Umar ibn abi Rabi‘a, Gedicht

Ein wenig alte arabische Poesie möchte ich hier auch loswerden. Die altarabische Poesie ist besonders reichhaltig. Sie war für mich zwar nicht der Grund Arabisch zu studieren, aber ab einem gewissen Augenblick schon der Grund weiterzumachen.
Leider kann ich Poesie nicht poetisch übersetzen — und schon gar nicht in die Fremdsprache, die Deutsch für mich ist. Ich werde es denn auch nicht versuchen und gebe nur nüchterne Sätze, die die Bedeutung des Gelesenen wiedergeben sollen. So kann keine poetische Leseerfahrung zu Stande kommen, aber vielleicht hat es einen Nutzen um sich einen Eindruck von der Thematik zu verschaffen.

Es folgt ein Gedicht von ‘Umar ibn abī Rabī‘a, der um 700 in Mekka lebte. Er gehörte zu einer vornehmen Familie aus dem Stamm Quraisch. In Mekka boomte zu der Zeit das Pilgerwesen. Nach den Jahren (680–692), in denen die Stadt durch ein Gegenkalifat von Syrien, dem damaligen Mittelpunkt des Araberreichs, abgeschnitten war, war jetzt die Einheit wiederhergestellt. Arabien spielte wieder eine wichtige Rolle im Reich und die Karawanen aus Damaskus trotteten hin und her. Wie viele Pilgerorte war auch Mekka ein Treffpunkt, wo man flirten und auf Partnersuche gehen konnte. ‘Umars Poesie hat oft Mekka als Kulisse; wir schauen quasi zu, wie die vornehmen Damen aus dem Norden aus ihren Sänften steigen. Das lyrische Ich hält die Augen offen, flirtet und beschränkt sich vielleicht nicht nur auf das Zuschauen. Inwieweit die Gedichte Wirklichkeitsgehalt haben, bleibt unklar.

  • Ach, hätte doch Hind ihre Versprechen erfüllt und unsere Seele von ihrem Leiden geheilt!
    Hätte sie nur einmal ihren Willen durchgesetzt! (Ein Schwächling ist, wer seinen Willen nicht durchsetzen kann.)
    Man sagt, sie fragte Ihre Nachbarinnen, als sie sich einmal entblößt hatte um sich zu erfrischen:
    „Seht ihr mich, wie er mich sieht? Kommt, sagt es mir! Oder übertreibt er?“
    Da lachten sie untereinander und sagten zu ihr: „Jedes Auge findet schön, wen es gern hat.“
    So sprachen sie aus Eifersucht, von der sie erfüllt waren. (Von alters her gab es unter den Menschen Neid.)
    „Ein rankes junges Ding ist sie; wenn sie ihre Zähne beim Lachen entblößt, siehst du Kamille oder Hagelkörner.
    In ihren Augen wechseln sich Tiefschwarz und Weiß; grazil ist ihr Hals.
    Sanft ist sie: kühl im Sommer, wenn die Hitzeglut schon am Morgen auflodert,
    und warm im Winter: eine Decke für den jungen Mann, wenn bittere Kälte ihn bedeckt.“
    Ich weiß noch gut, dass ich ihr sagte, während die Tränen mir über die Wangen strömten:
    „Wer bist du?“ fragte ich. „Oh,“ sagte sie, “eine, die durch Leidenschaft abgemagert ist, durch Kummer schwer mitgenommen.
    Wir sind die Leute von al-Khaif, zu den Leuten Minās gehörend — für einen, den wir töten, gibt es keine Vergeltung.“
    Ich sagte: „Willkommen. Du bist, was wir begehren; sag bloß, wie heißt du?“ „Ich bin Hind,“ sagte sie,
    „mein Herz ist zum Wahnsinn gebracht, denn es ist von einem fein gekleideten jungen Mann erfüllt, kerzengerade wie eine Lanze.
    Deine Leute sind in der Tat unsere Nachbarn; wir und sie sind ein und dasselbe.“
    Sie sagen mir, sie habe mich behext – aber welch herrliche Hexerei ist das!
    Immer wenn ich fragte: „Wann ist unser Stelldichein?“ lachte Hind und sagte: „Übermorgen!“

Kommentar
ihren Willen durchgesetzt: Das Ich, die naive Dichterpersona, geht davon aus, dass Hind natürlich sehr gerne ein Stelldichein mit ihm hätte, aber sich als anständige, abhängige Frau nicht von ihren Begleitern lösen könne um eine beliebigen jungen Mann zu treffen, wie attraktiv der auch sei.
unsere Seele von ihrem Leiden geheilt: Das Ich spricht hier im dichterischen Bescheidenheitsplural; später im Gedicht dann nicht mehr. In der arabischen Poesie können „wir“ und „ich“ einander schnell abwechseln. Der verliebte Mann leidet: das ist Standard in der Liebespoesie der frühislamischen wie auch der späteren Zeit. Die Geliebte dagegen ist kalt und grausam und spielt ihr Spiel mit ihm.
Ein Schwächling ist, wer seinen Willen nicht durchsetzen kann, und Von alters her gab es unter den Menschen Neid: In arabischen Gedichten kommen solche allgemeinen „Weisheiten“ oft vor, auch gerne als Sprichwörter. Das Gedicht wird quasi zur Abwechslung kurz angehalten für eine allgemeine Betrachtung, der die Zuhörer zustimmen können.
Jedes Auge findet schön, wen es gerne hat ist auch solch eine Weisheit; hier elegant den Nachbarinnen in den Mund gelegt.
Ein rankes junges Ding […] Kälte ihn bedeckt. Der Eindruck wird erzeugt, dass dies die Verse sind, die der Dichter auf die schöne Frau geschmiedet hat — ungefähr wie die piropos in Spanien vielleicht? Aber die Beschreibung ihrer Schönheit hat nichts Individuelles; es sind genau die Klischees, die zu erwarten sind. Das ist nicht abwertend gemeint: Klischees sind in der altarabischen Poesie zu Hause; der Dichter zeigt sein Können, indem er sie gekonnt variiert.
Im nachfolgendem Zwiegespräch zeigt sich der Mann als ein ziemlicher Waschlappen, während Hind raffiniert und grausam ist. Sie behauptet, sie sei durch Leidenschaft abgemagert, durch Kummer schwer mitgenommen. Das ist ein frecher Rollentausch! Sie soll verliebt sein? Normalerweise spricht in Gedichten der verliebte Mann solche Worte. Hind ist natürlich gar nicht verliebt, sondern wird den armen Kerl um den Finger wickeln.
al-Khaif […] Minās gehören — für einen, den wir töten, gibt es keine Vergeltung. Minā, wo die Pilger sich aufhalten, gehört zum Heiligtum Mekkas. Dort ist Blutvergießen nicht erlaubt und Blutrache ebenso wenig. Das passt der Hind so in den Kram: Sie wird ihr Beutetier unbestraft töten können; sie warnt es bereits im Voraus. Töten wird sie im übertragenen Sinne, versteht sich: die Frau wird oft dargestellt als eine, die aus ihren Augen Pfeile abschießt und dadurch den schmachtenden Liebhaber tötet. Eine „Liebe auf den ersten Blick“ führt oft zum Liebestod, zumindest in der Literatur. Die Verschleierung der Frauen hat ja ihren Grund: sie verhindert tödliche Unfälle.
Ich heiße Hind: ein in der konventionellen alten Poesie üblicher Frauenname. So heißt nahezu jede.
Mein Herz […] erfüllt: Abermals tut Hind, als wäre sie diejenige, die durch Liebe in den Wahnsinn getrieben wird. Der fein gekleidete junge Mann, kerzengerade wie eine Lanze, was ebenfalls ein schmeichelhaftes Klischee ist, soll sich natürlich auf das lyrische Ich beziehen.
Sie haben mir gesagt: Die Freunde der Ich-Figur; Personen die traditionell den leidenden Liebhaber zu retten versuchen, was hier wohl nicht gelingen wird.
Behext: Ob so oder so, die Frau ist auf jeden Fall schuld an dem jämmerlichen Zustand, in dem das Ich sich befindet.
Mit dem Wort Übermorgen gibt Hind schließlich zu verstehen, dass es nie ein Stelldichein mit dem lyrischen Ich geben wird. Das haben alle Hörer des Gedichts längst begriffen; nur er selber nicht.
Nach dem letzten Vers beginnen seine Seufzer quasi auf’s Neue. Wenn wir die ersten beiden Zeilen nochmals lesen, sehen wir, wie falsch er die Lage eingeschätzt hat: Hind ist nur allzu gut in der Lage selbständig zu handeln!

QUELLE: Der Diwan des ‘Umar ibn abi Rebi‘a, hrsg. von Paul Schwarz, Leipzig 1901–09, ii S. @@.

ORIGINALTEXT

لَيْتَ هِنْدًا أَنْجَزَتْنَا مَا تَعِدْ * وَشَفَتْ أَنْفُسَنَا مِمَّا تَجِدْ
وَاسْتَبَدَّتْ مَرَّةَ وَاحِدَةً * إنَّمَا العَاجِزُ مَنْ لاَ يَسْتَبِدْ
زَعَمُوهَا سَأَلَتْ جَارَاتِنَا * وَتَعَرَّتْ ذَاتَ يَوْمٍ تَبْتَرِدْ
أَكَمَا يَنْعَتُنِي تُبْصِرْنَنِي * عَمْرَكُنَّ اللهَ أَم لاَ يقْتَصِدْ
فَتَضَاحَكْنَ وَقَدْ قُلْنَ لَهَا * حَسَنٌ فِي كُلِّ عَيْنٍ مَنْ تَوَدْ
حَسَدًا حُمِّلْنَه مِنْ أَجْلِهَا * وَقَدِيمًا كَانَ فِي النَّاسِِ الحَسَدْ
غَادَةٌ يَفْتَرُّ عَنْ أَشْنَبِهَا * حِينَ تَجْلُوهُ إَقَاحٍ أَوْ بَرَدْ
وَلَهَا عَيْنَانِ فِي طَرْفَيْهِمَا * حَوَرٌ مِنْهَا وَفِي الجِيدِ غَيَدْ
طَفْلَةٍ بَارِدَةُ القَيْظِ إذَا * مَعْمَعَان الصَيْفِ أَضْحَى يَتَْقِدْ
سُخْنَةُ المَشْتَى لِحَافٌ لِلْفَتَى * تَحْتَ لَيْلٍ حِينَ يَغْشَاهُ الصَّرَدْ
وَلَقَدْ أَذْكُرُ إذْ قُلْتُ لَهَا * وَدُمُوعي فَوْقَ خَدِّي تَطَّرِدْ
قُلْتُ مَنْ أَنْتَ فَقَالَتْ أَنَا مَنْ * شَفَّهُ الوَجْدُ وَأبْلاَهُ الكَمَدْ
نَحْنُ أَهْلَ الخَيْفِ مِنْ أَهْلُ مِنًى * مَا لِمَقْتُولٍ قَتَلْنَاهُ قَوَدْ
قُلْتُ أَهْلاً أَنْتُمُ بُغْيَتُنَا * فَتَسَمَّيْنَ فَقَالَتْ أَنَا هِنْدْ
إنَّمَا خُبِّلَ قَلْبِي فَاحْتَوَى * صَعْدَةً فِي سَابِرِيٍّ تَطَّرِدْ
إنَّمَا أَهْلُكَ جِيرَانٌ لَنَا * إنَّمَا نَحْنُ وَهُمْ شَيْءٌ أَحَدْ
حَدَّثُونِي أَنَّهَا لِي نَفَثَتْ * عُقَدًا يَا حَبَّذَا تِلْكَ العُقَدْ
كُلَّمَا قُلْتُ مَتَى مِيعَادُنَا * ضَحِكَتْ هِنْدٌ وَقَالَتْ بَعْدَ غَدْ

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Aziz, oder vom Nutzen der Liebesdichtung

Aziz aus Tausendundeiner Nacht ist ein unerfahrener Liebhaber, der mit seiner Nichte Aziza vermählt werden soll. An seinem Heiratstag geht er ins Badehaus um sich fein zu machen, aber auf dem Rückweg verliebt er sich heillos in eine wunderschöne, geheimnisvolle Frau, die er im Vorbeigehen kurz zu Gesicht bekommt. Er träumt so apathisch weg, dass er glatt seine eigene Hochzeit vergisst.
Aziza liebt ihn aber mit selbstloser Liebe. Sie tut alles, um seine Affäre mit der anderen Frau in Gang zu bringen und ihn darin zu beschützen. Sie klärt ihn über die Listen der Frauen auf, erklärt die rätselhaften Zeichen, die die andere Frau ihm gibt, gibt ihm Kodes und Schutzformeln mit auf den Weg, und versucht ihm die höfische Liebespoesie beizubringen, zum Beispiel:

  • Wer sagt, der Liebe Anfang sei ein freies Wählen,
    Dem sage nur: Du lügst; nein, sie ist nichts als Zwang.
    Und wer gezwungen ist, dem trifft doch keine Schande.
    Der Liebe Echtheit kündet auch ein rechter Klang.
    — Als falsch erklärt man nicht die Münzen, die da echt.
  • Und wenn du willst, so sage auch: Ein süßes Leiden,
    Ein wunder Schmerz im Leibe oder auch ein Schlag,
    Ja, eine Gnade oder Plage oder ein Verhängnis,
    Dran sich sie Seele trösten oder quälen mag,
    — Ach, zwischen Leid und Freud find ich mich nicht zurecht.
  • Und doch, der Liebe Tage sind wie frohe Feste,
    Ein immerwährend Lächeln einer schönen Maid,
    Ein unbeschreiblich Fächeln süßer Wohlgerüche,
    Und sie entrückt uns fern von aller Häßlichkeit
    — Nie sucht sie ein Herz sich aus, das feig und schlecht.1

Aziza tauscht auch Verse mit der anderen Frau aus, wobei Aziz immer als Bote auftritt. Er muss dann beispielsweise zu seiner Freundin sagen:

  • O ihr liebenden, bei Allah, saget an:
    Wenn ihn die Liebe plagt, was tut der Mann?
    Er hütet seine Liebe, birgt sein Geheimnis treu,
    Und harrt geduldig aus in allem, was es sei!

… worauf Aziza erwidert:

  • Wie kann er die Liebe hüten, wenn sie ihm das Leben räubt,
    Und wenn das Herz ihm täglich in tausend Stücke springt?
    Wohl hat er die rechte Geduld gesucht, doch fand er nichts
    Als nur ein Herz, das immer mit quälender Sehnsucht ringt.

… und die Freundin wieder:

  • Wenn die Kraft, um sein Geheimnis zu hüten, sich ihm nicht bot,
    So weiß ich keinen Rat für ihn als nur den Tod!2

Die Erzählung enthält noch mehr Poesie, die zusammen einen schönen Eindruck von den Motiven der arabischen Liebestheorie bietet. Aziz nimmt sich die Lektionen freilich nicht zu Herzen: Er ist blauäugig und unbeherrscht; im kritischen Augenblick frisst er sich voll — und das, während arabische Liebhaber spindeldürr sein sollen! —, oder er schläft ein, so dass das Stelldichein nicht stattfindet. Wie ein widerspenstiges Kleinkind, das seinen Willen nicht bekommt, tritt und misshandelt er seine liebe Nichte, die ihrerseits durchaus bereit ist ihn zu füttern und sein Essen vorzukauen.
Als Aziza letztendlich vor Kummer und unerfüllter Liebessehnsucht stirbt3 — eine gängige Todesursache in der arabischen Literatur — ist Aziz ungerührt, aber fortan auch ganz hilflos. Nach einer Periode mit seiner Freundin weiß eine alte Frau ihn in eine Ehe mit ihrer Tochter, und dadurch in die Vaterschaft zu manövrieren. So gerät er in Gefangenschaft zweier Frauen, die viel gefährlicher sind als lose Dirnen: eine Schwiegermutter und eine Gattin. In dem Hühnerstall tut er ein Jahr lang „was der Hahn tut“ — essen, trinken und treten. Sobald er entwischen kann, geht er zu seiner ersten Flamme zurück; die ist jedoch so wütend wegen seiner Untreue, dass sie ihn kastriert. In seinem Elend zieht er bei seiner Mutter ein und versteht endlich, was seine verstorbene Nichte für ihn empfunden hatte.

In dieser Erzählung ist die Umwertung aller Werte zu erkennen, die für Tausendundeine Nacht typisch ist. Die Frauen sind vernünftig und dominant. Aziz dagegen ist kein Mann, sondern ein Jüngelchen: Er hat keine Selbstbeherrschung, wahrt das Liebesgeheimnis nicht, sondern plappert alles heraus, ist völlig von Frauen abhängig, lässt sich einsperren und wird zuletzt ganz wie eine Frau. Eine Gräuelgeschichte, die für das männliche Publikum eine Warnung sein will: Sei ein Kerl, mach dich mit der Hinterlist der Frauen vertraut und bedenke, dass eine arrangierte Ehe so schlecht doch nicht ist!

Ist das hier oben nun die berühmte arabische Poesie? Ach nein, es ist nur Gereime, in der Übersetzung — die von dem berühmten Orientalisten Enno Littmann stammt — genau so wie im Original. Diese Verse sind nicht mehr als ein Abklatsch der kunstvollen Liebespoesie. Jene erstklassige Poesie werden die Erzähler der Tausendundeinen Nacht vielleicht nicht gekannt haben, — und die Hörer noch weniger. Aber der Erzähler hat schon verstanden, dass man sich mit Poesie Kopf und Kragen retten kann, und er hat sie gut in die Erzählung integriert und eine selbständige Rolle spielen lassen.
Die lebensrettende Wirkung der Literatur ist das Leitmotiv in Tausendundeiner Nacht. Man kennt es von Schehrezad (Shahrazād), die sich rettet, indem sie einem blutrünstigen König jede Nacht eine Geschichte erzählt, und in dieser Erzählung steckt es auch. Aziz stirbt nun gerade noch nicht, aber sein Leben ist zerstört. Wie hätte er den Umgang mit Frauen erlernen können? Natürlich durch die Liebespoesie, die Aziza ihm vergebens beizubringen versuchte. Die Literatur geht ja immer dem Leben voraus. Hätte Aziz die Zeichen verstanden und die Poesie gekannt, so hätte er ein Mann werden können.

[Auch veröffentlicht in zenith, November/Dezember 2012].

ANMERKUNGEN
1. Alf laila wa-laila, Būlāq 1251/1835, Bd. i, 237. Littmann hat eine etwas andere Ausgabe benutzt.

من قال أوّل الهوى اختيار * فقل كذبت كلّه اضطرار
وليس بعد الاضطرار عار * دلت على صحّته أخبار
وما زيفت على صحيح النقد
فإن تشأ فقل عذاب يعذب * أو ضربان في الحشى أو ضرب
أو نعمة أو نقمة أو أرب * تُأنَّس النفس به أو تُعطب
قد حرت بين عكسه والطرد
ومع ذا أيّامه مواسم * وثغرها على الدوام باسم
ونفحات طيبها مواسم * وهو لكل ما يشين حاسم
ما حل قط قلب ندل وغد

2. Alf laila wa-laila, Būlāq 1251/1835, Bd. i, 245–6.

ألا أيّها العشاق بالله خبروا * إذا اشتدّ عشق بالفتى كيف يصنع؟
يداري هواه ثم يكتم سرّه * ويصبر في كلّ الأمور ويخضع
لقد حاول الصبر الجميل ولم يجد * له غير قلب في الصبابة يجزع
فإنْ لم بجد صبرًا لكتملن سرّه * فليس له عندي سوى الموت أنفع
سمعنا اطعنا ثم متنا فبلّغوا * سلامي على من كان للوصل يمنع

3. Alf laila wa-laila, Būlāq 1251/1835, Bd. i, 245–7.
LITERATURHINWEISE:
– Arabischer Urtetxt: Alf laila wa-laila, Bulāq 1251/1835, Bd. i, 235–54 (Nacht 112–128).
Die Erzählungen aus den Tausendundein Nächten. Zum ersten Mal nach dem arabischen Urtext der Calcuttaer Ausgabe vom Jahre 1839 übertragen von Enno Littmann, 6 Bde., Leipzig (Insel) 1921–8. Diese Übersetzung ist des Öfteren als Inseltaschenbuch 224 im Angebot. Sie ist vorzüglich, aber zu Grunde liegt eine etwas andere Ausgabe als die gerade erwähnte. Aziz und Aziza (ʿAzīz und ʿAzīza) steht hier in Band ii, 25–79. Die obigen Poesieübersetzungen sind auch von Littmann.
– Von anderen Übersetzungen rate ich ab. Die Tausendundeine Nacht ist oft sehr schlechten Übersetzern und Bearbeitern zum Opfer gefallen. Dazu gehört sicherlich nicht Claudia Ott, die eine sehr gute Übersetzung veröffentlicht hat; diese enthält aber nicht die Erzählung van Aziz und Aziza.
– Sekundärliteratur: U. Marzolph und R. van Leeuwen, The Arabian Nights Encyclopaedia, 2 Bde., Sta. Barbara 2004, S. 111–3.

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Vorislamisches Arabien

roadstoarabiaWie bereits gesagt, der religiös gefärbte Begriff Dschahiliyya und dessen Auslegung verzerren das Bild des vorislamischen Arabiens. Wie kann man nun wissen, wie es „wirklich“ war? Dabei bekommen wir, wie immer bei historischen Forschung, Hilfe von zwei Sorten Zeugen:

1. Das Bodenarchiv:
Überreste von Gebäuden, Gräbern, Inschriften, Münzen, Geschirr und so weiter. Es gibt Fachzeitschriften, in denen die Ergebnisse archäologischer Arbeit dokumentiert werden, z.B. Aṭlāl. Viele Ausgrabungen hat es auf der arabischen Halbinsel nicht gegeben. Grabungen in Mekka und Medina sind strengstens untersagt; im übrigen Arabien scheint man vor allem zu befürchten, dass etwas Christliches gefunden werden könnte, namentlich in Naǧrān. Zehntausende Inschriften von Beduinen sind gefunden worden. Die Nomaden des alten Arabien waren keine Analphabeten, sondern schrieben viel — allerdings nicht auf Arabisch. Diese Inschriften, von denen immer mehr veröffentlicht werden, können unser ganzes Verständnis des alten Arabiens, einschließlich der Entstehung des Islams, gründlich ändern.

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Vorislamische Wandmalerei aus Qaryat al-Fāw, Saudi-Arabien (1. Jh. n. Chr.). Aus technischen Gründen war es nicht möglich, hier die ganze Malerei zu zeigen. Über dem Mann sind noch mehr Trauben zu sehen; von der Frau, die ihm die Trauben reicht, ist mehr sichtbar und die Hand mit den Trauben links gehört ebenfalls einer Frau. Rechts ist in altsüdarabischer Schrift das Wort ZKY te zu erkennen. Der Stil der Malerei ist Römisch. Sie erinnert an ein sog. Fayum-Porträt aus Ägypten.
(Quelle des Fotos: A.R. al-Ansary, Qaryat al-Fau, A portrait of Pre-Islamic Civilisation in Saudi Arabia, Riad 1957–1982, S. 127, 135–7.)


Thamūd, 1. (?) Jh.n. Chr. Vgl. Koran 7:74; „… so daß ihr euch in seinen Ebenen Schlösser machtet und die Berge zu Häusern meißeltet!“ Zwei Doppelhaushälften also? Es werden vielmehr Gräber sein.

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2) ­Islamische und andere Texte
wie die von Ibn Ishāq, Sīra, Ibn Hishām, Kitāb al-Tīdjān oder Ibn al­-Kalbī, Kitāb al-asnām datieren auf mehr als ein Jahrhundert nach der Periode, die sie beschreiben und wollen überdies, weil sie religiös inspiriert sind, gerade den Unterschied zwischen Islam und Dschahiliyya betonen. Spätere Schriften sind auch nicht verlässlicher. Genealogische Texte sind oft verdächtig, weil deren Autoren rückwirkend den Ruf ihrer Vorfahren und dadurch ihren eigenen Ruf unterstreichen wollen. Gibt es außer den oben erwähnten Inschriften noch ältere oder neutralere Texte?

  • Es gibt einige Berichte und Zeugnisse von nicht­-arabischen Autoren. Die verzerren das Bild auch, aber wieder anders. Eine willkommene Ergänzung.
  • Und es gibt eine sehr reichhaltige vorislamische arabische Poesie, die einen Einblick in die altarabische Gesellschaft ermöglicht. Problem: diese Poesie wurde anfangs mündlich überliefert und erst in islamischer Zeit aufgezeichnet. Ist sie wirklich so alt? Diese Frage haben die Wissenschaftler noch nicht ausreichend beantwortet. Meist hält man einen Kern dieser Poesie für richtig alt.

Eine Kostprobe dieser Poesie von Imru’ al-Qais:1

  • Erlebt‘ ich doch von ihnen vergnügte Tage gnug;
    Voraus, bei Dara Dschudschul, was dort der Tag mir trug.
    Da schlachtet‘ ich den Mädchen das Thier, auf dem ich ritt;
    Und mein Gepäcke nahmen sie auf den ihren mit;
    Wo sie die Stücke Fleisches sich warfen zu und fingen,
    Woran des Fettes Troddeln wie Seidenfransen hingen.
    Da drängt‘ ich in die Sänfte Oneisa’s mich hinein;
    Sie rief: Willst du hinunter mich werfen? o halt ein!
    Sie rief, als das Gestelle mit uns sich niedergab:
    Du wirst mein Reitthier schinden, o Amrilkais, steig ab!
    Ich sprach zu ihr: o reite nur zu, laß ihm den Zaum!
    Und wehr mir nicht, zu pflücken die Frucht an deinem Baum!

Diese Übersetzung von Friedrich Rückert (1788-1866) hört sich sehr Deutsch an und gibt das Original nur annähernd wieder. Die alte arabische Poesie ist im Original außerordentlich schön; sie ist ein ausreichender Grund um klassisches Arabisch zu lernen.

Und wie war sonst das Leben im alten Arabien? Viele Menschen denken bei diesem Namen gleich an Wüste. Die gibt es auch zuhauf, aber die Wüste war so gut wie unbewohnt. Die meisten alten Araber wohnten wohlweislich in den bewohnbaren Teilen des Landes. Die Wüste sahen sie vor allem, wenn sie verreisten.
Auf der Halbinsel ist geregelte Landwirtschaft an vielen Stellen südlich von Mekka bis einschließlich dem Jemen möglich und des Weiteren natürlich in den vielen ausgedehnten Oasen. Die Südküste Omans hat ein feuchtes tropisches Klima mit Monsunregen. Im Inland liegt der 3000 Meter hohe Berg Jebel Akhdar, der Regenwolken anzieht.
Landwirtschaft und/oder Viehzucht war/en ebenfalls möglich in den Gebieten westlich vom Irak und an der Ostseite Syriens und Jordaniens, Gebiete die ebenfalls zu Arabien gerechnet wurden. Die ganz trockenen Teile der Halbinsel wurden von Nomaden (Beduinen) bewohnt, die sich meist mit der Kamelzucht beschäftigten und auch für den Transport über die Halbinsel zuständig waren.
Auch hört man immer wieder behaupten, der Islam sei eine Wüstenreligion. Das ist nur sehr bedingt der Fall: Mekka war eine Stadt, Medina eine große Oase. Arabisch war oft nicht die Muttersprache der Wüstenbewohner (Beduinen). Sollte der Islam bei näherer Betrachtung doch aus Jordanien oder Syrien stammen: Auch das sind keine Wüsten. Beduinen werden im Koran sehr negativ beschrieben. Für Religion waren sie offensichtlich wenig veranlagt.

Laut Überlieferung soll im 7. Jahrhundert mitten in Arabien ganz unerwartet ein Staat entstanden sein, mit der Hauptstadt Medina, unter Einfluss der geistigen Bewegung, die später unter dem Namen Islam bekannt wurde. Einen unabhängigen Staat mitten auf der Halbinsel hatte es vorher nie gegeben. Es hatte allerdings drei abhängige Staaten gegeben, die alle mit einem der unabhängigen Staaten aus der Gegend verbunden gewesen waren: mit dem Oströmischen Reich, dem Persischem Reich oder dem Jemen, wo Königreiche mit unterschiedlichen Namen aufeinander gefolgt waren, der aber zuletzt unter äthiopischer, bzw. persischer Herrschaft gestanden hatte. Alle drei Vasallenstaaten hatten sich bis tief in die Halbinsel ausgedehnt. Die Aufgabe ihrer Führer war es, die Nomaden an das jeweiligen Reich zu binden um Raubzügen vorzubeugen und Verkehrsverbindungen zu sichern. Sie bekamen einen Titel, ein Palästchen, einen schönen Königsmantel und einen Sack voll Geld. Damit sollten sie auch eine Armee finanzieren, die als Puffer gegen das jeweils andere Reich dienen konnte. Ostrom und Persien führten ja ständig Kriege miteinander.

Die drei Vasallstaaten waren:
– das Königreich der Ghassāniden (500–630), im heutigen Ostsyrien und Jordanien,
– das Königreich der Lakhmiden im Irak (266–640), westlich vom Zweistromland,
– Kinda (425–528), nördlich vom Jemen. 

Wenn diese Vasallenstaaten auch nicht stark waren, sie boten den Arabern Jahrhunderte lang Gelegenheit sich mit den Hochkulturen der damaligen Welt vertraut zu machen.
Sobald die Großreiche nicht länger geneigt oder im Stande waren ihre Verbündeten finanziell zu unterstützen, verschwanden die Vasallenstaaten wieder. Ganz unabhängige Staaten waren in den trockenen Teilen Arabiens wohl nicht möglich. War das Kalifat von Medina (622–661) denn möglich? Zu dieser Frage habe ich hier einen separaten Beitrag geschrieben.

ANMERKUNGEN
1. Amrilkais / Der Dichter und König / Sein Leben dargestellt in seinen Liedern / Aus dem Arabischen übertragen von Friedrich Rückert, Hrsg. Hermann Kreyenborg, Hannover 19242, S. 5–8.

BIBLIOGRAPHIE
– Robert G. Hoyland, Arabia and the Arabs from the Bronze Age to the Coming of Islam, London 2001.
– M. M. Bravmann, The Spiritual Background of Early Islam. Studies in Ancient Arab Concepts, Leiden 1972.
– Ewald Wagner, Grundzüge der klassischen arabischen Dichtung. Band I: Die altarabische Dichtung, Darmstadt 1987.

Diakritische Zeichen: aṭlāl, Ibn Isḥāq, Ibn Hišām, Kitāb al-Tīǧān, Kitāb al-aṣnām, Ġassāniden, Laḫmiden

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Haqqis „Jungfrau von Dinschaway“

Anbei der arabische Text des Kurzromans ʿAḏrāʾ Dinšawāy (Die Jungfrau von Dinshaway) von Maḥmūd Ṭāhir Ḥaqqī, Kairo 1964 (die Erstauflage war 1906). Ich habe nun mal diese pdf-Datei und es wäre Schade sie wegzuwerfen. So müssen Sie nicht noch mal in die UB rennen.

Haqqis Werk ist einer der frühesten ägyptischen Romane, der einen großen Einfluss gehabt hat sowohl auf die Entwicklung des ägyptischen Nationalismus wie auch auf die der Romankunst. In den Worten von Samah Selim, S. 93:

The novel dramatizes the events that took place in the Delta village of Dinshaway in 1906. A party of British officers out pigeon hunting near the village was attacked by a group of peasants to whom the pigeons belonged. In the confrontation that followed, an officer was severely wounded and subsequently died of sun-stroke. The British reprisal was swift and brutal — a military trial ended in the execution of four villagers — and the popular outrage that ensued eventually led to Lord Cromer’s departure from Egypt.

Sekundärliteratur:
– Saʿd al-Ǧabalāwī, Three pioneering Egyptian novels, Fredericton NB 1986.
– Roger Allen, „History of the Egyptian Novel. Its Rise and Early Beginnings,“ IJMES 1988, Vol.20(3), S. 397-397.
– Samah Selim, The Novel and the Rural Imaginary in Egypt, 1880-1985, S. 92ff.

Zurück zum Inhalt            Mahmud Tahir Haqqi Dinshaway Dinschaway Dinsaway Dinsawai Dinsuway

Der älteste ägyptische Roman

(Zielgruppe: Menschen, die arabische Literatur auf Arabisch lesen)

Vor Jahren habe ich mal im Schnäppchenkeller der Brill’schen Buchhandlung in Leiden für einen lächerlichen Preis zwei arabische Bücher von Nakhla Sālih gekauft, „vormals Übersetzer bei der Ägyptischen Eisenbahn“ (gest. 1899).1 Das eine war ein Reisebeschreibung durch Syrien und Palästina, das andere ein Roman mit dem Titel Qissat Fu’ād wa-Rifqa mahbūbatihi (Die Geschichte von Fu’ād und seiner geliebten Rifqa). Das besondere an dem letzten Werkchen ist, dass es auf 1289 (= 1872) datiert und der älteste ägyptische auf arabisch geschriebene Roman überhaupt ist.2 Oder besser gesagt: Kurzroman, denn er zählt nur 48 Seiten. Es ist eine Liebesgeschichte, inspiriert von Abbé Prevost, Manon Lescaut. Das Exemplar habe ich der UB in Leiden geschenkt. In Deutschland finden Sie ein Exemplar in der Staatsbibliothek Berlin, und in Kopie auch hier, damit Sie es zur Hand haben. (Text und Umschlag und Titelseite2) Nicht dass es ein literarisches Meisterwerk ist, aber als ältester Roman verdient es im Rahmen der Literaturgeschichte schon einige Aufmerksamkeit.
Sollten Sie je arabische Bücher im Originaldruck aus dem 19. Jahrhundert entdecken, retten und bewahren Sie diese, oder sorgen Sie für ein gutes Zuhause. Sie sind rar.

ANMERKUNGEN
1. J. Brugman, An Introduction to the History of Modern Arabic Literature in Egypt, Leiden 1984, 207 (schreibt zu Unrecht Nakhīla).
2. C. Brockelmann, GAL ii, 491, S ii, 749; iii, 378.

أقدم رواية عربية:  قؤاد ورفقة  لنخلة صالح  pdf

Diakritische Zeichen: Naḫla Ṣāliḥ, Qiṣṣat Fuʾād wa-Rifqa maḥbūbatihi

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Moderne islamische Mohammedbiografien

Die Autoren der ältesten Prophetenbiographien waren selbstverständlich Muslime. Die ersten Biographien, sīra oder maghāzī genannt, erschienen im achten Jahrhundert; später produzierte man in dieser Gattung noch Jahrhunderte lang traditionelle, nicht europäisch kolorierte sira-Texte. Am Ende des 19. Jahrhunderts hat zunehmender europäischer Einfluss in der islamischen Welt zur allmählichen Einführung literarischer Biographien nach europäischer Art geführt. Zu deren Merkmalen gehörte die Unterbringung des beschriebenen Lebens in einer durchgehenden Erzählung, wogegen die alten Werke eher Sammlungen locker aneinandergefügten Erzählfragmente waren. In der modernen Biographie gehört es zum guten Ton, auch eine Beurteilung der beschriebenen Person zu geben, und die Biographen des Propheten übernahmen das. Die europäische historische Kritik, die gegenüber dem islamischen Glaubensgut oft einen arroganten oder gar gehässigen Ton anschlug, war für Muslime Anlass in ihren Werken den Propheten zu verteidigen und mehr Respekt für ihn zu verlangen.
Es erschienen zahlreiche moderne Werke, unter denen die gelehrtesten vielleicht die von Sir Sayyid Ahmad → Khan (1817–98), Muhammad → Hamidullah (1908–2002), Martin → Lings (1909–2005), Abdul Hameed Siddiqui und Hishām Dju‘ait (1935–) sind. Weniger gelehrt, aber unter Muslimen gern gelesen, ist das Werk von → Mubārakpūrī (1942–). Es gibt auch literarische Werke, in denen die Prophetenbiographie neu geschrieben oder verarbeitet wird, von Autoren wie Muhammad Husain → Haikal (1888–1956), Tāhā → Husain (1889–1973), Taufīq → al-Hakīm (1898–1987), ‘Abbās Mahmūd → al-‘Aqqād (1889–1964) and Nadjīb → Mahfūz (1911–2006), noch ganz abgesehen von unzähligen populären und erbaulichen Schriften.
Von den europäischen Orientalisten übernahmen die modernen islamischen Biographen meist das chronologische Gerüst. Zudem folgten sie westlichen literarischen Biographien, indem sie fragmentarische alte Texte zu längeren, zusammenhängenden Erzählungen umgestalteten und fortan auch eine Skizze und eine Charakterbeschreibung und -beurteilung des Propheten boten. Bis auf Mahfūz vielleicht haben sie alles weggelassen, was Zweifel oder negative Gefühle verursachen könnte, und haben somit wenig Raum für die menschlichen, allzu menschlichen Züge des Propheten gelassen. So ängstlich waren die ältesten sīra-Autoren nicht gewesen.

Biographie und fiqh
Aus islamischer Sicht ist die sunna des Propheten nicht nur in der Hadith-Literatur, sondern auch in der sira niedergelegt worden. Doch wird der Hadith als die bessere Quelle betrachtet, weil Hadithgelehrte sich um Kontrolle der Quellen mittels Überliefererketten (isnad) gekümmert haben. Man hat aber auch viel sira-Material gleichsam upgraded und für die Zukunft gerettet, indem man es in Hadithen unterbrachte. Oft ist es dann etwas verkürzt und auf die Bedürfnisse der Juristen zugeschnitten.
Inwieweit die Biographie als Quelle der islamischen Rechtswissenschaft (fiqh) und der Glaubenslehre verwendbar war, wurde u. a. von Ibn Taimīya (1263–1328) thematisiert, der den Standpunkt vertrat, dass viel biographisches Material für die Rechtswissenschaft nicht als Argument einsetzbar ist, außer wenn das Thema sehr wichtig und der Text mit mehreren Überliefererketten überliefert worden ist. In seinem Geist sind in unserer Zeit Bücher mit Titeln wie Fiqh as-sīra erschienen, die nicht viel mehr tun als die alten Quellen, insoweit sie korrekt überliefert waren, noch mal abzudrucken und mit erbaulichen Gedanken zu umspielen (→ Albānī, Ghadbān).

Siehe auch Moderne nichtislamische Mohammedbiografien.

BIBLIOGRAPHIE
– ʿAbbās Maḥmūd al-ʿAqqād, ʿAbqarīyat Muḥammad, Kairo 1941.
– Muḥammad Nāṣir ad-Dīn al-Albānī, Fiqh as-sīra, bearb. von Muḥammad al-Ġazālī, Kairo 19888.
– Munīr Muḥammad al-Ġaḍbān, Fiqh as-sīra an-nabawīya, Kairo 1997.
– Hišām Ǧuʿayṭ, Fī as-sīra an-nabawīya, Beirut, 2 vols, 2001, 2007.
– Tawfīq al-Ḥakīm, Muḥammad, Kairo 1936.
– Muhammad Hamidullah, Muhammad Rasulullah: A concise survey of the life and work of the founder of Islam, Hyderabad 1974.
– idem, Le prophète de l’Islam. 1. Sa vie, 2. Son œuvre, Paris 1959.
– idem, Battlefields of the Prophet Muhammad, Hyderabad 19732.
– idem, The prophet of Islam: Prophet of migration, n.p. 1989.
– idem, The Prophet’s establishing a state and his succession, Islamabad 1988.
– Muḥammad Ḥusayn Haikal, Ḥayāt Muḥammad, Kairo 1933 (Das Leben Muhammads (s.a.s.), übers. unbekannt, Siegen 1987. Herunterladen hier.
– Ṭāhā Ḥusayn,ʿAla hāmish as-sīra, Kairo 1933.
– Sir Sayyid Ahmad Khan, A series of essays on the life of Muhammad and subjects subsidiary thereto, London 1870.
– Martin Lings, Muhammad. Sein Leben nach den frühesten Quellen, übers. Shukriya Uli Full, Kandern 2004.
– Naǧīb Maḥfūz, Awlād ḥāratinā, Beirut 1967.
– Ṣafī ar-Raḥmān al-Mubārakpūrī, The Sealed Nectar (ar-Raheequl makhtum), übers. Issam Diab, Dar us-Salam Publishers, Ort?@.
– Abdul Hameed Siddiqui, The life of Muhammad (PBUH), Lahore 1969, 199310.
– Antonie Wessels, A modern biography of Muḥammad. A critical study of Muḥammad Ḥusayn Haykal’s “Ḥayāt Muḥammad, Leiden 1972.
– idem, „Modern biographies of the life of the Prophet Muhammad in Arabic,“ Islamic Culture 49 (1975), 99-105.

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Saiyid Qutb, Aschwak

(Zielgruppe: Menschen, die Arabisch lesen)

Bevor der Ägypter Saiyid (oder Sayyid) Qutb (1906–1966) das Licht sah und Fürst der Islamisten wurde, beschäftigte er sich mit Literatur. Zwar nicht auf einem besonders hohen Niveau, aber immerhin: Er hat Gedichte, eine Anzahl literaturkritische Artikel und drei Romane verfasst; darunter Ashwāk, „Dornen,“ (1947). Hans Jansen nennt in der Encyclopaedia of Islam (Art. „Sayyid Kutb“) diesen gemeinhin für autobiographisch gehaltenen Liebesroman ein „rührendes Werk, das erklärt, warum der Protagonist niemals heiratete“. In der Tat qualmt einem die Sexualangst aus dem Büchlein entgegen. Auch zeigt es mal wieder, wie sehr der moderner Islamismus, der latent natürlich schon in Qutb brütete, mit der Angst vor allem Sexuellen oder gar Körperlichen zusammenhängt.

Ashwāk ist in Europa nahezu nirgendwo in Bibliotheken vorhanden. Deshalb biete ich jetzt einen Scan der zweiten Auflage des arabischen Texts (1961) hier an. Besprechen werde ich es vielleicht später. Viel Spaß!

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