as-San‘ā’ī, Musannaf STELLE@. S. weiter A. Görke und G. Schoeler, Die ältesten Berichte über das Leben Muḥammads. Das Korpus ‘Urwa ibn az-Zubair, Princeton 2008, 39ff.
4. Ibn Ishāq: Das Leben Muhammed’s nach Muhammed Ibn Ishâk bearbeitet von Abd el-Malik Ibn Hischâm, Hrsg. F. Wüstenfeld, Göttingen 1858–60, 217–223.

Diakritische Zeichen: hiǧra, allaḏīna hāǧarū, muhāǧirūn, uḫriǧū, ʿUrwa, Ibn Isḥāq, Ṭāʾif, aḫraǧa, al-Ṭabarī, Taʾrīḥ, ʿAbd ar-Razzāq aṣ-Ṣanʿāʾī, Muṣannaf

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Das Kalifat, historischer Überblick

Arab khalīfa, Pl. khulafā’ = „Stellvertreter” oder „Nachfolger“. „Stellvertreter Gottes auf Erden“ nämlich: khalīfat allāh. Manchmal auch genannt: „Stellvertreter/Nachfolger des Propheten“: khalīfat rasūl allāh.
Der Kalif ist idealerweise das Staatsoberhaupt des islamischen Einheitsstaates.
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Trotz des Einheitsideals haben oft islamische Staaten nebeneinander existiert, wie auch unterschiedliche Kalifen. In der Neuzeit sind islamische Staaten rar geworden. Einige Kalifate waren:

  • Die ersten vier gewählten Kalifen      632–661         Medina (Kūfa)
    Umayyaden                                            661–750         Damaskus
    Abbasiden                                              750–1258       Bagdad
    Umayyadenkalifat in Spanien            756–1031       Córdoba
    Fāṭimiden (schiitisch)                           909–1171        Mahdīya, Kairo

Die Nachfolge Mohammeds war von Anfang an ein heißes Eisen. Der Konflikt zwischen Sunniten und Schiiten geht zurück auf einen Meinungsunterschied über die Nachfolge.
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Söhne des Propheten
Hätte Mohammed einen Sohn gehabt, so hätte dieser seine Nachfolge angetreten. Die Überlieferung erwähnt drei Söhne des Propheten: Qāsim, ‘Abdallāh und Ibrāhīm, die alle sehr jung gestorben sein sollen. Über Ibrāhīm heißt es in einem Hadith: „[Ibrāhīm] starb als kleines Kind. Hätte Gott bestimmt, dass es einen Propheten nach Mohammed geben sollte, so wäre sein Sohn am Leben geblieben. Aber es gibt keinen Propheten nach ihm.“ 1 Interessanter für den Ursprungsmythos war Zaid [ibn Hāritha], den Mohammed bereits bevor er Prophet wurde adoptiert hatte. Später wurde mittels eines Koranverses die Adoption rückgängig gemacht, aber immerhin war Zaid fünfzehn, wenn nicht zwanzig Jahre Sohn und Erbe des Propheten gewesen. Zum Glück soll er vor dem Propheten verstorben sein, denn, so der Korankommentar des Muqātil: „Wäre Zaid Mohammeds Sohn [geblieben], so wäre er ein Prophet gewesen.“ 2
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Wessen Stellvertreter/Nachfolger?
Die Kalifen ließen sich durch die Jahrhunderte khalīfat Allāh, „Stellvertreter Gottes“ nennen, oder nā’ib allāh fī al-ard, „Stellvertreter Gottes auf Erden“ oder zill allāh fī al-ard, „Schatten Gottes auf Erden“ usw. Die Idee, dass sie nur weltliche Macht hatten, während die geistliche Macht anfangs in den Händen der Prophetengefährten und später der ‘ulamā’ , den Schriftgelehrten, lag, ist eine fromme, aber nicht uneigennützige Fantasie der Letzteren. Die ‘ulamā’ sind auch diejenigen, die sich ausgedacht haben, dass die ersten Kalifen sich als khalīfat rasūl allāh, „Stellvertreter des Propheten“ und ihre Nachfolger als khalīfat khalīfat rasūl allāh, „Stellvertreter des Stellvertreters des Propheten“ betitelt hätten, usw. Sehr unwahrscheinlich.
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Hat Mohammed einen Nachfolger bestimmt?
Der Prophet hat nach Auffassung der Sunniten niemanden als Nachfolger bestimmt. Nach Auffassung der Schiiten setzte er nach seiner Abschiedspilgerfahrt bei Ghadīr Khumm seinen Vetter und Schwiegersohn ‘Alī ibn abī Tālib ein, mit den Worten: „Derjenige, dessen maulā ich bin, dessen maulā ist ‘Alī.“ Lästig ist, dass nicht ganz klar ist, was maulā hier bedeuten soll. Etwas wie „Patron“?
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Nachfolger als was?
Meist sagt man: Mohammed konnte als Prophet keinen Nachfolger bekommen, nur als Staatsoberhaupt.
– Warum nicht auch als Prophet? Die Prophetie war doch immer in der Familie gewesen? In Koran 29:27 wird von Ibrāhīm gesagt:

  • „Wir schenkten ihm den Ishāq und Ya‘qūb und machten in seiner Nachkommenschaft die Prophetie und die Schrift [heimisch].“

In K 57:26 wird Noah mit einbezogen:

  • „Wir haben doch Nūh und Ibrāhīm gesandt und in ihrer Nachkommenschaft die Prophetie und die Schrift [heimisch] gemacht.“

– Die real existierenden Kalifen hätten bis ca. 850 nicht im entferntesten daran gedacht, sich ausschließlich als weltliche Herrscher aufzufassen. Ein Kalif war Stellvertreter Gottes auf Erden, höchster Richter, höchster Koraninterpret, seine sunna musste befolgt werden. Über ihn sangen die Dichter, dass er die Ernte gelingen ließ, für Regen sorgte, Recht und Gerechtigkeit etablierte — alles in der besten altorientalischen Tradition des Gottkönigs.
– Die späteren ‘ulamā’ machten einen Unterschied zwischen geistlicher und weltlicher Macht. Die Erben der geistlichen Autorität des Propheten waren seine Gefährten (ashāb), ihre Nachfolger und deren Nachfolger; und später — Sie erraten es schon — die ‘ulamā’. Die weltliche Macht überließen sie den Kalifen. Dass es im Islam keine Trennung zwischen geistlicher und weltlicher Macht gäbe, ist nicht richtig. Die Losung Der Islam ist Religion und Staat“ (al-islām dīn wa-daula) gerade mal hundert Jahre alt.
– Die Schiiten betrachteten das Kalifat oder das Imamat, wie sie es lieber nennen, immer als Gemisch aus weltlicher und geistlicher Macht.
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Die „rechtgeleiteten Kalifen“
Nach Mohammeds Tod haben erst vier gewählte Kalifen regiert, die von den Sunniten die „rechtgeleiteten Kalifen“ (al-khulafā’ al-rāshidūn) genannt werden. Ihre Hauptstadt soll Medina gewesen sein.

  • Abū Bakr as-siddīq 632–634
    ‘Umar ibn al­-Khattāb 634–644
    ‘Uthmān ibn ʿAffān 644–656
    ‘Alī ibn abī Tālib 656–661

Traditionelle sunnitische Auffassung: Abū Bakr, ‘Umar, ‘Uthmān und ‘Alī waren die ersten vier Nachfolger des Propheten. Sie hatten als Hauptstadt Medina, wenn ‘Alī auch in Kūfa residierte. Diese Periode sei die Blütezeit des Islams gewesen, so meint man; besser sei nur die Periode des Propheten selbst gewesen. Die Kalifen führten den idealen Islamstaat fromm und volksnah. Die Muslime konnten ihre sunna befolgen im Fall, dass der Prophet über ein gewisses Thema keine hinterlassen hatte. Sie konnten sich auch für nähere Verhaltensregeln an die Kalifen wenden, wenn der Prophet nicht alle Einzelheiten geklärt hatte.
– Für die Schiiten gab es nur einen rechtgeleiteten Kalifen: ‘Alī. Die anderen drei seien Usurpatoren gewesen, von ihnen wurde — und wird —abwertend gesprochen.
– Die traditionelle Orientalistik behielt das sunnitische Grundgerüst bei, vermochte aber das Paradiesische dieser Zeit nicht so recht einzusehen, weil drei von den vier „rechtgeleiteten Kalifen“ ermordet wurden und sich in dieser Periode auch der erste Bürgerkrieg des Islams abgespielt hat.
– Moderne Wissenschaftler sind immer öfter der Meinung, über die ganze frühe Periode lasse sich bei dem jetzigen Stand der Quellen nicht richtig Geschichte schreiben. Oft werden sogar die Jahreszahlen angezweifelt.
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Frühe Auffassungen über die Nachfolge
Nach dem Tod des Propheten gab es Gruppierungen, die je eigene Ideen zur Nachfolge und zur Macht hatten:
– Die frühislamische Elite: Die ersten Konvertiten, die frühesten Anhänger der neuen Bewegung mit großen Verdiensten für diese. Sie wünschten immer in eigenem Kreis zu bestimmen, wer nachfolgen sollte (shūrā). Aus dieser Gruppe waren wie von selbst die ersten vier Kalifen hervorgegangen, aber auch danach gab sie noch nicht gleich auf; das geschah erst nach ihrem Gegenkalifat (680–92) von Mekka.
– Die vorislamische Elite: die Sippe Umayya des Stammes ‘Abd Shams. Anfangs waren sie Gegner Mohammeds gewesen; sie schlossen sich ihm erst kurz vor seinem Tod an. Als sie als Umayyadendynastie die Macht übernommen hatten, praktizierten sie die Erbfolge innerhalb ihrer eigenen Sippe.
– ‘Alī und seine Partei, die Schiiten (shī‘a). Nach ihrer Meinung war ‘Alī vom Propheten als Nachfolger eingesetzt worden. Sie befürworteten die Erbfolge innerhalb der Familie des Propheten.
– Die Kharidjiten waren gegen Erbfolge und Klüngelei in Elitegrüppchen, sie wollten immer wieder feststellen, wer aus moralischer Sicht der beste Kandidat war. Der Kalif konnte abgesetzt werden, falls er enttäuschte.
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Die Umayyaden (661–750)
umayyadenkalief‘Alī hatte in stetem Konflikt mit Mu‘āwiya gelegen, der seit 642 de facto Herrscher in Syrien war. Nach ‘Alīs Tod übernahm sein Gegner im Jahr 661 das Kalifat. Mu‘āwiya gehörte zur Sippe Umayya, also zu der vorislamischen Elite, der auch Kalif ‘Uthmān (644–56) wie auch dessen Statthalter in den Provinzen schon angehört hatten. Die Sippe war es gewohnt, Macht auszuüben. Die Kalifen hatten absolute Macht, ihre sunna musste befolgt werden und die Nachfolge wurde durch Vererbung innerhalb der Sippe geregelt. Ihr Styling war das der persischen Herrscher, obwohl—oder vielleicht gerade weil— ihre Machtbasis Syrien eine oströmische Provinz gewesen war.
Unter dieser Dynastie wurde viel zustande gebracht:
– Eroberungen: Nordafrika, Spanien, Zentralasien.
– Konsolidierung der Macht in bereits besetzten Gebieten.
– Integration der Ostprovinzen des Römerreiches und des Persischen Reichs. Durch den Frieden und die verschwundene Grenze wurde jetzt viel Energie für den Wiederaufbau frei.
– Aufbau und Arabisierung der Verwaltung; ab 700 Siegeszug der arabischen Sprache.
– Herausgabe und Verbreitung des Koran; Entwicklung eines Rechtssystems (nein, noch nicht die Scharia).
– Aufbau einer (einer!) islamischen Identität. Als Symbol galt anfangs der achteckige Felsendom in Jerusalem, errichtet vom Kalifen ‘Abd al-Malik (691), gemeint als Zeichen der Abgrenzung von den Christen.
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Die Umayyaden fanden sich konfrontiert mit den drei bereits genannten Gruppen:
– die frühislamische Elite, die nach der Vernichtung des Gegenkalifats 692 ausstarb.
– die Shia, die man klein zu halten wusste.
– die Kharidjiten, die zu einem bedrohlichen Feind wurden.
Ab ca. 700 kamen noch zwei Faktionen dazu:
– Die „Leute der Sunna und der Gemeinde“ (ahl as-sunna wa ’l-djamā‘a), die an die Stelle der Sunna der Umayyadenkalifen die des Propheten Mohammeds stellen wollten, der die Kalifen sich zu unterwerfen hätten. Aus dieser immer mächtiger werdenden Oppositionsgruppe sollten später die Schriftgelehrten (‘ulamā’) hervorgehen.
– Die Abbasiden, die mittels eines perfiden Propagandakriegs und in Verbund mit den Schiiten und den ‘ulamā’ allmählich an der Machtübernahme arbeiteten: die Abbasidische Revolution.
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In der traditionell-islamischen Auffassung haben die Umayyaden einen ganz schlechten Ruf, und zwar aus religiösen Gründen. Nach der Blütezeit unter den Rechtgeleiteten Kalifen, so heißt es da, wurde der junge Islam von diesen Bösewichten gleichsam gekapert. Sie regierten selbstherrlich, wie Könige statt Kalifen. Sie machten die Herrschaft erblich, aber die Abstammung vom Propheten bedeutete ihnen nichts. Mu‘āwiya setzte seinen eigenen Sohn Yazīd als Nachfolger ein, und so ging es weiter. Sie griffen Mekka und Medina an und schossen die Ka‘ba in Brand; sie verwehrten Bekehrungswilligen zum Islam überzutreten; sie lebten gottlos, tranken Wein, feierten Orgien, hatten Bilder, sie waren tyrannisch und beuteten ihre Untertanen aus.
Kurzum, sie hielten sich nicht an die Sunna des Propheten, so meinte die Opposition — wenn auch um 710 noch niemand hätte sagen können, was das genau wäre. In schiitischen Augen waren sie noch schlimmer: Mu‘āwiya hatte ja ‘Alī bekämpft und dessen Sohn Husain ermordet!
Die Hälfte dieser vielen Vorwürfe mag zu Recht erhoben worden sein, aber Regierungen ohne Tyrannei gab es in der Antike nie, weder vor noch nach den Umayyaden. Die schlechte Presse haben die Umayyaden bekommen, weil die Texte über sie von einer Klasse verwaltet wurden, die ihnen feindselig gesonnen war: die oppositionellen ‘ulamā’. Mit etwas Mühe sind noch Texte auffindbar, die ein anderes Bild zeigen. Das der umayyadische Islamentwurf von dem späteren der ‘ulamā’ abwich, kann man ihnen schlecht übel nehmen.
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Die Abbasiden (750–1258(–1517))
– Die Abbasiden ließen ihre Verbündeten, die Schiiten und die ‘ulamā’, sofort nach der Machtergreifung fallen.
– Auch sie regierten anfangs als absolute Herrscher in ihrer neuen, durchaus kaiserlich anmutenden Hauptstadt Bagdad.
– Ab ca. 850 wurden sie durch die ‘ulamā’ in ihrer Macht beschränkt. Unter den Abbasiden wuchs deren Einfluss so sehr, dass die Kalifen fortan nicht mehr autokratisch regieren konnten. Sie mussten sich der Scharia, die ab 800 Gestalt anzunehmen begann, unterwerfen.
– Die Glanzperiode der Abbasidenkalifen war 945 vorbei, als schiitische Militärführer der Būyiden die eigentliche Macht in die Hände nahmen und der Kalif mitsamt seinem Hof nur noch eine zeremonielle Rolle spielen durfte. Nach hundert Jahren wurden die Schiiten wieder entmachtet, aber zu ihrer früheren Größe fanden die Kalifen nie mehr zurück. Fortan lag die wirkliche Macht bei Großwesiren (Staatsministern), Sultanen oder Generälen.
– Als 1258 die Mongolen Bagdad stürmten, wichen die Abbasidenkalifen nach Kairo aus, wo sie unter den Mamlukenherrschern, die eine Legitimation brauchten, noch fast drei Jahrhunderte eine rein zeremonielle Funktion ausübten—aber offiziell noch immer als Stellvertreter Gottes auf Erden (nāʾib Allāh fī ardihi).
– Mit der türkischen Besetzung Ägyptens im Jahr 1517 endete das Abbasidenkalifat endgültig.
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Die Osmanen. Europäischer Einfluss. Das Ende (1517–1924)
Als die Türken 1517 Ägypten eroberten, schafften sie das Abbasidenkalifat ab und überführten al-Mutawakkil III, den letzten Kalifen, nach İstanbul, wo er aber keine Aufgabe bekam. Er lebte noch sechsundzwanzig Jahre, wohl im Genuss einer Rente.
Der Kalifentitel war schon davor von türkischen Sultanen angenommen worden, wie genau ist nicht bekannt, aber er war nicht mehr als einer von vielen Titeln. Das änderte sich im 18. Jahrhundert. Die Europäer meinten oft, dass der Sultan-Kalif eine Art Papst sei, mit geistlicher Autorität über alle Muslime der Welt. Dem war nicht so, aber die Sultane ließen es sich gerne gefallen und ließen sich ab 1774 öffentlich Kalif nennen. Das hatte einen Anlass: Beim Frieden von Küçük Kaynarca verlor das Osmanenreich u.a. die Krim an Russland; als Kalif konnte der Sultan doch noch Einfluss auf die dort ansässigen Krimtartaren ausüben. Die apokryphe Erzählung, dass der letzte Kalif al-Mutawakkil seinen Titel dem türkischen Sultan Selīm I. übertragen hätte, wurde kurze Zeit später in Umlauf gebracht.5 So wurde der Sultan-Kalif als geistiges Oberhaupt aufgebaut. Im 19. Jahrhundert wohnten viele Muslime in von Kolonialmächten besetzten Gebieten und eine geistliche Stütze in İstanbul tat ihnen gut, während der Sultan so seinen diplomatischen Einfluss vergrößern konnte. In der Osmanischen Verfassung von 1876 heißt es: „Der Sultan, in seiner Eigenschaft als Kalif, ist der Beschützer der islamischen Religion.“ Er war nicht der Einzige, der Gläubige im Ausland schützte: Der russische Zar sah sich als Beschützer der orthodoxen Christen im Nahen Osten; Frankreich kümmerte sich um die dortigen Katholiken usw. Das Osmanenreich hatte kaum eine Kriegsmarine, deshalb wurde aus dem Beschützen nicht viel.
Atatürk schaffte im Rahmen seiner Modernisierung der Türkei 1922 erst das Sultanat ab, zwei Jahre später auch das völlig ausgehöhlte Kalifat.
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Versuche zur Neubelebung des Kalifats (1924–2014)
Die Abschaffung des Kalifats verursachte in vielen islamischen Ländern einen Sturm der Entrüstung, z.B. in Indien, aber auch in Ägypten, obwohl das Land sich politisch längst von der Türkei losgesagt hatte. Versuche das Kalifat wiederzubeleben, waren eher schäbig. Husain ibn ‘Alī, Scherif von Mekka und König des Hidschas, der sich 1924 sofort zum Kalifen ausrief, wurde von den Saudis besiegt und zum Abdanken gezwungen. Später wäre der ägyptische Köning Fārūq (reg. 1936–1952) gerne Kalif geworden, aber auch er wurde abgesetzt. 1984 ernannte sich an-Numairī im Sudan zum „Kalif Gottes auf Erden“; der Tālibān-Molla in Afghanistan Muhammad ‘Umar (reg. 1996–2001) ließ sich mit einem alten Kalifentitel „Fürst der Gläubigen“ nennen, und sogar Deutschland hatte seinen Kalifen: „Kaplan, der Kalif von Köln“. 2004 wurde er wegen Anstiftung zum Mord an einem „Gegenkalif“  in die Türkei abgeschoben, wo er zu lebenslanger Haft verurteilt wurde. Der neueste Kalif heißt Abū Bakr al-Baghdādī und hat sich 2014 im Irak und in Syrien als Oberhaupt des sog. „Islamischen Staates“ breit gemacht. Weil ein Kalif nach traditionell-sunnitischer Vorstellung immer ein Araber aus dem Stamm Quraisch, dem Stamm des Propheten, sein muss, hat er seinen Stammbaum schon revidiert: Er nennt sich jetzt u.a. al-Husainī al-Qurashī.
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Die Befürchtung der Islamhasserin Bat Ye’or und ihrer Gefolgschaft, dass demnächst in Europa ein Kalifat entstünde, ist unsinnig und verdient keine Aufmerksamkeit.

 

ANMERKUNGEN
1. Ibn Mādja, Djanā’iz 27
2. Muqātil ibn Sulaimān, Tafsīr, hrsg. A.M. Shihāta, 5 Bde., Kairo 1979,  iii, 498–9, zu Koran 33:40.
3.
4.
5. Lange Zeit galt d’Ohssons Tableau den Europäern als wichtige Auskunftsquelle über das Osmanische Reich. Offensichtlich hat dieser Autor Missverständnisse zum Kalifat in Europa verbreitet. Khalīfa und imām übersetzte er konsequent mit pontife, also ‘Hohepriester, Papst’; der Kalifenthron heißt bei ihm siège pontifical. Aber darin dürfte er nicht der Erste gewesen sein. Die Erzählung von der Übertragung des Kalifats (o.c. i, 269–70) stammt aber sicher von ihm.

BIBLIOGRAFIE    NOCH NICHT FERTIG@
– Arnold@@
– P. Crone und M. Hinds, God’s Caliph. Religious Authority in the First Centuries of Islam, Cambridge 1986.
– Ibn ‘Abd Rabbihī, al-‘Iqd al-farīd @@@
– [Ibn Ishaq, Sīra] in: Das Leben Muhammed’s nach Muhammed Ibn Ishâk bearbeitet von Abd el-Malik Ibn Hischâm, […] Hg. F. Wüstenfeld, 3 dln., Göttingen 1858–60. In englischer Übersetzung: A. Guilaume, The Life of Muhammad, A Translation of Isḥāq’s (so!) Sīrat Rasūl Allāh, Oxford 1955.
– G. Lecomte, „Sakīfa“ in EI2.
– M. Lecker, “Siffīn” in EI2.
– Muqātil ibn Sulaymān, Tafsīr, 5 Bde., Hg. A.M. Shiḥāṭa, Kairo 1979.
– Ignatius Mouradgea d’Ohsson, Tableau Général de l’Empire Othoman, 7 Bde., Paris 1788-1824.

Diakritische Zeichen: ḫalīfa, ḫulafāʾ, Ḥāritha, ẓill allāh fī al-arḍ, Ġadīr Ḫumm, ʿĀlī ibn abī Ṭālib, šūrā, šīʿa, aṣḥāb, Isḥāq, Yaʿqūb, Nūḥ, aṣ-siddīq, ʿUmar ibn al­-Ḫaṭṭāb, ʿUṯmān, Ḥusayn, Ibn Māǧa, Ǧanā’iz, Djanā’iz, Ibn Isḥaq    Saḳīfa, Ṣiffīn, Shihāta

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Das Schwert des Islams

Kennen Sie die Vorstellung, dass Mohammed und nach ihm die Muslime den Islam „mit dem Schwert in der einen Hand und dem Koran in der anderen” verbreitet hätten? Sie geht zurück auf den britischen Historiker Edward Gibbon, der 1781 schrieb:1

  • […], mit dem Schwert in der einen Hand und dem Koran in der anderen errichtete Mohammed seinen Thron auf den Ruinen des Christentums und Roms.

Hier muss man das Schwert und das Buch nicht wörtlich nehmen, genau so wenig wie die Ruinen: Es handelt sich um eine bildliche Darstellung. Aber etwas weiter im selben Kapitel ließ Gibbon sich bei seiner Beschreibung des Martyriums von Alīs Sohn Husain bei Kerbela wohl von seiner eigenen Bildersprache mitreissen:

  • Am Morgen des Schicksalstags stieg er auf sein Pferd, mit dem Schwert in der einen Hand und dem Koran in der anderen […]

Dieser Satz liest sich, als habe Husain sich an seinem Todestag wirklich mit diesen Attributen in den Sattel geschwungen. Anzunehmen ist aber, dass er nur sein Schwert bei sich trug. Den Koran als Taschenbuch gab es noch nicht.
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dOhssonOffensichtlich besaß auch D’Ohsson ein Exemplar von Gibbons Werk. Der Armenier war Dolmetscher des schwedischen Botschafters im Osmanenreich gewesen und wohnte lange in Paris. Sein Buch über das Reich2 hat in Europa viel Kenntnis und Unkenntnis über die Türkei und den Islam verbreitet. Und siehe da: Auf der Titelseite seines Werks hat er Gibbons Vorstellung wörtlich genommen. Man erkennt dann gleich, wie unsinnig die ist: Der Koran existierte noch gar nicht als Buch —und überdies: Welcher Muslim würde ihn in die linke Hand nehmen? Abgesehen davon, dass es wohl eher lästig wäre, so zu kämpfen. Hinter dem Propheten stehen denn auch Herren mit Turbanen, die die Tätigkeiten unter sich aufgeteilt haben: Die eine Hälfte beschäftigt sich mit der Schrift, die andere fuchtelt wenig überzeugend mit Schwertern herum. Links ist die Ka‘ba zu sehen, auf dem Dach die Götzenbilder, die es zu zerstören galt. Laut Überlieferung befanden sich diese Statuen in der Ka‘ba, aber das macht sich auf einer Abbildung nicht so gut.
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MahomethSchon erheblich früher hatte der niederländische Graphiker Romeyn de Hooghe (1645–1708) Mohammed auf einem Kupferstich dargestellt — mit einem Schwert in der rechten Hand und einem Schreibstift in der linken.3 Der Künstler drückte ihm diese Attribute in die Hand, genau so, wie man es von Abbildungen christlicher Evangelisten, von Aposteln und Heiligen gewohnt war — wenngleich diesen die Dynamik der Mohammed-Darstellungen fehlt. Konkret bezog de Hooghe sich wohl auf den Stift, der im Koranvers 96:4 erwähnt wird. Vielleicht schwang auch die Vorstellung mit, dass Mohammed den Koran selbst geschrieben habe, wie man früher in Europa glaubte. Im Laufe des 18. Jahrhunderts hat sich der Stift dann zu einem Buch weiterentwickelt. 
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Bei einer bloß oberflächlichen Suche habe ich noch etwa zehn westliche Abbildungen des Propheten gefunden, zwei davon nur mit Schwert und eine mit Schwert und Buch. Allzu unentbehrlich scheint das Attribut doch nicht gewesen zu sein.
Jemand hat mich darauf hingewiesen, dass sowohl Gibbon als auch d’Ohsson Freimaurer waren. Könnte es sein, dass es eine freimaurerische Tradition war, Mohammed mit besagten Attributen abzubilden? Das ist auf die Schnelle schwer zu sagen.4

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RegnaultExécutionWie dem auch sei: Ganz unabhängig vom Propheten hat das Schwert des Islams seit Jahrhunderten eine Rolle in europäischen Vorstellungen gespielt. Europa hatte ja insgesamt eine negative Vorstellung von der islamischen Welt, obwohl man dort immer gerne die schönen Textilien und köstlichen Gewürze kaufte. Es gab die Erinnerung an die reale militärische Bedrohung durch die Araber im frühen Mittelalter und durch das starke Osmanenreich bis etwa 1700. Im 18. Jahrhundert war die Bedrohung gewichen und das Orientbild wurde positiver. Die orientalischen Herrscher konnten ja sogar den absolutistischen Fürsten Europas als Beispiel für Toleranz und Aufklärung entgegengehalten werden (Lessing). Im 19. Jahrhundert, als die Kolonialmächte sich die Welt untertan machten, verschlechterte das Bild sich wieder. Edward Said hat 1978 in seinem epochemachenden Buch Orientalism gezeigt, dass die europäischen Vorstellungen sogar mit Absicht verzerrt wurden um das Herrschen zu erleichtern. Der Orient sollte schön exotisch, aber auch rückständig und antiquiert sein und dazu noch unvorstellbar grausam. Orientalische Despoten mussten nur mit den Fingern schnippen und schon wurde jemand standrechtlich geköpft, natürlich malerisch mit einem Schwert, wie auf dem Gemälde Regnaults.5 Der so kreierte Orient bescherte dem Betrachter ständig ein wohliges Schaudern: Angstlust. Bilder von Arabern, die mit Schwertern um sich schlagen, sind in dem europäischen Gedächtnis wie eingebrannt.
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Natürlich verwendeten die alten Araber und die frühen Muslime tatsächlich Schwerter; das waren damals überall gängige Waffen. Aber später stiegen sie auf modernere Hinrichtungsmethoden um, wie alle anderen auch. Im Osmanenreich, das ja auch Syrien und den Irak umfasste, hat man seit Mitte des 19. Jahrhunderts nur noch durch Erhängen hingerichtet.6 Die Todesstrafe mittels Enthäuptung ist in der hanafitischen Rechtsschule auch gar nicht vorgesehen. Die Rechtsbücher der Hanbaliten dagegen, denen sowohl die Saudis wie die irakisch-syrische Terrorgruppe „Islamischer Staat“ folgen, schreiben das Schwert vor. In Saudi-Arabien wird in der Tat mit dem Schwert hingerichtet, aber seit wann? Der Staat existiert ohnehin erst seit 1932. Es gibt im Königreich nur wenige gute Scharfrichter, weshalb man dort das Erschießen bevorzugt.
Wahrscheinlich hat man sowohl in Saudi-Arabien wie auch im „Islamischen Staat“ irgendwelche Prophetenüberlieferungen neu beleben wollen, was einer re-invented tradition gleichkommt. Solchen Hadithen zufolge hat der Kalif Umar (reg. 634–44) dem Propheten mehrmals vorgeschlagen jemandem den Kopf abzuschlagen. Zu der Zeit war das noch nicht exotisch.

reelbadarabsIch vermute aber, dass der IS mit seinen Schwertern — mehr noch als auf Hadithe — auf die orientalistische Bildertradition im „Westen“ Bezug nimmt und sie medial ausnutzt. IS-Kämpfer lassen sich gerne mit Schwertern ablichten. Vielleicht werden die auch bei Hinrichtungen benutzt, obwohl das Bildmaterial oft irgendwie unecht wirkt. Ich habe mir die Filme dieser Hinrichtungen nicht so genau angesehen, und schon gar kein zweites Mal. Vielleicht habe ich hier oder da ein Schwert erkannt, wo nur ein Fleischermesser war. Das bewiese dann, dass auch ich darauf progammiert bin, Muslime mit Schwertern zu sehen. Welcher von den Terroristen hat wirklich jemanden mit einem Schwertschlag geköpft? Köpfen will gelernt sein und man braucht dazu viel Körperkraft. Es verlangt äußerste Konzentration, bis es bei laufender Kamera mit einem Mal gelingt.

So oder so, der IS will die jahrhundertealte Bildkraft des Schwertes nutzen; man weiß dort sehr wohl, dass Muslime mit Schwertern uns seit Jahrhunderten gruseln lassen. Es ist ein weiteres Beispiel dafür, wie Muslime sich selbst nach Vorbildern inszenieren, die von „orientalistischen“ Europäern stammen. Der „Westen“ bekommt damit genau die Muslime, die er sich vorstellt. Natürlich ist das Schwert nur ein Aspekt dieses Stylings. Mit dem finsteren Mittelalter hat das Ganze auf jeden Fall nicht so viel zu tun.

Vielleicht sollte jemand einmal der Frage nachgehen, warum archaische Tötungsweisen wie Köpfen oder Steinigen bei uns Entsetzen und Fassungslosigkeit auslösen, während das Morden mit Maschinengewehren und Drohnen als alltäglich hingenommen wird.

 

ANMERKUNGEN
1. Edward Gibbon, The Decline And Fall Of The Roman Empire, Bd. 3, London 1781, Kap. 50: […] „Mahomet, with the sword in one hand and the Koran in the other, erected his throne on the ruins of Christianity and of Rome,“ und „On the morning of the fatal day, he mounted on horseback, with his sword in one hand and the Koran in the other… .“
2. Ignatius Mouradgea d’Ohsson, Tableau Général de l’Empire Othoman, 7 Bde., Paris 1788-1824.
3. In Gottfried (Godfried) Arnold, Historie der kerken en ketteren van den beginne des Nieuwen Testaments tot aan het jaar onses Heeren 1688, Bd.1, Amsterdam 1701, S. 469. Ich danke dem niederländischen Historiker Martin Hillenga für den Hinweis. Eine hochauflösende Reproduktion steht hier.
4. De Hooghe kann noch kein Freimaurer gewesen sein, da die erste Loge in den Niederlanden erst 1734 eröffnet wurde.
5. So auch wieder in Sacha Baron Cohens Film The Dictator (2012).
6. Adolf Heidborn, Manuel de droit public et administratif de l’Empire Ottoman, 2 Bde., Wien 1909–1912, i, 370.

Diakritische Zeichen: Ḥusain ibn ʿAlī, Karbalāʾ, ʿUmar

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Das Kalifat in Medina, oder: das erste Arabische Reich, 622–661

Die Standarderzählung zum ersten arabischen Staat ist allgemein bekannt. Im Jahr 622 verließ der Prophet Mohammed seine Heimatstadt Mekka und wanderte nach Medina aus, wo er einen Staat gründete. Nach seinem Tod behielten drei seiner Nachfolger, gemeinhin bekannt als die „Rechtgeleiteten Kalifen“, Medina als Hauptstadt bei, das sie als Basis für immense Eroberungen benutzten. Der vierte Kalif, ‘Alī, regierte de facto von Kūfa (im Irak) aus. Nach seinem Tod im Jahr 661 verschob sich der Schwerpunkt nach Damaskus in Syrien, wo der Umayyade Mu‘āwiya, der bereits seit 642 als Statthalter regiert hatte, jetzt Kalif wurde.
Dieser sehr kurze Überblick scheint sowohl für Muslime wie auch für traditionelle Orientalisten im Westen akzeptabel zu sein. Aber ist diese Darstellung heutzutage wirklich noch vertretbar? Ich möchte mich hier nicht mit der Frage beschäftigen, ob dieses Reich *islamisch genannt werden kann oder noch nicht, sondern vielmehr mit der, ob Medina, eine Oase tief im Inneren der Arabischen Halbinsel, wirklich die Hauptstadt eines zentralistischen und sich schnell erweiternden Weltreichs sein konnte. Es hatte in der Gegend aus verständlichen geographischen Gründen noch nie einen unabhängigen Staat gegeben — und das sollte von 632 bis 661 auf einmal der Fall gewesen sein?

Im Jemen (Arabia Felix) hatte es schon seit zweitausend Jahren Staaten gegeben. Dieser Teil der Halbinsel hat ein relativ feuchtes Klima, sodass eine geregelte Landwirtschaft möglich ist. Bewässerung und Terrassenfeldbau verlangen eine zentrale Organisation, ein Staatswesen.

In Nordarabien (Arabia Petraea) hatte es über längere oder kürzere Perioden Staaten gegeben. Ich nenne nur Thamūd (ca. 715 vChr–600 nChr), den Nabatäerstaat (110 vChr–106 nChr) und die kurze Machtentfaltung der Königin Zenobia in Palmyra (268–272). Danach hatte es zwei arabische Dynastien in Vasallenstaaten gegeben: die Ghassāniden (500–630), Vasallen des Oströmischen Reichs, und die Lakhmiden (266–602), Vasallen Persiens. Beide Großreiche wurden regelmäßig von nomadischen Räuberbanden heimgesucht. Weder Ostrom noch Persien hatte diese Kamelnomaden erfolgreich bekämpfen können, weil sie sich schnell mit ihrer Beute in die Wüste zurückziehen konnten, in die geregelte Heere mit Pferden und Wagen nicht vordringen konnten. Deshalb hatten jene beiden Großreiche sich lieber mit den Beduinen angefreundet. Sie ernannten ein Stammesoberhaupt zum König, der bekam eine Krone, einen Königsmantel und einen Palast und darüber hinaus das Geld um seine Soldaten zu bezahlen, die im Gegenzug nicht länger ihre Wohltäter ausplünderten. Aber Ghassān und Lakhm hörten auf zu existieren, sobald das Oströmische Reich und Persien, durch Kriege untereinander erschöpft, aufhörten ihre Vasallen zu finanzieren.

In Mittelarabien (Arabia Deserta) hatte es nur eine staatsähnliche Entität gegeben: Kinda (425–528). Auch dies war ein Vasallenstaat, der vom jemenitischen Staat Himyar abhängig war. Als Himyar kollabierte, verschwand auch er. Es blieb nur eine vage Erinnerung an seine Könige; der letzte Königssohn war der berühmte Dichter Imru’u l-Qais. Es hatte in Mittelarabien also schon so etwas wie einen Staat gegeben, aber keinen unabhängigen.

Diese Lage änderte sich im siebten Jahrhundert mit dem überraschend erfolgreichen Versuch, einige Stämme um die Oase Yathrib (Medina) zu vereinen. Bleiben wir einen Augenblick bei der Standarderzählung: Es war Mohammed, der in seinen Jahren in Medina (622–632) die Stämme unter seinem Banner vereinte. Als er starb, hinterließ er tatsächlich etwas, das man einen Staat nennen kann.
Die islamische Standarderzählung über die Ereignisse nach seinem Tod unterscheidet sich  einigermaßen von der modernen. Die alten islamischen Geschichtsschreiber drücken es in religiösen Worten aus: Mohammed hatte die ganze Halbinsel unter dem Banner des Islams vereint. Nach seinem Tod wurden viele Stämme abtrünnig und schwuren dem Islam ab. In den sogenannten Ridda-Kriegen (632–634) islamisierten die Generäle des Kalifen Abū Bakr die Halbinsel aufs Neue. Nicht-islamische Historiker sind dagegen an der religiös geprägten Darstellung nicht interessiert. Sie gehen davon aus, dass Mohammeds Kernstaat ziemlich klein war, dass aber in den Jahren nach seinem Tod allerlei arabische Stämme erfolgreich in das neue Staatswesen integriert wurden; nicht zum zweiten, sondern zum ersten Mal.
Bis hier ist die Erzählung von dem neuen Staat mehr oder weniger plausibel. Alle Oasen müssen gewissermaßen Staaten sein, wäre es nur um den Zugang zum Wasser und dessen Verteilung zu regeln. Stämme entlang der Handelsstraßen müssen unter Kontrolle gebracht und gehalten werden, damit Karawanen sich nicht plötzlich von Wasser, Nahrung und Futter abgeschnitten sehen. Eine allmähliche Erweiterung dieses ersten Staates in den Rest der Halbinsel hinein, wenn auch noch nie zuvor da gewesen, ist auch nicht unvorstellbar. Aber einhergehend mit der Einigung der Halbinsel setzte eine schnelle und gewaltige Vergrößerung des neuen Staats ein. 635 wurde Syrien annektiert; 634–642 wurden Irak und West-Iran erobert, 639–642 Ägypten, 640 Palästina und 640–660 der gesamte Iran, bis tief hinein nach Zentralasien. Mit anderen Worten: in dreißig Jahren wurden das ganze Persische und das halbe Oströmische Reich dem Arabischen Reich eingegliedert. Wenn es nicht nachweisbar so geschehen wäre, würde man es nicht glauben. Aber stimmt es auch, dass dieses riesige Reich dreißig Jahre lang das ungünstig gelegene Medina zur Hauptstadt hatte und von dort aus zentralistisch regiert wurde? Um diese Frage zu beantworten sollten wir erst mal schauen, was ein Reich so braucht:

– Ein großes Grundgebiet
– Eine Bevölkerung
– Eine zentrale Befehlsgewalt, Statthalter, Steuer- und andere Beamte, Richter
– Schnelle und zuverlässige Kommunikationsmittel
– Agrarüberschüsse
– Regelmäßige Steuereinkünfte
– Ein stehendes Heer unter zentralem Kommando und das Geld um es zu bezahlen.
– Legitimität der Regierung

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Diakritische Zeichen: ʿAlī, Muʿāwiya, Ṯamūd, Ġassān, Lakhm, Ḥimyar

Porträts berühmter Araber

Ali ibn abi TalibDer berühmteste Araber, der je gelebt hat, war der Prophet Mohammed. Inzwischen ist allgemein bekannt, dass Muslime es ungern sehen, dass ihr Prophet abgebildet wird. Für manche Leute, die gerne piesacken, ist gerade das ein Anlass um auf provozierender Weise ein Porträt oder gar eine Karikatur von ihm zu veröffentlichen, am liebsten mit abwertender Unterschrift.

„Aber das ist doch gar nicht Mohammed; das ist Ali!,“ rufen Sie vielleicht aus, wenn sie das obige Bildchen anklicken. Ach ja? Woher wollen Sie das wissen? Haben Sie die beiden gekannt? Wahrscheinlich haben Sie Ali nur „erkannt“, weil Sie den Text über seinem Kopf lesen konnten. Oder Sie waren in Iran oder in anderen shiitischen Umgebungen unterwegs, wo man in der Tat zahllose „Porträts“ Alis findet, wie auch von seinen Söhnen Hasan und Husain, die ganz der Vater sind. Diese Bilder haben den europäischen Andachtsbildchen und Kinderbibeln viel zu verdanken; sie sind ziemlich stereotyp und nichtssagend, so dass jeder doch noch die Chance bekommt sich die Abgebildeten nach eigenem Wunsch vorzustellen. Wenn ich das Bild von Husain betrachte, vermute ich dass es bei jungen Mädchen dieselbe Erregung wecken könnte wie manche Popstars auch. Zufall ist das sicherlich nicht.
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sooreh hera-021Es gibt etliche Texte, bei denen ein Bild von Ali mit der Unterschrift „Mohammed“ abgedruckt worden ist. Manchmal hat jemand sich einfach vertan; manchmal steckt Absicht dahinter. Im niederländischen Den Haag musste 2007 eine Ausstellung der Künstlerin Sooreh Hera abgeblasen werden, weil sie zwei halbnackte Männer auf einem Bett abgebildet hatte mit zwei nahezu identischen Gesichtsmasken, die vage an Ali erinnerten. Die Bildtexte nannten ausdrücklich Mohammed und Ali.
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Die Empörung über Mohammedporträts wird nie durch die Abbildungen selbst verursacht, sondern immer durch die Bildtexte oder Kommentare. Weder von Mohammed noch von Ali ist nämlich bekannt, wie sie ausgesehen haben. Die alten Muslime machten keine Porträts, auch nicht von irgendjemand anderem. Das hat mit dem islamischen *Bilderverbot zu tun: Menschen und Tiere sollten nicht gemalt oder plastisch wiedergegeben werden. In Iran, Indien und im Osmanenreich hat man es trotzdem getan, aber erst ziemlich spät und längst nicht so oft wie in Europa, das eine reiche Porträttradition vorweist. Es gibt also keine (keine!) Zeichnungen oder Gemälde von Mohammed oder Ali oder von dessen Söhnen oder von wem auch immer — und Statuen schon gar nicht. Porträts entstanden in der arabischen Welt erst nach der Erfindung der Fotografie, also in der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts. Aus der Zeit davor kennen wir bestenfalls die Konterfeis einiger mächtiger Personen, wenn sie zufällig von einem auf Besuch weilenden europäischen Künstler gemalt wurden. Ob solche Gemälde oder Stiche nach dem Leben angefertigt wurden, ist dann noch fraglich.
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Al-Ma‘arriAl-MutanabbiTrotzdem finden Sie in Ihren Wikipedia-Artikeln bei vielen berühmten alten Arabern und anderen Muslimen Porträts. Saladin, Ibn Khaldun, Avicenna und viele mehr: bei allen gibt es Bildchen. Auch auf Briefmarken und Banknoten sind die Herren verewigt worden und von den allerberühmtesten gibt es sogar Statuen; alles in Nachahmung europäischer Gepflogenheiten. Alle diese Porträts basieren auf nichts anderem als der Fantasie und sind eine Folge der modernen Bildersucht. Es ist kaum noch möglich, einen Artikel ohne Bild zu schreiben, also legt sich die freie Fantasie ins Zeug. Deren Produkte sind meist ziemlich einförmig. Die Herren schauen würdig aus, sie sind vornehm mit irgendeinem historischen Gewand bekleidet und tragen Vollbart und Turban; auf einer DDR-Briefmarke hat Avicenna eine Fantasiemütze auf dem Kopf und oben darauf eine Art Dornenkrone. Manchmal wird das Gemälde eines europäischen „orientalistischen“ Malers benutzt (Hasan al-Basri). In anderen Fällen wird ein bereits existierendes Porträt einer Berühmtheit für eine andere spiegelverkehrt wiederverwendet. Das ist zum Beispiel den Dichtern al-Mutanabbi und al-Ma‘arri widerfahren.
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Aus der Vergangenheit sind manchmal Beschreibungen von Personen erhalten geblieben. Im Fall Mohammeds sind die sogar ziemlich ausgiebig; die habe ich hier besprochen. Aber was hat man von solchen Schilderungen? Die Polizei kann heutzutage auf Grund von Beschreibungen ein Phantombild anfertigen, aber das wird der betreffenden Person nur dann ähnlich, wenn ein Zeuge sie wirklich gesehen hat. Das führt uns also bei den alten Arabern nicht weiter.
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Nach der Erfindung der Fotografie war es um das Bilderverbot übrigens schnell geschehen. Die ersten Porträtfotos aus der Arabischen Halbinsel sind von Muhammad Sadiq Bey und datieren von 1861. Chr. Snouck Hurgronje hat 1884 viele Menschen in Mekka fotografiert und die Ergebnisse veröffentlicht. Fortan wollten alle geknipst werden und das Bilderverbot wurde einfach abgeschafft. Hier finden Sie einige Pseudoporträts beisammen; hier folgen noch einige:

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Die Maultiere des Propheten

Ein Maultier (Arabisch baghl)1 ist ein Kreuzungsprodukt einer Pferdestute und eines Eselhengstes; ein Maulesel ist der Nachkomme von einer Eselstute und einem Pferdehengst. Weil wir meistens nicht wissen, welche Sorte in alten arabischen Texten gemeint ist, nenne ich sie hier alle Maultiere. Diese werden vielleicht auch die Mehrheit gebildet haben, denn sie sind am leichtesten zu züchten und außerdem stärker und ausdauernder als Maulesel. Herbert Eisenstein hat alle Texte zu Mohammeds Maultieren und Eseln gesammelt. Aus seinem Artikel2 werde ich hier schöpfen. Mehr Texte als er habe ich nicht gefunden; an Interpretation möchte ich allerdings einiges hinzufügen.
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Duldul
Das Maultier par excellence war Duldul. Es wird sogar als das islamische Urmaultier überhaupt betrachtet, denn es heißt: „Duldul war das erste Maultier im Islam, das man zu Gesicht bekam).“ 3 Solche „erste“-Traditionen (awā’il) gibt es viele; meist dienten sie dazu, den Terminus post quem irgendeines Phänomens festzustellen. Aber sie können tendenziös sein — so auch in diesem Fall.4 Es gibt in bester arabischer Tradition einiges an biographischem Material zur Stute Duldul.5 Sie soll dem Propheten von dem Muqauqis von Alexandrien geschenkt worden sein — wer auch immer das war —, zusammen mit einem Esel, Gold, Textilien und zwei schönen Sklavinnen, Māriya und Sīrīn.6
In der Schlacht von Hunain (630) soll der Prophet auf Duldul geritten sein und zu ihr gesagt haben: Irbidī! (leg dich!), oder: Sdi! (streck dich!), so dass er eine Handvoll Staub nehmen konnte, den er seinen Feinden ins Gesicht warf. In einer anderen Variante sagte er am Tag der Schlacht zu seinem Onkel ‘Abbās: „Reiche mir einige Kiesel!”, was Duldul aber verstand, worauf sie unaufgefordert mit ihm niederging, so dass er die Kiesel selbst nehmen konnte.
Das Tier überlebte Mohammed um mehr als dreißig Jahre und starb während der Regierung des Kalifen Mu‘āwiya (661–680) in Yanbu’ an der Küste des Roten Meers. Ein Alter von fünfzig Jahren ist für ein Maultier durchaus möglich; es muss wohl nicht mehr ganz jung gewesen sein, als es in Medina eintraf. Im hohen Alter waren Duldul die Zähne ausgefallen, so dass die Gerste für sie gemahlen werden musste. Ihr tragischer Tod war filmreif: Blind geworden geriet sie in ein Melonenfeld, das sie zertrampelte. Das Feld gehörte einem Mann der Banū Mudlidj, der sie mit einem Pfeil tötete, offensichtlich nicht ahnend, mit welch noblem Tier er es zu tun hatte.
Laut schiitischer Überlieferung sollen auch ‘Alī, seine beiden Söhne und seine rechte Hand Muhammad ibn al-Hanafīya noch auf Duldul geritten sein.
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Andere Maultiere
Auch über die anderen Maultiere des Propheten hat Eisenstein Texte gesammelt, die ich hier kurz zusammenfasse:7
– Fidda („Silber”), eine weißes Tier, das Farwa ibn ‘Amr al-Djudhamī ihm schenkte, und das er an Abū Bakr weitergab,
– ein weißes Tier, das er vom Herrscher von Aila (heute ‘Aqaba) geschenkt bekam,
– ein Maultier, das Kisrā, der König von Persien, ihm schenkte und das er mit einer Satteldecke aus Haar geritten haben soll,
– ein Grauchen, ein Geschenk des Negus von Abessinien,
– ein Geschenk von dem Herrn von Dūmat al-Djandal (beim heutigen al-Jawf oder Jouf)
– und ein nicht spezifiziertes Tier, von dem erzählt wird, dass es mit dem Propheten durchging, woraufhin er ihm einen Koranvers vorlesen ließ.

Wie viele Maultiere es in den Stallungen des Propheten nun genau gab, bleibt unklar, denn die Namen dieser Tiere und auch Teile ihrer Biographien sind in der Überlieferung arg durcheinander geraten. Aber wollen Sie sie wirklich zählen? Es ist doch offenkundig, dass alle diese Berichte über Tiere bis auf den letzten eigentlich nur eins sind: Variationen über das Thema: „ein Maultier wird dem Propheten geschenkt“, das als Präzedenzfall für eine Scharia-Regel fungiert.
In der Tat, laut den Texten waren nahezu alle diese Maultiere Geschenke aus dem Ausland. Aila und Dūma liegen zwar im Norden Arabiens, galten damals aber noch als christliches Gebiet. Auch Fidda kam aus dem Ausland, denn das Tier war ein Geschenk von Farwa ibn ‘Amr, der bis zu seiner Bekehrung und seinem anschließendem Martyrium römischer Statthalter in Ma‘ān im heutigen Südjordanien war.8
Zum Motiv der geschenkten Sklavinnen Māriya und Sīrīn habe ich bereits hier erklärt, welche Funktion Geschenke aus dem Ausland in den frühen islamischen Texten haben. Sie sollen – durch das beispielgebende Handeln des Propheten – die An- oder Übernahme außerislamischer Güter legitimieren.

Aber waren Maultiere überhaupt neu und fremd? Im ganzen alten Orient gab es sie doch; auch in Äthiopien waren sie verbreitet. Es waren starke und zuverlässige Last- und Reittiere, die gerne benutzt wurden; werden sie denn in Arabien gefehlt haben? Das mag ich nicht glauben.
Das arabische Wort für Maultier, baghl, ist äthiopischer Herkunft. Obwohl die Tiere auch in Syrien und am Golf vorkamen, wird es einfacher gewesen sein, sie über das Meer aus Afrika nach Arabien zu importieren. Hunderte von Kilometern durch die Wüste konnten sie ja nicht laufen.
Offensichtlich will die Mitteilung, dass die ägyptische Duldul „das erste Maultier im Islam“ war, uns glauben machen, dass Maultiere im alten Arabien neu waren. An ihnen konnte nichts Vorislamisches sein, denn der Prophet war der Erste, der eines besaß. Und das, obwohl der Koran Maultiere bereits in dem frühen Vers 18:6 wie selbstverständlich erwähnt. Mit anderen Worten: Die Rede sowohl von der Fremdheit wie auch von der Neuheit von Maultieren zur Zeit Mohammeds ist nichts weiter als fromme Dichtung von Rechtsgelehrten.
Welche islamischen Rechtsregeln in Bezug auf Maultiere gibt es?
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Rechstregeln in Bezug auf Maultiere
– Maultierfleisch essen ist nicht erlaubt – diesen Aspekt lasse ich hier unbehandelt.
– Auf Maultieren zu reiten ist ohne Weiteres erlaubt, denn es heißt in Koran 16:8:  وَالْخَيْلَ وَالْبِغَالَ وَالْحَمِيرَ لِتَرْكَبُوهَا وَزِينَةً وَيَخْلُقُ مَا لَا تَعْلَمُونَ „Und die Pferde und die Maultiere und Esel, damit ihr sie besteigt, sowie als Zierde.“ Dass der Prophet mehreren Erzählungen zufolge auch tatsächlich auf einem Maultier ritt, steht damit im Einklang. Laut der Bibel ritten im alten Israel auch die Könige David und Salomo auf ihnen und Maultiere konnten auch als fürstliches Geschenk dienen.9
– Ein normaler Umgang mit Maultieren hat keine rituelle Unreinheit zu Folge.
– Eine Kreuzung zwischen Pferd und Esel selbst durchzuführen, ist für Muslime „verwerflich“ (makrūh). Ein Hadith befindet darüber unzweideutig:

  • … Der Prophet bekam ein Maultier geschenkt und ritt darauf. Da sagte ‘Alī: „Wie wäre es, wenn wir mal Esel Pferde bespringen ließen? Dann hätten wir auch solche Tiere.“ Aber der Prophet sagte: „Das machen nur Leute ohne Kenntnis.“ 10

In den Texten, die Eisenstein dazu gefunden hat, wird diese Aussage des Propheten mit dem Maultier aus Aila in Verbindung gebracht.11 Muslime, die ein absolutes Kreuzungsverbot befürworteten, interpretierten „Leute ohne Kenntnis“ als „Menschen, die das Verbot nicht kennen.“ Auf jeden Fall gilt das Züchten von Maultieren als eine aus islamischer Sicht unerwünschte Tätigkeit. Bei den Juden war das Verbot noch eindeutiger, aufgrund des Bibelworts 3. Mose 19:19:„Lass nicht zweierlei Art unter deinem Vieh sich paaren.“

Aber weiter mit den Rechtsregeln:
– Trotz des Zuchtverbots durften existierende Tiere aber benutzt oder von außerhalb angenommen oder eingeführt werden.
– Umgang mit widerspenstigen Maultieren: Dem Tier, das mit ihm durchging, verpasste der Prophet eine Lektion, indem er es einsperrte und ihm Koran 113:1 rezitieren ließ, worauf es sich beruhigte. Durch so einen Bericht lernten die Muslime, was auch sie in solchen Fällen zu tun hätten. Die letzten beiden Suren des Koran heißen „Schutzsuren” (al-mu‘awwidhatān) — durch sie meinte man auch die böse Macht eines Dämons, der ein Maultier geritten hatte, bändigen zu können. 

Ich vermute, dass es ungefähr wie folgt abgelaufen ist. Die Araber und frühen Muslime ritten einfach auf Maultieren und benutzten sie als Lasttiere wie jeder anderer auch. Als nach zwei, drei Jahrhunderten islamische Rechtsgelehrte anfingen, das ganze Leben auf die Vereinbarkeit mit den von ihnen aufgestellten Rechtsregeln hin zu überprüfen, nahmen sie auch das Maultier durch. Da wie immer der Prophet die höchste Autorität gewesen sein musste, ließen sie ihn auch auf Maultieren reiten, ja sogar als Allerersten. Das jüdische Zuchtverbot behielten sie aber bei; deshalb bleibt in den Texten an Maultieren immer etwas vage Unislamisches haften.


Auch veröffentlicht in zenith, 03/2014, S. 110–1 und online.
Hier über die Esel des Propheten

ANMERKUNGEN
1. Ch. Pellat, „Baghl,” in EI2.
2. H. Eisenstein, „Die Maultiere und Esel des Propheten,” in Der Islam, 62 (1985), 98–131.
3. Ibn Saʿd, Kitāb aṭ-Ṭabaqāt al-kubrā, 8 Bde., hg. Iḥsān ‘Abbās, Beirut o.J., i, 491.
أول بعلة رؤيت في الإسلام أهداها له المقوقس
; Ibn Saʿd, o.c. i, 260: „ein weißes Maultier; das einzige, das die Araber zu der Zeit hatten.” غلة بيضاء لم يكن في العرب يومئذ غيرها
4. F. Rosenthal, Art. „Awāʾil,” in EI2..
5. Eisenstein, o.c. 99–101.
6. Zu diesen Sklavinnen s. hier.
7. Eisenstein, o.c. 101–4.
8. Ibn Isḥāq: Das Leben Muhammed’s nach Muhammed Ibn Ishâk bearbeitet von Abd el-Malik Ibn Hischâm, hrsg. F. Wüstenfeld, Göttingen 1858–60, 958; Übers. Guillaume 644; Ibn Ḥaǧar al-‘Asqalānī, Al-Iṣāba fī tamyīz aṣ-ṣaḥāba, 8 Bde., Kairo, o.J., v, 386–7.
9. Bibel, 1. Könige 1:33, 38, 44; 10:25.
10. Eisenstein, o.c. 103.; Abū Dawūd, Ǧihād 53:

حدثنا قتيبة بن سعيد حدثنا الليث عن يزيد بن أبي حبيب عن أبي الخير عن ابن زرير عن علي بن أبي طالب ر قال: أهديت لرسول الله ص بغلة فركبها فقال علي: لو حملنا الحمير على الخيل، فكانت لنا مثل هذه. قال رسول الله ص: إنما يفعل ذلك الذين لا يعلمون.

11. Eisenstein, o.c. 103.

Diakritische Zeichen: baġl, awāʾil, Ḥunain, irbiḍī, Muʿāwiya, Yanbuʿ, ʿAlī, Banū Mudjlǧ, Muḥammad ibn al-Ḥanafīya, Fiḍḍa, Farwa ibn ʿAmr al-Ǧuḏamī, Dūmat al-Ǧandal, Maʿān, al-muʿawwiḏatān

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