Die Stimme: Gottesbeweis mit Dudelsackvergleich

Wieder ein Fragment aus dem arabischen, überwiegend christlichen Text Kitāb al-iʿtibār fī al-malakūt,1 eine Sammlung von ungefähr hundert teleologischen Gottesbeweisen (arguments from design), wahrscheinlich aus dem neunten Jahrhundert. Siehe zu dem Büchlein hier. Daraus finden Sie in diesem Bluch schon Fragmente zum Rüssel des Elefanten, zur Dummheit von Babys und sogar zum Penis des Mannes—alles Gottesbeweise, versteht sich.

Dieser Text handelt von der menschlichen Stimme als Gottesbeweis. Die genaue Fundstelle behalte ich noch einige Zeit für mich.

  • Betrachte mal die Sprechorgane und die Sprache des Menschen. Der Hals ist wie das Artikulationsrohr, durch das die Stimme nach außen kommt; die Zunge, die Lippen und die Zähne dienen zur Bildung der Sprechlaute und der Melodie. Es ist bekannt, dass Menschen, die ihre Zähne nicht mehr haben, das s nicht produzieren können; jemand mit einer unvollständigen Lippe kann das f nicht richtig bilden und wer eine schwere Zunge hat, kann das r nicht klar aussprechen.
    Die Alten haben das Austreten der Stimme in schöner Manier mit dem Ton des Dudelsacks (al-mizmār al-a‘ẓam) verglichen, nämlich die Kehle mit dem Rohrblatt, die Lungen mit dem Luftsack, der von unterhalb aufgeblasen wird, und die Muskeln, die die Lungen zusammendrücken um die Stimme durch die Kehle austreten zu lassen, mit den Händen, die den Luftsack zusammendrücken um die Luft herauszupressen. Die Lippen und die Zähne, die die Sprachlaute bilden, haben sie mit den Fingern verglichen, die unterschiedliche Positionen auf der Spielpfeife (fam) des Dudelsacks einnehmen, sodass sein Ton Melodien bilden kann.
    Wenn auch das Austreten der Stimme zwecks Erklärung und Unterrichtung mit einem Dudelsack verglichen werden kann, in Wirklichkeit sollte es umgekehrt sein. Denn der Dudelsack ist künstlich, die Stimme dagegen ist natürlich, und es ist das Künstliche das das Natürliche nachahmt. Aber weil das Künstliche sichtbarer und beim großen Publikum besser bekannt ist, ist man dazu gekommen die Verrichtungen der Natur mit denen des Kunstprodukts zu vergleichen, um sie verständlicher und bekannter zu machen.
    Wenn man etwas Künstliches wegen der Genauigkeit und der Weisheit, mit denen es die Natur nachahmt, schon bewundern kann, wie viel mehr Bewunderung verdienen dann die Natur un ihre verfeinerte Verrichtungen. Und wenn der Zufall nicht mal die Produkte des Künstlichen bewirken kann, dann erst recht nicht die der Natur.

Meistens folgt solchen Beispielen noch die rhetorische Frage: „Ist so etwas schönes wirklich auf Zufall zurückzuführen oder steckt doch ein intelligenter Entwerfer dahinter?“ Hier wird der Gottesbeweis nicht ausgearbeitet; die Erwähnung des Zufalls im letzten Satz ist das Einzige, das darauf hinweist.

Von den „Alten,“ die der Text als Quelle anführt, ist einer bekannt. Es ist der nestorianische Kirchenvater Theodoret von Kyrrhos (± 393–460). Sein Περί Πρόνοιας λόγοι δέκα (De providentia orationes decem) enthält einen Vorläufer unseres Textes. Wer diese Webseite liest, wird auch Englisch beherrschen; deshalb mute ich Ihnen gerne die Übersetzung von Halton zu:2

  • 4. [Voice Production Has Affinities With Organ Playing] You, then, who have the gift of speech and dishonor the One who so honors you, consider how the lungs resemble bellows, which the muscles surrounding the thorax press upon, corresponding to the action of the feet in organ blowing, causing it to contract and expand. This transmits the breath through the windpipe, and when compressed, opens the epiglottis and is borne through the throat to the mouth. Speech, then, manipulates the teeth like so many bronze reeds with the tongue and makes them run up and down and glide without effort and with perfect ease.
    5. The salivary gland also helps to facilitate this movement, resembling, as it does, a fount gushing forth moisture. When the constant movement parches the tongue, it needs saliva in moderation to moisten it, make it smooth, and give it freedom of movement. This is how articulate voice comes about: When speech comes in contact with the teeth by means of the tongue, and breath is exhaled, as I have said, and the lips contract, and the air is smitten harmoniously by the emission of the breath, the exhaled breath becomes the vehicle of speech while nature expels the smoky substance as superfluous.

Bei Theodoret ist von einem Dudelsack nicht die Rede, sondern von einer Orgel! In Persien, wo der arabische Text (oder sein syrischer oder pahlavi Vorgänger) entstanden ist, waren Orgel nicht bekannt, so dass der Herausgeber bzw. Übersetzer sich etwas einfallen lassen musste. Sein Versuch der Adaption ist gelungen und bewundernswert.

ANMERKUNGEN
1. Auch als Dalāʾil al-iʿtibār bekannt. Das Büchlein wird oft al-Djāḥiẓ (gest. 868) zugeschrieben. Die erste (unkritische) Ausgabe erschien 1928 in Aleppo.

فكر في‏ آلات الصوت والكلام في‏ الانسان‏. فالحنجرة كالأنبوب لخروج‏ الصوت واللسان والشفتان والأسنان لصياغة الحروف‏ والنغم‏. ألا ترى أنّ‏ من سقطت أسنانه لم‏ يقِم السين ومن نقصت شفته لم‏ يصحّح‏ الفاء،‏ ومن ثقل لسانه لم‏ يفصح‏ الراء. فما أحسن ما مثّل الأوّلون فانّهم شبّهوا مخرج الصوت بالمزمار‏ الأعظم فشبّهوا الحنجرة بقصبة المزمار،‏ وشبّهوا الرئه بالزق الذي‏ ينفخ به من تحته ليدخله الريح،‏ وشبّهوا‏ العضلات التي‏ تقبض على الرئة‏ ليخرج الصوت من الحنجرة‏ بالأكفّ‏ التي‏ تقبض على الزق حتى‏ تجري‏ الريح في‏ المزمار‏. وشبّهوا الشفتين والأسنان التي‏ تصوغ‏ الصوت حروفًا ونغمًا بالأصابع التي‏ تختلف على فم المزمار فيصوغ‏ صفيره ألحانًا‏. غير أنّه وان كان مخرج الصوت‏ يشبه‏ بالمزمار للدلالة والتعريف فانّ‏ المزمار بالحقيقة هو المشبّه بمخرج الصوت،‏ لأنّ‏ المزمار صناعي‏ والصوت طبيعي‏ والصناعة هي‏ التي‏ تحكي‏ الطبيعة‏. ولكنه لما كانت الصناعة أظهر وأعرف عند العامّة من الطبيعة‏‏ صارت أفعال الطبيعة تمثل بأفعال الصناعة‏ لتفهم ويوقف عليها‏. فاذا كانت الصناعة‏ التي‏ قد يتعجّب من اللطف‏ والحكمة فيما‏ تحكي الطبيعة‏ فبالحرى أن‏ يتعجّب من الطبيعة ولطف أفعالها‏. ولئن كان الاهمال‏ يضعف عمّا تأتي‏ به الصناعة لهو عمّا تأتي‏ به الطبيعة أضعف‏.

2. Die englische Übersetzung: Theodoret of Cyrus On Divine Providence, translated and annotated by Thomas Halton, New York/Mawjah NJ, 1988, 34–35. Es lohnt zich Theodoret mal ganz zu lesen. Für die Liebhaber des ursprünglichen griechischen Textes: Das Fragment steht in Migne, Patrologia Græca 83, col. 583:
Ἀρκεῖ δὲ καὶ τοῦτο μόνον τὸ μόριον δεῖξαι τοῦ πεποιηκότος, οὐ τὴν σοφίαν μόνον, ἀλλὰ καὶ τὴν ἄπλητον φιλανθρωπίαν. Ὀργάνῳ γὰρ ἔοικεν ἀπὸ χαλκῶν συγκειμένῳ καλάμων, καὶ ὑπ‘ ἀσκῶν ἐκφυσουμένῳ, καὶ κινουμένῳ ὑπὸ τῶν τοῦ τεχνίτου δακτύλων, καὶ ἀποτελοῦντι τὴν ἐναρμόνιον ἐκείνην ἠχήν. Ἀλλ‘ οὐχ ἡ φύσις παρὰ τῆς τέχνης, ἡ τέχνη δὲ παρὰ τῆς φύσεως ἐδιδάχθη τῆς τερπνῆς ἐκείνης ἠχῆς τὸ μηχάνημα· ἀρχέτυπον γὰρ τῆς τέχνης ἡ φύσις, ἴνδαλμα δὲ τῆς φύσεως ἡ τέχνη.
Ἄθρει τοιγαροῦν ὁ λόγου μὲν τετυχηκὼς, ἀτιμάζων δὲ τῇ τιμῇ τὸν τιμήσαντα, πῶς ὑπόκειται μὲν ὁ πνεύμων δίκην ἀσκοῦ, ἀποθλίβουσι δὲ αὐτὸν, οὐ πόδες ἀνθρώπου, ἀλλ‘ οἱ περικείμενοι τῷ θώρακι μύες, συστέλλοντες αὐτὸν καὶ διαστέλλοντες. Ἀναπέμπει δὲ οὑτοσὶ διὰ τῆς τραχείας ἀρτηρίας τὸ πνεῦμα, τὸ δὲ συνωθούμενον, ἀνοίγει μὲν τὴν ἐπιγλωττίδα, φέρεται δὲ διὰ τοῦ φάρυγγος ἐπὶ τὸ στόμα. Ὁ δὲ λόγος, τῆς γλώττης οἷόν τινος δεξιᾶς ἐπειλημμένος, ταύτην τοῖς ὀδοῦσι καθάπερ τοῖς χαλκοῖς ἐκείνοις προσφέρει καλάμοις, καὶ ἄνω καὶ κάτω διαθέειν καὶ διολισθαίνειν εὐπετῶς καὶ μάλα ῥᾳδίως κατασκευάζει· […] κτλ

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Mohammed: Eselreiter oder Kamelreiter?

Wie seine Zeitgenossen auch wird der Prophet Muhammad alle Reittiere benutzt haben, die zur Verfügung standen und für eine bestimmte Strecke geeignet waren: Esel, Maultier, Kamel oder Pferd.
Nachdem es in einem früheren Beitrag um das Maultier ging, kommen jetzt die Esel an die Reihe. Derselbe Herbert Eisenstein, der die Maultiere des Propheten beschrieben hat, hat auch diese behandelt.1
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Ya‘fūr
In derselben Geschenksendung aus Ägypten, in der zwei Sklavinnen und das Maultier Duldul waren, befand sich auch ein Esel namens Ufair. Zudem gab es den Esel Ya‘fūr, der Mohammed von Farwa ibn Amr geschenkt wurde, zusammen mit einem weiteren Maultier. Wie bei den Maultieren schwankt hier die Überlieferung und die Tiere werden oft verwechselt. Nach einer anderen Quelle etwa war Ya‘fūr unter der Kriegsbeute bei der Eroberung der Oase Khaibar im Jahr 628. Als der Prophet ihn bei der Gelegenheit nach seinem Namen fragte, antwortete der Esel:

  • Ich bin Yazīd ibn Shihāb. Gott brachte aus der Nachkommenschaft meines Ahnen sechzig Esel hervor, auf denen nur Propheten ritten. Ich habe gehofft, dass du mich reitest, da von der Nachkommenschaft meines Ahnen keiner außer mir übrig ist und von den Propheten keiner außer dir.
Mohammed und Gabriel

Mohammed und Gabriel

Er beklagte sich noch, dass sein Vorbesitzer, ein Jude, ihn oft schlug, weil er absichtlich stolperte, wenn er von ihm geritten wurde. Der Prophet gab dem Esel den neuen Namen Ya‘fūr und ritt ihn oft. Er konnte ihn auch einsetzen, wenn er einen seiner Gefährten herbeirufen wollte. Der Esel klopfte dann mit seinem Kopf an dessen Haustür, worauf der Bewohner nach draußen kam und verstand, dass der Prophet ihn bei sich sehen wollte. Das Tier soll 632 nach der Abschiedswallfahrt des Propheten gestorben sein. Nach einer schöneren Erzählung aber starb es am Todestag des Propheten, als es vor Kummer in einen Brunnen fiel — oder war es Selbstmord? Auf jeden Fall wurde sein Sterben so mit Bedeutung aufgeladen: So wie Mohammed der Letzte der Propheten war, war Ya‘fūr der letzte prophetische Esel.
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Der Esel als prophetisches und messianisches Reittier
Der Esel ist also mehr als bloß ein Reittier und wenn Mohammed in vielen Überlieferungen auf einem Esel reitet, hat das seinen Grund. Der Islamhistoriker Suliman Bashear hat zu diesem Thema einen detaillierten Artikel verfasst, aus dem ich hier das Wichtigste zusammenfassen werde.2
Schon seit Ewigkeiten galt der Esel als prophetisches Reittier. Auch für die im islamischen Sinne älteren „Propheten“ Abraham, Moses und Jesus war er ein normales Beförderungsmittel. Aber bei der Exegese heiliger Schriften können immer bedeutungsvolle Verbindungen entdeckt werden. Der Autor der jüdischen Schrift Pirqe de Rabbi Eliezer3 zum Beispiel glaubt, dass es durch die Jahrhunderte nur ein- und denselben Esel gegeben habe — das Tier muss nahezu unsterblich gewesen sein.4

  • Abraham stand früh am Morgen auf und nahm Ismael und Eliëser und Isaak, seinen Sohn, und gürtete den Esel. Dieser Esel war der Sohn der Eselin, die in der Abenddämmerung erschaffen wurde,5 wie es heißt: Da stand Abraham früh am Morgen auf und gürtete seinen Esel […].6 Das war auch der Esel, den Moses ritt als er nach Ägypten kam […].7 Und derselbe Esel wird in Zukunft von dem Sohn Davids geritten werden, wie es heißt: Juble laut, Tochter Zion! Jauchze, Tochter Jerusalem! Siehe, dein König kommt zu dir, ein Gerechter und ein Helfer, demütig und reitend auf einem Esel, auf einem Fohlen, dem Jungen einer Eselin. 8

Dieser Text aus Palästina datiert von nach 700; wie bekannt er in islamischen Kreisen war, ist unbekannt.
Der Esel ist also auch ein messianisches Tier: der Sohn Davids ist ja der erwartete Messias. Die Christen sind noch einen Schritt weitergegangen. Für sie war Jesus der Messias, der demzufolge bei seinem Einzug in Jerusalem auf einem Esel geritten sein musste: Jesus fand einen Esel und setzte sich darauf — wie geschrieben steht: Juble laut, Tochter Zion! … [usw. wie im Zitat oben ]“.9
Die frühen Muslime lasen fleißig die Bibel; viele dort vorgefundenen Verweise auf den kommenden Messias bzw. den Heiligen Geist bezogen sie auf Mohammed. Ihnen zufolge sollen Christen und Juden also aus ihren Schriften gewusst haben, dass es Mohammed geben würde, obwohl sie das nach ihrer Art meist leugneten. War die Bibel dann von Interesse für diese Muslime? Aber sicher! Sie oder ihre Väter waren ja Christ oder Jude gewesen und sie bildeten eine kleine Minderheit in einem Meer von Christen und Juden. Ein Hadith des Propheten empfiehlt ausdrücklich Texte von den Juden zu überliefern: Haddithū ‘an Banī Isrāʾīl. Überdies nahmen die Muslime in ihren Streitgesprächen mit Christen und Juden Bibeltexte zu Hilfe. Wenn die verwendeten Texte nicht  mit den wohlbekannten übereinstimmten, änderten sie sie — wobei sie ihrerseits natürlich meinten, dass die Juden oder Christen sie gefälscht oder unterschlagen hatten.

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Der Prophet als Eselreiter
Tatsächlich gibt es etwas wie einen Bibelvers, in dem Mohammed als Eselreiter angekündigt wird. Nur müssen Sie ihn nicht in der Bibel nachschlagen wollen: Er ist reine Erfindung, knüpft aber in seiner Gestaltung einigermaßen bei dem oben zitierten Vers zum Sohn Davids an. Bashear10 fand vier Varianten des vermeintlichen Verses, von denen ich nur die am leichtesten auffindbare auswähle:

  • […] Er wird erscheinen in Mekka und dies[e Stadt = Medina] wird die Wohnstätte seiner Hidschra sein. Er ist der Lachende, der Tödliche, der sich mit Brotstückchen und einigen Datteln zufrieden gibt, einen ungesattelten Esel reitet; in seinen Augen ist Röte, zwischen seinen Schultern ist das Siegel des Prophetentums und er trägt sein Schwert auf seiner Schulter […].11

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Der Prophet als Kamelreiter
Häufiger sind Texte, in denen die Erscheinung Mohammeds als Kamelreiter vorhergesagt wird. Ich zitiere wieder nur einen, damit es nicht zu lang wird. Ein jüdischer Gegner Mohammeds aus den Banū Nadīr erinnerte die Juden daran, dass sie einen Mann mit folgenden Eigenschaften zu erwarten hätten:

  • […] der Lachende, der Tödliche, in dessen Augen Röte ist, der aus dem Süden herankommt, der ein Kamel reitet und einen Mantel trägt, sich mit einem Brotstückchen zufrieden gibt und sein Schwert auf seiner Schulter hat […]12

Warum lässt man Mohammed erst auf einem Esel, dann auf einem Kamel reiten? Als Prophet stand er natürlich in einer Linie mit Jesus, aber vielleicht passte gerade der messianische Charakter Jesu manchen Muslimen nicht. Obwohl Jesus im Koran auch Messias (masīh) genannt wird, ist nach islamischem Glauben der masīh vor allem derjenige, der am Ende der Zeiten kommen wird um zusammen mit dem Mahdī den dadjdjāl, eine Art Antichrist, zu schlagen. Das wird nicht auf Mohammed bezogen: Er war ein normaler Mensch, wird nicht für den masīh gehalten — und sollte also keine entsprechenden Züge aufweisen.13
Oder aber die Verfasser dieser Texte haben nicht verstanden oder geschätzt, dass der Esel ein Symbol für Bescheidenheit war und ein nobles Kamel als eines Propheten würdiger erachtet.
Des Weiteren gab es bereits eine gottgelenkte Kamelstute (an-nāqa al-ma’mūra) in Mohammeds Leben: das Tier, auf dem er die Hidschra von Mekka nach Medina machte und das sich in Medina nicht auf die Stelle hinsetzen wollte, die man ihm anwies, sondern nur dort, wo es selbst sich dazu entschied — auf göttliches Geheiß, versteht sich.
Die vielen komplizierten Texte zum Thema sind schlecht zu datieren, aber sollten die Kamel-Überlieferungen tatsächlich späteren Datums sein, so könnte der Wechsel des Reittiers auch mit der „Entbibelung“ und Arabisierung des frühen Islams zu tun haben, von der hier und hier schon mal die Rede war: Ein biblisches wird durch ein echt arabisches Tier ersetzt.14

Mohammed und Jesus?

Mohammed und Jesus?

In manchen Texten ist sowohl von einem Eselreiter als auch von einem Kamelreiter die Rede. Nach al-Fārisī (gest. 902), dem Autor einer frühen Sammlung von Prophetenerzählungen, war es der biblische Prophet Jesaja, der für Vorhersagen wie die oben zitierten zuständig war:

  • Es wurde gesagt, dass es Jesaja war, der mit der Sache [der Verkündigung] Jesu und Mohammeds betraut wurde. Er sagte zu Aelia, das ist eine Stadt unweit von Bait al-Maqdis, genannt Jerusalem: „Freue dich, Jerusalem, der Eselreiter wird zu dir kommen (d.h. Jesus); danach wird der Kamelmann zu dir kommen (d.h. Mohammed).“ 15

Hier werden im selben angeblichen Jesajavers erst Jesus und dann Mohammed angekündigt, jeder auf einem passenden Reittier. In der Tat gibt es bei Jesaja einen echten Vers, in dem mit etwas Fantasie von einem Eselreiter und einem Kamelreiter die Rede ist: Und sieht er Reiter, Pferdegespanne, einen Zug Esel, einen Zug Kamele, so soll er aufmerksam Acht geben, mit großer Aufmerksamkeit!16 Jedoch das dort vorkommende Wort rèkèv, „Reiterschar” oder „Reiter“ im Plural, wurde hin und wieder auch als rokév „Reiter” im Singular gelesen; die hebräische Konsonantenschrift lässt das zu. Dann würden tatsächlich ein Eselreiter und ein Kamelreiter vorhergesagt.

Es gibt eine wilde Wucherung von noch viel mehr Texten, die Bashear alle ausarbeitet; diese wenigen mögen zur Orientierung in der Thematik dienen.
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Umar als Eselreiter
War der Esel als prophetisches Tier mit Ya‘fūr gestorben, als messianisches Tier hat er noch ein Nachleben gehabt. ʿUmar, der zweite Kalif (reg. 634–44), soll auf einem Esel von al-Djābiya auf den Golanhöhen nach Jerusalem geritten sein. Einmal abgesehen davon, dass er wahrscheinlich nie in Jerusalem war, ist diese Strecke so lang, dass ein Staatsoberhaupt unter Zeitdruck wohl kaum einen Esel benutzt hätte. Es gibt in der Tat Varianten, denen zufolge er erst am Jordan auf einen Esel umgestiegen sein soll. Ein Pferd zu nehmen um die Römer zu beeindrucken, wie manche ihm vorschlugen, soll er aus Bescheidenheit ausdrücklich abgelehnt haben. Die Verfasser solcher „Berichte“ werden mit Sicherheit den messianischen Charakter sowohl des Esels als auch des Einzugs in Jerusalem im Kopf gehabt haben. ‘Umar hatte ja den Beinamen Fārūq, auf Aramäisch parūqā, was „Erlöser“ bedeutet. ‘Umars Reittier wird in mehreren Texten ausführlich thematisiert und diskutiert.17 Bei at-Tabarī schließlich finden wir einen Kompromisstext, laut welchem er bei drei Besuchen in Syrien auf drei unterschiedlichen Reittieren geritten sei: Pferd, Kamel und Esel.18

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Burāq
Und dann gab es noch das Reittier Burāq, auf dem Mohammed eine Himmelfahrt (mi‘rādj) und eine nächtliche Reise nach Jerusalem (isrā’) vollzogen haben soll. Von diesem Tier gibt es Beschreibungen:

  • Dem Propheten wurde Burāq gebracht. Dies ist das Reittier, auf dem auch die Propheten vor ihm geritten waren und das seinen Huf bei jedem Schritt so weit setzt, wie sein Blick reicht. Er wurde auf das Reittier gehoben, und Gabriel begleitete ihn […].19

Der Prophet selbst soll gesagt haben:

  • […] und siehe da, da stand ein weißes Reittier, halb Maultier, halb Esel. An den Schenkeln hatte es zwei Flügel, mit denen es seine Hinterbeine vorantrieb, während es seine Vorderbeine dort aufsetzte, wohin sein Blick reichte […] Als ich mich dem Tier näherte um aufzusteigen, scheute es, doch Gabriel legte ihm die Hand auf die Mähne und sprach: „Schämst du dich nicht, Burāq, über das, was du tust? Bei Gott, kein edlerer hat dich vor ihm geritten.“ Da schämte es sich so sehr, dass es in Schweiß ausbrach, und hielt still, dass ich aufsteigen konnte.20

Al-Buraq4816-357Burāq gehört zur Gattung der fliegenden mythologischen Vierfüßler. Meist sind das fliegende Pferde (Pegasus; das mongolische Windpferd), aber in Indien gibt es auch die fliegende Kuh Kamadhenu. Und jetzt also dieses Zwischending zwischen Esel und Maultier. Von Burāq existieren viele Bilder, aber die sind spät entstanden. Oft hat er ein Menschengesicht bekommen; in Indien hat es wohl eine Beeinflussung durch die besagte Kuh gegeben.

Haben diese Reisen auf Burāq überhaupt wirklich stattgefunden oder nur im Traum oder in einer Vision? Die Diskussion darüber ist sehr alt; man findet sie schon in der Prophetenbiographie des Ibn Ishāq (gest. 767).21 Der immer vernünftige Korankommentator at-Tabarī (gest. 923) meint, dass die Reisen durchaus körperlich stattgefunden haben müssten: Um bloß eine Seele zu tragen wäre ja kein Reittier vonnöten gewesen.22

Auch veröffentlicht in zenith, 04/2014, S. 110–1 und online.

ANMERKUNGEN:
1. Eisenstein, Maulesel und Esel, 104–106.
2. Bashear, Riding Beasts on Divine Missions.
3. Pirqe de Rabbi Eliezer 31:

השכים אברהם בבקר ולקח את ישמעל ואת אליעזר ואת יצחק בנו וחבש את החמור. הוא החמור בן האתון שנבראת בין השמשות שנא׳ וישכם אברהם בבקר ויחבש את חמורו והוא החמור שרכב עליו משה בבואו למצרים שנאמר ויקח משה את אשתו ואת בניו וגו׳ הוא החמור שעתיד בן דוד לרכוב עליו שנאמר גילי מאד בת ציון הריעי בת ירושלים הנה מלכך יבא לך צדיק ונושע הוא עני ורוכב על חמור ועל עיר בן אתונות.

4. Im Koran 2:259 ist die Rede von einem Menschen (Propheten?), den Gott hundert Jahre lang tot sein ließ und danach wieder auferweckte — und seinen Esel ebenso. Ein sehr rätselhafter Vers, in dem ich mich jetzt nicht verlieren möchte.
5. Die Mutter dieses Esels, die in der Abenddämmerung des sechsten Schöpfungstags erschaffen worden ist, war auch die Eselin, auf der Bileam ritt (4. Mose 22:21–23).
6. 1. Mose 22:3.
7. 2. Mose 4:20.
8. Sacharia 9:9.
9. Johannes 12:13–15; auch Matthäus 21:1–6; Markus 11:1–10; Lukas 19:28–35; bei Matthäus und Johannes unter Bezugnahme auf den Sacharia-Vers.
10. Bashear, o.c., 47–51. Bashear verfügte in Jerusalem über eine unglaubliche Bibliothek, mit denen europäische Bibliotheken bei Weitem nicht mithalten können.
11. Al-Madjlisī, Bihār al-Anwār, laut Bashear Bd. xv, 206, aber er sagt nicht welche Ausgabe. In diesem Riesenwerk kann ich ohnehin nie etwas finden; ich bekenne: Ich habe es einfach aus dem Internet genommen. Es ist eine Schiitische Quelle; zu denjenigen, denen das nicht gefällt, kann ich sagen, dass es genauso gut sunnitische Quellen gibt.

ان خروجه يكون مخرجه بمكة وهذه دار هجرته وهو الضحوك القتال ، يجتزي بالكسيرات والتمرات ويركب الحمار العاري ، في عينيه حمرة وبين كتفيه خاتم النبوة ، يضع سيفه على عاتقه.

12. Al-Wāqidī, Kitāb al-magāzī, hg. Marsden Jones, 3 Bde., London 1966, i, 367:

أتاكم صاحبها الضحوك القتال في عينيه حمرة يأتي من قِبل اليمن يركب البعير ويلبس الشملة ويجترئ بالكسرة سيفه على عاتقه الخ

13. In der Wortkombination al-masih ad-dadjdjāl hat das Wort sogar einen sehr ungünstigen Klang: es entspricht dem Namen Antichrist bei den Christen.
14. Bashear, o.c., 39–47.
15. R.G. Khoury, Les légendes prophétiques dans l’Islam […] d’après le manuscrit d’Abū Rifāʿa ʿUmāra b. Wātīma b. Mūsā b. al-Furāt al-Fārisi al-Fasawī, Kitāb bad’ al-Halq wa-qisas al-anbiyā’ […], Wiesbaden 1978, S. 300. Ich habe zwei kleine Textänderungen vorgenommen.

وكان يقال ان أشعياء هو الذي عهد الي بني اسرائيل في أمر عيسى س ومحمد ص فقال لإيلياء وهي قرية قريبة من بيت المقدس واسمها أرشلم: ابشرى أرشلم سيأتيك راكب الحمار يعني عيسى س، ثم يأتيك من بعده صاحب الجمل، يعني محمد ص

16. Jesaja 21:7: וראה רכב צמד פרשים רכב חמור רכב גמל והקשיב קשב רב־קשב
17. Bashear, o.c., 68–71.
18. Muḥammad ibn Djarīr at-Tabarī, Ta’rīḫ ar-rusul wa-’l-mulūk (Annales), hg. M.J. de Goeje et al., Leiden 1879–1901, i, 2401: „Insgesamt ist Umar vier mal in Syrien eingeritten: das erste Mal auf einem Pferd, das zweite Mal auf einem Kamel, das dritte Mal hat er abgebrochen, weil die Pest wütete, und das vierte Mal auf einem Esel.“

فجميع ما خرج عمر الى الشأم أربع مرات، فأما الأولى فعلى فرس، وأما الثانية فعلى بعير، وأما الثالثة فقصّر عنها أن الطاعون مستعر، وأما الرابعة فدخلها على حمار.

19. Ibn Ishāq: Das Leben Muhammed’s nach Muhammed Ibn Ishâk bearbeitet von Abd el-Malik Ibn Hischâm, hrsg. F. Wüstenfeld, Göttingen 1858–60, 263; Das Leben des Propheten, Übers. Gernot Rotter, Kandern 1999, 80.
20. Ibn Ishāq, o.c. 264; o.c., 81–2. TEXT@
21. Ibn Ishāq, o.c. 264–6. TEXT@
22. At-Tabarī, Tafsīr zu Koran 17:1:

ولا دلالة تدلّ على أن مراد الله من قوله : { أَسْرَى بِعَبْدِهِ } أسرى بروح عبده، بل الأدلة الواضحة والأخبار المتتابعة عن رسول الله  ص أن الله أسرى به على دابّة يقال لها البراق؛ ولو كان الْإسراء بروحه لم تكن الروح محمولة على البراق، إذ كانت الدواب لا تحمل إلا الْأجسام .

BIBLIOGRAPHIE:
– Bashear, Suliman, „Riding Beasts on Divine Missions: An Examination of the Ass and Camel Traditions,“ JSS 37.1 (1991), 37–75.
– Eisenstein, Herbert, „Die Maulesel und Esel des Propheten,“ Der Islam 62 (1985), 98–107.
– Kister, Meir J., „Haddithū ʿan Banī Isrāʾīla wa-lā haraja. A Study of an early Tradition,“ in IOS 2 (1972), 215–39; online hier.
– Rubin, Uri, The eye of the beholder. The life of Muḥammad as viewed by the early Muslims. A textual analysis, Princeton 1995, insbes. S. 35–43.

Diakritische Zeichen: Yaʿfūr, ʿUfair, ʿAmr, Ḫaibar, Šihāb, Ḥaddiṯū ʿan Banī Isrāʾīl, Banū Naḍīr, masīḥ, daǧǧāl, ʿUmar, al-Ǧābiya, aṭ-Ṭabarī, miʿrāǧ, isrāʾ, Ibn Isḥāq, al-Maǧlisī, Biḥār al-Anwār, Kitāb al-maġāzī, Abū Rifāʿa ʿUmāra b. Wāṯīma b. Mūsā b. al-Furāṭ, Kitāb badʾ al-Ḫalq wa-qiṣas al-anbiyāʾ, Muḥammad ibn Ǧarīr aṭ-Ṭabarī, Taʾrīḫ

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Die heiße und die kalte Hölle

dsc_7917-thumb-1024xauto-67094Aus Bibel und Koran kennen wir die Hölle als einen extrem heißen Ort, ein ständig loderndes Feuer. Im arabischen Text Kitāb al-Azama (anonym; achthundert Jahre alt?) fand ich neben einer ausführlichen Beschreibung der uns bekannten Hölle auch ein Fragment zum Temperaturkontrast. Der Autor konnte hier, wie immer unter dem Deckmantel der Gottesfurcht, seine sadistische Seite mal wieder so richtig ausleben.

Mālik ist der Wärter der islamischen Hölle. In Koran 43:77 wird er kurz erwähnt, wenn die Gefolterten ihn fragen, ob der Herr ihnen nicht den Garaus machen kann. Nein, ist die Antwort, ihr bleibt hier! Darauf baut der nachfolgende Auszug aus dem Buch auf. Ein Hinweis vorab: Er ist die freie Fantasie eines uns unbekannten Autors und nicht Bestandteil des gängigen islamischen Gedankenguts.

  • (Übersetzter Text:) […] Da kommen die Schergen der Hölle (zabāniya; K. 96:18) hervor um die Tore wieder zu schließen. Die Bewohner der Hölle toben laut, weinen bitter und sagen: Mālik, warum hast du beschlossen die Tore wieder zu schließen? Er antwortet: Es ist notwendig, sie zu schließen und zu vernageln, denn in Gehenna gibt es nur Enge und Bestrafung; sie ist stockdunkel und voller Bestrafungen und Fesseln. 
Da toben sie laut und sagen: Mālik, zeige uns doch etwas, was die Folterung erleichtern kann. Er antwortet: Betet zu eurem Herrn, dass er die Fessel nicht noch fester anzieht. Das tun sie, aber jedes Mal, wenn sie beten, wird das siedende Wasser (hamīm) noch heißer für sie und die Schergen worden zornig und Feuerzungen schießen aus gegen sie, bis sie elend dran sind. Da flehen sie alle zusammen um Hilfe: Herr, foltere uns, wie Du willst, aber sei nicht zornig mit uns!
 Dann sagen sie: Mālik, gib uns etwas zu trinken, was unsere Eingeweide erquicken kann. Aber er sagt: Ihr Elenden, in Gehenna gibt es nur siedendes Wasser, flüssiges Kupfer und Ekelkost. Sie sagen: Dies halten wir nicht aus! Er sagt: Ob ihr es aushaltet oder nicht, macht keinen Unterschied; euch wird nur vergolten, was ihr getan habt. Sie toben alle durcheinander und rufen: Mālik, Mālik! – hundert Jahre lang. Darauf antwortet er: Was ist los, ihr Elenden? Dann sagen sie: Mālik, bring uns in die Kälte)!
 Die Schergen führen sie in die Kälte, die besteht aus Löchern, Tälern, Höhlen, Grotten, Särgen und Schluchten. Sie schleppen sie aus den Seen des Höllenfeuers und führen sie in die Kälte. Erfreut kommen sie an bei den Bergen aus dem Schnee und dem Eis der Kälte, bei den Löchern in der Kälte und den Hügeln der Kälte, die von Gottes Zorn sind. 
In der Kälte gibt es einen Wind, Sarsar mit Namen, der sie mitführt und sie über die Hügel zerstreut und ihr Fleisch ausbreitet, es abschneidet und es in die Kälte wirft. ‘Abdallāh ibn Salām sagte: Bei ihm, in dessen Hand meine Seele ist, die Schergen hören nicht auf ihr Fleisch abzuschneiden mit Messern von Gottes Zorn, während das Blut aus ihren Körpern strömt und sie nackt und barfuß in der Kälte sind. Die Folterung durch die beauftragten Schergen endet nie.
 Hundert Jahre lang rufen sie: Mālik, Mālik! Aber er sagt zu den Schergen: Gießt etwas Wasser aus der Kälte über ihre Köpfe! Sie tun, wie er es befohlen hat und es gefriert an ihren Körpern. 
Sie schreien und toben laut und rufen wieder hundert Jahre lang: Mālik, Mālik! Dann sagt Mālik: Wie geht es euch jetzt, Ihr Elende? Und sie sagen: Wir hatten gehofft, dass unsere Folterung durch die Kälte erleichtert worden wäre, aber sie ist noch schlimmer geworden, also bring uns wieder zurück ins Höllenfeuer! Dann sagt Mālik zu den Schergen: Bringt sie zurück ins Höllenfeuer! und das tun sie. Wenn sie in ihren Unterkünften im Höllenfeuer ankommen, spüren sie, dass es siebzigmal heißer ist als zuvor. 
Sie rufen hundert Jahre lang: Mālik! Dann fragt Mālik sie: Wie geht es euch jetzt, Elenden? Und sie antworten: Bring uns zurück in die Kälte.
  • ‘Abdallāh ibn Salām sagte: Sie werden abwechselnd hundert Jahre am einem Ort gefoltert und hundert Jahre am anderen.

Das Wort für „eisige Kälte“, zamharīr, kommt einmal im Koran vor (K. 76:13). Der Vers handelt allerdings nicht von der Hölle, sondern vom Paradies, dessen Bewohner sich bei moderatem Wetter entspannen und weder durch Sonne, noch durch Kälte belästigt werden — anders als das auf der Erde der Fall ist, sollte man dazu denken. Ich habe nur einen Hadith gefunden, in dem von Kälte in der Hölle die Rede ist:

  • Der Prophet sagte: „Die Hölle beklagte sich bei ihrem Herrn: ‘Herr, Teile von mir haben andere verzehrt.’ Dann bekam sie Erlaubnis, zweimal zu verschnaufen: einmal im Winter und einmal im Sommer. Das sind die extreme Hitze, die ihr im Sommer erleidet und die Eiseskälte (zamharīr), die ihr im Winter erleidet.“ 1

Darauf habe ich das Wort zamharīr in den Korankommentaren von Muqātil ibn Sulaimān, at-Tabarī, Ibn Kathīr und al-Qurtubī nachgeschlagen. Dort werden hauptsächlich Worterklärungen angeboten. At-Tabarī und al-Qurṭubī zitieren den obigen Hadith; überdies verweist al-Qurtubī auf eine Verszeile von al-A‘shā (± 570–625), die stark an den Wortlaut von Koran 76:13 erinnert.Kurzum, sowohl die Koranexegese wie auch der Hadith zum Thema sind äußerst dünn und können nicht die Inspirationsquelle der lebhaften Beschreibung in al-Azama gewesen sein. Der Autor muss also Zugang zu anderen Gedankenwelten gehabt haben. Ich habe einen jüdischen, einen christlichen und einen vorislamisch-persischen Text gefunden, wo es in der Hölle kalt ist. Die jüdische Legende zur Höllenfahrt Mosis redet sowohl von Kälte wie auch von Hitze:

  • Moses willigte ein und sah zu, wie die Sünder verbrannt wurden, die Hälfte ihrer Körper in Feuer eingetaucht, die andere Hälfte in Schnee, während Würmer, die in ihrem eigenen Körper ausgebrütet waren, über sie her krochen […]. 3

In der Hölle, wie sie in der christlichen Paulusapocalypse (Visio Sancti Pauli, nach 400) beschrieben wird, ist zumindest ein kalter Ort vorhanden:

  • Und wiederum erblickte ich dort Männer und Weiber mit zerschnittenen (oder: abgeschnittenen) Händen und Füßen und nackt an einen Ort von Eis und Schnee gestellt, wo Würmer sie verzehrten.4

In der Hölle des Ardā Wirāz Nāmag (Persisch, ca. 600) mangelt es eben so wenig an Kälte. Auch hier wird der Kontrast zwischen heiß und kalt als Foltermethode angewandt:

  • Dann sah ich die Seelen der Sünder, die ewig Strafen erlitten, wie Schnee, Graupel, Eiseskälte und die Hitze eines lodernden Feuers, Gestank und Steine und Asche, Hagel und Regen und viele andere Übel […].5 Auf die Seelen derjenigen, die in die Hölle gefallen waren, wurde von unten Rauch und Hitze geblasen und ein kalter Wind von oben.6

In einem Gebiet in der Hölle ist es nur kalt:

  • Ich sah die Seele eines Mannes, der einen Berg auf seinem Rücken trug, und er trug den Berg in Schnee und Kälte.7

Die Vorstellung einer kalten Hölle war in der Antike also ausreichend vorhanden um Azama zu inspirieren. Aber in keiner der drei obigen Quellen werden die Kälte und der Kontrast zwischen heiß und kalt so ausgearbeitet wie in Azama. So lange ich keine andere Quelle entdecke, betrachte ich das als einzigartig.8

Der arabische Text, meiner ʿAẓamaWebseite entnommen:

قال فتقدمُ الزبانية لترد الأبواب فيضجون أهل النار ضجّة عظيمة ويبكون بكاءً شديدًا ويقولون: يا مالك ما بال الأبواب قد عزمت على أن تردها؟ فيقول: لا بدّ من ردّها وتسميرها فليس في جهنم الاّ الضيق والنكال وهي سوداء مظلمة شديدة الأنكال والأهوال. قال فيضجون ضجة عظيمة ويقولون: يا مالك ما تدلنا على شيء يخفف عنا العذاب، فيقول: ادعوا ربّكم حتى لا يضيق عليكم القيود. قال فيدعوا فكلما دعوا يشتد عليهم الحميم وغضب الزبانية وتطاولت ألسنة النار حتى يكونوا في جهد جهيد،  فيستغيثون بأجمعهم: يا ربنا عذبنا بما شئت وكيف شئت ولا تغضب علينا. ثم يقولون: يا مالك اسقنا ماء تبرد به أكبادنا. فيقول: يا معاشر الأشقياء ليس في جهنم الاّ الحميم والمهل والغسلين. فيقولون: ليس نصبر على هذا فيقول أصبروا أو لا تصبروا سواء عليكم انما تجزون ما كنتم تعملون. قال فيصيحون باجمعهم وهم يقولون يا مالك مائة سنة فيجيبهم بعد مائة سنة: أي شيء بكم يا أيها الأشقياء فيقولون يا مالك أخرجنا الى الزمهرير، قال فتخرجهم الزبانية الى الزمهرير من الجباب والأودية والكهوف والمغاير والتوابيت والفجاج ويشيلوهم من بحار النار، ثم يسوقوهم الى الزمهرير فيحضرونهم وهم فرحين الى جبال من الثلج وأيضا زمهرير من الثلج وإلى جباب من الزمهرير وإلى آجام من الزمهرير وذلك كله من غضب الله تعالى. وفي ذلك الزمهرير ريح يقال له صرصر فتحملهم وتنسفهم في تلك الآجام فتنثر لحومهم وتقطعها وتطرحها في الزمهرير.  قال عبد الله بن سلام والذي نفس عبد الله بيده لا تزال الزبانية تقطع لحومهم بسكاكين من غضب الجبار والدم يسيل من أجسامهم وهم عراة حفاة في الزمهرير. والزبانية موكلين عليهم لا يفنى عذابهم أبدًا. ينادون: يا مالك مائة سنة. قال فيقول للزبانية صبوا فوق رؤوسهم من ماء الزمهرير فيفعلون ما امرهم به مالك فيجمد على أبدانهم فيصرخون ويضجون ضجة عظيمة،  ثم ينادون: يا مالك مائة سنة فيقول: ما حالكم يا أشقياء؟ فيقولون: إنما رجونا أن يخفف عنا العذاب بالزمهرير فلقد زاد عذابنا فردنا إلى النار.  فيقول مالك للزبانية: ردوهم الى النار فيردوهم فاذا وصلوا الى منازلهم في النار وجدوا النار قد زادت سبعين ضعفا عما كانت. فينادون: يا مالك مائة سنة فيقول لهم مالك: ما حالكم يا أشقياء؟ فيقولون: أخرجنا الى الزمهرير. قال عبد الله بن سلام رضي الله عنه يعذبون هاهنا مائة سنة وهاهنا مائة سنة.
وان الله لما فرغ من خلق النار جعلها على عظمها في متن الريح.

ANMERKUNGEN 1. Muslim, Masāǧid 185; Buḫārī, Mawāqīt 9 und einige andere Stellen.

وَحَدَّثَنِي عَمْرُو بْنُ سَوَّادٍ وَحَرْمَلَةُ بْنُ يَحْيَى وَاللَّفْظُ لِحَرْمَلَةَ أَخْبَرَنَا ابْنُ وَهْبٍ أَخْبَرَنِي يُونُسُ عَنْ ابْنِ شِهَابٍ قَالَ حَدَّثَنِي أَبُو سَلَمَةَ بْنُ عَبْدِ الرَّحْمَنِ أَنَّهُ سَمِعَ أَبَا هُرَيْرَةَ يَقُولُ قَالَ رَسُولُ اللَّهِ ص اشْتَكَتْ النَّارُ إِلَى رَبِّهَا فَقَالَتْ يَا رَبِّ أَكَلَ بَعْضِي بَعْضًا. فَأَذِنَ لَهَا بِنَفَسَيْنِ نَفَسٍ فِي الشِّتَاءِ وَنَفَسٍ فِي الصَّيْفِ. فَهْوَ أَشَدُّ مَا تَجِدُونَ مِنْ الْحَرِّ وَأَشَدُّ مَا تَجِدُونَ مِنْ الزَّمْهَرِيرِ.

2. .مُنَعَّمَةٌ طَفْلَةٌ كَالْمَهَاةِ لَمْ تَرَ شَمْسًا وَلَا زَمْهَرِيرَ, „an Komfort gewöhnt, zart wie eine wilde Kuh; sie hat weder Sonnenglut noch zamharīr erlebt.“
3. Louis Ginzberg, The Legends of the Jews, 6 Bde., Philadelphia 1955, ii, 313; weitere Hinweise v, 418.
4. Apokalype des Paulus 39, in: Neutestamentliche Apokryphen in deutscher Übersetzung. II. Apostolisches. Apokalypsen und Verwandtes, hrsg. W. Schneemelcher, Tübingen 19895, S. 664. Die ältere englische Übersetzung von M.R. James steht online.
5. Ardā Wirāz Nāmag: the Iranian ‚Divina commedia’, Ausg., Übers. und Kommt. Fereydun Vahman, London/Malmö 1986, 209. Eine ältere, weniger gute Übersetzung steht online.
6. ibid. 217. Andere Stellen ibid. 202, 210. 7. ibid. 206. 8. Klaus Gronau weist mich hin auf Thomas Mann, Doktor Faustus, wo Adrian Leverkühn ebenfalls eine Vision hat, in der Seelen von der Hitze in die Kälte und zurück getrieben werden.

Diakritische Zeichen: ḥamīm, ġislīn, Ṣarsar, ʿAẓama, at-Ṭabarī, Ibn Kaṯīr, al-Qurṭubī

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Einundvierzig Höllenqualen

Momentan arbeite ich konzentriert an der Ausgabe eines alten arabischen Textes, das Kitāb al-‘Azama.

Eine Textausgabe hat etwas Handwerkliches, etwas Gemütliches für die Winterabende: Rätsel lösen, mit (Fotos von) ungefähr zehn alten Handschriften auf dem Tisch. Nachdem ich zur Einstimmung ein Fragment über die heiße und die kalte Hölle hier eingegeben hatte, sind jetzt die Höllenqualen an der Reihe, um die vierzig an der Zahl, eine noch grausamer als die andere — das macht richtig Spaß. Um Ihnen einen Eindruck zu geben: Es sieht so aus:

  • – Darauf wurden andere aus dieser Gemeinschaft gebracht, deren Haut abgezogen und danach wieder aufgebracht wurde. Über sie rief ein Herold: Dies sind diejenigen, die sich um einen guten Ruf und Ruhm bei den Fürsten und Sultanen dieser Welt bemüht haben.
    – Darauf wurden andere aus dieser Gemeinschaft gebracht, deren Bauch aufgeschlitzt wurde, in den dann Pfähle aus Feuer getrieben wurden und denen ihre Ohren zu essen gegeben wurden. Über sie rief ein Herold: Dies sind die Imame und Muezzins der Muslime, die zum Gebet riefen, aber für Lohn beteten, die Güter der Menschen begehrten und sich die Belohnung bei Gott versagten.
    – Darauf wurden andere aus dieser Gemeinschaft gebracht, die mit dem Kopf nach unten gekreuzigt wurden und in deren Ohren Blei aus dem Höllenfeuer gegossen wurde. Über sie rief ein Herold: Dies sind diejenigen, die an der Botschaft Mohammeds zweifelten.

Solche Texte gab es schon im alten Persien, aber sie sind auch in apokryphen christlichen Texten zu finden — und in der Biographie des Propheten Mohammed, der ja während seiner Reise durch Himmel und Hölle seine Augen offen gehalten haben soll. Ein kurzer Hinweis auf die verwandten Texte bereits hier.

Man kann schon verstehen, warum der Koran so gerne gelesen wird. Der spielt ja immer nur kurz auf die Hölle an, so dass sich jeder selbst Angst einjagen kann. Bei ausgearbeiteten Beschreibungen der Höllenqualen wie den obigen tritt nach einiger Zeit Langeweile ein und der Schrecken bleibt aus. Man sieht auch in den Handschriften, dass der eine oder andere Kopist mit Leichtigkeit noch einige Foltern hinzuerfinden konnte. Sein Nachbar, ein Neffe oder der Steuerbeamte sollte auch noch zur Hölle fahren und bekam mit Gusto eine Folterung zugedacht.

Das Prophetenwort, nach dem „die meisten Einwohner der Hölle Frauen sind“,1 ist in diesem Text übrigens nicht berücksichtigt worden. In ʿAẓamas Hölle gibt es nur ganz wenige Frauen. Ganz hart bestraft — allerdings nur in zwei Handschriften — werden Frauen, die behaupten, sie hätten Kopfschmerzen, während sie keine haben.

Nachschrift: Inzwischen kann man hier das ganze Kapitel in englischer Übersetzung lesen.

ANMERKUNG
1. Bukhārī, Bad’ al-khalq 8: . اطّلعت في الجنة فرأيت أكثر أهلها الفقراء واطّلعت في النار فرأيت أكثر أهلها النساء

Diakritische Zeichen: Kitāb alʿ-Aẓama, Buḫārī, bad’ al-ḫalq

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Mohammed und die Juden

Dieses Thema ist zu groß und zu kompliziert, um es hier umfassend zu behandeln. An dieser Stelle werde ich nur erklären, weshalb es so schwierig ist.

Die drei wichtigsten alten arabischen Quellentexte, in den Juden vorkommen, passen nicht zu einander. Und auch die erhaltenen Fetzen alter Poesie, die fantastischen Erzählungen im Hadith sowie die Behandlung des Themas in späteren Geschichtswerken führen nicht weiter.
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1. Der Koran nennt die Juden bei Namen (yahūd) und erwähnt sie darüber hinaus, zusammen mit den Christen, auch als „die Leute der Schrift,“ (ahl al-kitāb). Die Juden werden bald zu den Gläubigen, bald zu den Ungläubigen gezählt. Ihre Sünden in der Vergangenheit werden mit religiösen Begriffen beschrieben, die zum Großteil mit denen im Neuen Testament parallel laufen: Die Juden haben Propheten getötet und wollten auch Jesus töten; sie haben sich nicht an die Regeln ihrer eigenen Thora gehalten und die Meisten betrachten sich als das auserwählte Volk — zu Unrecht! Viele dieser Sünden haben sie laut Koran übrigens mit den Christen gemeinsam.
In der Entstehungszeit des Korans kam noch der Vorwurf hinzu, dass die Juden die Schrift verfälscht (z. B. in Vers 4:46) und Teile davon den Gläubigen verheimlicht hätten (2:76), während sie andererseits die Echtheit des Korans nicht anerkannten. Ihr Monotheismus ist keineswegs lupenrein: Unter anderen betrachteten sie Esra (‘Uzair) als Sohn Gottes. Den wahren Gläubigen seien sie feindselig gesonnen. Wegen ihrer falschen Einstellung Schrift und Gesetz gegenüber wird Gläubigen geraten, sich mit Juden und Christen nicht anzufreunden (5:51).
Die Einwände gegen die Juden im Koran sind also vorwiegend religiöser Natur. Aber es werden auch Kriegshandlungen genannt, zu denen Juden angestiftet hätten (5:64). Die „Ungläubigen unter den Leuten der Schrift“ waren jedoch selbst untereinander uneins und haben deshalb den Kampf verloren. Gott hat sie aus ihren Festungstürmen heruntergeholt (33:26–27) und die Gläubigen haben ihre Häuser zerstört (59:2).
Was der Koran zu den Juden, bzw. zu den Leuten der Schrift zu sagen hat → Rubin schön zusammengefasst.
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2. Das Dokument von Medina1 (kitāb) war ein Bündnisvertrag zwischen Muhammad und den anderen Emigranten aus Mekka mit den Bewohnern Medinas, den „Helfern“, unter denen auch Juden waren. Einige Zitate aus → Wellhausens Übersetzung (1889):

  • Die Schutzgemeinschaft Gottes ist eine einzige und allgemeine; die Schutzgewähr verpflichtet alle. Die Gläubigen sind sich gegenseitig zu Schutz verpflichtet gegen die Menschen.
  • Die Juden, die uns folgen, bekommen Hilfe und Beistand; es geschieht ihnen kein Unrecht und ihre Feinde werden nicht unterstützt.
  • Die Juden der ‘Auf behalten zwar ihre Religion, bilden aber eine Gemeinde (umma) mit den Gläubigen.
  • Die Juden der Aus, ihre Beisassen und sie selber, haben die gleiche Stellung wie die Genossen dieser Schrift […].

Neben den ‘Auf und den Aus werden weitere Stämme erwähnt, jeder mit seinen eigenen Juden. Es scheint, dass diese in einer untergeordneten Position Teil des jeweiligen Stammes waren. Das Dokument muss sehr alt sein, es enthält etliche unverständliche Wörter und Termini. Wellhausens Übersetzung mag zu wünschen übrig lassen; zu befürchten ist aber, dass die anderen Übersetzungen auch nicht besser sind.
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3. Die Standarderzählung über Mohammeds Abrechnung mit den Juden aus Ibn Ishāqsira in der Bearbeitung von Ibn Hishām kennen Sie wahrscheinlich.2 Sie steht in jedem einführendes Buch zum Islam. Es gibt auch andere sira-Quellen, in denen sie vorkommt. Laut dieser Erzählung suchte Mohammed erst eine Annäherung an die jüdischen Stämmen in Medina, nämlich Quraiza, an-Nadīr und Qainuqā‘. Diese machten aber gemeinsame Sache mit seinen Feinden, verrieten ihn und wurden deshalb bestraft: Grund und Besitz wurden ihnen abgenommen, sie wurden vertrieben, zum Teil sogar ausgerottet, und in Arabien durften nie wieder Juden leben.
Diese Erzählung ist historiographisch jedoch fast nichts wert, denn sie ist vor allen Dingen eine ausführliche Exegese bestimmter Koransuren und will in einigen Punkten Präzedenzfälle für die Rechtsgelehrtheit bieten. Dies hat → Schöller in seinem Exegetisches Denken nachgewiesen. Das Buch erschien bereits 2008, wurde aber kaum wahrgenommen, womöglich weil es die – nicht nur von Muslimen – fast wie ein Dogma behandelte traditionelle Überlieferung widerlegt. Oder man fand es einfach zu schwierig: Das Buch ist nur für klassisch ausgebildete Arabisten genießbar.3
In der ganzen sira ist die Gesinnung oft ausgesprochen judenfeindlich. Merkwürdig ist aber, dass der Erzähler bei den Hinrichtungs- und Ausrottungsszenen manchmal den jüdischen Opfern gegenüber mitleidsvoll ist. Im alten Arabien war man nie so empfindsam bei der Ausrottung von Sippen, aber in diesem Fall durchaus. Warum ist noch unklar.
Die sira enthält auch ein großes Kapitel4 voller „Berichten“ von Streitgesprächen zwischen dem Propheten und einigen seiner Gefährten mit arglistigen jüdischen Rabbinern. Auch diese sind Koranauslegung, und zwar der Sura 2:1–100.
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Die drei in der Standarderzählung erwähnten selbständigen jüdischen Stämme kommen im „Dokument von Medina“ nicht vor; die dort genannten Juden wiederum nicht in der Standarderzählung. Der Koran nennt überhaupt keine Namen und redet weder von einem Bündnis noch von dessen Verletzung.
Wenn die Standarderzählung in der sira überwiegend Koranexegese ist, kann sie schwerlich als historische Quelle verwendet werden. Das »Dokument« wiederum muss von vor dem Bruch zwischen Muslimen und Juden datieren — aber wann ergab sich dieser Bruch? Als Muhammad noch lebte – oder erst hundert Jahre später? In einem gewissen Augenblick fingen die Muslime ja an, sich von den jüdischen Texten zu distanzieren, die sie anfangs schon bei ihrer Koranauslegung und in der sīra verwendet hatten, nämlich die Bibel und die jüdischen Prophetenlegenden. Diese sogenannten isrā’īlīyāt wurden ab dem 8. Jahrhundert von Muslimen immer unakzeptabeler gefunden. Es ist denkbar, dass die älteste Geschichte des Islams bei dieser „Entbibelung“ noch mal überholt worden ist und dass bei dieser Gelegenheit anti-jüdische Gefühle in die Vergangenheit zurückprojiziert wurden. Das macht es noch schwieriger zu erkennen, was zu Mohammeds Zeit wirklich geschah.
Es gab etliche moderne Autoren, die eine zusammenhängende Erzählung nachstreben, indem sie die drei heterogenen Hauptquellen mit einander in Einklang zu bringen versuchten. Meist sind sie von der Standarderzählung ausgegangen – deren fiktiver Charakter mittlerweile nachgewiesen ist – und haben ihre Interpretation der beiden anderen Quellen daran »angepasst«. Solche Harmonisierungsversuche können nicht befriedigen. Es ist ehrlicher zuzugeben, dass wir über die Geschehnisse wenig bis gar nichts wissen. Andere Autoren wissen oder spüren das; unter ihnen gibt es einige, die mit postmoderner Gleichgültigkeit erklären, dass es nicht wichtig ist, was damals wirklich geschah. Ihnen geht es ja um Analyse, Interpretation und Kontextualisierung der Erzählungen.

Was in Wirklichkeit geschehen oder vielmehr nicht geschehen ist, ist aber doch von Interesse. Dass zu Muhammads Umgang mit den Juden kein zuverlässige Auskunft existiert, hindert die Menschen nämlich nicht daran, das Thema zu instrumentalisieren. Moderne muslimische Judenhasser berufen sich auf die Standarderzählung, um die Juden noch mal so richtig hassen zu können. Moderne Muslimhasser berufen sich auf dieselbe Erzählung, um Mohammed als mordlustigen, von Hass erfüllten Antisemit zu schildern. Bis vor kurzem waren einige von ihnen vielleicht selbst noch Antisemiten; die islamische Standarderzählung, die sie für sich frisch entdeckt und glatt für wahr gehalten haben, macht es ihnen leichter auf Muslimhass umzusteigen, was einen Tick moderner erscheint. Und das, obwohl kein Mensch herausfinden kann, was damals wirklich geschah. Wenn man wenigstens das eingestehen würde, müsste man gleich viel weniger hassen und schimpfen.

Auch veröffentlicht in zenith, Nov./Dez. 2013, S. 110–111.

ANMERKUNGEN
1. Auf Deutsch oft „die Gemeindeordnung von Medina“, auf Englisch „the constitution of Medina“ genannt. Ibn Isḥāq, arabische Text, 341–44; Deutsch in Wellhausen, 67–73, online hier; Englisch: Guillaume, 231–33, online hier; Watt 221-225, Lecker@. Humphreys bietet eine wertvolle Einführung zum „Dokument“; mit Bibliographie.
2. Ibn Isḥāq, arabische Text: 545–547, 652–661, 680–697; Deutsch: Rotter 160–162, 176–181, 204–207; Englisch: Guillaume 363–364, 437–445, 458–468 und viele andere Stellen.
3. Aber man könnte doch wenigstens sein „Zusammenfassung und Ergebnis“ zur Kenntnis nehmen, S. 463–468.
4. Ibn Isḥāq: Arabische Text: 361–400; Deutsch: Rotter116–123; Englisch: Guillaume 246–270.

BIBLIOGRAPHIE
– Ibn Isḥāq: Arabische Text: Das Leben Muhammed’s nach Muhammed Ibn Ishâk bearbeitet von Abd el-Malik Ibn Hischâm, Hrsg. F. Wüstenfeld, Göttingen 1858–60, Deutsche Übersetzung: Ibn Isḥāq, Das Leben des Propheten, Übers. Gernot Rotter, Kandern 1999.; Englische Übersetzung: A. Guilaume, The Life of Muhammad, A Translation of Isḥāq’s (sic!) Sīrat Rasūl Allāh, Oxford 1955.
– Moshe Gil, „The Constitution of Medina. A Reconsideration,“ Israel Oriental Studies 4 (1974), 44–65.
– R. Stephen Humphreys, Islamic History. A Framework for InquiryRevised Edition, London/New York 1991. Die S. 92–98 enthalten eine wertvolle Einführung in das „Dokument von Medina,“ mit Bibliographie.
– Michael Lecker, The ‘Constitution of Medina’. Muḥammad’s First Legal Document, Princeton, New Jersey 2004.
– Paul Lawrence Rose, Muhammad, „The Jews and the Constitution of Medina: Retrieving the historical Kernel,“ Der Islam 86 (2011), 1–29.
– Uri Rubin, „Jews and Judaism,“ Encyclopaedia of the Qurʾān. Hrsg. Jane Dammen McAuliffe, Leiden 2001–2006 (iii, 21–34).
– Günter Schaller, Die „Gemeindeordnung von Medina“. Darstellung eines politischen Instruments. Ein Beitrag zur gegenwärtigen Fundamentalismus-Diskussion im Islam, Augsburg, Univ.-Diss. 1983.
– Marco Schöller, Exegetisches Denken und Prophetenbiographie: eine quellenkritische Analyse der Sīra-Überlieferung zu Muḥammads Konflikt mit den Juden, Wiesbaden 2008.
– W. Montgomery Watt, Muhammad at Medina, Oxford 1956, insbes. S. 221-228.
– Julius Wellhausen, „Mohammeds Gemeindeordnung von Medina“ in Skizzen und Vorarbeiten iv, Berlin 1889, 65-83. Online hier verfügbar.

Diakritische Zeichen: Ibn Isḥāq, Ibn Hišām, Quraiẓa, an-Naḍīr, Qainuqāʿ

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Islamische Verkündigung

  • Die Menschen erzählen—und nur Gott weiß, was wahr ist—dass Āmina, die Mutter des Propheten, erzählt hat, während ihrer Schwangerschaft sei [eine Stimme?] zu ihr gekommen, die gesprochen habe: „Du bist schwanger mit dem Herrn dieses Volkes. Wenn er geboren wird, sag dann: ‘Lass den Einzigen ihn behüten vor dem Übel eines jeden Neiders,‘ und nenne ihn Mohammed.“ Als sie schwanger mit ihm gewesen sei, habe sie gesehen, wie ein Licht von ihr ausgegangen sei, in dem sie die Festungen von Busrā in Syrien habe sehen können.1

Das Licht, durch das Festungen sichtbar wurden, die sich mehr als tausend Kilometer von Mekka befanden, ist das wundersame, von Ewigkeit an existierende „Licht Mohammeds“ (nūr Muhammad). In Busrā fing das Römerreich an. Die Āmina zugeschriebene Aussage verweist auf die künftige Eroberung dieses Reiches. Die Beschwörungsformel, die sie aussprechen soll, erinnert an die Suren 113 und 114 im Koran. Die beiden Suren (al-mu‘awwidhātān) schützen vor dem Bösen.

Überdies fällt die Übereinstimmung mit der biblischen Verkündigung ins Auge. Im Lukasevangelium bekommt der Vater von Johannes dem Täufer Besuch des Engels Gabriel, der dem Kind eine große Zukunft weissagt und sagt, dass er Johannes heißen solle. Auch die Mutter Jesu bekommt kurz vor ihrer Schwangerschaft Besuch von ihm. Zu ihr sagt der Engel u. a.:

  • Sei gegrüßt, Begnadigte! Der Herr [ist] mit dir. […] Fürchte dich nicht, Maria! Denn du hast Gnade bei Gott gefunden. Und siehe, du wirst schwanger werden und einen Sohn gebären, und du sollst ihm seinen Namen Jesus nennen. Dieser wird groß sein und Sohn des Höchsten genannt werden […].2

Die Verkündigungen an Āmina und an Maria haben einiges gemeinsam: 1. Besuch einer Stimme(?), bzw. eines Engels. 2. Verkündigung der Geburt eines großen Mannes. 3. Auftrag zur Namensgebung. Kurzum, die arabische Erzählung bedient sich nicht nur des Korans, sondern auch der biblischen oder einer sehr verwandten Erzählung. Sie tut das, weil sie in einer Umgebung entstanden ist, in der der neue Prophet Mohammed sich gegenüber den längst existierenden „Propheten“ der Juden und Christen durchsetzen musste. Sie versucht eine christliche Verkündigung durch eine islamische zu ersetzen.

ANMERKUNGEN
1. Ibn Isḥāq: Das Leben Muhammed’s nach Muhammed Ibn Ishâk bearbeitet von Abd el-Malik Ibn Hischâm, hg. F. Wüstenfeld, Göttingen 1858–60, 102. Übers. G. Rotter: Ibn Isḥāq, Das Leben des Propheten, Kandern 1999, 30.
2. Bibel, Lukas 1:26–38.

Diakritische Zeichen: Buṣrā, nūr Muḥammad, al-muʿawwiḏātān

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Der Penis als Gottesbeweis

Wieder mal ein Fragment aus dem arabischen, überwiegend christlichen Text Kitāb al-i‘tibār fī al-malakūt,1 eine Sammlung von ungefähr hundert teleologischen Gottesbeweisen (arguments from design), wahrscheinlich aus dem 9. Jahrhundert. Ich hatte hier schon mal etwas zu diesem Text erzählt und ein Fragment zum Rüssel des Elefanten präsentiert. Ein Fragment zur Dummheit von Babys steht hier.

Heute ein Text zum Penis des Mannes:

  • Verflucht seien Epikur und seinesgleichen, denn ihre Herzen sind so blind für diese wunderbare Schöpfung, dass sie deren Entwurf und Zweckmäßigkeit verneinen.
    Wenn das Geschlechtsteil eines Mannes immer schlaff wäre, wie könnte es je den Boden der Gebärmutter erreichen um den Samentropf dort ansässig zu machen? Andererseits, wenn es immer erigiert wäre, wie könnte ein Mann sich dann im Bett umdrehen, oder unter den Menschen herumgehen mit so einem steifen Ding vor sich? Abgesehen davon, dass es hässlich aussähe, es würde ständig Lust wecken unter sowohl Männern als auch Frauen. Das triebe sie dazu ständig miteinander zu schlafen, was auf Dauer zu ihrem Untergang führen würde. Deshalb ist es so vorgesehen, dass es meist schlaff herunterhängt, so dass es nicht ständig ins Auge fällt und lästig wird für den Mann. Aber dem Penis ist auch das Vermögen gegeben, bei Bedarf steif aufrecht zu stehen, nämlich für den Akt, der ständige Fortpflanzung und sein Fortleben gewährleistet.

Wie Sie sehen, fallen diese Gottesbeweise manchmal ziemlich komisch aus. Dieses Fragment kommt nicht in allen Handschriften vor. Ich frage mich manchmal, ob nicht ein herumalbernder Abschreiber es erdacht und hereingeschmuggelt hat. Wenn man nämlich zwanzig Gottesbeweise aus dieser Sammlung nacheinander liest, kann man selbst mit Leichtigkeit noch einige dazu erfinden. Aber es ist auch denkbar, dass es doch ursprünglich ist, und dass vielmehr andere Abschreiber es gestrichen haben, weil es ihnen nicht erbaulich genug war. Für die Ursprünglichkeit spricht die Erwähnung des fluchwürdigen Epikurs: ein Kopist in alberner Stimmung würde vielleicht nicht so viel Allgemeinbildung und Empörung an den Tag legen.

ANMERKUNG
1. Auch bekannt als Dalā’il al-i‘tibār. Das kleine Werk wird zu Unrecht oft al-Ǧāḥiẓ (gest. 868) zugeschrieben. Die erste (unkritische) Ausgabe erschien 1928 in Aleppo.

فتبّاًلافيقورس وأشباهه حين‏ عميت قلوبهم عن هذه الخلقة العجيبة حتّى أنكروا التدبير والعمد فيها‏. لو كان فرج‏ الرجل مسترخيًا أبدًا كيف كان يصل الى قعر الرحم حتى تقرّ النطفة فيه؟‏ ولو كان منعظًا أبدًا كيف كان الرجل يتقلب في الفراش ويمشي بين الناس وشيء شاخص أمامه؟ ثم كان في ذلك مع قبح‏ المنظر تحريك الشهوة في كلّ وقت من الرجال والنساء جميعًا فيدعوهم تحريكهما الى المباضعة، وهذا على الأوان يؤدّيهم الى الهلاك. فقُدّر أن‏ يكون في‏ أكثر ذلك مسترخيًا  لكيلا‏ يبدو للبصر في كلّ وقت ولا يكون على الرجل منه مؤنة وجعلت فيه قوّة‏ علي الانتصاب عند الحاجة الى ذلك لما فيه من دوام النسل وبقاؤه‏.

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Die Dummheit von Babys als Gottesbeweis

Noch ein Fragment aus dem arabischen Text Kitāb al-i‘tibār fī al-malakūt,1 eine Sammlung von ungefähr hundert teleologischen Gottesbeweise  (arguments from design) christlicher Herkunft, wahrscheinlich aus dem 9. Jahrhundert. Ich hatte hier schon mal etwas zu diesem Text erzählt und ein Fragment zum Rüssel des Elefanten als Gottesbeweis gebracht.

Ist der Gottesbeweis nicht längst veraltet? Ja, aber in den USA ist er wieder quicklebendig. Unter Christen, die die Evolutionstheorie ablehnen, läuft er unter Intelligent Design. Und in der islamischen Welt passt er den Konservativen ebenfalls sehr gut, so dass das Al-i‘tibār neu aufgelegt wird und auch im Internet bruchstückweise verbreitet wird. Der Koran ist voller Hinweise auf die Zeichen Gottes in der Schöpfung, so dass der „Markt“ für ausgearbeitete Gottesbeweise noch sehr lange gegeben sein wird. Obwohl die Gattung eigentlich völlig sinnlos ist, denn Gläubige brauchen die Beweise nicht und Ungläubige lassen sich dadurch nicht beeindrucken. Überdies würde der Beweis der Existenz eines Gottes nicht reichen. Man müsste auch noch beweisen, dass der so nachgewiesene Gott etwas mit der Bibel, dem Koran oder anderen verehrten alten Texten zu tun hätte, was völlig unmöglich ist, es sei denn, man glaubt es schon im Voraus.

Hier folgt eine Kostprobe über die Dummheit von Säuglingen. Welche Handschriften ich benutzt habe verrate ich später im Buch.

  • Überdenke mal einen anderen Aspekt der Beschaffenheit des Menschen, und zwar dass er dumm und ohne Vernunft geboren wird. Würde er mit Vernunft und Verständnis geboren, so fände er die Welt bei seiner Geburt derart merkwürdig, wenn er seine neue Umgebung betrachtete und mit Sachen konfrontiert würde, die er noch nie gesehen, dass er vollkommen in Verwirrung geraten und den Kopf verlieren würde. Denke zum Beispiel an einen erwachsenen, welterfahrenen Mann, der als Gefangener vom einen Land ins Andere überführt wird. Er wird dort wie ein verwirrter Idiot sein und nicht so schnell die Sprache lernen und die Manieren aufschnappen wie jemand, der bereits im jugendlichen Alter gefangen genommen wird. Dazu kommt noch Folgendes: Ein intelligent geborener Säugling würde darunter leiden herumgeschleppt, gestillt, in alten Lappen eingepackt und in der Wiege zugedeckt zu werden, obwohl er das alles schon braucht, weil sein Körper bei seiner Geburt so weich und zart ist. Des Weiteren wäre er dann gar nicht mehr so süß und er würde nicht mehr diesen besonderen Platz in den Herzen einnehmen. Aber sowie es jetzt ist, kommt ein Kind dumm auf die Welt, ohne Ahnung von der Sachlage mit allen diesen Verwandten rund um ihn, und er tritt allem mit schwacher Intelligenz und mangelhafter Kenntnis entgegen. Dann nimmt seine Kenntnis ganz allmählich zu, bis er mit den Dingen vertraut wird und Erfahrungen sammelt; dann verlässt er die Phase des verwirrten Sinnierens und fängt an seine eigenen Sachen zu regeln und aktiv seinen Lebensunterhalt zu verdienen.Es gibt noch andere Gesichtpunkte. Wenn ein Mensch mit ausgewachsener Intelligenz und selbständig geboren würde, so würde sowohl der Anlass zur Kindererziehung wie auch das für die Eltern an dieser Tätigkeit vorgesehene Interesse entfallen, weil das Großziehen durch die Eltern nämlich ein Anspruch auf Sorge und Zuneigung von ihren Kindern einbringt, im Augenblick, da sie diese ihrerseits brauchen. Überdies würden dann Kinder und Eltern keine gegenseitigen Bande mehr knüpfen, weil die Kleinen die Erziehung und Fürsorge ihrer Eltern nicht brauchten. Sie stünden schon gleich bei der Geburt auf eigenen Füßen, so dass niemand seine Eltern kennen lernen würde. So würde ein Junge auch nicht davon abgehalten werden Geschlechtsverkehr mit seiner Mutter und Schwester zu haben, weil er diese nicht kennte. Wenn ein Kind den Bauch seiner Mutter vernunftbegabt verließe, wäre das geringste Übel noch, dass er Unerlaubtes von ihr zu sehen bekäme, das er besser nicht gesehen hätte.

Meist steht bei solchen Beispielen noch die rhetorische Frage: Kann ein derart wunderbarer Entwurf wirklich auf Zufall zurückgehen, oder steckt doch ein intelligenter Entwerfer dahinten? Hier fehlt diese Frage, aber Sie können sie hinzudenken und wenigstens anerkennen, dass es schön geregelt ist, so wie es ist.

ANMERKUNG
1. Auch bekannt als Dalā’il al-i‘tibār. Das kleine Werk wird zu Unrecht oft al-Djāhiz (gest. 868) zugeschrieben. Die erste (nicht-kritische) Ausgabe erschien 1928 in Aleppo.

فكر‏ في‏ أمر الانسان‏ في‏ باب‏ آخر وهو‏ ولاده‏‏ حين‏ يولد‏ غبيّاً‏ غير ذي‏ عقل وفهم‏. فانّه لو كان‏ يولد‏ عاقلاً‏ فاهمًا‏‏ لأنكر العالَم عند ولاده‏ حتّى‏ يبقى حيرانًا تائه العقل اذا رأى ما‏‏‏ لم‏ يعرف وورد عليه‏ ما لم‏ ير مثله‏. واعتبر‏‏ ذلك بأن من سبي‏ من بلد الى بلد وهو‏ محتنك يكون كالواله الحيران ولا يسرع‏ في‏ تعلم‏ الكلام‏ وقبول الأدب كما يسرع‏ الذي‏ سبي صغيرًا. ثم كان لو ولد‏ عاقلًا وجد‏ غضاضة أن‏ يرى نفسه محمولاً‏ ومرضعًا معصّبًا بالخرق ومسجىً في المهد،‏ على أنّه كان لا‏ يستغني‏ عن هذا كلّه لرقّة بدنه ورطوبته حين‏ يولد‏. ثم كان لا‏ يوجد له من الحلاوة والموقع في‏ القلوب‏ ما‏ يوجد للطفل.‏ فصار يدخل‏ العالم‏ غبيّاً غافلاً‏ عمّا فيه أهله فيلقي‏ الأشياء بذهن ضعيف ومعرفة ناقصة‏. ثم لا‏ يزال‏ يتزيّد في‏ المعرفة قليلاً‏ قليلاً‏ وشيئًا بعد شيء حتى‏ يألف الأشياء ويتمرّن‏ عليها فيخرج من حد التأمّل لها والحيرة‏ فيها‏ الى التصرّف في‏ الأمور‏ والاضطراب في‏ المعاش‏.

‏وفي هذا أيضًا‏ وجوه أخر،‏ فأنّه لو كان‏ يولد‏ تام العقل مستقلاً‏ بنفسه لذهب موضع تربية الأولاد وما دبّر‏ أن‏ يكون للوالدين في‏ الاشتغال به من المصلحة وما توجب التربية للآباء على البنين‏ من المكافأبة بالبرّ‏ والعطف عند حاجتهم الى ذلك منهم‏. ثم كان الأولاد لا‏ يألفون آباءهم ولا الآباء‏ يألفون‏ أبناءهم لأنّه كان‏ الأولاد‏ يستغنون عن تربية الأباء وحياطتهم فيتفرّقون عنهم حين‏ يولدون‏ حتّى لا‏ يعرف الرجل أباه وأمّه. ولا‏ يمتنع من نكاح أمّه وأخته إذ كان لا‏ يعرفها‏. وأقلّ‏ ما كان‏ يكون في‏ ذلك أن يخرج‏‏ من بطن أمّه‏ وهو يعقل فيرى منها ما‏ لا‏ يحلّ‏ له‏ ولا‏ يحسن به أن‏ يراه‏.

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Die Koptin Mariya

Die Koptin Māriya war laut Überlieferung eine Sklavin, die der Muqauqis, ein Herrscher im christlichen Ägypten, 629 zusammen mit ihrer Schwester Sīrīn dem Propheten Mohammed schenkte. Die „Geschenksendung“ enthielt des Weiteren Gold und Textilien, die Mauleselstute Duldul und einen Esel namens ‘Ufair oder Ya‘fūr.1 Māriya wurde die Mutter Ibrāhīms, ein Sohn des Propheten Mohammed. Ibrāhīm starb, noch bevor seine Stillzeit zu Ende war.

Aber diese koptische Sklavin war keine historische Figur und demnach auch ihr Sohn nicht. An mindestens drei Stellen taucht ein christliches Frauengespann Māriya-Schirin auf; aber nicht in Ägypten, sondern in Persien:
1. In der Chuzestan Chronik, abgefasst um etwa 660 von einem syrisch-aramäischen Christen aus dem südpersischen Ḫūzistān, heißt es:

  • Īshō‘yahb wurde respektvoll behandelt von dem König [Khosrau] selbst und von seinen beiden christlichen Frauen Šīrīn der Aramäerin und Maria der Römerin.2

2. In der Chronik von Siirt (10. Jh.) ist das 18. Kapitel dem persischen Herrscher Khosrau II. Parwīz (reg. 590–628) gewidmet. Dort lesen wir:

  • […] aus Dankbarkeit Mauricius gegenüber befahl Khosrau, Kirchen wiederaufzubauen und die Christen in Ehren zu halten. Er baute selbst zwei Kirchen für Maria (Maryam) und eine große Kirche und eine Burg im Land von Beth Laschpar für seine Frau Schirin (Shīrīn) die Aramäerin.3

3. Nach einem Bericht bei dem Chronisten at-Tabarī soll der römische Kaiser Mauricius (reg. 582–602) seinem persischen Amtskollegen Khosrau II. „eine geliebte Tochter von ihm, die Maryam (Maria) hieß,“ zur Frau gegeben haben.4 Dass dieser bereits eine christliche Frau namens Schirin hatte, ist aus der Literatur mehrfach bekannt.

Mit dieser Maria scheint also eine christliche Römerin gemeint zu sein, die es nach Persien verschlug. Sie zusammen mit Schirin nach Ägypten und von dort wiederum nach Medina  zu verschleppen ist eine Freiheit, die sich der islamische Erzähler genommen hat. Auch bei ihm wird eine Maria von einer hochherrschaftlichen Person an eine andere, nämlich Mohammed, „verschenkt“.  Der Name Schirin ist übrigens in Persien, nicht in Ägypten zu Hause. 

Wenngleich nichtexistent, hat Māriya ihre Spuren in Texten hinterlassen, die als Quellen für die Scharia dienen sollten, und das gleich mehrfach. Der Prophet nahm sie an und zeigte so, dass man ein Geschenk von Christen akzeptieren darf. Er hatte erlaubten Sex mit ihr als Sklavin. Ihre Schwester Schirin reichte er dagegen weiter; man darf ja nicht mit zwei Schwestern zur selben Zeit verkehren. Und indem Māriya Mohammed einen Sohn gebar, wurde sie ein Beispiel für eine umm walad. Der frühe Tod ihres Sohnes bot dem Propheten Gelegenheit, ein Vorbild für gemäßigte Trauerbräuche zu stellen.
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Geschenke
Laut Überlieferung empfing Mohammed Geschenke von christlichen Herrschern: vom Negus von Abyssinien, vom Muqauqis von Alexandrien, vom römischen Kaiser, aber auch von Dihya al-Kalbī, einem Muslim, der des öfteren in diplomatischer Mission im Römerreich unterwegs gewesen sein soll. In den Texten wird die folgende Formel verwendet: ahdā fulān lin-nabī, „XY schenkte dem Propheten“ oder passiv: uhdiya lin-nabī, „dem Propheten wurde … geschenkt“. Warum wird uns von diesen Geschenken erzählt? Die Berichte wollen erst mal zeigen, dass Mohammed derart auf Augenhöhe mit den Herrschern der Welt verkehrte, dass sie ihm Geschenke sandten.5
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Christliche Herkunft
Offensichtlich durfte man Geschenke von Christen annehmen, denn der Prophet hatte das auch getan. Aber durfte man sie auch verwenden? Geschenkt wurde dem Propheten laut Hadithen u.a. Folgendes: Schuhe, ein Siegelring, Sklavinnen, Reittiere, Textilien und ein schicker Pelzmantel. Der Prophet nahm das meiste problemlos in Gebrauch; somit war dies auch den Muslimen erlaubt. Nur wenn ein Geschenk zu extravagant war oder anderweitig den späteren islamischen Regeln nicht entsprach, kommentierte der Prophet es abwertend, reichte es weiter oder ließ es umfunktionieren oder zerschneiden. Der Pelzmantel mit Brokat aus Konstantinopel war für den Gebrauch entschieden zu extravagant; das Prachtstück wurde in geschickter Weise dem Negus von Abyssinien weiter verschenkt.6 Gewänder aus Seidenbrokat wurden verpönt: die Servietten im Paradies seien noch besser als diese.7 Sie  konnten zerrissen werden und als Kopftuch8 oder als Unterhemd wieder verwendet werden.9 Koptische Textilien mit Abbildungen von Lebewesen konnten zu Sitzkissen verarbeitet werden – so dass mit dem Allerwertesten Verachtung für die Abbildungen ausgedruckt werden konnte.10 Aber ein Paar einfache schwarze11 Schuhe zog der Prophet an und er zeigte zur gleichen Zeit, dass das obligatorische Waschen der Füße für die rituelle Waschung auch über die geschlossenen Schuhe erfolgen konnte.12 Christliche Sklavinnen anzunehmen oder zu besitzen und für sich arbeiten zu lassen war offenbar völlig unproblematisch.
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Die Sklavin
Manche modernen Muslime schämen sich rückwirkend der Sklaverei und reden von Māriya als hätte Mohammed sie geheiratet. Aber bis auf eine oder zwei Ausnahmen sagen alle alten Quellen, sie sei eine Sklavin gewesen. Wie hätte man sie und ihre Schwester auch sonst verschenken können? Māriya kommt in den Listen der Prophetengattinen nicht vor — dafür aber in einer Liste von Mohammeds Konkubinen.13 Sie soll nicht bei den anderen Frauen gewohnt haben und sie erhielt nicht später den Titel „Mutter der Gläubigen“ wie die Gattinnen.
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Sex mit Sklavinnen
In der Antike war es selbstverständlich, dass ein Mann mit seinen Sklavinnen Sex haben konnte. Auch im Koran wird das als normal betrachtet: der Ausdruck für Sklavin ist: „was deine/eure rechte Hand besitzt“. Nach islamischem Recht darf ein Muslim vier Ehefrauen haben, wenn er sie unterhalten kann. Darüber hinaus darf er mit einer unbeschränkten Menge Sklavinnen (Nebenfrauen, arab. surrīya, Pl. sarārī) sexuellen Umgang haben – wenn er sie bezahlen kann.14 Auch beim Verkehr mit Sklavinnen sollte Mohammed das Vorbild abgegeben haben, und hier war Māriya als Beispiel einsetzbar. Die bloße Annahme einer wertvollen Sklavin als Geschenk aus dem Ausland setzt eigentlich schon Geschlechtsverkehr voraus. Zum Melken, Sammeln von Holz und Putzen waren bestimmt genügend andere vorhanden.
Die Juristen spürten aber das Bedürfnis, den Verkehr des Propheten mit einer Sklavin zu thematisieren, und das geschah u.a. in einer Anlass zur Offenbarung-Erzählung zum Koranvers 66:1:

  • […] Zaid ibn Aslam erzählte mir, dass der Prophet Sex hatte mit [Māriya,] der Mutter von Ibrāhīm in der Wohnung einer seiner Frauen.
    Dann sagte diese: „Was, Prophet! In meiner Wohnung und auf meinem Bett?“
    Darauf erklärte er [Māriya] für sich verboten [ḥarām]. Sie sagte: „Wie kannst Du für dich verboten erklären, was erlaubt ist?“
    Aber er schwor bei Gott, dass er keinen Sex mehr mit ihr haben würde.
    Darauf offenbarte Gott: Prophet! Warum erklärst du denn im Bestreben, deine Gattinnen zufriedenzustellen, für verboten, was Gott dir erlaubt hat?
    Zaid sagte noch: „Du bist für mich verboten“ sind [also] leere Worte“.15

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Wenn die Sklavin ein Kind bekommt
Nach islamischem Recht wird eine umm walad — eine Sklavin, die ihrem Herrn ein Kind gebärt — nach dessen Tod frei, wie eine dem Kalifen ‘Umar zugeschriebene Aussage bezeugt:

  • „Ihr Kind hat sie [eine umm walad] in Freiheit gesetzt – selbst wenn sie eine Fehlgeburt hatte.“ 16

wie auch dieser Hadith des Propheten:

  • Der Prophet sagte über eine umm walad: „Ihr Kind hat sie in Freiheit gesetzt. Ihre Wartezeit beträgt so viel wie die Wartezeit einer freien Frau.“ 17

Etwas später wurde Māriya zur Konkretisierung eingesetzt:

  • […] von Ibn ‘Abbās: In Gegenwart des Propheten wurde von der Mutter Ibrāhīms geredet. Dann sagte er: „Ihr Sohn hat sie in Freiheit gesetzt.” 18

In der islamischen Rechtspraxis wurde die Sklavin mit Kind erst  beim Ableben ihres Herrn frei; im Hadith hört es sich dagegen so an, als würde die Freilassung noch zu Lebzeiten ihres Herrn (wenn auch ggf. nach einer Wartezeit) wirksam. Das wurde ein Diskussionsthema, das hier aber nicht besprochen werden muss.
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Kein Sex mit zwei Schwestern
Māriya und ihre Schwester Sīrīn dienten als Präzedenzfall für die Regel, dass man nicht mit zwei Schwestern in derselben Zeitspanne Sex haben darf. Der Prophet soll die schöne Māriya  zur Konkubine genommen haben (tasarrā bihā), während er Sīrīn an Hassān ibn Thābit weiter verschenkte: eine normale Vorgehensweise mit unpassenden Geschenken (s. oben). Diese soll dem Ḥassān seinen Sohn ‘Abd al-Rahmān geboren haben.19
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Normen für Trauer
Durch den Tod von Māriyas Sohn Ibrāhīm konnten gewisse Trauersitten zu sunna des Propheten werden. Über Ibrāhīm steht hier bereits ein separater Artikel.

Sie werden es schon bemerkt haben: Die Interessen der Juristen dominieren die Texte, nicht das Biographische und Historische. Māriya verdankt ihre literarische Existenz und ihren Sklavenstatus der Tatsache, dass sie als Präzedenzfall bei Scharia-Fragen so brauchbar war. Natürlich gibt es auch Menschen, die genau den Wohnort der Māriya, ihr Todesdatum, das ihres Sohnes und die genaue Lage seines Grabes kennen. Sogar das Original von dem Brief des Propheten an den Muqauqis ist bewahrt geblieben; alles für diejenigen, die an solche Dingen glauben.

Auch veröffentlicht in zenith, Mai/Juni 2013, S. 110–111 und in zenith online.

BIBLIOGRAPHIE
– Kaj Öhrnberg, „Māriya al-qibtiyya unveiled,“ Studia Orientalia (Helsinki) 14 (1984), 297–303.
– N.N., „Maria al-Qibtiyya,“ in der deutschen Wikipedia. Ein gut informierter Artikel, der aber im Glauben an der Historizität  gefangen bleibt.
– F. Buhl, „Māriya,“ in EI2. Idem.

ANMERKUNGEN
1. Ibn Sa‘d, At-Tabaqāt al-kubrā, hg. Iḥsān ‘Abbās, Beirut o.J., viii, 212. بعث المقوقس صاحب الاسكندرية الى رسول الله ص في سنة سبع من الهجرة بمارية وبأختها سيرين وألف مثقال ذهبًا وعشرين ثوبًا لينًا وبغلته الدلدل وحماره عفير ويقال يعقور […]. Der Muqauqis ist ein Fantasieherrscher aus Ägypten. In Wirklichkeit war das Land damals ein Teil des Römerreichs. Zu den Tieren s. H. Eisenstein, „Die Maultiere und Esel des Propheten,“ Der Islam, 62 (1985), 98–131. Von Duldul gibt es sogar etwas wie eine Biographie. Eisenstein scheint zu meinen, dass es die Tiere wirklich gegeben hätte.
2. „Die von Guidi herausgegebene syrische Chronik, übersetzt und commentiert von Prof. Dr. Th. Nöldeke,“ in Sitzungsberichte der kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, phil.-hist. Kl. 128, 9, Wien 1893, S. 1–48; hier S. 10; Sebastian P. Brock, „Guidi’s Chronicle,“ in Encyclopaedia Iranica, online hier; Robert G. Hoyland, Seeing Islam as Others Saw it. A Survey and Evaluation of Christian, Jewish and Zoroastrian Writings on Early Islam, Princeton 1997, S. 182–89.
3. Histoire nestorienneChronique de Séert, II, 1, hg. & übers. Addai Scher, Paris 1911, Nachdr. 1950@check@, S. 467. (Patrologia Orientalis, vii, 2; Robert Hoyland, o.c., S. 443–6. Ist in diesem Text mit Maria nicht einfach die Mutter Gottes gemeint?
4. At-Tabarī, Ta’rīkh i, 994, 999: وزوّجه ابنة له كانت عزيزة عليه يقال لها مريم ; Kaj Öhrnberg, „Māriya al-qibtiyya unveiled,“ Studia orientalia (Helsinki), xi/14 (1984), 297–303, insbes. S. 298. S. auch C. Cannuyer, „Māriya, la concubine copte de Muḥammad, réalité ou mythe?“ in Acta Orientalia Belgica 21 (2008), 251–64.
5. Der Prophet soll ihnen seinerseits Briefe gesandt haben, in denen er sie zum Islam aufrief.
6. Abū Dāwūd, Libās 8.
7. Ahmad ibn Hanbal, Musnad iii, 229; vgl. Ibn Ishāq: Das Leben Muhammed’s nach Muhammed Ibn Ishâk bearbeitet von Abd el-Malik Ibn Hischâm, hg. F. Wüstenfeld, Göttingen 1858–60, S. 903.
8. Muslim, Libās 18; Abū Dāwūd, Libās 8.
9. Abū Dāwūd, Libās 35.
10. Bukhārī, Libās 91. […] وعن عائشة ر قالت: قدم رسول الله ص من سفر وقد سترت بقرام لي على سهوة لي فيه تماثيل فلما رآه رسول الله ص هتكه وقال: أشد الناس عذابًا يوم القيامة الذين يضاهئون بخلق الله. قالت فجعلناه وسادة أو وسادتين.
11. Rote Schuhe z.B. wären extravagant gewesen; Lane, Arabic Lexicon 770.
12. Koran 5:6; Ibn Abī Shaiba, Musannaf 1, 117; Abū Dāwūd, Tahāra 60, Tirmidhī, Adab 55, Ibn Mādja, Ṭahāra 84, Aḥmad ibn Ḥanbal, Musnad v, 352. Das Waschen bzw. Wischen der Füße/Schuhe (al-mash ‘alā al-ḫuffain) ist Gegenstand unglaublich ausführlicher Diskussionen gewesen, s. R. Strothmann, Der Kultus der Zaiditen, Straßburg 1912, 21–46; cf. Ch. Pellat, „Al-Mash ‘alā ’l-khuffayn,“ in EI2 und J. Schacht, The Origins of Muhammadan Jurisprudence, Oxford 1950, S. 263f.; Wim Raven, „Some early Islamic Texts on the Negus of Abyssinia,“ JSS 33 (1988), S. 197–218. Online hier.
13. At-Tabarī, Taʾrīkh i, 1778. Bei der Erwähnung ihres Todes nennt at-Tabarī (Taʾrīkh i, 2480) sie eine umm walad.
14. Heutzutage ist die Sklaverei zwar abgeschafft, aber streng-islamisch betrachtet kann sie nicht abgeschafft werden, weil sie in Koran und Hadith als selbstverständlich gilt. In Ländern, die sie erst spät abgeschafft haben (u.a. Saudi-Arabien 1962, Emiraten 1963, Mauretanien einige Male, letztlich 2007) existiert sie oft in der Praxis weiter.
15. حدثني محمد بن عبد الرحيم البرقي، قال: ثني ابن أبي مريم، قال: ثنا أبو غسان، قال: ثني زيد بن أسلم أن رسول الله ص أصاب أمَّ إبراهيم في بيت بعض نسائه قال: فقالت: أي رسول الله في بيتي وعلى فراشي؟، فجعلها عليه حراماً فقالت: يا رسول الله كيف تحرّم عليك الحلال؟، فحلف لها بالله لا يصيبها، فأنزل الله عزّ وجلّ: { يا أيُّها النَّبِيُّ لِمَ تُحَرّمُ ما أحَلَّ اللَّهُ لَكَ تَبْتَغِي مَرْضَاةَ أزْوَاجِكَ } قال: زيد: فقوله أنت عليّ حرام لغو.
Diese Version ist aus at-Tabarī, Tafsīr zu Koran 66:1, hier in der Übersetzung von Paret. Es gibt mehrere, auch ausführlichere Fassungen der Erzählung, mit oder ohne namentlicher Erwähnung der Māriya. Die peinlich überraschte Frau des Propheten soll Ḥafṣa bint ʿUmar gewesen sein.
16. Ibn Abī Shaiba (gest. 849), Musannaf, xi, 184/21894.@check@
17. ‘Abd ar-Razzāq as-San‘ānī (gest. 826),Muṣannaf, vii, 12937: عبد الرزاق عن الن عيينة عن أبي أنعم عن راشد بن الحارث عن ابن المسيّب أن النبي ص قال في أم الولد: أعتقها ولدها، فتعتدّ عدة الحرة.
18. Ibn Mādja (gest. 887), ʿItq, 2:‎ ‎حدثنا أحمد بن يوسف حدثنا أبو عاصم حدثنا أبو بكر يعني النهشلي عن الحسين بن عبد الله عن عكرمة عن ابن عباس قال: ذكرت أم إبراهيم عند رسول الله ص فقال: أعتقها ولدها.
19. At-Tabarī, Taʾrīkh i, 1528, 1591, 1781.

Diakritische Zeichen: Īšōʿyahb, Šīrīn, aṭ-Ṭabarī, Taʾrīḫ, Diḥya, Ḥassān ibn Ṯābit, ʿAbd al-Rahmān, al-qibṭiyya, aṭ-Ṭabaqāt, Aḥmad ibn Ḥanbal, Ibn Isḥāq, Buḫārī, Ibn Abī Šaiba, Muṣannaf, Ṭahāra, Tirmiḏī, Ibn Māǧa, al-masḥ ʿalā al-ḫuffain, aṣ-Ṣanʿānī

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Der Rüssel als Gottesbeweis

Manchmal arbeite ich an der Herausgabe eines arabischen Textes, Kitāb al-i‘tibār fī al-malakūt,1 wahrscheinlich aus dem 9. Jahrhundert, der ungefähr hundert teleologische Gottesbeweise enthält (arguments from design).
Die Gottesbeweise laufen meist wie folgt. Erst kommt die Beschreibung von etwas in der Schöpfung, was besonders kompliziert oder zweckmäßig oder schön ist. Darauf wird gesagt, dass etwas so Kompliziertes usw. doch unmöglich durch Zufall zu Stande gekommen sein könne, und dass also ein intelligenter Entwerfer dahinter stecken müsse. In diesem Text wird dieser nicht Gott genannt, sondern der Schöpfer, der Entwerfer u.Ä..
Ist der Gottesbeweis nicht längst veraltet? Ja, aber in den USA ist er wieder quicklebendig. Unter Christen, die die Evolutionstheorie ablehnen, läuft er unter Intelligent Design. Und in der islamischen Welt passt er den Konservativen auch sehr gut, so dass das Kitāb al-i‘tibār neu aufgelegt wird und auch im Internet bruchstückweise verbreitet wird. Der Koran ist voller Hinweise auf die Zeichen Gottes in der Schöpfung, so dass der „Markt“ für ausgearbeitete Gottesbeweise noch sehr lange gegeben sein wird.

Warum sitze ich an einem Text mit solch altem Kram? Nicht um etwa doch noch die Existenz Gottes zu beweisen, sondern weil es interessant ist zu sehen, wie Texte seit der Antike zirkulierten und ständig wiederholt und neu überarbeitet wurden. Mein Text ist nämlich gar nicht islamisch, sondern vielmehr christlich, mit einem gehörigen Schuss Antike. Spuren von Xenophon und Cicero findet man darin, aber auch Gedankengut aus De providentia vom Kirchenvater Theodoret (393–±460). Das Kompendium ist irgendwann ins Syrische übertragen worden, und ins Mittelpersische, und von dort ins Arabische. Es muss Leser gegeben haben, die das Büchlein in seiner ältesten Fassung nicht islamisch genug fanden, denn eine etwas mehr islamisierte Überarbeitung ist auch bewahrt geblieben.
Die Sammlung ist also interessant weil sie die Möglichkeit bietet, die Überlieferung alter griechischen Texte in arabischer Übersetzung zu verfolgen. Manchmal kann mit Hilfe des Arabischen ein mangelhaft überlieferter griechischer Text besser verstanden, oder ein im griechischen Original nicht mehr existierender Text sichergestellt werden. Und auf jeden Fall wird mal wieder ersichtlich, wie die westliche Kultur im Laufe der Jahrhunderte einen großen Kreis beschrieben hat: von Griechenland und Rom über Syrien und Irak nach Spanien und Sizilien. In Europa tat man daraufhin, als hätte man alles direkt von den Griechen übernommen oder selbst erfunden; ein Übel, von dem wir immer noch nicht ganz frei sind.

Hier folgt eine Kostprobe aus der ältesten Fassung, und zwar zum Rüssel des Elefanten. Welche Handschriften ich benutzt habe verrate ich später mal.

  • Schau doch mal auf den Rüssel des Elefanten, wie subtil der entworfen worden ist. Diesem Tier ersetzt er eine Hand um Futter und Wasser aufzunehmen und zu seinem Magen zu bringen. Ohne ihn hätte er nichts vom Boden aufnehmen können, denn er hat keinen Hals, den er hätte ausstrecken können, wie die anderen Pflanzenfresser. Aber weil ihm kein Hals gegeben worden war, wurde ihm stattdessen der lange Rüssel beschert, den er herunterhängen lassen kann um hochzuheben was er braucht. Dieser ist hohl gemacht, so dass dadurch Futter und Wasser zu seinem Magen gebracht werden können. Überdies ist er seine Waffe, mit dem er geben und nehmen, sich verteidigen und angreifen kann.
    Und wer ist derjenige, der ihm etwas als Ersatz für das fehlende Körperteil gegeben hat, wenn nicht der gütige Schöpfer? Wie hätte so etwas durch Zufall zu Stande kommen können, wie die Sünder behaupten?
    Wenn du jetzt fragst: Warum hat er ihn nicht mit einem Hals erschaffen, wie die anderen Pflanzenfresser auch? so antworten wir nach dem Maße unserer Kenntnis und sagen: Der Kopf und die Ohren eines Elefanten sind enorm groß und sehr schwer. Wenn diese auf einem Hals ruhen würden, würde er sie nicht tragen können und zerbrechen. Um das zu verhindern, ist der Kopf unmittelbar am Körper befestigt, und anstatt eines Halses ist für ihn also der Rüssel erschaffen worden, mit dem er sein Futter aufnehmen und auch ohne Hals alle seine Bedürfnisse erfüllen kann.

Der Penis als Gottesbeweis, Die Dummheit von Babys als Gottesbeweis

ANMERKUNG
1. Auch bekannt als Dalā’il al-i‘tibār. Das kleine Werk wird oft al-Ǧāḥiẓ (gest. 868) zugeschrieben. Die erste (nicht-kritische) Ausgabe erschien 1928 in Aleppo.

أنظر الى مشفر الفيل وما فيه من لطف التدبير فانّه صار يقوم له مقام اليد في تناول العلف والماء وايرادهما جوفه. فلولا ذلك لما استطاع أن يتناول شيئًا من الأرض، فانّه ليست له عنق يمدّها كسائر الأنعام. فلمّا عدم العنق أخلف عليه مكان العنق ذلك الخرطوم الطويل ليسدله ويتناول به حاجته. وجُعل أجوف لأنّه وعاء لما يحمل الى صدره من طعامه وشرابه وأيضًا فهو سلاحه وبه يعطي ويتناول ويقابل ويصول . فمن الذي عوّضه مكان العضو الذي عدمه ما يقوم له مقامه الاّ الرؤوف بخلقه؟ وكيف يأتي مثل هذا بالاهمال كما قال الظلمة؟ فان قلت: ما باله لم يخلق ذا عنق كسائر الأنعام؟ أجبنا بمبلغ علمنا فقلنا: انّ رأس الفيل وأذنيه أمر عظيم وثقل ثقيل، فلو كان ذلك على عنق لهدّها وأوهنها. فجعل رأسه ملصقًا بجسمه لكيلا يناله منه شيء مما وصفنا وخلق له مكان العنق هذا المشفر يتناول به غذاءه فصار مع عدمه العنق مستوفيًا ما فيه بلوغ حاجته.

Vgl. Arist. Part an. 658b-659a; Physiologus syr. no. 10; Basil. Hom IX, 85D-86A, Übers. 133

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