Der Rüssel als Gottesbeweis

Manchmal arbeite ich an der Herausgabe eines arabischen Textes, Kitāb al-i‘tibār fī al-malakūt,1 wohl datierend auf ca. 850, der ungefähr hundert teleologische Gottesbeweise enthält (arguments from design).
Die Gottesbeweise laufen meist wie folgt. Erst kommt die Beschreibung von etwas in der Schöpfung, was besonders kompliziert oder zweckmäßig oder schön ist. Darauf wird gesagt, dass etwas so Kompliziertes usw. doch unmöglich durch Zufall zu Stande gekommen sein könne, und dass also ein intelligenter Entwerfer dahinter stecken müsse. In diesem Text wird dieser nicht Gott genannt, sondern der Schöpfer, der Entwerfer u.Ä..
Ist der Gottesbeweis nicht längst veraltet? Ja, aber in den USA ist er wieder quicklebendig. Unter Christen, die die Evolutionstheorie ablehnen, läuft er unter Intelligent Design. Und in der islamischen Welt passt er den Konservativen auch sehr gut, so dass das Kitāb al-i‘tibār neu aufgelegt wird und auch im Internet bruchstückweise verbreitet wird. Der Koran ist voller Hinweise auf die Zeichen Gottes in der Schöpfung, so dass der „Markt“ für ausgearbeitete Gottesbeweise noch sehr lange gegeben sein wird.

Warum sitze ich an einem Text mit solch altem Kram? Nicht um etwa doch noch die Existenz Gottes zu beweisen, sondern weil es interessant ist zu sehen, wie Texte seit der Antike zirkulierten und ständig wiederholt und neu überarbeitet wurden. Mein Text ist nämlich gar nicht islamisch, sondern vielmehr christlich, mit einem gehörigen Schuss Antike. Spuren von Xenophon und Cicero findet man darin, aber auch Gedankengut aus De providentia vom Kirchenvater Theodoret (393–±460). Das Kompendium ist irgendwann ins Syrische übertragen worden, und ins Mittelpersische, und von dort ins Arabische. Es muss Leser gegeben haben, die das Büchlein in seiner ältesten Fassung nicht islamisch genug fanden, denn eine etwas mehr islamisierte Überarbeitung ist auch bewahrt geblieben.
Die Sammlung ist also interessant weil sie die Möglichkeit bietet, die Überlieferung alter griechischen Texte in arabischer Übersetzung zu verfolgen. Manchmal kann mit Hilfe des Arabischen ein mangelhaft überlieferter griechischer Text besser verstanden, oder ein im griechischen Original nicht mehr existierender Text sichergestellt werden. Und auf jeden Fall wird mal wieder ersichtlich, wie die westliche Kultur im Laufe der Jahrhunderte einen großen Kreis beschrieben hat: von Griechenland und Rom über Syrien und Irak nach Spanien und Sizilien. In Europa tat man daraufhin, als hätte man alles nur direkt von den Griechen übernommen oder selbst erfunden; ein Übel, von dem wir immer noch nicht ganz frei sind.

Hier folgt eine Kostprobe aus der ältesten Fassung, und zwar zum Rüssel des Elefanten. Welche Handschriften ich benutzt habe verrate ich später mal.

  • Schau doch mal auf den Rüssel des Elefanten, wie subtil der entworfen worden ist. Diesem Tier ersetzt er eine Hand um Futter und Wasser aufzunehmen und zu seinem Magen zu bringen. Ohne ihn hätte er nichts vom Boden aufnehmen können, denn er hat keinen Hals, den er hätte ausstrecken können, wie die anderen Pflanzenfresser. Aber weil ihm kein Hals gegeben worden war, wurde ihm stattdessen der lange Rüssel beschert, den er herunterhängen lassen kann um hochzuheben was er braucht. Dieser ist hohl gemacht, so dass dadurch Futter und Wasser zu seinem Magen gebracht werden können. Überdies ist er seine Waffe, mit dem er geben und nehmen, sich verteidigen und angreifen kann.
    Und wer ist derjenige, der ihm etwas als Ersatz für das fehlende Körperteil gegeben hat, wenn nicht der gütige Schöpfer? Wie hätte so etwas durch Zufall zu Stande kommen können, wie die Sünder behaupten?
    Wenn du jetzt fragst: Warum hat er ihn nicht mit einem Hals erschaffen, wie die anderen Pflanzenfresser auch? so antworten wir nach dem Maße unserer Kenntnis und sagen: Der Kopf und die Ohren eines Elefanten sind enorm groß und sehr schwer. Wenn diese auf einem Hals ruhen würden, würde er sie nicht tragen können und zerbrechen. Um das zu verhindern, ist der Kopf unmittelbar am Körper befestigt, und anstatt eines Halses ist für ihn also der Rüssel erschaffen worden, mit dem er sein Futter aufnehmen und auch ohne Hals alle seine Bedürfnisse erfüllen kann.

Weitere Gottesbeweise: Der Drache und die Wolken Die Giraffe Der Schöpfer beugt Inflation vor Der schreiende Hirsch Die Stimme. Ein Gottesbeweis mit Dudelsackvergleich Der Penis als Gottesbeweis Die Dummheit von Babys als Gottesbeweis

ANMERKUNG
1. Auch bekannt als Dalā’il al-i‘tibār. Das kleine Werk wird oft al-Ǧāḥiẓ (gest. 868) zugeschrieben. Die erste (nicht-kritische) Ausgabe erschien 1928 in Aleppo.

أنظر الى مشفر الفيل وما فيه من لطف التدبير فانّه صار يقوم له مقام اليد في تناول العلف والماء وايرادهما جوفه. فلولا ذلك لما استطاع أن يتناول شيئًا من الأرض، فانّه ليست له عنق يمدّها كسائر الأنعام. فلمّا عدم العنق أخلف عليه مكان العنق ذلك الخرطوم الطويل ليسدله ويتناول به حاجته. وجُعل أجوف لأنّه وعاء لما يحمل الى صدره من طعامه وشرابه وأيضًا فهو سلاحه وبه يعطي ويتناول ويقابل ويصول . فمن الذي عوّضه مكان العضو الذي عدمه ما يقوم له مقامه الاّ الرؤوف بخلقه؟ وكيف يأتي مثل هذا بالاهمال كما قال الظلمة؟ فان قلت: ما باله لم يخلق ذا عنق كسائر الأنعام؟ أجبنا بمبلغ علمنا فقلنا: انّ رأس الفيل وأذنيه أمر عظيم وثقل ثقيل، فلو كان ذلك على عنق لهدّها وأوهنها. فجعل رأسه ملصقًا بجسمه لكيلا يناله منه شيء مما وصفنا وخلق له مكان العنق هذا المشفر يتناول به غذاءه فصار مع عدمه العنق مستوفيًا ما فيه بلوغ حاجته.

Vgl. Arist. PA 658b-659a; Physiologus syr. no. 10; Basil. Hom IX, 85D-86A, Übers. 133

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Dhimmi (Kurzdefinition)

Ein Dhimmī (ذمي) war in den frühen islamischen Staaten ein Anhänger der jüdischen oder christlichen oder anderen Religion, der den Schutz des Staates im Tausch gegen Zahlung einer Kopfsteuer genoss.
Auch im Neudeutschen kommt das Wort dhimmi gelegentlich vor. Die Autorin Bat Ye’or hat es im Rahmen ihres virulenten Anti-Islamdiskurses wiederbelebt, den fremdenfeindliche Kreise in Europa gerne übernommen haben. Sie hat auch das englische Wort dhimmitude erfunden: das DhimmiSein, oder sich wie ein solcher verhalten. Dies ist nach ihrer Meinung die Lieblingstätigkeit europäischer Regierender, die vorauseilend vor dem islamischen Kalifat kapitulieren, das demnächst auf europäischem Boden etabliert werden wird. Außer für die Verblendeten ist davon aber nichts ersichtlich; es gibt keine Wirklichkeit, die diesen Fantasien entspricht.
Im 19. und 20. Jahrhundert ist das Fremdenrecht der Scharia nirgendwo angewandt. Wie es zuvor war und wann genau das Dhimmi-Konzept außer Gebrauch kam, müsste ich nachschlagen.
Auch in der heutigen islamischen Welt gilt der Begriff als veraltet. Christen und Juden bezahlen nirgendwo Kopfsteuer, tragen keine unterscheidende Bekleidung und müssen zur Armee wie jeder andere auch. Schlimmstenfalls gibt es einige halbgare Salafisten, die den Terminus dhimmī wieder einführen möchten. Das ist nichts als Größenwahn; das würde ja einen starken Islamstaat voraussetzen, den es aber nirgendwo gibt.

Freilich werden in vielen islamischen Umgebungen Christen und Juden als minderwertig betrachtet, gepiesackt oder vergrault. Das ist nun mal das Schicksal von Minderheiten. Mit den Begriffen dhimma oder dhimmi hat das aber nichts zu tun.

NACHSCHRIFT 2017: Tatsächlich hat der sog. Islamische Staat den Begriff wieder eingeführt und von Nichtmuslimen Kopfsteuer erhoben! S. hier. Aber der Horror ist fast wieder vorbei.

Kurzdefinitionen: Anlässe der Offenbarung, Fatwa, Hadith, Isnad, Isra’iliyatKalif, Koranauslegung, Muslim, Naskh, ProphetenerzählungenSabab an-nuzulSchariaSiraSunnaTafsirTaqiya,

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Höllenstrafen

Nach islamischer Überlieferung machte Mohammed eine Reise durch Himmel und Hölle. Der älteste Bericht hierzu steht in der sīra des Ibn Ishāq (gest. 767). Später ist eine ganze Himmelfahrtliteratur (*mi‘rādj) entstanden, der auch Dante Vieles zu verdanken hat.
In den jüdischen und christlichen Literaturen gab es schon etliche solche Reiseberichte, bekannt unter dem Namen Apokalypse. Einer von denen ist in der Bibel gelandet: die Apokalypse oder Offenbarung des Johannes. Andere hat man hierzu für nicht gut genug befunden, aber sie sind dennoch erhalten: unter den Namen Henoch, Moses, Petrus, Paulus und noch anderen. In der persischen Literatur muss diese Art Erzählung schon viel länger existiert haben.
Die Hölle wird meist mit mehr Gusto beschrieben als das Paradies. Horror und Sadismus sind nun mal spannender als ewige Freude. Das menschliche Bedürfnis, das heutzutage durch Horrorfilme aus Hollywood bedient wird, wurde damals durch Texte dieser Art befriedigt. 
Aus der Erzählung der Himmelsreise Mohammeds folgt hier ein kleines Detail. Der Prophet besichtigt in der Hölle verschiedene Sündergruppen:

  • Darauf sah ich Männer mit Lefzen wie Kamele; in ihren Händen hatten sie faustgroße Stücke Feuer, die sie in ihren Mund warfen und die von hinten wieder herauskamen. Ich fragte Gabriel, wer sie waren. Er sagte: „Das sind Menschen, die unrechtmäßig den Besitz der Waisen verzehrt haben.
  • “Darauf sah ich Männer, die mageres, stinkendes Fleisch vor sich stehen hatten, und fettes, leckeres Fleisch daneben, aber nur von dem stinkenden Fleisch konnten sie essen. „Wer sind diese da?“ fragte ich Gabriel. Er sagte: „Das sind die, die nicht die Frauen nahmen, die Gott ihnen erlaubte, sondern Frauen nachstellten, die Gott ihnen verboten hatte,“ 1

Die Berichte sind also nach einem bestimmten Muster aufgebaut: „Ich sah …, ich fragte den Begleiter: Wer/was …? … und er sagte: … .“ Die vorangegangenen apokalyptischen Texte sind ähnlich aufgemacht. In der Paulusapokalypse sieht es wie folgt aus:

  • Und ich sah einen anderen Menschen im feurigen Flusse bis an die Knie. Es waren aber seine Hände ausgestreckt und blutig, und Würmer gingen aus seinem Munde und aus seinen Nasenlöchern, und er war seufzend und weinend, und ausrufend sagte er: Erbarme dich meiner, denn mir wird mehr Leid zugefügt, als den übrigen, die in dieser Strafe sind. Und ich fragte: Wer ist dieser, Herr? Und er sagte zu mir: Dieser, den du siehst, ist Diakon gewesen, der die Opfergaben aufaß und hurte und das Rechte angesichts Gottes nicht tat. Deshalb bezahlt er unaufhörlich diese Strafe.2

Und im vorislamischen persischen Buch Arda Viraf so:

  • Und ich sah die Seele eines Mannes, dessen Augen ausgestochen waren und dessen Zunge abgeschnitten war. Er war in der Hölle an einem Fuß aufgehängt; sein Körper wurde stetig mit einem zweiseitigen kupfernen Kamm geharkt und ein eiserner Nagel war in seinen Kopf getrieben. Ich fragte: „Wer ist dieser Mann und welche Sünde hat er begangen?“ Srōš, der Fromme, und der Gott(?) Ādur sagten: „Dies ist die Seele des gottlosen Richters, dessen Aufgabe in der Welt es war, die Gottlosen zu verurteilen, aber er nahm Schmiergelder und sprach lügenhafte Urteile. 3

In der jüdischen Legende, von der ich nur die englische Fassung von Ginzberg4 zur Verfügung habe, wird die Frage ausgelassen:

  • Darauf sagte Nasargiel zu Moses: „Komme und siehe wie die Sünder in der Hölle verbrannt werden.“ […] Moses sah wie die Sünder verbrannt wurden, die eine Hälfte ihres Körper in Feuer und die andere in Schnee getaucht, während Würmer, die in ihrem eigenen Fleisch ins Leben gekommen waren, über sie krochen und die Engel der Vernichtung sie unaufhörlich schlugen. Nasargiel sagte: „Diese sind die Sünder, die Inzest, Mord und Götzendienst betrieben haben, die ihre Eltern und Lehrer verflucht haben und die, wie Nimrod und andere, sich selbst Götter nannten.“

Es ist offenkundig, dass die Erzählung von Mohammeds Himmelsreise in einer langen Tradition steht. Der persische Text ist nicht so alt, aber weil Paradies und Hölle persische Erfindungen sind, ist es wahrscheinlich, dass auch dieses Motiv schon viel länger existiert.
Dies waren nur einige Beispiele. Die Texte, vor allem Arda Viraf, handeln von einer ganzen Reihe von Sündern, über die immer nach demselben Muster erzählt wird.

Anmerkungen
1. Ibn Isḥāq: Das Leben Muhammed’s nach Muhammed Ibn Ishâk bearbeitet von Abd el-Malik Ibn Hischâm, hg. F. Wüstenfeld, Göttingen 1858–60, 269.   (± 760)
2. „Apokalype des Paulus,“ in: Neutestamentliche Apokryphen in deutscher Übersetzung. II. Apostolisches. Apokalypsen und Verwandtes, hrsg. W. Schneemelcher, Tübingen 19895, S. 663. (@. Jh.; das ganze Werk in englischer Übersetzung hier.)
3. Ardâ Wirâz Nâmag. The Iranian ‘Divina Commedia’, hrsg. Fereydun Vahman, London/Malmö 1986, S. 214. (6. Jh.; das ganze Werk in einer älteren englischen Übersetzung hier.)
4. Louis Ginzberg, The Legends of the Jews, Philadelphia 1954–59, ii, 312; Quellennachweis v, 416–18. Es kann sein, dass die Frage fehlt, weil Ginzberg die Erzählung etwas verkürzt hat.

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Der Schamhaarfriseur

Der Syrische Ritter Usāma ibn Munqidh (1095–1188) hat die Kreuzritterstaaten in Palästina und Teilen Syriens erlebt und hat auch einige christliche Ritter persönlich kennen gelernt. Er hatte keine hohe Meinung von den Europäern. Ihren Mut fand er bewundernswert, ihre Kultur und Zivilisation aber primitiv. Kein Wunder auch: zu jener Zeit war die arabisch-islamische Zivilisation der westeuropäischen weit überlegen. Auch die Sittlichkeit der Europäer hielt er für minderwertig. Männer fanden es zum Beispiel nicht anstößig, wenn ihre Frauen auch mit anderen Männern verkehrten. Selbstverständlich hatten sie auch keine Ahnung von den guten Manieren im Badehaus. Ihre Barbarei illustriert Usāma in seinen Memoiren mit einer Anekdote, die er von einem Bademeister namens Sālim gehört haben will. Dieser erzählt:

  • Ich hatte in al-Ma‘arra ein Badehaus eröffnet um damit meinen Lebensunterhalt zu bestreiten. Eines Tages trat ein Ritter von den Franken herein. Sie haben eine Abneigung dagegen, dass man im Bad den Gürtel seines Kleidungsstück zugeknöpft hält; so streckte er seine Hand aus, zog den Gürtel von meinem Mittel und warf ihn zur Seite. Er schaute auf mich und sah, dass ich vor kurzem mein Schamhaar abrasiert hatte. Er sagte: „Sālim!“ Er kam näher, er streckte seine Hand aus, legte sie auf mein Schambein und sagte: „Sālim, gut! Bei der Wahrheit meiner Religion, mach das auch bei mir!“ Er legte sich auf seinen Rücken. Es war wie sein Bart, was er dort hatte. Ich rasierte ihn und er fuhr mit seiner Hand darüber und spürte wie glatt es war. Darauf sagte er: „Sālim, bei der Wahrheit meiner Religion, mach dasselbe bei der Dame!“ „Dame“ ist in ihrer Sprache das Wort für „Frau“; will sagen, seine Ehegattin. Zu einem Diener sagte er: „Sag zu Madame, sie soll hierher kommen!“ Der Diener kam zurück mit der Frau des Ritters und brachte sie ins Badehaus. Sie legte sich auf ihren Rücken und der Ritter sagte: „Mach bei ihr dasselbe was du bei mir gemacht hast.“ Darauf rasierte ich ihr das Haar weg, während ihr Gatte daneben saß und zuschaute. Als ich fertig war, bedankte er sich bei mir und gab mir eine gute Belohnung für meine Dienste.1

Mehr als sechs Jahrhunderte später, im Jahr 1801, schrieb ‘Abd ar-Rahmān al-Djabartī (1754–1826) ein Tagebuch über die Besetzung Ägyptens durch Napoleon. Al-Djabartī hatte eine höhere Wertschätzung der Europäer als Usāma seinerzeit gehabt hatte. Er war von der französischen Militärdisziplin und Effizienz beeindruckt und bewunderte die Tätigkeiten der Wissenschaftler und Künstler, die Napoleon mitgebracht hatte. Auch das war kein Wunder: Inzwischen hatte Europa sich entwickelt, während Ägypten gerade durch eine Periode der Stagnation ging. Als minderwertig aber empfand er die Moral der Franzosen, namentlich die der französischen Frauen:

  • Ihre Frauen bedecken sich nicht und kennen keine Sittsamkeit. Es ist ihnen egal, ob sie ihre Schamteile entblößen. […] Manchmal betritt eine ihrer Frauen den Laden eines Barbiers und bittet ihn ihr Schamhaar zu rasieren. Wenn er will, kann er seine Belohnung in Naturalien empfangen.2

Die meisten Kreuzfahrer dürften keine verfeinerten Menschen gewesen sein, und die „Damen“, die sie bei sich hatten, waren es mit Sicherheit nicht. Für die Soldaten Napoleons und die sie begleitenden Frauen gilt wohl dasselbe. Trotzdem verstehen wir auf Anhieb, dass die beiden Autoren nie eine Frau gesichtet haben, deren Schamgegend von einem Friseur rasiert wurde, und ihre Zeitgenossen ebenso wenig. Wir haben es hier mit einer Großstadtlegende (urban legend) zu tun, die sich sechs Jahrhunderte gehalten hat und bei al-Djabartī noch erheblich pikanter geworden ist.

ANMERKUNGEN

1. [Usāma ibn Munqidh, Kitāb al­-iʿtibār:] Ousama ibn Mounkidh. Un émir syrien au premier siècle des Croisades. hg. H. Derenbourg, Paris 1893, 101. Das ganze Buch ist zwei mal ins Deutsche übersetzt: – [Usāma ibn Munqidh, Kitāb al­-iʿtibār:] Die Erlebnisse des syrischen Ritters Usāma ibn Munqid. Unterhaltsames und Belehrendes aus der Zeit der Kreuzzüge, übers. Holger Preißler, Leipzig/Weimar 1981, und Usâma ibn Munqid, Ein Leben im Kampf gegen Kreuzritterheere, übers. G. Rotter, Tübingen/Basel 1978. Ich weiß nicht, welche Übersetzung die beste ist.

‎ومن ذلك انه كان عندنا رجل حمامي يقال له سالم من أهل المعرة في حمام لوالدي رحمه الله. قال: فتحت حماماً في المعرة أتعيش فيا، فدخل إليها فارس منهم وهم ينكرون على من يشد في وسطه الأزر في الحمام، فمد يده وجذب مئزري من وسطي رماه، فرآني وأنا قريب عهد بحلق عانتي، فقال سالم: فتقربت منه، فمد يده على عانتي وقال: سالم جيد! وحق ديني أعمل لي كذا! واستلقى على ظهره وله مثل لحيته في ذلك الموضع، فحلقته فمر يده عليه فاستوطأه فقال: سالم بحق دينك، اعمل للدام! والدام بلسانهم الست يعني امرأته. وقال لغلام له: قل للداما تجيء. فمضى الغلام أحضرها وأدخلها، فاستلقت على ظهرها وقال: اعمل كما عملت لي، فحلقت ذلك الشعر وزوجها قاعد ينظرني، فشكرني ووهبني حق خدمتي.

2. Al-Djabartī: Tarīkh muddat al-faransīs bi-Misr. Al-Jabartī’s chronicle of the first seven months of the French occupation of Egypt, hg. und übers. S. Moreh, Leiden 1975, S. 12:

ونساؤهم لا يستترون ولا يحتشمون ولا يبالون بكشف العورات […] وربما دخلت المرأة منهن الى حانوت الحلاق ودعته لحلق عانتها، وإن شاء أخذ أجرته منه.

Diakritische Zeichen: Usāma ibn Munqiḏ, ʿAbd ar-Raḥmān al-Ǧabartī, Miṣr

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Umars Bekehrung. Eine verborgene Schrift

Zum Bericht über die Bekehrung des Apostels Paulus in der Apostelgeschichte der Bibel gibt es in der Prophetenbiographie (sīra) eine Parallele in der Erzählung von der Bekehrung des ‘Umar ibn al-Khattāb, der später Kalif wurde. Beide Männer hatten zuerst die neue Religion aufs Heftigste bekämpft, beide werden nach einer unerwarteten Bekehrung ihre energischsten Verteidiger. Die Bekehrung des Paulus geschah urplötzlich, als ihn auf dem Weg nach Damaskus eine Vision überkam, die seine Augen blendete.1 Bei ʿUmar kam die Wende ebenso blitzartig, als er in der Wohnung seiner Schwester Fātima mit dem Koran konfrontiert wurde. Der Koran spielt die Hauptrolle bei seiner Bekehrung; das ist fein islamisch gedacht.
Der noch unbekehrte ‘Umar—kurz angebunden wie immer—stürmt ins Zimmer seiner Schwester und fragt in barschem Ton, was das zu bedeuten habe. Es kam sogar zu Handgreiflichkeiten. Fātima verbirgt das Blatt mit dem Korantext, und zwar, indem sie sich daraufsetzt. Heutige islamische Koranverehrer würden es wohl nie wagen, auf so eine Idee zu kommen, aber so steht es in der Prophetenbiographie von Ibn Isḥāq aus dem achten Jahrhundert.2 Zu der Zeit waren die Menschen noch nicht so zimperlich. ‘Umar will das Blatt sehen, aber seine Schwester weigert sich es herauszugeben, mit der Begründung, dass er unrein sei und der Koran nur von Reinen berührt werden dürfe. Nachdem er sich gereinigt hat, liest ʿUmar das Blatt dann doch — und wird bekehrt.

Es ist offensichtlich: der Erzähler hatte hier die Koranverse 56:77–79 im Kopf, einen Passus, in dem ebenfalls der Koran im Mittelpunkt steht:  انه لقرآن كريم في كتاب مكنون لا يمسه الا المطهرون „Es ist wirklich ein vorzüglicher Koran, in einer verborgenen Schrift, die nur Reine berühren dürfen.“ Über die verborgene Schrift (kitāb maknūn) ist im Laufe der Jahrhunderte viel Tiefsinniges gesagt worden: Sie werde von Gott im Himmel aufbewahrt usw. Aber der Erzähler dieser frühen Geschichte hat daran nicht gedacht. Er hat den beiden Wörtern eine einfache, etwas derbe Deutung gegeben, indem er Fātima das Blatt auf ihre Weise „verbergen“ ließ.

Auch veröffentlicht in zenith Juli/August 2013, 94–95.

ANMERKUNGEN
1. Bibel, Apostelgeschichte 9:3.
2 Das Leben Muhammed’s nach Muhammed Ibn Ishâk bearbeitet von Abd al-Malik Ibn Hischâm, hrsg. F. Wüstenfeldt. 2 Bde., Göttingen 1858-60, S. 224. Übersetzung: Ibn Isḥāq, Das Leben des Propheten, übers. Gernot Rotter, Kandern 1999, S. 71-74. Hier finden Sie meine Übersetzung der ganzen Erzählung.

Diakritische Zeichen: ʿUmar ibn al-Khaṭṭāb, Fāṭima

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Moderne Kreuzfahrer

Manche Muslime leiden rückwirkend unter den Traumata und Nachwirkungen der Kreuzzüge, seit diese ab 1865 im Osmanischen Reich durch französische und türkische Geschichtsbücher wieder bekannt wurden.1 Vor allem der Besuch des deutschen Kaisers in Palästina (1898) hat zu ihrer Bekanntheit beigetragen. Ab den Zwanzigern haben die Muslimbrüder die Kreuzzüge bewusst in ihrer antikolonialen Propaganda eingesetzt. Die Gründung des Staates Israel war ein gefundenes Fressen und verstärkte das Motiv noch mal: abermals wurde Palästina von Europäern besetzt! „Zionisten und Kreuzfahrer“ werden heutzutage in islamistischer Propaganda oft in einem Atemzug erwähnt. Die historischen Kreuzzüge waren jedoch stark antisemitisch inspiriert und kosteten vielen Juden das Leben.

Der erste Kreuzfahrer der Neuzeit war in der Tat nicht George W. Bush, sondern der deutsche Kaiser Wilhelm II. Am 31. Oktober (Reformationstag!) 1898 ritt der Kaiser in einem selbst erfundenen Tropenanzug2 in die Heilige Stadt hinein, u.a. um dort die von ihm finanzierte Erlöserkirche einzuweihen. Ein fotogener Einzug mit erhobenen Fahnen war möglich geworden, indem man an einer Stelle die Stadtmauer niedergerissen hatte. Die Presse, nicht zuletzt durch die offizielle Propaganda und die Wandmalereien3 in der Kirche inspiriert, nannte den Kaiser einen „neuen Kreuzfahrer“. Der Dichter Wedekind spottete:

  • Mit Stolz erfüllst du Millionen Christen;
    Wie wird von nun an Golgatha sich brüsten,
    Das einst vernahm das letzte Wort vom Kreuz
    Und heute nun das erste deinerseits.4

In Damaskus besuchte Wilhelm das Grab Saladins, des islamischen Kriegshelden aus der Zeit der wirklichen Kreuzzüge. Diesen „Ritter ohne Furcht und Tadel“ hob er in den Himmel in einer berühmt gewordenen Ansprache, in der er dem osmanischen Sultan und den damals 300 Millionen Muslimen seine bleibende Hilfe versprach. Es war vor allem diese Publizität, die Saladin und durch ihn die Kreuzzüge in das arabische „Gedächtnis“ zurückbrachte. Ein protestantischer Kreuzfahrer lobte also den früheren islamischen Feind und versprach Muslimen gegen ihre christlichen Widersacher beizustehen. Noch Fragen?

ANMERKUNGEN
1. Carole Hillenbrand, The Crusades: Islamic Perspectives, Edinburgh 2006 (2. Aufl.), 592
2. Tropenkostüme waren ein typisches Outfit der Kolonialherrscher. Ende Oktober ist es in Jerusalem ungefähr so warm wie in Berlin im Sommer. Spezielle Bekleidung erübrigt sich.
3. Diese sind 1970–71 bei einer Restaurierung vernichtet worden. Aus Scham? Ich habe keine Fotos finden können.
4. Simplizissimus, Palästina Sondernummer 1898. Vollständiger Text des Gedichts hier. Der Dichter musste schnell in die Schweiz ausweichen und landete nach Rückkehr doch noch in einem deutschen Gefängnis.

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Die Arabisierung der Bibel

JezusverjaagthandelaarsIn Kinderbibeln und Bibelfilmen aus Hollywood tragen die Palästinenser aus Jesu Zeit oft Kleidung, die arabisch anmutet. Die Arabisierung der Bibel war ein Prozess, der Jahrhunderte gedauert hat. Als man in der Zeit der Kreuzzüge begann hochwertige Stoffe aus dem Nahen Osten zu importieren, zog man auf Gemälden den biblischen Gestalten orientalische Kleider an anstatt der europäischen, die sie auf älteren Gemälden noch getragen hatten. Auch Rembrandt muss eine Truhe türkischer Kleider zur Hand gehabt haben. Natürlich war man sich bewusst, dass die biblischen Erzählungen sich in Palästina, also im sogenannten Orient abgespielt hatten, wenn auch das biblische Ambiente nie so „orientalisch“ wird wie die wirkliche Arabische Welt. Der Orient war einfach zu frivol für christliche Zwecke.

Im 19. Jahrhundert, als die bis heute bildbestimmenden Illustrationen zur Bibel entstanden, hat man auf die Kleidung geschaut, die palästinensische Bauer und Fischer damals trugen, und diese nach freier Fantasie umgemodelt. Überwiegend nüchterne, bescheidene Kleidung ist es geworden. Typisch arabische Kopfbedeckungen werden angewandt; bei Jesus selbst eher nicht, weil die sein charismatisch wallendes Haar verhüllen würden. In der neutestamentlichen Umgebung sehen wir einen matten Orient: billige Gewänder und brave Gesichter; keine noblen Wilden oder stolzen Kämpfer; vielmehr rauhbeinige, aber aufmerksam zuhörende Bauerntypen.

Nur bei den Drei Königen darf der malerische Orient kurz durchbrechen, und natürlich bei der Geschichte über Herodes und Salome. Dort ist Raum für einen orientalischen Despoten und eine Tänzerin in kostbarem, nahezu durchsichtigem Stoff.
Vielleicht haben die langen, arabisierenden Gewänder den Bibelzeichnern auch gut gepasst, weil so viel Stoff darein ging. In der griechisch-römischen Kleidung war viel nackte Haut sichtbar, und die Tuniken ließen sich leicht ausziehen. So konnte man Jesus und seine Jünger schwerlich aussehen lassen. Jesus oben ohne, das geht nur, wenn er am Kreuz hängt; das hat eine eigene Erotik. Aber die Bergpredigt mit entblößter Brust? Lieber nicht.

Kleidung
• Damen: Kopftuch, Schleier, Burka & Co, Tschadorhot pants
• Herren: Lendentuch, langes Gewand, Burka

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