Das Kalifat, historischer Überblick

Arab khalīfa, Pl. khulafā’ = „Stellvertreter” oder „Nachfolger“. „Stellvertreter Gottes auf Erden“ nämlich: khalīfat allāh. Manchmal auch genannt: „Stellvertreter/Nachfolger des Propheten“: khalīfat rasūl allāh.
Der Kalif ist idealerweise das Staatsoberhaupt des islamischen Einheitsstaates.
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Trotz des Einheitsideals haben oft islamische Staaten nebeneinander existiert, wie auch unterschiedliche Kalifen. In der Neuzeit sind islamische Staaten rar geworden. Einige Kalifate waren:

  • Die ersten vier gewählten Kalifen      632–661         Medina (Kūfa)
    Umayyaden                                            661–750         Damaskus
    Abbasiden                                              750–1258       Bagdad
    Umayyadenkalifat in Spanien            756–1031       Córdoba
    Fāṭimiden (schiitisch)                           909–1171        Mahdīya, Kairo

Die Nachfolge Mohammeds war von Anfang an ein heißes Eisen. Der Konflikt zwischen Sunniten und Schiiten geht zurück auf einen Meinungsunterschied über die Nachfolge.
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Söhne des Propheten
Hätte Mohammed einen Sohn gehabt, so hätte dieser seine Nachfolge angetreten. Die Überlieferung erwähnt drei Söhne des Propheten: Qāsim, ‘Abdallāh und Ibrāhīm, die alle sehr jung gestorben sein sollen. Über Ibrāhīm heißt es in einem Hadith: „[Ibrāhīm] starb als kleines Kind. Hätte Gott bestimmt, dass es einen Propheten nach Mohammed geben sollte, so wäre sein Sohn am Leben geblieben. Aber es gibt keinen Propheten nach ihm.“ 1 Interessanter für den Ursprungsmythos war Zaid [ibn Hāritha], den Mohammed bereits bevor er Prophet wurde adoptiert hatte. Später wurde mittels eines Koranverses die Adoption rückgängig gemacht, aber immerhin war Zaid fünfzehn, wenn nicht zwanzig Jahre Sohn und Erbe des Propheten gewesen. Zum Glück soll er vor dem Propheten verstorben sein, denn, so der Korankommentar des Muqātil: „Wäre Zaid Mohammeds Sohn [geblieben], so wäre er ein Prophet gewesen.“ 2
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Wessen Stellvertreter/Nachfolger?
Die Kalifen ließen sich durch die Jahrhunderte khalīfat Allāh, „Stellvertreter Gottes“ nennen, oder nā’ib allāh fī al-ard, „Stellvertreter Gottes auf Erden“ oder zill allāh fī al-ard, „Schatten Gottes auf Erden“ usw. Die Idee, dass sie nur weltliche Macht hatten, während die geistliche Macht anfangs in den Händen der Prophetengefährten und später der ‘ulamā’ , den Schriftgelehrten, lag, ist eine fromme, aber nicht uneigennützige Fantasie der Letzteren. Die ‘ulamā’ sind auch diejenigen, die sich ausgedacht haben, dass die ersten Kalifen sich als khalīfat rasūl allāh, „Stellvertreter des Propheten“ und ihre Nachfolger als khalīfat khalīfat rasūl allāh, „Stellvertreter des Stellvertreters des Propheten“ betitelt hätten, usw. Sehr unwahrscheinlich.
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Hat Mohammed einen Nachfolger bestimmt?
Der Prophet hat nach Auffassung der Sunniten niemanden als Nachfolger bestimmt. Nach Auffassung der Schiiten setzte er nach seiner Abschiedspilgerfahrt bei Ghadīr Khumm seinen Vetter und Schwiegersohn ‘Alī ibn abī Tālib ein, mit den Worten: „Derjenige, dessen maulā ich bin, dessen maulā ist ‘Alī.“ Lästig ist, dass nicht ganz klar ist, was maulā hier bedeuten soll. Etwas wie „Patron“?
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Nachfolger als was?
Meist sagt man: Mohammed konnte als Prophet keinen Nachfolger bekommen, nur als Staatsoberhaupt.
– Warum nicht auch als Prophet? Die Prophetie war doch immer in der Familie gewesen? In Koran 29:27 wird von Ibrāhīm gesagt:

  • „Wir schenkten ihm den Ishāq und Ya‘qūb und machten in seiner Nachkommenschaft die Prophetie und die Schrift [heimisch].“

In K 57:26 wird Noah mit einbezogen:

  • „Wir haben doch Nūh und Ibrāhīm gesandt und in ihrer Nachkommenschaft die Prophetie und die Schrift [heimisch] gemacht.“

– Die real existierenden Kalifen hätten bis ca. 850 nicht im entferntesten daran gedacht, sich ausschließlich als weltliche Herrscher aufzufassen. Ein Kalif war Stellvertreter Gottes auf Erden, höchster Richter, höchster Koraninterpret, seine sunna musste befolgt werden. Über ihn sangen die Dichter, dass er die Ernte gelingen ließ, für Regen sorgte, Recht und Gerechtigkeit etablierte — alles in der besten altorientalischen Tradition des Gottkönigs.
– Die späteren ‘ulamā’ machten einen Unterschied zwischen geistlicher und weltlicher Macht. Die Erben der geistlichen Autorität des Propheten waren seine Gefährten (ashāb), ihre Nachfolger und deren Nachfolger; und später — Sie erraten es schon — die ‘ulamā’. Die weltliche Macht überließen sie den Kalifen. Dass es im Islam keine Trennung zwischen geistlicher und weltlicher Macht gäbe, ist nicht richtig. Die Losung Der Islam ist Religion und Staat“ (al-islām dīn wa-daula) gerade mal hundert Jahre alt.
– Die Schiiten betrachteten das Kalifat oder das Imamat, wie sie es lieber nennen, immer als Gemisch aus weltlicher und geistlicher Macht.
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Die „rechtgeleiteten Kalifen“
Nach Mohammeds Tod haben erst vier gewählte Kalifen regiert, die von den Sunniten die „rechtgeleiteten Kalifen“ (al-khulafā’ al-rāshidūn) genannt werden. Ihre Hauptstadt soll Medina gewesen sein.

  • Abū Bakr as-siddīq 632–634
    ‘Umar ibn al­-Khattāb 634–644
    ‘Uthmān ibn ʿAffān 644–656
    ‘Alī ibn abī Tālib 656–661

Traditionelle sunnitische Auffassung: Abū Bakr, ‘Umar, ‘Uthmān und ‘Alī waren die ersten vier Nachfolger des Propheten. Sie hatten als Hauptstadt Medina, wenn ‘Alī auch in Kūfa residierte. Diese Periode sei die Blütezeit des Islams gewesen, so meint man; besser sei nur die Periode des Propheten selbst gewesen. Die Kalifen führten den idealen Islamstaat fromm und volksnah. Die Muslime konnten ihre sunna befolgen im Fall, dass der Prophet über ein gewisses Thema keine hinterlassen hatte. Sie konnten sich auch für nähere Verhaltensregeln an die Kalifen wenden, wenn der Prophet nicht alle Einzelheiten geklärt hatte.
– Für die Schiiten gab es nur einen rechtgeleiteten Kalifen: ‘Alī. Die anderen drei seien Usurpatoren gewesen, von ihnen wurde — und wird —abwertend gesprochen.
– Die traditionelle Orientalistik behielt das sunnitische Grundgerüst bei, vermochte aber das Paradiesische dieser Zeit nicht so recht einzusehen, weil drei von den vier „rechtgeleiteten Kalifen“ ermordet wurden und sich in dieser Periode auch der erste Bürgerkrieg des Islams abgespielt hat.
– Moderne Wissenschaftler sind immer öfter der Meinung, über die ganze frühe Periode lasse sich bei dem jetzigen Stand der Quellen nicht richtig Geschichte schreiben. Oft werden sogar die Jahreszahlen angezweifelt.
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Frühe Auffassungen über die Nachfolge
Nach dem Tod des Propheten gab es Gruppierungen, die je eigene Ideen zur Nachfolge und zur Macht hatten:
– Die frühislamische Elite: Die ersten Konvertiten, die frühesten Anhänger der neuen Bewegung mit großen Verdiensten für diese. Sie wünschten immer in eigenem Kreis zu bestimmen, wer nachfolgen sollte (shūrā). Aus dieser Gruppe waren wie von selbst die ersten vier Kalifen hervorgegangen, aber auch danach gab sie noch nicht gleich auf; das geschah erst nach ihrem Gegenkalifat (680–92) von Mekka.
– Die vorislamische Elite: die Sippe Umayya des Stammes ‘Abd Shams. Anfangs waren sie Gegner Mohammeds gewesen; sie schlossen sich ihm erst kurz vor seinem Tod an. Als sie als Umayyadendynastie die Macht übernommen hatten, praktizierten sie die Erbfolge innerhalb ihrer eigenen Sippe.
– ‘Alī und seine Partei, die Schiiten (shī‘a). Nach ihrer Meinung war ‘Alī vom Propheten als Nachfolger eingesetzt worden. Sie befürworteten die Erbfolge innerhalb der Familie des Propheten.
– Die Kharidjiten waren gegen Erbfolge und Klüngelei in Elitegrüppchen, sie wollten immer wieder feststellen, wer aus moralischer Sicht der beste Kandidat war. Der Kalif konnte abgesetzt werden, falls er enttäuschte.
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Die Umayyaden (661–750)
umayyadenkalief‘Alī hatte in stetem Konflikt mit Mu‘āwiya gelegen, der seit 642 de facto Herrscher in Syrien war. Nach ‘Alīs Tod übernahm sein Gegner im Jahr 661 das Kalifat. Mu‘āwiya gehörte zur Sippe Umayya, also zu der vorislamischen Elite, der auch Kalif ‘Uthmān (644–56) wie auch dessen Statthalter in den Provinzen schon angehört hatten. Die Sippe war es gewohnt, Macht auszuüben. Die Kalifen hatten absolute Macht, ihre sunna musste befolgt werden und die Nachfolge wurde durch Vererbung innerhalb der Sippe geregelt. Ihr Styling war das der persischen Herrscher, obwohl—oder vielleicht gerade weil— ihre Machtbasis Syrien eine oströmische Provinz gewesen war.
Unter dieser Dynastie wurde viel zustande gebracht:
– Eroberungen: Nordafrika, Spanien, Zentralasien.
– Konsolidierung der Macht in bereits besetzten Gebieten.
– Integration der Ostprovinzen des Römerreiches und des Persischen Reichs. Durch den Frieden und die verschwundene Grenze wurde jetzt viel Energie für den Wiederaufbau frei.
– Aufbau und Arabisierung der Verwaltung; ab 700 Siegeszug der arabischen Sprache.
– Herausgabe und Verbreitung des Koran; Entwicklung eines Rechtssystems (nein, noch nicht die Scharia).
– Aufbau einer (einer!) islamischen Identität. Als Symbol galt anfangs der achteckige Felsendom in Jerusalem, errichtet vom Kalifen ‘Abd al-Malik (691), gemeint als Zeichen der Abgrenzung von den Christen.
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Die Umayyaden fanden sich konfrontiert mit den drei bereits genannten Gruppen:
– die frühislamische Elite, die nach der Vernichtung des Gegenkalifats 692 ausstarb.
– die Shia, die man klein zu halten wusste.
– die Kharidjiten, die zu einem bedrohlichen Feind wurden.
Ab ca. 700 kamen noch zwei Faktionen dazu:
– Die „Leute der Sunna und der Gemeinde“ (ahl as-sunna wa ’l-djamā‘a), die an die Stelle der Sunna der Umayyadenkalifen die des Propheten Mohammeds stellen wollten, der die Kalifen sich zu unterwerfen hätten. Aus dieser immer mächtiger werdenden Oppositionsgruppe sollten später die Schriftgelehrten (‘ulamā’) hervorgehen.
– Die Abbasiden, die mittels eines perfiden Propagandakriegs und in Verbund mit den Schiiten und den ‘ulamā’ allmählich an der Machtübernahme arbeiteten: die Abbasidische Revolution.
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In der traditionell-islamischen Auffassung haben die Umayyaden einen ganz schlechten Ruf, und zwar aus religiösen Gründen. Nach der Blütezeit unter den Rechtgeleiteten Kalifen, so heißt es da, wurde der junge Islam von diesen Bösewichten gleichsam gekapert. Sie regierten selbstherrlich, wie Könige statt Kalifen. Sie machten die Herrschaft erblich, aber die Abstammung vom Propheten bedeutete ihnen nichts. Mu‘āwiya setzte seinen eigenen Sohn Yazīd als Nachfolger ein, und so ging es weiter. Sie griffen Mekka und Medina an und schossen die Ka‘ba in Brand; sie verwehrten Bekehrungswilligen zum Islam überzutreten; sie lebten gottlos, tranken Wein, feierten Orgien, hatten Bilder, sie waren tyrannisch und beuteten ihre Untertanen aus.
Kurzum, sie hielten sich nicht an die Sunna des Propheten, so meinte die Opposition — wenn auch um 710 noch niemand hätte sagen können, was das genau wäre. In schiitischen Augen waren sie noch schlimmer: Mu‘āwiya hatte ja ‘Alī bekämpft und dessen Sohn Husain ermordet!
Die Hälfte dieser vielen Vorwürfe mag zu Recht erhoben worden sein, aber Regierungen ohne Tyrannei gab es in der Antike nie, weder vor noch nach den Umayyaden. Die schlechte Presse haben die Umayyaden bekommen, weil die Texte über sie von einer Klasse verwaltet wurden, die ihnen feindselig gesonnen war: die oppositionellen ‘ulamā’. Mit etwas Mühe sind noch Texte auffindbar, die ein anderes Bild zeigen. Das der umayyadische Islamentwurf von dem späteren der ‘ulamā’ abwich, kann man ihnen schlecht übel nehmen.
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Die Abbasiden (750–1258(–1517))
– Die Abbasiden ließen ihre Verbündeten, die Schiiten und die ‘ulamā’, sofort nach der Machtergreifung fallen.
– Auch sie regierten anfangs als absolute Herrscher in ihrer neuen, durchaus kaiserlich anmutenden Hauptstadt Bagdad.
– Ab ca. 850 wurden sie durch die ‘ulamā’ in ihrer Macht beschränkt. Unter den Abbasiden wuchs deren Einfluss so sehr, dass die Kalifen fortan nicht mehr autokratisch regieren konnten. Sie mussten sich der Scharia, die ab 800 Gestalt anzunehmen begann, unterwerfen.
– Die Glanzperiode der Abbasidenkalifen war 945 vorbei, als schiitische Militärführer der Būyiden die eigentliche Macht in die Hände nahmen und der Kalif mitsamt seinem Hof nur noch eine zeremonielle Rolle spielen durfte. Nach hundert Jahren wurden die Schiiten wieder entmachtet, aber zu ihrer früheren Größe fanden die Kalifen nie mehr zurück. Fortan lag die wirkliche Macht bei Großwesiren (Staatsministern), Sultanen oder Generälen.
– Als 1258 die Mongolen Bagdad stürmten, wichen die Abbasidenkalifen nach Kairo aus, wo sie unter den Mamlukenherrschern, die eine Legitimation brauchten, noch fast drei Jahrhunderte eine rein zeremonielle Funktion ausübten—aber offiziell noch immer als Stellvertreter Gottes auf Erden (nāʾib Allāh fī ardihi).
– Mit der türkischen Besetzung Ägyptens im Jahr 1517 endete das Abbasidenkalifat endgültig.
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Die Osmanen. Europäischer Einfluss. Das Ende (1517–1924)
Als die Türken 1517 Ägypten eroberten, schafften sie das Abbasidenkalifat ab und überführten al-Mutawakkil III, den letzten Kalifen, nach İstanbul, wo er aber keine Aufgabe bekam. Er lebte noch sechsundzwanzig Jahre, wohl im Genuss einer Rente.
Der Kalifentitel war schon davor von türkischen Sultanen angenommen worden, wie genau ist nicht bekannt, aber er war nicht mehr als einer von vielen Titeln. Das änderte sich im 18. Jahrhundert. Die Europäer meinten oft, dass der Sultan-Kalif eine Art Papst sei, mit geistlicher Autorität über alle Muslime der Welt. Dem war nicht so, aber die Sultane ließen es sich gerne gefallen und ließen sich ab 1774 öffentlich Kalif nennen. Das hatte einen Anlass: Beim Frieden von Küçük Kaynarca verlor das Osmanenreich u.a. die Krim an Russland; als Kalif konnte der Sultan doch noch Einfluss auf die dort ansässigen Krimtartaren ausüben. Die apokryphe Erzählung, dass der letzte Kalif al-Mutawakkil seinen Titel dem türkischen Sultan Selīm I. übertragen hätte, wurde kurze Zeit später in Umlauf gebracht.5 So wurde der Sultan-Kalif als geistiges Oberhaupt aufgebaut. Im 19. Jahrhundert wohnten viele Muslime in von Kolonialmächten besetzten Gebieten und eine geistliche Stütze in İstanbul tat ihnen gut, während der Sultan so seinen diplomatischen Einfluss vergrößern konnte. In der Osmanischen Verfassung von 1876 heißt es: „Der Sultan, in seiner Eigenschaft als Kalif, ist der Beschützer der islamischen Religion.“ Er war nicht der Einzige, der Gläubige im Ausland schützte: Der russische Zar sah sich als Beschützer der orthodoxen Christen im Nahen Osten; Frankreich kümmerte sich um die dortigen Katholiken usw. Das Osmanenreich hatte kaum eine Kriegsmarine, deshalb wurde aus dem Beschützen nicht viel.
Atatürk schaffte im Rahmen seiner Modernisierung der Türkei 1922 erst das Sultanat ab, zwei Jahre später auch das völlig ausgehöhlte Kalifat.
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Versuche zur Neubelebung des Kalifats (1924–2014)
Die Abschaffung des Kalifats verursachte in vielen islamischen Ländern einen Sturm der Entrüstung, z.B. in Indien, aber auch in Ägypten, obwohl das Land sich politisch längst von der Türkei losgesagt hatte. Versuche das Kalifat wiederzubeleben, waren eher schäbig. Husain ibn ‘Alī, Scherif von Mekka und König des Hidschas, der sich 1924 sofort zum Kalifen ausrief, wurde von den Saudis besiegt und zum Abdanken gezwungen. Später wäre der ägyptische Köning Fārūq (reg. 1936–1952) gerne Kalif geworden, aber auch er wurde abgesetzt. 1984 ernannte sich an-Numairī im Sudan zum „Kalif Gottes auf Erden“; der Tālibān-Molla in Afghanistan Muhammad ‘Umar (reg. 1996–2001) ließ sich mit einem alten Kalifentitel „Fürst der Gläubigen“ nennen, und sogar Deutschland hatte seinen Kalifen: „Kaplan, der Kalif von Köln“. 2004 wurde er wegen Anstiftung zum Mord an einem „Gegenkalif“  in die Türkei abgeschoben, wo er zu lebenslanger Haft verurteilt wurde. Der neueste Kalif heißt Abū Bakr al-Baghdādī und hat sich 2014 im Irak und in Syrien als Oberhaupt des sog. „Islamischen Staates“ breit gemacht. Weil ein Kalif nach traditionell-sunnitischer Vorstellung immer ein Araber aus dem Stamm Quraisch, dem Stamm des Propheten, sein muss, hat er seinen Stammbaum schon revidiert: Er nennt sich jetzt u.a. al-Husainī al-Qurashī.
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Die Befürchtung der Islamhasserin Bat Ye’or und ihrer Gefolgschaft, dass demnächst in Europa ein Kalifat entstünde, ist unsinnig und verdient keine Aufmerksamkeit.

 

ANMERKUNGEN
1. Ibn Mādja, Djanā’iz 27
2. Muqātil ibn Sulaimān, Tafsīr, hrsg. A.M. Shihāta, 5 Bde., Kairo 1979,  iii, 498–9, zu Koran 33:40.
3.
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5. Lange Zeit galt d’Ohssons Tableau den Europäern als wichtige Auskunftsquelle über das Osmanische Reich. Offensichtlich hat dieser Autor Missverständnisse zum Kalifat in Europa verbreitet. Khalīfa und imām übersetzte er konsequent mit pontife, also ‘Hohepriester, Papst’; der Kalifenthron heißt bei ihm siège pontifical. Aber darin dürfte er nicht der Erste gewesen sein. Die Erzählung von der Übertragung des Kalifats (o.c. i, 269–70) stammt aber sicher von ihm.

BIBLIOGRAFIE    NOCH NICHT FERTIG@
– Arnold@@
– P. Crone und M. Hinds, God’s Caliph. Religious Authority in the First Centuries of Islam, Cambridge 1986.
– Ibn ‘Abd Rabbihī, al-‘Iqd al-farīd @@@
– [Ibn Ishaq, Sīra] in: Das Leben Muhammed’s nach Muhammed Ibn Ishâk bearbeitet von Abd el-Malik Ibn Hischâm, […] Hg. F. Wüstenfeld, 3 dln., Göttingen 1858–60. In englischer Übersetzung: A. Guilaume, The Life of Muhammad, A Translation of Isḥāq’s (so!) Sīrat Rasūl Allāh, Oxford 1955.
– G. Lecomte, „Sakīfa“ in EI2.
– M. Lecker, “Siffīn” in EI2.
– Muqātil ibn Sulaymān, Tafsīr, 5 Bde., Hg. A.M. Shiḥāṭa, Kairo 1979.
– Ignatius Mouradgea d’Ohsson, Tableau Général de l’Empire Othoman, 7 Bde., Paris 1788-1824.

Diakritische Zeichen: ḫalīfa, ḫulafāʾ, Ḥāritha, ẓill allāh fī al-arḍ, Ġadīr Ḫumm, ʿĀlī ibn abī Ṭālib, šūrā, šīʿa, aṣḥāb, Isḥāq, Yaʿqūb, Nūḥ, aṣ-siddīq, ʿUmar ibn al­-Ḫaṭṭāb, ʿUṯmān, Ḥusayn, Ibn Māǧa, Ǧanā’iz, Djanā’iz, Ibn Isḥaq    Saḳīfa, Ṣiffīn, Shihāta

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Das Schwert des Islams

Kennen Sie die Vorstellung, dass Mohammed und nach ihm die Muslime den Islam „mit dem Schwert in der einen Hand und dem Koran in der anderen” verbreitet hätten? Sie geht zurück auf den britischen Historiker Edward Gibbon, der 1781 schrieb:1

  • […], mit dem Schwert in der einen Hand und dem Koran in der anderen errichtete Mohammed seinen Thron auf den Ruinen des Christentums und Roms.

Hier muss man das Schwert und das Buch nicht wörtlich nehmen, genau so wenig wie die Ruinen: Es handelt sich um eine bildliche Darstellung. Aber etwas weiter im selben Kapitel ließ Gibbon sich bei seiner Beschreibung des Martyriums von Alīs Sohn Husain bei Kerbela wohl von seiner eigenen Bildersprache mitreissen:

  • Am Morgen des Schicksalstags stieg er auf sein Pferd, mit dem Schwert in der einen Hand und dem Koran in der anderen […]

Dieser Satz liest sich, als habe Husain sich an seinem Todestag wirklich mit diesen Attributen in den Sattel geschwungen. Anzunehmen ist aber, dass er nur sein Schwert bei sich trug. Den Koran als Taschenbuch gab es noch nicht.
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dOhssonOffensichtlich besaß auch D’Ohsson ein Exemplar von Gibbons Werk. Der Armenier war Dolmetscher des schwedischen Botschafters im Osmanenreich gewesen und wohnte lange in Paris. Sein Buch über das Reich2 hat in Europa viel Kenntnis und Unkenntnis über die Türkei und den Islam verbreitet. Und siehe da: Auf der Titelseite seines Werks hat er Gibbons Vorstellung wörtlich genommen. Man erkennt dann gleich, wie unsinnig die ist: Der Koran existierte noch gar nicht als Buch —und überdies: Welcher Muslim würde ihn in die linke Hand nehmen? Abgesehen davon, dass es wohl eher lästig wäre, so zu kämpfen. Hinter dem Propheten stehen denn auch Herren mit Turbanen, die die Tätigkeiten unter sich aufgeteilt haben: Die eine Hälfte beschäftigt sich mit der Schrift, die andere fuchtelt wenig überzeugend mit Schwertern herum. Links ist die Ka‘ba zu sehen, auf dem Dach die Götzenbilder, die es zu zerstören galt. Laut Überlieferung befanden sich diese Statuen in der Ka‘ba, aber das macht sich auf einer Abbildung nicht so gut.
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MahomethSchon erheblich früher hatte der niederländische Graphiker Romeyn de Hooghe (1645–1708) Mohammed auf einem Kupferstich dargestellt — mit einem Schwert in der rechten Hand und einem Schreibstift in der linken.3 Der Künstler drückte ihm diese Attribute in die Hand, genau so, wie man es von Abbildungen christlicher Evangelisten, von Aposteln und Heiligen gewohnt war — wenngleich diesen die Dynamik der Mohammed-Darstellungen fehlt. Konkret bezog de Hooghe sich wohl auf den Stift, der im Koranvers 96:4 erwähnt wird. Vielleicht schwang auch die Vorstellung mit, dass Mohammed den Koran selbst geschrieben habe, wie man früher in Europa glaubte. Im Laufe des 18. Jahrhunderts hat sich der Stift dann zu einem Buch weiterentwickelt. 
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Bei einer bloß oberflächlichen Suche habe ich noch etwa zehn westliche Abbildungen des Propheten gefunden, zwei davon nur mit Schwert und eine mit Schwert und Buch. Allzu unentbehrlich scheint das Attribut doch nicht gewesen zu sein.
Jemand hat mich darauf hingewiesen, dass sowohl Gibbon als auch d’Ohsson Freimaurer waren. Könnte es sein, dass es eine freimaurerische Tradition war, Mohammed mit besagten Attributen abzubilden? Das ist auf die Schnelle schwer zu sagen.4

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RegnaultExécutionWie dem auch sei: Ganz unabhängig vom Propheten hat das Schwert des Islams seit Jahrhunderten eine Rolle in europäischen Vorstellungen gespielt. Europa hatte ja insgesamt eine negative Vorstellung von der islamischen Welt, obwohl man dort immer gerne die schönen Textilien und köstlichen Gewürze kaufte. Es gab die Erinnerung an die reale militärische Bedrohung durch die Araber im frühen Mittelalter und durch das starke Osmanenreich bis etwa 1700. Im 18. Jahrhundert war die Bedrohung gewichen und das Orientbild wurde positiver. Die orientalischen Herrscher konnten ja sogar den absolutistischen Fürsten Europas als Beispiel für Toleranz und Aufklärung entgegengehalten werden (Lessing). Im 19. Jahrhundert, als die Kolonialmächte sich die Welt untertan machten, verschlechterte das Bild sich wieder. Edward Said hat 1978 in seinem epochemachenden Buch Orientalism gezeigt, dass die europäischen Vorstellungen sogar mit Absicht verzerrt wurden um das Herrschen zu erleichtern. Der Orient sollte schön exotisch, aber auch rückständig und antiquiert sein und dazu noch unvorstellbar grausam. Orientalische Despoten mussten nur mit den Fingern schnippen und schon wurde jemand standrechtlich geköpft, natürlich malerisch mit einem Schwert, wie auf dem Gemälde Regnaults.5 Der so kreierte Orient bescherte dem Betrachter ständig ein wohliges Schaudern: Angstlust. Bilder von Arabern, die mit Schwertern um sich schlagen, sind in dem europäischen Gedächtnis wie eingebrannt.
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Natürlich verwendeten die alten Araber und die frühen Muslime tatsächlich Schwerter; das waren damals überall gängige Waffen. Aber später stiegen sie auf modernere Hinrichtungsmethoden um, wie alle anderen auch. Im Osmanenreich, das ja auch Syrien und den Irak umfasste, hat man seit Mitte des 19. Jahrhunderts nur noch durch Erhängen hingerichtet.6 Die Todesstrafe mittels Enthäuptung ist in der hanafitischen Rechtsschule auch gar nicht vorgesehen. Die Rechtsbücher der Hanbaliten dagegen, denen sowohl die Saudis wie die irakisch-syrische Terrorgruppe „Islamischer Staat“ folgen, schreiben das Schwert vor. In Saudi-Arabien wird in der Tat mit dem Schwert hingerichtet, aber seit wann? Der Staat existiert ohnehin erst seit 1932. Es gibt im Königreich nur wenige gute Scharfrichter, weshalb man dort das Erschießen bevorzugt.
Wahrscheinlich hat man sowohl in Saudi-Arabien wie auch im „Islamischen Staat“ irgendwelche Prophetenüberlieferungen neu beleben wollen, was einer re-invented tradition gleichkommt. Solchen Hadithen zufolge hat der Kalif Umar (reg. 634–44) dem Propheten mehrmals vorgeschlagen jemandem den Kopf abzuschlagen. Zu der Zeit war das noch nicht exotisch.

reelbadarabsIch vermute aber, dass der IS mit seinen Schwertern — mehr noch als auf Hadithe — auf die orientalistische Bildertradition im „Westen“ Bezug nimmt und sie medial ausnutzt. IS-Kämpfer lassen sich gerne mit Schwertern ablichten. Vielleicht werden die auch bei Hinrichtungen benutzt, obwohl das Bildmaterial oft irgendwie unecht wirkt. Ich habe mir die Filme dieser Hinrichtungen nicht so genau angesehen, und schon gar kein zweites Mal. Vielleicht habe ich hier oder da ein Schwert erkannt, wo nur ein Fleischermesser war. Das bewiese dann, dass auch ich darauf progammiert bin, Muslime mit Schwertern zu sehen. Welcher von den Terroristen hat wirklich jemanden mit einem Schwertschlag geköpft? Köpfen will gelernt sein und man braucht dazu viel Körperkraft. Es verlangt äußerste Konzentration, bis es bei laufender Kamera mit einem Mal gelingt.

So oder so, der IS will die jahrhundertealte Bildkraft des Schwertes nutzen; man weiß dort sehr wohl, dass Muslime mit Schwertern uns seit Jahrhunderten gruseln lassen. Es ist ein weiteres Beispiel dafür, wie Muslime sich selbst nach Vorbildern inszenieren, die von „orientalistischen“ Europäern stammen. Der „Westen“ bekommt damit genau die Muslime, die er sich vorstellt. Natürlich ist das Schwert nur ein Aspekt dieses Stylings. Mit dem finsteren Mittelalter hat das Ganze auf jeden Fall nicht so viel zu tun.

Vielleicht sollte jemand einmal der Frage nachgehen, warum archaische Tötungsweisen wie Köpfen oder Steinigen bei uns Entsetzen und Fassungslosigkeit auslösen, während das Morden mit Maschinengewehren und Drohnen als alltäglich hingenommen wird.

 

ANMERKUNGEN
1. Edward Gibbon, The Decline And Fall Of The Roman Empire, Bd. 3, London 1781, Kap. 50: […] „Mahomet, with the sword in one hand and the Koran in the other, erected his throne on the ruins of Christianity and of Rome,“ und „On the morning of the fatal day, he mounted on horseback, with his sword in one hand and the Koran in the other… .“
2. Ignatius Mouradgea d’Ohsson, Tableau Général de l’Empire Othoman, 7 Bde., Paris 1788-1824.
3. In Gottfried (Godfried) Arnold, Historie der kerken en ketteren van den beginne des Nieuwen Testaments tot aan het jaar onses Heeren 1688, Bd.1, Amsterdam 1701, S. 469. Ich danke dem niederländischen Historiker Martin Hillenga für den Hinweis. Eine hochauflösende Reproduktion steht hier.
4. De Hooghe kann noch kein Freimaurer gewesen sein, da die erste Loge in den Niederlanden erst 1734 eröffnet wurde.
5. So auch wieder in Sacha Baron Cohens Film The Dictator (2012).
6. Adolf Heidborn, Manuel de droit public et administratif de l’Empire Ottoman, 2 Bde., Wien 1909–1912, i, 370.

Diakritische Zeichen: Ḥusain ibn ʿAlī, Karbalāʾ, ʿUmar

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Das Kalifat in Medina, oder: das erste Arabische Reich, 622–661

Die Standarderzählung zum ersten arabischen Staat ist allgemein bekannt. Im Jahr 622 verließ der Prophet Mohammed seine Heimatstadt Mekka und wanderte nach Medina aus, wo er einen Staat gründete. Nach seinem Tod behielten drei seiner Nachfolger, gemeinhin bekannt als die „Rechtgeleiteten Kalifen“, Medina als Hauptstadt bei, das sie als Basis für immense Eroberungen benutzten. Der vierte Kalif, ‘Alī, regierte de facto von Kūfa (im Irak) aus. Nach seinem Tod im Jahr 661 verschob sich der Schwerpunkt nach Damaskus in Syrien, wo der Umayyade Mu‘āwiya, der bereits seit 642 als Statthalter regiert hatte, jetzt Kalif wurde.
Dieser sehr kurze Überblick scheint sowohl für Muslime wie auch für traditionelle Orientalisten im Westen akzeptabel zu sein. Aber ist diese Darstellung heutzutage wirklich noch vertretbar? Ich möchte mich hier nicht mit der Frage beschäftigen, ob dieses Reich *islamisch genannt werden kann oder noch nicht, sondern vielmehr mit der, ob Medina, eine Oase tief im Inneren der Arabischen Halbinsel, wirklich die Hauptstadt eines zentralistischen und sich schnell erweiternden Weltreichs sein konnte. Es hatte in der Gegend aus verständlichen geographischen Gründen noch nie einen unabhängigen Staat gegeben — und das sollte von 632 bis 661 auf einmal der Fall gewesen sein?

Im Jemen (Arabia Felix) hatte es schon seit zweitausend Jahren Staaten gegeben. Dieser Teil der Halbinsel hat ein relativ feuchtes Klima, sodass eine geregelte Landwirtschaft möglich ist. Bewässerung und Terrassenfeldbau verlangen eine zentrale Organisation, ein Staatswesen.

In Nordarabien (Arabia Petraea) hatte es über längere oder kürzere Perioden Staaten gegeben. Ich nenne nur Thamūd (ca. 715 vChr–600 nChr), den Nabatäerstaat (110 vChr–106 nChr) und die kurze Machtentfaltung der Königin Zenobia in Palmyra (268–272). Danach hatte es zwei arabische Dynastien in Vasallenstaaten gegeben: die Ghassāniden (500–630), Vasallen des Oströmischen Reichs, und die Lakhmiden (266–602), Vasallen Persiens. Beide Großreiche wurden regelmäßig von nomadischen Räuberbanden heimgesucht. Weder Ostrom noch Persien hatte diese Kamelnomaden erfolgreich bekämpfen können, weil sie sich schnell mit ihrer Beute in die Wüste zurückziehen konnten, in die geregelte Heere mit Pferden und Wagen nicht vordringen konnten. Deshalb hatten jene beiden Großreiche sich lieber mit den Beduinen angefreundet. Sie ernannten ein Stammesoberhaupt zum König, der bekam eine Krone, einen Königsmantel und einen Palast und darüber hinaus das Geld um seine Soldaten zu bezahlen, die im Gegenzug nicht länger ihre Wohltäter ausplünderten. Aber Ghassān und Lakhm hörten auf zu existieren, sobald das Oströmische Reich und Persien, durch Kriege untereinander erschöpft, aufhörten ihre Vasallen zu finanzieren.

In Mittelarabien (Arabia Deserta) hatte es nur eine staatsähnliche Entität gegeben: Kinda (425–528). Auch dies war ein Vasallenstaat, der vom jemenitischen Staat Himyar abhängig war. Als Himyar kollabierte, verschwand auch er. Es blieb nur eine vage Erinnerung an seine Könige; der letzte Königssohn war der berühmte Dichter Imru’u l-Qais. Es hatte in Mittelarabien also schon so etwas wie einen Staat gegeben, aber keinen unabhängigen.

Diese Lage änderte sich im siebten Jahrhundert mit dem überraschend erfolgreichen Versuch, einige Stämme um die Oase Yathrib (Medina) zu vereinen. Bleiben wir einen Augenblick bei der Standarderzählung: Es war Mohammed, der in seinen Jahren in Medina (622–632) die Stämme unter seinem Banner vereinte. Als er starb, hinterließ er tatsächlich etwas, das man einen Staat nennen kann.
Die islamische Standarderzählung über die Ereignisse nach seinem Tod unterscheidet sich  einigermaßen von der modernen. Die alten islamischen Geschichtsschreiber drücken es in religiösen Worten aus: Mohammed hatte die ganze Halbinsel unter dem Banner des Islams vereint. Nach seinem Tod wurden viele Stämme abtrünnig und schwuren dem Islam ab. In den sogenannten Ridda-Kriegen (632–634) islamisierten die Generäle des Kalifen Abū Bakr die Halbinsel aufs Neue. Nicht-islamische Historiker sind dagegen an der religiös geprägten Darstellung nicht interessiert. Sie gehen davon aus, dass Mohammeds Kernstaat ziemlich klein war, dass aber in den Jahren nach seinem Tod allerlei arabische Stämme erfolgreich in das neue Staatswesen integriert wurden; nicht zum zweiten, sondern zum ersten Mal.
Bis hier ist die Erzählung von dem neuen Staat mehr oder weniger plausibel. Alle Oasen müssen gewissermaßen Staaten sein, wäre es nur um den Zugang zum Wasser und dessen Verteilung zu regeln. Stämme entlang der Handelsstraßen müssen unter Kontrolle gebracht und gehalten werden, damit Karawanen sich nicht plötzlich von Wasser, Nahrung und Futter abgeschnitten sehen. Eine allmähliche Erweiterung dieses ersten Staates in den Rest der Halbinsel hinein, wenn auch noch nie zuvor da gewesen, ist auch nicht unvorstellbar. Aber einhergehend mit der Einigung der Halbinsel setzte eine schnelle und gewaltige Vergrößerung des neuen Staats ein. 635 wurde Syrien annektiert; 634–642 wurden Irak und West-Iran erobert, 639–642 Ägypten, 640 Palästina und 640–660 der gesamte Iran, bis tief hinein nach Zentralasien. Mit anderen Worten: in dreißig Jahren wurden das ganze Persische und das halbe Oströmische Reich dem Arabischen Reich eingegliedert. Wenn es nicht nachweisbar so geschehen wäre, würde man es nicht glauben. Aber stimmt es auch, dass dieses riesige Reich dreißig Jahre lang das ungünstig gelegene Medina zur Hauptstadt hatte und von dort aus zentralistisch regiert wurde? Um diese Frage zu beantworten sollten wir erst mal schauen, was ein Reich so braucht:

– Ein großes Grundgebiet
– Eine Bevölkerung
– Eine zentrale Befehlsgewalt, Statthalter, Steuer- und andere Beamte, Richter
– Schnelle und zuverlässige Kommunikationsmittel
– Agrarüberschüsse
– Regelmäßige Steuereinkünfte
– Ein stehendes Heer unter zentralem Kommando und das Geld um es zu bezahlen.
– Legitimität der Regierung

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Diakritische Zeichen: ʿAlī, Muʿāwiya, Ṯamūd, Ġassān, Lakhm, Ḥimyar

Porträts berühmter Araber

Ali ibn abi TalibDer berühmteste Araber, der je gelebt hat, war der Prophet Mohammed. Inzwischen ist allgemein bekannt, dass Muslime es ungern sehen, dass ihr Prophet abgebildet wird. Für manche Leute, die gerne piesacken, ist gerade das ein Anlass um auf provozierender Weise ein Porträt oder gar eine Karikatur von ihm zu veröffentlichen, am liebsten mit abwertender Unterschrift.

„Aber das ist doch gar nicht Mohammed; das ist Ali!,“ rufen Sie vielleicht aus, wenn sie das obige Bildchen anklicken. Ach ja? Woher wollen Sie das wissen? Haben Sie die beiden gekannt? Wahrscheinlich haben Sie Ali nur „erkannt“, weil Sie den Text über seinem Kopf lesen konnten. Oder Sie waren in Iran oder in anderen shiitischen Umgebungen unterwegs, wo man in der Tat zahllose „Porträts“ Alis findet, wie auch von seinen Söhnen Hasan und Husain, die ganz der Vater sind. Diese Bilder haben den europäischen Andachtsbildchen und Kinderbibeln viel zu verdanken; sie sind ziemlich stereotyp und nichtssagend, so dass jeder doch noch die Chance bekommt sich die Abgebildeten nach eigenem Wunsch vorzustellen. Wenn ich das Bild von Husain betrachte, vermute ich dass es bei jungen Mädchen dieselbe Erregung wecken könnte wie manche Popstars auch. Zufall ist das sicherlich nicht.
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sooreh hera-021Es gibt etliche Texte, bei denen ein Bild von Ali mit der Unterschrift „Mohammed“ abgedruckt worden ist. Manchmal hat jemand sich einfach vertan; manchmal steckt Absicht dahinter. Im niederländischen Den Haag musste 2007 eine Ausstellung der Künstlerin Sooreh Hera abgeblasen werden, weil sie zwei halbnackte Männer auf einem Bett abgebildet hatte mit zwei nahezu identischen Gesichtsmasken, die vage an Ali erinnerten. Die Bildtexte nannten ausdrücklich Mohammed und Ali.
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Die Empörung über Mohammedporträts wird nie durch die Abbildungen selbst verursacht, sondern immer durch die Bildtexte oder Kommentare. Weder von Mohammed noch von Ali ist nämlich bekannt, wie sie ausgesehen haben. Die alten Muslime machten keine Porträts, auch nicht von irgendjemand anderem. Das hat mit dem islamischen *Bilderverbot zu tun: Menschen und Tiere sollten nicht gemalt oder plastisch wiedergegeben werden. In Iran, Indien und im Osmanenreich hat man es trotzdem getan, aber erst ziemlich spät und längst nicht so oft wie in Europa, das eine reiche Porträttradition vorweist. Es gibt also keine (keine!) Zeichnungen oder Gemälde von Mohammed oder Ali oder von dessen Söhnen oder von wem auch immer — und Statuen schon gar nicht. Porträts entstanden in der arabischen Welt erst nach der Erfindung der Fotografie, also in der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts. Aus der Zeit davor kennen wir bestenfalls die Konterfeis einiger mächtiger Personen, wenn sie zufällig von einem auf Besuch weilenden europäischen Künstler gemalt wurden. Ob solche Gemälde oder Stiche nach dem Leben angefertigt wurden, ist dann noch fraglich.
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Al-Ma‘arriAl-MutanabbiTrotzdem finden Sie in Ihren Wikipedia-Artikeln bei vielen berühmten alten Arabern und anderen Muslimen Porträts. Saladin, Ibn Khaldun, Avicenna und viele mehr: bei allen gibt es Bildchen. Auch auf Briefmarken und Banknoten sind die Herren verewigt worden und von den allerberühmtesten gibt es sogar Statuen; alles in Nachahmung europäischer Gepflogenheiten. Alle diese Porträts basieren auf nichts anderem als der Fantasie und sind eine Folge der modernen Bildersucht. Es ist kaum noch möglich, einen Artikel ohne Bild zu schreiben, also legt sich die freie Fantasie ins Zeug. Deren Produkte sind meist ziemlich einförmig. Die Herren schauen würdig aus, sie sind vornehm mit irgendeinem historischen Gewand bekleidet und tragen Vollbart und Turban; auf einer DDR-Briefmarke hat Avicenna eine Fantasiemütze auf dem Kopf und oben darauf eine Art Dornenkrone. Manchmal wird das Gemälde eines europäischen „orientalistischen“ Malers benutzt (Hasan al-Basri). In anderen Fällen wird ein bereits existierendes Porträt einer Berühmtheit für eine andere spiegelverkehrt wiederverwendet. Das ist zum Beispiel den Dichtern al-Mutanabbi und al-Ma‘arri widerfahren.
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Aus der Vergangenheit sind manchmal Beschreibungen von Personen erhalten geblieben. Im Fall Mohammeds sind die sogar ziemlich ausgiebig; die habe ich hier besprochen. Aber was hat man von solchen Schilderungen? Die Polizei kann heutzutage auf Grund von Beschreibungen ein Phantombild anfertigen, aber das wird der betreffenden Person nur dann ähnlich, wenn ein Zeuge sie wirklich gesehen hat. Das führt uns also bei den alten Arabern nicht weiter.
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Nach der Erfindung der Fotografie war es um das Bilderverbot übrigens schnell geschehen. Die ersten Porträtfotos aus der Arabischen Halbinsel sind von Muhammad Sadiq Bey und datieren von 1861. Chr. Snouck Hurgronje hat 1884 viele Menschen in Mekka fotografiert und die Ergebnisse veröffentlicht. Fortan wollten alle geknipst werden und das Bilderverbot wurde einfach abgeschafft. Hier finden Sie einige Pseudoporträts beisammen; hier folgen noch einige:

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Die Maultiere des Propheten

Ein Maultier (Arabisch baghl)1 ist ein Kreuzungsprodukt einer Pferdestute und eines Eselhengstes; ein Maulesel ist der Nachkomme von einer Eselstute und einem Pferdehengst. Weil wir meistens nicht wissen, welche Sorte in alten arabischen Texten gemeint ist, nenne ich sie hier alle Maultiere. Diese werden vielleicht auch die Mehrheit gebildet haben, denn sie sind am leichtesten zu züchten und außerdem stärker und ausdauernder als Maulesel. Herbert Eisenstein hat alle Texte zu Mohammeds Maultieren und Eseln gesammelt. Aus seinem Artikel2 werde ich hier schöpfen. Mehr Texte als er habe ich nicht gefunden; an Interpretation möchte ich allerdings einiges hinzufügen.
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Duldul
Das Maultier par excellence war Duldul. Es wird sogar als das islamische Urmaultier überhaupt betrachtet, denn es heißt: „Duldul war das erste Maultier im Islam, das man zu Gesicht bekam).“ 3 Solche „erste“-Traditionen (awā’il) gibt es viele; meist dienten sie dazu, den Terminus post quem irgendeines Phänomens festzustellen. Aber sie können tendenziös sein — so auch in diesem Fall.4 Es gibt in bester arabischer Tradition einiges an biographischem Material zur Stute Duldul.5 Sie soll dem Propheten von dem Muqauqis von Alexandrien geschenkt worden sein — wer auch immer das war —, zusammen mit einem Esel, Gold, Textilien und zwei schönen Sklavinnen, Māriya und Sīrīn.6
In der Schlacht von Hunain (630) soll der Prophet auf Duldul geritten sein und zu ihr gesagt haben: Irbidī! (leg dich!), oder: Sdi! (streck dich!), so dass er eine Handvoll Staub nehmen konnte, den er seinen Feinden ins Gesicht warf. In einer anderen Variante sagte er am Tag der Schlacht zu seinem Onkel ‘Abbās: „Reiche mir einige Kiesel!”, was Duldul aber verstand, worauf sie unaufgefordert mit ihm niederging, so dass er die Kiesel selbst nehmen konnte.
Das Tier überlebte Mohammed um mehr als dreißig Jahre und starb während der Regierung des Kalifen Mu‘āwiya (661–680) in Yanbu’ an der Küste des Roten Meers. Ein Alter von fünfzig Jahren ist für ein Maultier durchaus möglich; es muss wohl nicht mehr ganz jung gewesen sein, als es in Medina eintraf. Im hohen Alter waren Duldul die Zähne ausgefallen, so dass die Gerste für sie gemahlen werden musste. Ihr tragischer Tod war filmreif: Blind geworden geriet sie in ein Melonenfeld, das sie zertrampelte. Das Feld gehörte einem Mann der Banū Mudlidj, der sie mit einem Pfeil tötete, offensichtlich nicht ahnend, mit welch noblem Tier er es zu tun hatte.
Laut schiitischer Überlieferung sollen auch ‘Alī, seine beiden Söhne und seine rechte Hand Muhammad ibn al-Hanafīya noch auf Duldul geritten sein.
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Andere Maultiere
Auch über die anderen Maultiere des Propheten hat Eisenstein Texte gesammelt, die ich hier kurz zusammenfasse:7
– Fidda („Silber”), eine weißes Tier, das Farwa ibn ‘Amr al-Djudhamī ihm schenkte, und das er an Abū Bakr weitergab,
– ein weißes Tier, das er vom Herrscher von Aila (heute ‘Aqaba) geschenkt bekam,
– ein Maultier, das Kisrā, der König von Persien, ihm schenkte und das er mit einer Satteldecke aus Haar geritten haben soll,
– ein Grauchen, ein Geschenk des Negus von Abessinien,
– ein Geschenk von dem Herrn von Dūmat al-Djandal (beim heutigen al-Jawf oder Jouf)
– und ein nicht spezifiziertes Tier, von dem erzählt wird, dass es mit dem Propheten durchging, woraufhin er ihm einen Koranvers vorlesen ließ.

Wie viele Maultiere es in den Stallungen des Propheten nun genau gab, bleibt unklar, denn die Namen dieser Tiere und auch Teile ihrer Biographien sind in der Überlieferung arg durcheinander geraten. Aber wollen Sie sie wirklich zählen? Es ist doch offenkundig, dass alle diese Berichte über Tiere bis auf den letzten eigentlich nur eins sind: Variationen über das Thema: „ein Maultier wird dem Propheten geschenkt“, das als Präzedenzfall für eine Scharia-Regel fungiert.
In der Tat, laut den Texten waren nahezu alle diese Maultiere Geschenke aus dem Ausland. Aila und Dūma liegen zwar im Norden Arabiens, galten damals aber noch als christliches Gebiet. Auch Fidda kam aus dem Ausland, denn das Tier war ein Geschenk von Farwa ibn ‘Amr, der bis zu seiner Bekehrung und seinem anschließendem Martyrium römischer Statthalter in Ma‘ān im heutigen Südjordanien war.8
Zum Motiv der geschenkten Sklavinnen Māriya und Sīrīn habe ich bereits hier erklärt, welche Funktion Geschenke aus dem Ausland in den frühen islamischen Texten haben. Sie sollen – durch das beispielgebende Handeln des Propheten – die An- oder Übernahme außerislamischer Güter legitimieren.

Aber waren Maultiere überhaupt neu und fremd? Im ganzen alten Orient gab es sie doch; auch in Äthiopien waren sie verbreitet. Es waren starke und zuverlässige Last- und Reittiere, die gerne benutzt wurden; werden sie denn in Arabien gefehlt haben? Das mag ich nicht glauben.
Das arabische Wort für Maultier, baghl, ist äthiopischer Herkunft. Obwohl die Tiere auch in Syrien und am Golf vorkamen, wird es einfacher gewesen sein, sie über das Meer aus Afrika nach Arabien zu importieren. Hunderte von Kilometern durch die Wüste konnten sie ja nicht laufen.
Offensichtlich will die Mitteilung, dass die ägyptische Duldul „das erste Maultier im Islam“ war, uns glauben machen, dass Maultiere im alten Arabien neu waren. An ihnen konnte nichts Vorislamisches sein, denn der Prophet war der Erste, der eines besaß. Und das, obwohl der Koran Maultiere bereits in dem frühen Vers 18:6 wie selbstverständlich erwähnt. Mit anderen Worten: Die Rede sowohl von der Fremdheit wie auch von der Neuheit von Maultieren zur Zeit Mohammeds ist nichts weiter als fromme Dichtung von Rechtsgelehrten.
Welche islamischen Rechtsregeln in Bezug auf Maultiere gibt es?
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Rechstregeln in Bezug auf Maultiere
– Maultierfleisch essen ist nicht erlaubt – diesen Aspekt lasse ich hier unbehandelt.
– Auf Maultieren zu reiten ist ohne Weiteres erlaubt, denn es heißt in Koran 16:8:  وَالْخَيْلَ وَالْبِغَالَ وَالْحَمِيرَ لِتَرْكَبُوهَا وَزِينَةً وَيَخْلُقُ مَا لَا تَعْلَمُونَ „Und die Pferde und die Maultiere und Esel, damit ihr sie besteigt, sowie als Zierde.“ Dass der Prophet mehreren Erzählungen zufolge auch tatsächlich auf einem Maultier ritt, steht damit im Einklang. Laut der Bibel ritten im alten Israel auch die Könige David und Salomo auf ihnen und Maultiere konnten auch als fürstliches Geschenk dienen.9
– Ein normaler Umgang mit Maultieren hat keine rituelle Unreinheit zu Folge.
– Eine Kreuzung zwischen Pferd und Esel selbst durchzuführen, ist für Muslime „verwerflich“ (makrūh). Ein Hadith befindet darüber unzweideutig:

  • … Der Prophet bekam ein Maultier geschenkt und ritt darauf. Da sagte ‘Alī: „Wie wäre es, wenn wir mal Esel Pferde bespringen ließen? Dann hätten wir auch solche Tiere.“ Aber der Prophet sagte: „Das machen nur Leute ohne Kenntnis.“ 10

In den Texten, die Eisenstein dazu gefunden hat, wird diese Aussage des Propheten mit dem Maultier aus Aila in Verbindung gebracht.11 Muslime, die ein absolutes Kreuzungsverbot befürworteten, interpretierten „Leute ohne Kenntnis“ als „Menschen, die das Verbot nicht kennen.“ Auf jeden Fall gilt das Züchten von Maultieren als eine aus islamischer Sicht unerwünschte Tätigkeit. Bei den Juden war das Verbot noch eindeutiger, aufgrund des Bibelworts 3. Mose 19:19:„Lass nicht zweierlei Art unter deinem Vieh sich paaren.“

Aber weiter mit den Rechtsregeln:
– Trotz des Zuchtverbots durften existierende Tiere aber benutzt oder von außerhalb angenommen oder eingeführt werden.
– Umgang mit widerspenstigen Maultieren: Dem Tier, das mit ihm durchging, verpasste der Prophet eine Lektion, indem er es einsperrte und ihm Koran 113:1 rezitieren ließ, worauf es sich beruhigte. Durch so einen Bericht lernten die Muslime, was auch sie in solchen Fällen zu tun hätten. Die letzten beiden Suren des Koran heißen „Schutzsuren” (al-mu‘awwidhatān) — durch sie meinte man auch die böse Macht eines Dämons, der ein Maultier geritten hatte, bändigen zu können. 

Ich vermute, dass es ungefähr wie folgt abgelaufen ist. Die Araber und frühen Muslime ritten einfach auf Maultieren und benutzten sie als Lasttiere wie jeder anderer auch. Als nach zwei, drei Jahrhunderten islamische Rechtsgelehrte anfingen, das ganze Leben auf die Vereinbarkeit mit den von ihnen aufgestellten Rechtsregeln hin zu überprüfen, nahmen sie auch das Maultier durch. Da wie immer der Prophet die höchste Autorität gewesen sein musste, ließen sie ihn auch auf Maultieren reiten, ja sogar als Allerersten. Das jüdische Zuchtverbot behielten sie aber bei; deshalb bleibt in den Texten an Maultieren immer etwas vage Unislamisches haften.


Auch veröffentlicht in zenith, 03/2014, S. 110–1 und online.
Hier über die Esel des Propheten

ANMERKUNGEN
1. Ch. Pellat, „Baghl,” in EI2.
2. H. Eisenstein, „Die Maultiere und Esel des Propheten,” in Der Islam, 62 (1985), 98–131.
3. Ibn Saʿd, Kitāb aṭ-Ṭabaqāt al-kubrā, 8 Bde., hg. Iḥsān ‘Abbās, Beirut o.J., i, 491.
أول بعلة رؤيت في الإسلام أهداها له المقوقس
; Ibn Saʿd, o.c. i, 260: „ein weißes Maultier; das einzige, das die Araber zu der Zeit hatten.” غلة بيضاء لم يكن في العرب يومئذ غيرها
4. F. Rosenthal, Art. „Awāʾil,” in EI2..
5. Eisenstein, o.c. 99–101.
6. Zu diesen Sklavinnen s. hier.
7. Eisenstein, o.c. 101–4.
8. Ibn Isḥāq: Das Leben Muhammed’s nach Muhammed Ibn Ishâk bearbeitet von Abd el-Malik Ibn Hischâm, hrsg. F. Wüstenfeld, Göttingen 1858–60, 958; Übers. Guillaume 644; Ibn Ḥaǧar al-‘Asqalānī, Al-Iṣāba fī tamyīz aṣ-ṣaḥāba, 8 Bde., Kairo, o.J., v, 386–7.
9. Bibel, 1. Könige 1:33, 38, 44; 10:25.
10. Eisenstein, o.c. 103.; Abū Dawūd, Ǧihād 53:

حدثنا قتيبة بن سعيد حدثنا الليث عن يزيد بن أبي حبيب عن أبي الخير عن ابن زرير عن علي بن أبي طالب ر قال: أهديت لرسول الله ص بغلة فركبها فقال علي: لو حملنا الحمير على الخيل، فكانت لنا مثل هذه. قال رسول الله ص: إنما يفعل ذلك الذين لا يعلمون.

11. Eisenstein, o.c. 103.

Diakritische Zeichen: baġl, awāʾil, Ḥunain, irbiḍī, Muʿāwiya, Yanbuʿ, ʿAlī, Banū Mudjlǧ, Muḥammad ibn al-Ḥanafīya, Fiḍḍa, Farwa ibn ʿAmr al-Ǧuḏamī, Dūmat al-Ǧandal, Maʿān, al-muʿawwiḏatān

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Vorislamisches Arabien

roadstoarabiaWie bereits gesagt, der religiös gefärbte Begriff Dschahiliyya und dessen Auslegung verzerren das Bild des vorislamischen Arabiens. Wie kann man nun wissen, wie es „wirklich“ war? Dabei bekommen wir, wie immer bei historischen Forschung, Hilfe von zwei Sorten Zeugen:

1. Das Bodenarchiv:
Überreste von Gebäuden, Gräbern, Inschriften, Münzen, Geschirr und so weiter. Es gibt Fachzeitschriften, in denen die Ergebnisse archäologischer Arbeit dokumentiert werden, z.B. Aṭlāl. Viele Ausgrabungen hat es auf der arabischen Halbinsel nicht gegeben. Grabungen in Mekka und Medina sind strengstens untersagt; im übrigen Arabien scheint man vor allem zu befürchten, dass etwas Christliches gefunden werden könnte, namentlich in Naǧrān. Zehntausende Inschriften von Beduinen sind gefunden worden. Die Nomaden des alten Arabien waren keine Analphabeten, sondern schrieben viel — allerdings nicht auf Arabisch. Diese Inschriften, von denen immer mehr veröffentlicht werden, können unser ganzes Verständnis des alten Arabiens, einschließlich der Entstehung des Islams, gründlich ändern.

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Vorislamische Wandmalerei aus Qaryat al-Fāw, Saudi-Arabien (1. Jh. n. Chr.). Aus technischen Gründen war es nicht möglich, hier die ganze Malerei zu zeigen. Über dem Mann sind noch mehr Trauben zu sehen; von der Frau, die ihm die Trauben reicht, ist mehr sichtbar und die Hand mit den Trauben links gehört ebenfalls einer Frau. Rechts ist in altsüdarabischer Schrift das Wort ZKY te zu erkennen. Der Stil der Malerei ist Römisch. Sie erinnert an ein sog. Fayum-Porträt aus Ägypten.
(Quelle des Fotos: A.R. al-Ansary, Qaryat al-Fau, A portrait of Pre-Islamic Civilisation in Saudi Arabia, Riad 1957–1982, S. 127, 135–7.)


Thamūd, 1. (?) Jh.n. Chr. Vgl. Koran 7:74; „… so daß ihr euch in seinen Ebenen Schlösser machtet und die Berge zu Häusern meißeltet!“ Zwei Doppelhaushälften also? Es werden vielmehr Gräber sein.

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2) ­Islamische und andere Texte
wie die von Ibn Ishāq, Sīra, Ibn Hishām, Kitāb al-Tīdjān oder Ibn al­-Kalbī, Kitāb al-asnām datieren auf mehr als ein Jahrhundert nach der Periode, die sie beschreiben und wollen überdies, weil sie religiös inspiriert sind, gerade den Unterschied zwischen Islam und Dschahiliyya betonen. Spätere Schriften sind auch nicht verlässlicher. Genealogische Texte sind oft verdächtig, weil deren Autoren rückwirkend den Ruf ihrer Vorfahren und dadurch ihren eigenen Ruf unterstreichen wollen. Gibt es außer den oben erwähnten Inschriften noch ältere oder neutralere Texte?

  • Es gibt einige Berichte und Zeugnisse von nicht­-arabischen Autoren. Die verzerren das Bild auch, aber wieder anders. Eine willkommene Ergänzung.
  • Und es gibt eine sehr reichhaltige vorislamische arabische Poesie, die einen Einblick in die altarabische Gesellschaft ermöglicht. Problem: diese Poesie wurde anfangs mündlich überliefert und erst in islamischer Zeit aufgezeichnet. Ist sie wirklich so alt? Diese Frage haben die Wissenschaftler noch nicht ausreichend beantwortet. Meist hält man einen Kern dieser Poesie für richtig alt.

Eine Kostprobe dieser Poesie von Imru’ al-Qais:1

  • Erlebt‘ ich doch von ihnen vergnügte Tage gnug;
    Voraus, bei Dara Dschudschul, was dort der Tag mir trug.
    Da schlachtet‘ ich den Mädchen das Thier, auf dem ich ritt;
    Und mein Gepäcke nahmen sie auf den ihren mit;
    Wo sie die Stücke Fleisches sich warfen zu und fingen,
    Woran des Fettes Troddeln wie Seidenfransen hingen.
    Da drängt‘ ich in die Sänfte Oneisa’s mich hinein;
    Sie rief: Willst du hinunter mich werfen? o halt ein!
    Sie rief, als das Gestelle mit uns sich niedergab:
    Du wirst mein Reitthier schinden, o Amrilkais, steig ab!
    Ich sprach zu ihr: o reite nur zu, laß ihm den Zaum!
    Und wehr mir nicht, zu pflücken die Frucht an deinem Baum!

Diese Übersetzung von Friedrich Rückert (1788-1866) hört sich sehr Deutsch an und gibt das Original nur annähernd wieder. Die alte arabische Poesie ist im Original außerordentlich schön; sie ist ein ausreichender Grund um klassisches Arabisch zu lernen.

Und wie war sonst das Leben im alten Arabien? Viele Menschen denken bei diesem Namen gleich an Wüste. Die gibt es auch zuhauf, aber die Wüste war so gut wie unbewohnt. Die meisten alten Araber wohnten wohlweislich in den bewohnbaren Teilen des Landes. Die Wüste sahen sie vor allem, wenn sie verreisten.
Auf der Halbinsel ist geregelte Landwirtschaft an vielen Stellen südlich von Mekka bis einschließlich dem Jemen möglich und des Weiteren natürlich in den vielen ausgedehnten Oasen. Die Südküste Omans hat ein feuchtes tropisches Klima mit Monsunregen. Im Inland liegt der 3000 Meter hohe Berg Jebel Akhdar, der Regenwolken anzieht.
Landwirtschaft und/oder Viehzucht war/en ebenfalls möglich in den Gebieten westlich vom Irak und an der Ostseite Syriens und Jordaniens, Gebiete die ebenfalls zu Arabien gerechnet wurden. Die ganz trockenen Teile der Halbinsel wurden von Nomaden (Beduinen) bewohnt, die sich meist mit der Kamelzucht beschäftigten und auch für den Transport über die Halbinsel zuständig waren.
Auch hört man immer wieder behaupten, der Islam sei eine Wüstenreligion. Das ist nur sehr bedingt der Fall: Mekka war eine Stadt, Medina eine große Oase. Arabisch war oft nicht die Muttersprache der Wüstenbewohner (Beduinen). Sollte der Islam bei näherer Betrachtung doch aus Jordanien oder Syrien stammen: Auch das sind keine Wüsten. Beduinen werden im Koran sehr negativ beschrieben. Für Religion waren sie offensichtlich wenig veranlagt.

Laut Überlieferung soll im 7. Jahrhundert mitten in Arabien ganz unerwartet ein Staat entstanden sein, mit der Hauptstadt Medina, unter Einfluss der geistigen Bewegung, die später unter dem Namen Islam bekannt wurde. Einen unabhängigen Staat mitten auf der Halbinsel hatte es vorher nie gegeben. Es hatte allerdings drei abhängige Staaten gegeben, die alle mit einem der unabhängigen Staaten aus der Gegend verbunden gewesen waren: mit dem Oströmischen Reich, dem Persischem Reich oder dem Jemen, wo Königreiche mit unterschiedlichen Namen aufeinander gefolgt waren, der aber zuletzt unter äthiopischer, bzw. persischer Herrschaft gestanden hatte. Alle drei Vasallenstaaten hatten sich bis tief in die Halbinsel ausgedehnt. Die Aufgabe ihrer Führer war es, die Nomaden an das jeweiligen Reich zu binden um Raubzügen vorzubeugen und Verkehrsverbindungen zu sichern. Sie bekamen einen Titel, ein Palästchen, einen schönen Königsmantel und einen Sack voll Geld. Damit sollten sie auch eine Armee finanzieren, die als Puffer gegen das jeweils andere Reich dienen konnte. Ostrom und Persien führten ja ständig Kriege miteinander.

Die drei Vasallstaaten waren:
– das Königreich der Ghassāniden (500–630), im heutigen Ostsyrien und Jordanien,
– das Königreich der Lakhmiden im Irak (266–640), westlich vom Zweistromland,
– Kinda (425–528), nördlich vom Jemen. 

Wenn diese Vasallenstaaten auch nicht stark waren, sie boten den Arabern Jahrhunderte lang Gelegenheit sich mit den Hochkulturen der damaligen Welt vertraut zu machen.
Sobald die Großreiche nicht länger geneigt oder im Stande waren ihre Verbündeten finanziell zu unterstützen, verschwanden die Vasallenstaaten wieder. Ganz unabhängige Staaten waren in den trockenen Teilen Arabiens wohl nicht möglich. War das Kalifat von Medina (622–661) denn möglich? Zu dieser Frage habe ich hier einen separaten Beitrag geschrieben.

ANMERKUNGEN
1. Amrilkais / Der Dichter und König / Sein Leben dargestellt in seinen Liedern / Aus dem Arabischen übertragen von Friedrich Rückert, Hrsg. Hermann Kreyenborg, Hannover 19242, S. 5–8.

BIBLIOGRAPHIE
– Robert G. Hoyland, Arabia and the Arabs from the Bronze Age to the Coming of Islam, London 2001.
– M. M. Bravmann, The Spiritual Background of Early Islam. Studies in Ancient Arab Concepts, Leiden 1972.
– Ewald Wagner, Grundzüge der klassischen arabischen Dichtung. Band I: Die altarabische Dichtung, Darmstadt 1987.

Diakritische Zeichen: aṭlāl, Ibn Isḥāq, Ibn Hišām, Kitāb al-Tīǧān, Kitāb al-aṣnām, Ġassāniden, Laḫmiden

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Die Zerstörung Mekkas

makkah-and-the-makkah-clock-tower-950x615Damit meine ich nicht den Abbruch der Ka‘ba, der am Ende der Zeiten zu erwarten ist, sondern die Tätigkeiten des heutigen saudischen, wahhabitisch geprägten Regimes bei der Modernisierung Mekkas und bei der Ausweitung der Einrichtungen für Pilger. 2012 kamen drei Millionen Pilger in die Stadt; 2013 bekamen nur zwei Millionen die Erlaubnis, was bald mit den Baumaßnahmen, bald mit der Gefahr der Ansteckung durch den MERS-Virus begründet wurde. 2025 werden aber 17 Millionen Pilger erwartet (wieso eigentlich?) und etwas muss unternommen werden um diese in der engen, von Bergen eingeschlossenen Stadt aufnehmen zu können. Ein Artikel in The Guardian zeigt die sehr megalomanen Baupläne. Die Kaʿba ist darin kaum noch wiederzufinden.

Foto Saudi Bin Laden Group

Foto Saudi Bin Laden Group

Schön wird das alles nicht, aber wo gibt es heute noch schöne Architektur? Eine gewaltige Tiefgarage unter der Kaʿba gibt es bereits. Auch verschiedene Shopping Malls sind in der Nähe vorhanden, mit u.a. einer Boutique von Paris Hilton; oder hat die wieder zugemacht? Hauptstück ist ein 601 meter hoher Uhrturm, im Vergleich zu welchem der Campanile in Venedig und der Big Ben nur Winzlinge sind. Die Riesenuhr ist 43 meter in Durchschnitt und ist made in Germany. Indem sie durch aufleuchtende Zeiger die genauen Gebetszeiten vorgibt, zementiert sie eine Neuerung, die mit der Erfindung der Stehuhr schon eingesetzt hatte. Im frühen Islam konnten die Gläubigen selbst anhand des Sonnenstandes feststellen, wann es Zeit zum Beten war; in der Praxis half ihnen ein menschlicher Muezzin. Es gab ziemlich breite Zeitfenster, in denen das Gebet gültig war. Jetzt werden die genauen Zeitpunkte mit deutscher Präzision durch eine unpersönliche Behörde festgestellt — wenn es nach den Saudis ginge, gleich für die ganze Welt. Wer auf diese Uhr schaut wird das Gebet nicht zu unterlassen wagen; in Riesenbuchstaben steht ja der Name Gottes darüber.

Für Hotels, Kongresszentren, Malls, Apartmentblocks und Parkplätze müssen selbstverständlich historische Bauten und archäologische Fundstatten aus allen Jahrhunderten weichen; das ist nichts Neues und kommt überall vor. Aber nicht jeder weiß und erwartet vielleicht, dass in Mekka eine Sorte Denkmäler mit besonderem Eifer zerstört wird: die frühislamischen. Das hat nicht nur mit den Bauplänen zu tun, sondern auch mit der religiös fundierten Abneigung der Regierung gegen Gräber und (mögliche) Pilgerorte einerseits, gegen die Biografie des Propheten andererseits. Bereits 1925 hat die frisch angetretene wahhabitische Regierung den Friedhof Medinas, Baqiʿ al-Gharqad, zerstört. Dort lagen nicht irgendwelche Menschen begraben, sondern die Frauen und Zeitgenossen des Propheten! Die islamische Welt war entsetzt; trotzdem wurde noch im selben Jahr auch der historische Friedhof Mekkas planiert. So gingen auch die Gräber von Mohammeds Vorfahren verloren und das seiner ersten Frau, Khadidja. Bei den heutigen Bauaktivitäten verschwindet unter anderem jede Reminiszenz an das Geburtshaus des Propheten. Das Wohnhaus Khadidjas ist schon abgetragen worden; laut Guardian musste es Platz machen für einen Block von nicht weniger als 1400 Toiletten. In Mekka sch….t man auf die Vergangenheit.

Doch spricht vieles für den saudischen Zerstörungsdrang, oder? Alle diese historischen Stätten sind ja nicht wirklich historisch. In Goethes Geburtshaus in Frankfurt ist der Dichter wenigstens wirklich geboren, das ist nachgewiesen … wenn auch das Haus nur eine Kopie des kriegszerstörten Originals ist, haha. Aber hat Mohammed je einen Fuß in sein angebliches Geburtshaus gesetzt? Hat es ihn überhaupt gegeben? Hat Khadidja gelebt; und wenn ja, war das ihr Haus, war sie dort wirklich begraben? Liegt Abraham wirklich in dem heftig umkämpften Grab in Hebron (al-Khalil), wo doch sogar seine reale Existenz angezweifelt wird? Dass die Herberge des Barmherzigen Samariters, die angeblich in der Wüste Judäas steht oder stand, nepp ist, versteht jeder Leser von Lukas 10:34 auf Anhieb. Alle drei westlichen Religionen haben ganze Haufen Ballast dieser Art. Erfrischend also, dass die Saudis mit solchem Kram mal aufräumen?

Mekka 1953

Mekka 1953

Natürlich nicht. Ich bedaure es, dass diese Baudenkmäler zerstört werden. Auch wenn sie nichts mit Mohammed zu tun haben, Bauten oder Gräber aus den letzten vierzehn Jahrhunderten und vielleicht aus der Zeit davor sind historisch wertvoll; ich hätte gerne mehr darüber gewusst. Die wahhabitische Abneigung gegen Archäologie und Denkmalschutz folgt nicht nur aus der Sauberkeit ihrer Lehre, sondern auch aus der Angst vor der möglicherweise auffindbaren Vergangenheit. Vielleicht könnte nachgewiesen werden, dass die Heilsgeschichte doch anders verlaufen ist, dass die vorislamitische Zeit (Dschahiliyya) weniger barbarisch war als geglaubt oder christlicher als erwünscht.

Die wahhabitische Abneigung gegen die Prophetenbiografie hat zwei Aspekte. Die Verehrung von Menschen ist streng verpönt und für den Propheten wird keine Ausnahme gemacht. Der andere ist der religionsübergreifende fundamentalistische Hass gegen Dichtung im Allgemeinen. Die Biografie (Sīra) ist erzählend und deshalb Dichtung, das haben die Wahhabiten schon richtig verstanden. Ihr geistiger Urahn Ibn Taimīya (1263–1328) vertrat bereits den Standpunkt, dass das biografische Material wertlos und nicht bei juristischen Argumentationen einsetzbar ist; es sei denn, das Thema ist von großer Wichtigkeit und der Text wird mehrfach überliefert. Durch diese Einschränkung entfällt ein erheblicher Teil der Sīra. Die Geburt, die frühe Jugend, das erste Offenbarungserlebnis, all das interessiert nicht. Indessen bleibt Mohammed für die Saudis natürlich eine äußerst wichtige Person, daran ist kein Zweifel. Er darf nur kein Leben gehabt haben, nichts Menschliches-Allzumenschliches. Was von der Sīra übrig bleibt, ist eine relativ beschränkte Zahl Hadithe, die die Rechtsregeln oder deren Basis bilden — man findet sie in juristisch verwendbaren Fiqh as-sīra-Sammlungen. Sīra light also. Wenn ich Muslim wäre, würde es mir schwer fallen, so einen nahezu abstrakten Propheten zu haben.

(Auch veröffentlicht in zenith Januar/Februar 2014 und in zenithonline.)

Mehr Fotos von Mekka 1953 finden Sie hier.

NACHSCHRIFT 21.07.2016: Siehe jetzt auch hier.

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Urwa, der älteste Biograf Mohammeds

BAUSTELLE!

Der bekannteste arabische Autor zur Mohammedbiografie (sira) ist Ibn Ishāq (704–767), der oft gelesen wird in einer Bearbeitung von Ibn Hisham (gest. ca. 830). Zwei Generationen älter und mindestens so wichtig war aber ‘Urwa ibn az-Zubair (± 643–712). Weil er kein Buch hinterlassen hat,1 hört man aber über ihn weniger. Dies kann sich ändern, wo jetzt ein wichtiger Teil seiner separat überlieferte Texte in einer deutschen Übersetzung zusammengebracht und kommentiert worden ist (→Görke/Schoeler, Die ältesten Berichte). Das Buch ist wichtig; leider ist es in den USA erschienen und liegt hier nicht in den Schaufenstern.

‘Urwa war ein Sohn des az-Zubair ibn al-‘Awwām, der zu den ersten Anhängern Mohammeds und zu der frühesten Elite dessen Bewegung gehörte. Als ‘Ali 656 Kalif wurde, wandte diese Elite sich gegen ihn. Az-Zubair und noch anderen lieferten im Süden Iraks eine Schlacht mit ‘Alī: die Kamelschlacht, benannt nach dem Reittier, auf dem Aischa die Kriegshandlungen beobachtete. ‘Alī gewann, az-Zubair fiel und Aischa wurde gefänglich nach Medina abgeführt.

Ein Vierteljahrhundert später rebellierten zwei Söhne az-Zubairs, diesmal gegen den Umayyadenkalif Yazīd, den sie als illegitim betrachteten. Kurz zusammengefasst: ʿAbdallāh etablierte ein *Gegenkalifat in Mekka (680–692) und sein Bruder Mus‘ab eroberte und verwaltete in seinem Namen den Irak und einen Großteil Irans. Andere Provinzen zögerten noch; für die Umayyadenkalifen blieb erst mal nicht viel mehr als Syrien übrig.
‘Urwa war viel junger als die beiden Rebellen; er war der Intellektuelle der Familie und nicht politisch oder militärisch aktiv – wenn er auch in der Kalifatsfrage die Seite seiner Brüder gewählt hatte. Er wohnte meist in Medina und studierte und unterrichtete dort das Leben des Propheten, wie auch Hadith und Recht.
Zwölf Jahre lang gelang es den Umayyaden nicht das Gegenkalifat aufzurollen, vor allem weil gerade einige schwache Kalifen an der Regierung waren. Als der starke Kalif ‘Abd al-Malik angetreten war, ging alles ziemlich schnell. ‘Abdallāh wurde getötet; Mus‘ab war schon etwas früher im Irak gefallen und das war das Ende des Gegenkalifats.

Diese kleine Geschichtsfragment war nötig um ‘Urwa’s Schriften besser einordnen zu können. Nach der Katastrophe in Mekka eilte ‘Urwa nämlich zu ‘Abd al-Malik in dessen Hauptstadt Damaskus. Der Kalif ließ ihn nicht umbringen, aber gab ihm eine Aufgabe: er sollte die Geschichte des Propheten und der Anfänge des Islams aufschreiben – natürlich aus seinem Medinagefärbten Gesichtspunkt. Als er in Medina zurückgekehrt war, tat er das, indem er eine Anzahl „Briefe“ (rasā’il) schrieb.
Das milde Verhalten ‘Abd al-Maliks ist gut verständlich. Er stand ja vor der Aufgabe das verteilte Reich zu einigen und versuchte das u.a. mittels einer Geschichtsschreibung, die für alle Teile des Reichs akzeptabel sein würde. Der früheste Islam, mit seinem Orientierungspunkt (qibla) nach Jerusalem, war vielleicht doch eine überwiegend syrisch-palästinensische Angelegenheit gewesen. Der *Felsendom in Jerusalem, eine rotunda, die 691 fertig gebaut wurde, war Endpunkt und Höhepunkt des „syrischen“ Islams. Eigentlich ist das Gebäude eine Ansage an die Christen, zu denen der junge Islam auf Distanz ging. Oft hat man gedacht, dass der Felsendom gebaut wurde, weil Mekka während des Gegenkalifats vorübergehend nicht zugänglich war. Aber es kann genau so gut umgekehrt sein: 692 fand eine Umkehr statt, durch welche Arabien in der Staatsideologie einen viel größeren Platz zugeteilt bekam und der Felsendom, so jung wie er war, gleich schon zweitrangig wurde. Mit anderen Worten: Mekka, die Ka‘ba und Medina wurden erst jetzt wichtig gemacht; die arabische Halbinsel zählte fortan voll und ganz mit und somit wurde potentiellen Rebellen wenigstens aus Arabien der Wind aus den Segeln genommen.

Bei dieser Arabisiering des Islams haben ‘Urwas Schriften meiner Meinung nach2 eine wichtige Rolle gespielt. Die Briefe schrieb er für den Hof, aber er hatte auch noch etliche andere Texte, die er seinen Schülern überlieferte. Von seinem Werk ist ein erheblicher Teil bewahrt und somit können wir feststellen, dass ʿUrwa der Lieferant der wichtigsten sira-Kapitel gewesen ist. Sie sind hauptsächlich von zwei Personen überliefert worden: sein Sohn Hishām und der Gelehrte az-*Zuhrī. Ibn Ishāqs Werk enthält viel ‘Urwa-Material, wie auch das des *Ma‘mar ibn Rāshid, der noch einen separaten Beitrag verdient.
Die Briefe sind meist kurz gefasst. ‘Abd al-Malik mochte keine lange Texte und verabscheute die Fantasie der sog. Erzähler (qussās). Ein Beispiel von ‘Urwas persönlichem Wirken in der frühesten islamischen Geschichtsschreibung sieht man an der Rolle, die Abū Bakr und dessen Familie in einigen zentralen Texten spielen. ‘Urwa’s Mutter war Asmā’, eine Tochter Abū Bakrs. Ihre Schwester Aischa, die Frau des Propheten, war also seine Tante. In ‘Urwas Berichte und Erzählungen zur Emigration (*hidschra), zum Sterbebett des Propheten und zur Keuschheit Aischas werden Abū Bakr und seine Familie stark auf den Vordergrund gestellt. Liegt es nicht nahe, dass ʿUrwa auch in anderen Erzählungen seine eigene Akzente gesetzt hat und dabei die Wichtigkeit von Mekka und Medina gehörig aufgeblasen hat?

ANMERKUNG
1. Außer dem Koran gab es zu der Zeit noch keine Bücher. Das Werk: ‘Urwa ibn al-Zubair, Maghāzī rasūl Allāh, bi-riwāyat Abī al-Aswad ‘anhu, Hrsg. M.M. al-A‘zamī, ar-Riyād 1981, ist nicht von ʿUrwas Hand.
2. Sie werden es bemerkt haben: in diesem Beitrag gibt es viel Mutmaßungen von mir und wenig gefestigte Kenntnis. Meine Mutmaßungen sind aber auch nicht dummer als die von Anderen, die sich in der letzten Zeit zur frühislamische Geschichte geäußert haben. Mehr dazu hier.

BIBLIOGRAPHIE
– A.A. Duri, The rise of historical writing among the Arabs, Hg. u. Übers. L.I. Conrad, Einl. F.M. Donner, Princeton 1983, insbes. S. 76–95.
– A. Görke, The historical tradition about al-Hudaybiya. A study of ‘Urwa ibn al-Zubayr’s account, in H. Motzki (Hrsg.), The biography of Muḥammad. The issue of the sources, Leiden 2000, 240-75.
– A. Görke und G. Schoeler, Die ältesten Berichte über das Leben Muḥammads. Das Korpus ‘Urwa ibn az-Zubair, Princeton 2008.
– G. Schoeler, Art. „‘Urwa ibn al-Zubayr,“ in EI2.
– G. Schoeler, Charakter und Authentie der muslimischen Überlieferung über das Leben Mohammeds, Berlin und New York 1996, 28–32, 145–54.

Diakritische Zeichen: ʿUrwa, Ibn Isḥāq, Hišām, Muṣʿab, Maʿmar ibn Rāšid, quṣṣāṣ, Maġāzī, al-Aʿẓamī, ar-Riyāḍ, Ḥudaybiya

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Stammbäume Mohammeds

Genealogie ist in jeder Kultur ein hervorragendes Mittel die Vergangenheit rückwirkend ein wenig in Form zu pressen. Auch die alten Araber verstanden diese Kunst. Wenn zum Beispiel ein Stamm durch Aussterben oder Krieg so klein wurde, dass er nicht länger selbständig fortbestehen konnte, wurde er einem größeren einverleibt. Rückwirkend veränderte sich auch seine Ahnenliste. Wenn ein Vertrag zwischen Stämmen abgeschlossen wurde, entstanden wie von selbst Stammbäume, nach denen die beteiligten Stämme schon immer dieselben Urahnen gehabt hätten.
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Auch vom Propheten Mohammed sind Stammbäume überliefert worden. Es lassen sich drei Sorten erkennen:

  1. ein an der Bibel orientierter Stammbaum
  2. ein verkürzter, „entbibelter“ Stammbaum
  3. panarabische Stammbäume

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Biblischer Stammbaum
Ibn Isḥāq beginnt seine Prophetenbiografie (sira) mit einem „biblischen“ Stammbaum, der halb aus arabischen, halb aus hebräischen Namen besteht und über einige ältere Israeliten, darunter der Prophet Ibrāhīm (Abraham), bis auf Adam zurückgeht. So wollte man Mohammed in die biblische Geschichte einbetten.

  • Mohammed war der Sohn des ‘Abdallāh, des Sohnes des ‘Abd al-Muttalib, dessen Name Shaiba war, der Sohn des Hāshim, dessen Name ‘Amr war, des Sohnes des ‘Abd Manāf, dessen Name Mughīra war, des Sohnes des Qusayy, dessen Name Zaid war, des Sohnes des Kilāb, des Sohnes des Murra, des Sohnes des Ka‘b, des Sohnes des Lu’ayy, des Sohnes des Ghālib, des Sohnes des Fihr, des Sohnes des Mālik, des Sohnes des Nadr, des Sohnes des Kināna, des Sohnes des Khuzaima, des Sohnes des Mudrika, dessen Name ‘Āmir war, des Sohnes des Elias, des Sohnes des Mudar, des Sohnes des Nizār, des Sohnes des Ma‘add, des Sohnes des ‘Adnān, des Sohnes des Udd oder Udad,des Sohnes des Muqawwam, der Sohn des Nahor, des Sohnes des Terah, des Sohnes des Ya‘rub, des Sohnes des Yashdjub, des Sohnes des Nābit, der Sohn des Ismael, des Sohnes des Abraham (Ibrahīm) der Freund des Barmherzigen, der Sohn des Terach (das ist Azar), des Sohnes des Nahor, der Sohn des Serug, des Sohnes des Regu, des Sohnes des Peleg, des Sohnes des Eber, des Sohnes des Schelach, der Sohn des Arpachschad, des Sohnes des Sem, des Sohnes des Noah, des Sohnes des Lamech, der Sohn des Metuschelah, des Sohnes des Henoch (das ist der Prophet Idrīs, wie man sagt, aber Gott weiß es am besten; er war der erste der Söhne Adams, denen das Prophetentum und das Schreiben mit dem Rohr gegeben wurden), des Sohnes des Jered, des Sohnes des Mahalalel, des Sohnes des Kenan, des Sohnes des Enosch, der Sohn des Set, des Sohnes des Adam.1

Manche frühen Christen hatten schon vor Jahrhunderten ein ähnliches Bedürfnis gehabt: Das Evangelium nach Matthäus lässt Jesus wunderbar über David von Abraham abstammen.2
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„Entbibelung“
In der Hadithsammlung des al-Bukhārī (810–870) finden wir in einer Kapitelüberschrift dieselbe Ahnenliste, aber mit ‘Adnān als letztem Namen – alle alttestamentliche Namen fehlen dort.3 Einen Augenblick könnte man meinen, al-Bukhārī oder sein Herausgeber habe die Liste etwas verkürzt, weil die so viel Platz einnahm. Aber bei einem Blick in das Werk des Historiographen Ibn Sa‘d (784–845) stellt sich heraus, dass sich hinter der Verkürzung eine andere Absicht verbarg. Die biblischen Namen waren Gegenstand einer Diskussion, wie in einer ganzen Reihe von Hadithen und Berichten ersichtlich wird, von denen ich hier drei zitiere:4

  • Hishām [al-Kalbī] […] Wenn der Prophet seine Genealogie aufzählte, ging er nicht weiter zurück in seiner Ahnenlinie als bis zu Ma‘add ibn ‘Adnān ibn Udad; danach hörte er auf und sagte: „Die Genealogen lügen. Gott sagt: ,[…] und viele Generationen dazwischen.‘“ (Koran 25:38) — die ältesten Vorfahren werden also nicht länger namentlich genannt.
  • Ibn ‘Abbās: Hätte der Prophet diese bekannt machen wollen, so hätte er das getan. […] Er rezitierte: ,„ […] von ‘Ād und Thamūd und von denen, die nach ihnen lebten, und die nur Gott kennt.‘ (Koran 14:9) Die Genealogen lügen.“
  • Hishām [al-Kalbī] sagt: Mukhbir hat von meinem Vater gehört, aber ich nicht [Kursiviering von mir; es folgt eine Ahnenliste ab Maʿadd, die endet bei] Qaidhar ibn Ismāʿīl ibn Ibrāhīm.

Es schien anfangs eine gute Idee, den neuen Propheten Mohammed in der biblischen Urzeit wurzeln zu lassen. So konnte er auch für Christen und Juden legitim erscheinen. Aber ein Jahrhundert später wollte man alles Jüdische und Christliche — die sogenannten Isrā’īlīyāt — wieder loswerden und man tat alles um die alten Namen zu entsorgen. Die „Entbibelung“ ist in der ganzen frühislamischen Geschichte zu beobachten; nicht nur bei der Genealogie.
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Panarabische Stammbäume
Nach der Streichung aller biblischen Namen aus Stammbaum Nr. 1 bleibt eine rein arabische Ahnenreihe übrig, die den Propheten über den Stamm Hāshim mit dem Urvater ‘Adnān verbindet. Aber war Mohammed nicht der Prophet aller Araber? Hier bringen die Geschlechtsregister in der weiblichen Linie die Antwort. Ibn Sa‘d5 bietet erst eine Auflistung der „Mütter des Propheten“. In diesem Stammbaum wird die Mutter des Propheten erwähnt, dann ihre Mutter, dann deren Mutter, und so weiter. Bei jeder dieser Frauen werden dann ihr Vater, ihr Großvater und weitere Vorväter aufgelistet.
Einige Seiten weiter hat Ibn Sa‘d6 Listen der „Mütter der Väter des Propheten“, die genauso strukturiert sind. Noch mehr Namen, noch mehr Stämme – die Namensvielfalt wird so verwirrend, dass wohl nur Spezialisten, namentlich Ethnologen, sie genießen können. Aber der Eindruck, den uns diese Lektüre vermitteln soll, ist deutlich: Der Prophet stammte über die Frauen von allen Stämmen der Arabischen Halbinsel ab. Edmund Leach7 hat für den Stammbaum des biblischen Salomo einst Ähnliches festgestellt: Die Vorfahrenschaft wird über die Frauen verbreitert, um die Legitimität zu vergrößern.
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Wir sind hier Zeugen eines Prozesses, der auch anderenorts zu beobachten ist. Erst Verwurzelung in der Bibel, damit Mohammed als ebenbürtig mit den früheren Propheten und als Erfüllung der Weissagung hingestellt wird. Danach die Entfernung von allem, was an jüdische Überlieferung oder Bibel erinnert, und schließlich eine immer weiter fortschreitende Arabisierung des Islams.

Auch veröffentlicht in zenith, september/oktober 2013, S. 110–111 und in zenith online.

ANMERKUNGEN
1. Ibn Ishāq: Das Leben Muhammed’s nach Muhammed Ibn Ishâk bearbeitet von Abd el-Malik Ibn Hischâm, hg. F. Wüstenfeld, Göttingen 1858–60, 3. Das Original enthält arabisierte Formen hebräischer Namen, die ich hier der Deutlichkeit halber in der Rechtschreibung der Lutherbibel wiedergebe. Es betrifft die Nachkommen Sems, wie sie in 1. Mose 11 erwähnt werden, und Namen aus einer älteren Vergangenheit (1. Mose 5).).

محمد بن عبد الله بن عبد المطلب ، واسم عبد المطلب : شيبة بن هاشم واسم هاشم : عمرو بن عبد مناف واسم عبد مناف : المغيرة بن قصي ، ( واسم قصي : زيد) بن كلاب بن مرة بن كعب بن لؤي بن غالب بن فهر بن مالك بن النضر بن كنانة بن خزيمة بن مدركة ، واسم مدركة : عامر بن إلياس بن مضر بن نزار بن معد بن عدنان بن أد ، ويقال أدد، بن مقوم بن ناحور بن تيرح بن يعرب بن يشجب بن نابت بن إسماعيل بن إبراهيم – خليل الرحمن – بن تارح ، وهو آزر بن ناحور بن ساروغ بن راعو بن فالخ بن عيبر بن شالخ بن أرفخشذ بن سام بن نوح بن لمك بن متوشلخ بن أخنوخ ، وهو إدريس النبي فيما يزعمون والله أعلم ، وكان أول بني آدم أعطى النبوة ، وخط بالقلم – ابن يرد بن مهليل بن قينن بن يانش بن شيث بن آدم ص.

2. Matthäus 1:1–17: Dies ist das Buch von der Geburt Jesu Christi, der da ist ein Sohn Davids, des Sohnes Abrahams. Abraham zeugte Isaak. Isaak zeugte Jakob. Jakob zeugte Juda und seine Brüder. Juda zeugte Perez und Serah von Thamar. Perez zeugte Hezron. Hezron zeugte Ram. Ram zeugte Amminadab. Amminadab zeugte Nahesson. Nahesson zeugte Salma. Salma zeugte Boas von der Rahab. Boas zeugte Obed von der Ruth. Obed zeugte Jesse. Jesse zeugte den König David. Der König David zeugte Salomo von dem Weib des Uria. Salomo zeugte Rehabeam. Rehabeam zeugte Abia. Abia zeugte Asa. Asa zeugte Josaphat. Josaphat zeugte Joram. Joram zeugte Usia. Usia zeugte Jotham. Jotham zeugte Ahas. Ahas zeugte Hiskia. Hiskia zeugte Manasse. Manasse zeugte Amon. Amon zeugte Josia. Josia zeugte Jechonja und seine Brüder um die Zeit der babylonischen Gefangenschaft. Nach der babylonischen Gefangenschaft zeugte Jechonja Sealthiel. Sealthiel zeugte Serubabel. Serubabel zeugte Abiud. Abiud zeugte Eliakim. Eliakim zeugte Asor. Asor zeugte Zadok. Zadok zeugte Achim. Achim zeugte Eliud. Eliud zeugte Eleasar. Eleasar zeugte Matthan. Matthan zeugte Jakob. Jakob zeugte Joseph, den Mann Marias, von welcher ist geboren Jesus, der da heißt Christus. Alle Glieder von Abraham bis auf David sind vierzehn Glieder. Von David bis auf die Gefangenschaft sind vierzehn Glieder. Von der babylonischen Gefangenschaft bis auf Christus sind vierzehn Glieder.
3. Buḫārī, Ṣaḥīḥ, Manāqib al-Anṣār 28:

‎باب مبعث النبي صلى الله عليه وسلم محمد بن عبد الله بن عبد المطلب بن هاشم بن عبد مناف بن قصي بن كلاب بن مرة بن كعب بن لؤي بن غالب بن فهر بن مالك بن النضر بن كنانة بن خزيمة بن مدركة بن إلياس بن مضر بن نزار بن معد بن عدنان ص

4. Alle bei Ibn Sa‘d, Kitāb at-Tabaqāt al-kabīr, hrsg. Ihsān ‘Abbās, Beirut o.J., i, 56.

قَالَت: وَ أَخْبَرَنَا هِشَامٌ قَالَ: أَخْبَرَنِي أَبِي عَنِ أَبِي صَالًِحٍ عَن ابْنِ عَبَّاسٍ أَنَّ النَبِيَّ عليه الصلاة والسلام كَانَ إذَا انْتَسَبَ لَمْ يُجَاوِزْ فِي نَسَبِهِ مَعَدَّ بْنَ عَدْنَانَ بْنِ أُدَدَ ثُمَّ يُمْسِكُ وَيَقُرلُ: „كَذَبَ النَّسَّابُونَ. قَالَ اللهُ تَعَالَى: وَقُرُونًا بَيْنَ ذَلِكَ كَثِيرًا.“
قَالَ : أَخْبَرَنَا قَالَ : أَخْبَرَنَا عُبَيْدُ اللهً بْنُ مُوسَى الْعَبْسِيُّ ، قَالَ : أَخْبَرَنَا إِسْرَائِيلُ ، عَنْ أَبِي إِسْحَاقَ ، عَنْ عَمْرِو بْنِ مَيْمُونٍ ، عَنْ عَبْدِ اللَّهِ : أَنَّهُ كَانَ يَقْرَأُ : وَعَادٍ وَثَمُودَ وَالَّذِينَ مِنْ بَعْدِهِمْ لا يَعْلَمُهُمْ إِلا اللهُ. “ كَذَبَ النَّسَّابُونَ “ .
قَالَ هِشَامٌ : وَأَخْبَرَنِي مُخْبِرٌ ، عَنِ أَبِي ، وَلَمْ أَسْمَعْهُ مِنْهُ أَنَّهُ كَانَ ينسِبُ مَعَدَّ بْنَ عَدْنَانَ بْنِ أُدَدَ بْنِ الْهَمَيْسَعِ بْنِ سَلامَانَ بْنِ عَوْصِ بْنِ يُوزَ بْنِ قَمْوَالِ بْنِ أُبَيِّ بْنِ الْعَوَّامِ بْنِ نَاشِدِ بْنِ حَزَّا بْنِ بِلْدَاسَ بْنِ تَدْلافِ بْنِ طَابِخِ بْنِ جَاحِمِ بْنِ نَاحِشِ بْنِ مَاخِي بْنِ عَبَقَى بْنِ عَبْقَرِ بْنِ عُبَيْدِ بْنِ الدَّعَّا بْنِ حَمْدَانَ بْنِ سَنْبَرِ بْنِ يَثْرِبِيِّ بْنِ نَحْزَنَ بْنِ يَلْحُنَ بْنِ أَرْعَوِيِّ بْنِ عَيْفَى بْنِ دَيْشَانَ بْنِ عَيْصَرِ بْنِ أَقْنَادِ بْنِ أَبْهَامَ بْنِ مَقْصِيِّ بْنِ نَاحِثِ بْنِ زَارِحِ بْنِ شُمِّيِّ بْنِ مَزَى بْنِ عَوْصِ بْنِ عَرَامِ بْنِ قَيْذَرِ بْنِ إِسْمَاعِيلَ بْنِ إِبْرَاهِيمَ صَلَّى اللهُ عَلَيْهِمَا وَسَلَّمَ .

5. Ibn Sa‘d, o.c., i, 59–60.
6. Ibn Sa‘d, o.c., i, 64–66.
7. E. Leach, Genesis as myth, London 1969, 64, erwähnt in D.M. Varisco, „Metaphors and Sacred History. The Genealogy of Muhammad and the Arab “Tribe”,“ Anthropological Quarterly, 68, (1995), 139–156, insbes. S. 148–49.

Diakritische Zeichen:
‘Abd al-Muṭṭalib, Šaiba, Hāšim, Muġīra, Quṣayy, Ġālib, Naḍr, Ḫuzaima, Muḍar, Yašǧub, al-Buḫārī, Hišām, Ṯamūd, Muḫbir, Qayḏar, Ibn Isḥāq, Ṣaḥīḥ, al-Anṣār, at-Ṭabaqāt, Iḥsān

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Moderne nichtislamische Mohammedbiografien: auf und ab

Das sira-Material — also die Texte zur Mohammedbiografie — ist so umfangreich und vielfältig, dass sich daraus kein zusammenhängendes Bild des Propheten gewinnen lässt. Ist es überhaupt verwertbar für eine zuverlässige Biografie oder als Quelle für die Geschichte des frühen Islams? Die Frage ist typisch eine, wie *Orientalisten sie stellen.

Im 19. Jahrhundert waren Gelehrte wie Ernest Renan (1823–93; „Der Islam entstand im vollen Licht der Geschichte“), Julius Wellhausen (1844–1918), Ignaz Goldziher (1850–1921) u. A. noch voller Vertrauen. Sie verwarfen viele Texte als unzuverlässig, glaubten aber an die Möglichkeit, mit dem Rest die historische Vergangenheit rekonstruieren zu können „wie sie wirklich gewesen“ sei.
Dieser Glaube wurde während der ersten Skeptizismuswelle untergraben, deren Hauptvertreter Leone →Caetani (1869–1935) und Henri →Lammens (1862-1937) waren. Caetani tat in seinen Annali nicht viel mehr als die damals zur Verfügung stehenden Quellen in italienischer Übersetzung nebeneinanderzustellen, so dass die Diskrepanzen deutlich ans Licht traten. Nach Lammens‘ Meinung basiert die ganze Biografie auf dem Koran und ist deshalb als Geschichtsquelle unbrauchbar.
Nach dem Ersten Weltkrieg war der kritische Geist verschwunden und die Suche nach der „historischen Wahrheit“ wurde wieder aufgenommen. Eine Anzahl wissenschaftlicher Biografien wurde verfasst, deren Höhepunkt das umfassende Werk von W. Montgomery →Watt war (1953–56).
Eine zweite Skeptizismuswelle rollte in den Siebzigern heran. John →Wansbrough ließ sich durch die Bibelwissenschaft inspirieren, wandte eine Art „Urkundenhypothese“ auf die sīra-Texte an und analysierte die verschiedenen literarischen Gattungen mit ihren Funktionen und Zielsetzungen. Patricia →Crone und Michael Cook führten in ihrem Hagarism die literaturwissenschaftliche Herangehensweise fort; überdies machten sie auf bisher vernachlässigte nichtarabische Quellen aufmerksam, wobei sie ein aufmerksames Auge für Informationen über die materiellen, wirtschaftlichen und geografischen Realien im alten Arabien hatten.
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Momentan gehen die Meinungen unter nichtislamischen Gelehrten stark auseinander. Einerseits gibt es eine Neigung zur Tradition zurückzukehren. Eine gewisse Sehnsucht nach der guten alten Biografie ist erkennbar bei → Schoeler, Charakter und →Motzki, Murder. F.E. Peters war sich der Natur der Quellen sehr wohl bewusst,  schrieb aber trotzdem eine Biografie. Die früher so skeptische Patricia →Crone ist jetzt der Meinung, dass wir viel über Mohammed wissen und durch weitere Forschung noch mehr Wissen erhalten können. Tilman → Nagel schrieb eine dicke Biografie, als ob es nie Skeptizismus gegeben hätte.
Andere Gelehrte versuchen die frühislamische Geschichte komplett neu zu schreiben. Manche bezweifeln sogar, dass es Mohammed je gegeben hat, oder sie behaupten, Mohammed sei kein Eigenname, sondern ein Adjektiv, das sich auf Jesus bezieht (Nevo & Koren; die sog. *Inârah-Gruppe; Ohlig und Puin; Luxenberg in →Ohlig & Puin; auch bei →Jansen erwähnt). Eine gewisse postmoderne Gleichgültigkeit gegenüber der Historizität der Biografie ist erkennbar bei →Rubin und →Schöller.
Welchen Standpunkt man auch immer einnimmt, die in den vergangenen Jahrzehnten gewonnene Einsicht, dass die biografischen Texte Literatur sind, kann nicht mehr rückgängig gemacht werden. Viele dieser Texte gehören zu literarischen Gattungen mit eigenen Konventionen, einer gehörigen Menge Fiktionalität und ganz viel Intertextualität. Je mehr Intertextualität in einer Erzählung entdeckt werden kann, desto unbrauchbarer ist sie für die Geschichtsschreibung. Texte, die auf der Bibel oder anderer jüdischer oder christlicher Literatur basieren, können für die Geistesgeschichte ihrer Entstehungszeit schon verwendet werden, aber nicht für die Historiographie der Ereignisse, die darin beschrieben werden. Weil wir heutzutage mehr Quellen zur Verfügung haben als Caetani damals, sehen wir noch klarer die Diskrepanzen zwischen den Quellentexten. Dazu kommt noch, dass kaum ein biografischer Text im 1. Jahrhundert des Islams datiert werden kann. Je jünger die Quellen sind, desto mehr behaupten sie über den Propheten zu wissen.
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Rückblick
Wenn das, was man über den Propheten Mohammed zu wissen meint, über einen Zeitraum von anderthalb Jahrhunderten so sehr schwankt, ist nur eine Schlussfolgerung möglich: dass wir offensichtlich nicht viel gefestigte Kenntnis haben. Woran liegt es, dass die Meinungen von Wissenschaftlern so variabel sind? Ich kann die Frage nicht beantworten, sondern lediglich einige Erwägungen vorbringen.
– Die Persönlichkeit der Forscher spielt immer eine Rolle: Sind sie konservativ, glauben sie gerne oder sind sie vielmehr gierig etwas Neues zu entdecken?
– Auch der Zeitrahmen spielt eine Rolle. Nach dem Ersten Weltkrieg hatte wohl niemand mehr Lust oder Energie, die vielversprechende Forschung von der Zeit davor fortzusetzen. Der Zweite Weltkrieg und die nachfolgende bleierne Zeit machten es nicht besser. Erst in den Siebzigern trauten sich junge Forscher die graue Verstaubtheit ihrer Lehrmeister abzuschütteln. Es gab Geld, die Aufbruchsstimmung war allgemein. Ab ca. 2000 bricht wieder politischer Pessimismus durch. Der Westen verliert immer mehr an Glanz, die Universitäten geraten fast überall in eine finanzielle und existentielle Krise; die allgemeine Stimmung wird eher konservativ. Das sind Faktoren, die die Forschung oder den Mangel daran beeinflussen.
– Ab den Sechzigern siedelten sich viele Muslime in Westeuropa und Nordamerika an. Das führte bei manchen Gelehrten zu politisch-korrekten Gewissensbissen („Damit kann ich meine muslimischen Freunde doch nicht belästigen?“); andere wollten gerne forschen, aber bekamen keine Mittel dafür, weil die Behörden vor allem Ruhe im Lande haben wollten und nichts unterstützten, was Muslime verdrießen könnte. Nach dem 9.11.2001 kippte die Stimmung und wieder andere Gelehrte nahmen die Chance wahr ihre islamfeindlichen und/oder rassistischen Gefühle wissenschaftlich verpackt unters Volk zu bringen.
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Mit keiner dieser politisch und finanziell bedingten Haltungen ist der Wissenschaft gedient, aber sie spielen mit Sicherheit eine Rolle. Nein, ich werde hier keine Namen nennen.

Siehe auch Moderne islamische Mohammedbiografien.

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