Porträts berühmter Araber

Ali ibn abi TalibDer berühmteste Araber, der je gelebt hat, war der Prophet Mohammed. Inzwischen ist allgemein bekannt, dass Muslime es ungern sehen, dass ihr Prophet abgebildet wird. Für manche Leute, die gerne piesacken, ist gerade das ein Anlass um auf provozierender Weise ein Porträt oder gar eine Karikatur von ihm zu veröffentlichen, am liebsten mit abwertender Unterschrift.

„Aber das ist doch gar nicht Mohammed; das ist Ali!,“ rufen Sie vielleicht aus, wenn sie das obige Bildchen anklicken. Ach ja? Woher wollen Sie das wissen? Haben Sie die beiden gekannt? Wahrscheinlich haben Sie Ali nur „erkannt“, weil Sie den Text über seinem Kopf lesen konnten. Oder Sie waren in Iran oder in anderen shiitischen Umgebungen unterwegs, wo man in der Tat zahllose „Porträts“ Alis findet, wie auch von seinen Söhnen Hasan und Husain, die ganz der Vater sind. Diese Bilder haben den europäischen Andachtsbildchen und Kinderbibeln viel zu verdanken; sie sind ziemlich stereotyp und nichtssagend, so dass jeder doch noch die Chance bekommt sich die Abgebildeten nach eigenem Wunsch vorzustellen. Wenn ich das Bild von Husain betrachte, vermute ich dass es bei jungen Mädchen dieselbe Erregung wecken könnte wie manche Popstars auch. Zufall ist das sicherlich nicht.
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sooreh hera-021Es gibt etliche Texte, bei denen ein Bild von Ali mit der Unterschrift „Mohammed“ abgedruckt worden ist. Manchmal hat jemand sich einfach vertan; manchmal steckt Absicht dahinter. Im niederländischen Den Haag musste 2007 eine Ausstellung der Künstlerin Sooreh Hera abgeblasen werden, weil sie zwei halbnackte Männer auf einem Bett abgebildet hatte mit zwei nahezu identischen Gesichtsmasken, die vage an Ali erinnerten. Die Bildtexte nannten ausdrücklich Mohammed und Ali.
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Die Empörung über Mohammedporträts wird nie durch die Abbildungen selbst verursacht, sondern immer durch die Bildtexte oder Kommentare. Weder von Mohammed noch von Ali ist nämlich bekannt, wie sie ausgesehen haben. Die alten Muslime machten keine Porträts, auch nicht von irgendjemand anderem. Das hat mit dem islamischen *Bilderverbot zu tun: Menschen und Tiere sollten nicht gemalt oder plastisch wiedergegeben werden. In Iran, Indien und im Osmanenreich hat man es trotzdem getan, aber erst ziemlich spät und längst nicht so oft wie in Europa, das eine reiche Porträttradition vorweist. Es gibt also keine (keine!) Zeichnungen oder Gemälde von Mohammed oder Ali oder von dessen Söhnen oder von wem auch immer — und Statuen schon gar nicht. Porträts entstanden in der arabischen Welt erst nach der Erfindung der Fotografie, also in der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts. Aus der Zeit davor kennen wir bestenfalls die Konterfeis einiger mächtiger Personen, wenn sie zufällig von einem auf Besuch weilenden europäischen Künstler gemalt wurden. Ob solche Gemälde oder Stiche nach dem Leben angefertigt wurden, ist dann noch fraglich.
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Al-Ma‘arriAl-MutanabbiTrotzdem finden Sie in Ihren Wikipedia-Artikeln bei vielen berühmten alten Arabern und anderen Muslimen Porträts. Saladin, Ibn Khaldun, Avicenna und viele mehr: bei allen gibt es Bildchen. Auch auf Briefmarken und Banknoten sind die Herren verewigt worden und von den allerberühmtesten gibt es sogar Statuen; alles in Nachahmung europäischer Gepflogenheiten. Alle diese Porträts basieren auf nichts anderem als der Fantasie und sind eine Folge der modernen Bildersucht. Es ist kaum noch möglich, einen Artikel ohne Bild zu schreiben, also legt sich die freie Fantasie ins Zeug. Deren Produkte sind meist ziemlich einförmig. Die Herren schauen würdig aus, sie sind vornehm mit irgendeinem historischen Gewand bekleidet und tragen Vollbart und Turban; auf einer DDR-Briefmarke hat Avicenna eine Fantasiemütze auf dem Kopf und oben darauf eine Art Dornenkrone. Manchmal wird das Gemälde eines europäischen „orientalistischen“ Malers benutzt (Hasan al-Basri). In anderen Fällen wird ein bereits existierendes Porträt einer Berühmtheit für eine andere spiegelverkehrt wiederverwendet. Das ist zum Beispiel den Dichtern al-Mutanabbi und al-Ma‘arri widerfahren.
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Aus der Vergangenheit sind manchmal Beschreibungen von Personen erhalten geblieben. Im Fall Mohammeds sind die sogar ziemlich ausgiebig; die habe ich hier besprochen. Aber was hat man von solchen Schilderungen? Die Polizei kann heutzutage auf Grund von Beschreibungen ein Phantombild anfertigen, aber das wird der betreffenden Person nur dann ähnlich, wenn ein Zeuge sie wirklich gesehen hat. Das führt uns also bei den alten Arabern nicht weiter.
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Nach der Erfindung der Fotografie war es um das Bilderverbot übrigens schnell geschehen. Die ersten Porträtfotos aus der Arabischen Halbinsel sind von Muhammad Sadiq Bey und datieren von 1861. Chr. Snouck Hurgronje hat 1884 viele Menschen in Mekka fotografiert und die Ergebnisse veröffentlicht. Fortan wollten alle geknipst werden und das Bilderverbot wurde einfach abgeschafft. Hier finden Sie einige Pseudoporträts beisammen; hier folgen noch einige:

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Handgeschriebenes Arabisch lernen

Studierende der Arabistik schreiben meistens die arabischen Buchstaben, indem sie ungeschickt die Druckbuchstaben aus ihrem Lehrbuch kopieren. Das Ergebnis sind meistens mühsam produzierte Krakelfüße, die sofort als das Werk eines Europäers durchschaut werden.

OrientalistenhandIm Arabischen gibt es eine schöne Schreibschrift namens  Ruq‘a, die etwas komplizierter ist als die Druckschrift Naskh.

Ruq‘a

Wenn man die gut lesen und schreiben kann, kommt man schneller voran, in der arabischen Welt wirkt man überzeugender und man kann auch die Notizen seiner Bekannten entziffern. Überdies ist die Vertrautheit mit der Schrift hilfreich beim Erwerb eines Wortbildes, was wiederum den Aufbau eines Wortschatzes erleichtert und die Lesefertigkeit fördert. Wenn das Arabischlernen Ihnen ernst ist, sollten Sie also die Ruq‘a-­Schrift lernen, die außer in Nordwestafrika überall gängig ist. Eigentlich brauchen Sie dazu einen Lehrer, aber solch einen Luxus gibt es wohl nicht mehr. Früher habe ich diese Schrift mit Studenten in vier Sitzungen durchgearbeitet. Zwischen den Sitzungen wurden dann Hausaufgaben gemacht. Sie können es aber auch selbst versuchen. Das Lehrbuch ist T.F. Mitchell, Writing Arabic. A Practical Introduction to Ruq‘a Script, Oxford 1953 oder später. Wegen der Urheberrechte kann ich es hier leider nicht als Scan anbieten. Wenn Sie mir eine Mail senden kann ich vielleicht helfen.

Wer älteres handgeschriebenes Arabisch lesen lernen möchte, zum Beispiel für den Umgang mit alten Dokumenten, kann das Übungsbuch benutzen, das ein anonym gebliebener Jesuit 1888 in Beirut veröffentlichte. Einige Kostproben stehen hier. Für die neueren Schreibschriften ist es auch noch nützlich, obwohl die allermodernsten arabischen Handschriften wie die europäischen auch völlig undiszipliniert und chaotisch geworden sind.

Diakritische Zeichen: nasḫ

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Mittelarabisch, Kurzdefinition

Mittelarabisch ist keine Sprache und mit „Mittel­-“ ist, anders als  z. B. in „Mittelhochdeutsch“, keine chronologische Angabe gemeint.
Es ist vielmehr eine Sprachebene. Es war die Schriftsprache, wie sie vor Hunderten von Jahren von Menschen, die die allerhöchste Sprachebene nicht beherrschten, geschrieben wurde. Von Halb­- oder Dreiviertelgebildeten, aber auch von Juden und Christen, für die die Sprachnorm des Korans ja nicht viel bedeutete. Und von Gestressten, die zwar Hocharabisch konnten, aber im Alltag oder im Handelsverkehr für hamzas, Endungen und Konjunktive keine Zeit hatten — genauso wie die heutigen Ärzte und Ingenieure.
So findet man in den alten Handschriften zum Beispiel:

  • يكتبُوا   statt  يكتبُونَ
  • عضيم  statt  عظيم
  • الرجلاَنِ  يدخلوا  statt  يدخُلُ  الرجلاَنِ
  • يَنْفَهِم  (VII. Stamm)  statt يُفْهَم (Passiv)

Im Mittelarabischen wirkt die hohe Norm jedoch immer im Hintergrund mit. Der Verfasser ist sich seiner Schwäche bewusst. Deshalb sieht man oft Hyperkorrekturen:

  • لَمْ يكتبُونَ  statt لم يكتبُوا
  • الرجلاَنِ يدخُلاَ ،  الرجلاَنِ يدخلاَنِ  statt  يدخل الرجلاَنِ
  • مَشَيَت  statt  مَشَتْ

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Vorislamisches Arabien

roadstoarabiaWie bereits gesagt, der religiös gefärbte Begriff Dschahiliyya und dessen Auslegung verzerren das Bild des vorislamischen Arabiens. Wie kann man nun wissen, wie es „wirklich“ war? Dabei bekommen wir, wie immer bei historischen Forschung, Hilfe von zwei Sorten Zeugen:

1. Das Bodenarchiv:
Überreste von Gebäuden, Gräbern, Inschriften, Münzen, Geschirr und so weiter. Es gibt Fachzeitschriften, in denen die Ergebnisse archäologischer Arbeit dokumentiert werden, z.B. Aṭlāl. Viele Ausgrabungen hat es auf der arabischen Halbinsel nicht gegeben. Grabungen in Mekka und Medina sind strengstens untersagt; im übrigen Arabien scheint man vor allem zu befürchten, dass etwas Christliches gefunden werden könnte, namentlich in Naǧrān. Zehntausende Inschriften von Beduinen sind gefunden worden. Die Nomaden des alten Arabien waren keine Analphabeten, sondern schrieben viel — allerdings nicht auf Arabisch. Diese Inschriften, von denen immer mehr veröffentlicht werden, können unser ganzes Verständnis des alten Arabiens, einschließlich der Entstehung des Islams, gründlich ändern.

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Vorislamische Wandmalerei aus Qaryat al-Fāw, Saudi-Arabien (1. Jh. n. Chr.). Aus technischen Gründen war es nicht möglich, hier die ganze Malerei zu zeigen. Über dem Mann sind noch mehr Trauben zu sehen; von der Frau, die ihm die Trauben reicht, ist mehr sichtbar und die Hand mit den Trauben links gehört ebenfalls einer Frau. Rechts ist in altsüdarabischer Schrift das Wort ZKY te zu erkennen. Der Stil der Malerei ist Römisch. Sie erinnert an ein sog. Fayum-Porträt aus Ägypten.
(Quelle des Fotos: A.R. al-Ansary, Qaryat al-Fau, A portrait of Pre-Islamic Civilisation in Saudi Arabia, Riad 1957–1982, S. 127, 135–7.)


Thamūd, 1. (?) Jh.n. Chr. Vgl. Koran 7:74; „… so daß ihr euch in seinen Ebenen Schlösser machtet und die Berge zu Häusern meißeltet!“ Zwei Doppelhaushälften also? Es werden vielmehr Gräber sein.

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2) ­Islamische und andere Texte
wie die von Ibn Ishāq, Sīra, Ibn Hishām, Kitāb al-Tīdjān oder Ibn al­-Kalbī, Kitāb al-asnām datieren auf mehr als ein Jahrhundert nach der Periode, die sie beschreiben und wollen überdies, weil sie religiös inspiriert sind, gerade den Unterschied zwischen Islam und Dschahiliyya betonen. Spätere Schriften sind auch nicht verlässlicher. Genealogische Texte sind oft verdächtig, weil deren Autoren rückwirkend den Ruf ihrer Vorfahren und dadurch ihren eigenen Ruf unterstreichen wollen. Gibt es außer den oben erwähnten Inschriften noch ältere oder neutralere Texte?

  • Es gibt einige Berichte und Zeugnisse von nicht­-arabischen Autoren. Die verzerren das Bild auch, aber wieder anders. Eine willkommene Ergänzung.
  • Und es gibt eine sehr reichhaltige vorislamische arabische Poesie, die einen Einblick in die altarabische Gesellschaft ermöglicht. Problem: diese Poesie wurde anfangs mündlich überliefert und erst in islamischer Zeit aufgezeichnet. Ist sie wirklich so alt? Diese Frage haben die Wissenschaftler noch nicht ausreichend beantwortet. Meist hält man einen Kern dieser Poesie für richtig alt.

Eine Kostprobe dieser Poesie von Imru’ al-Qais:1

  • Erlebt‘ ich doch von ihnen vergnügte Tage gnug;
    Voraus, bei Dara Dschudschul, was dort der Tag mir trug.
    Da schlachtet‘ ich den Mädchen das Thier, auf dem ich ritt;
    Und mein Gepäcke nahmen sie auf den ihren mit;
    Wo sie die Stücke Fleisches sich warfen zu und fingen,
    Woran des Fettes Troddeln wie Seidenfransen hingen.
    Da drängt‘ ich in die Sänfte Oneisa’s mich hinein;
    Sie rief: Willst du hinunter mich werfen? o halt ein!
    Sie rief, als das Gestelle mit uns sich niedergab:
    Du wirst mein Reitthier schinden, o Amrilkais, steig ab!
    Ich sprach zu ihr: o reite nur zu, laß ihm den Zaum!
    Und wehr mir nicht, zu pflücken die Frucht an deinem Baum!

Diese Übersetzung von Friedrich Rückert (1788-1866) hört sich sehr Deutsch an und gibt das Original nur annähernd wieder. Die alte arabische Poesie ist im Original außerordentlich schön; sie ist ein ausreichender Grund um klassisches Arabisch zu lernen.

Und wie war sonst das Leben im alten Arabien? Viele Menschen denken bei diesem Namen gleich an Wüste. Die gibt es auch zuhauf, aber die Wüste war so gut wie unbewohnt. Die meisten alten Araber wohnten wohlweislich in den bewohnbaren Teilen des Landes. Die Wüste sahen sie vor allem, wenn sie verreisten.
Auf der Halbinsel ist geregelte Landwirtschaft an vielen Stellen südlich von Mekka bis einschließlich dem Jemen möglich und des Weiteren natürlich in den vielen ausgedehnten Oasen. Die Südküste Omans hat ein feuchtes tropisches Klima mit Monsunregen. Im Inland liegt der 3000 Meter hohe Berg Jebel Akhdar, der Regenwolken anzieht.
Landwirtschaft und/oder Viehzucht war/en ebenfalls möglich in den Gebieten westlich vom Irak und an der Ostseite Syriens und Jordaniens, Gebiete die ebenfalls zu Arabien gerechnet wurden. Die ganz trockenen Teile der Halbinsel wurden von Nomaden (Beduinen) bewohnt, die sich meist mit der Kamelzucht beschäftigten und auch für den Transport über die Halbinsel zuständig waren.
Auch hört man immer wieder behaupten, der Islam sei eine Wüstenreligion. Das ist nur sehr bedingt der Fall: Mekka war eine Stadt, Medina eine große Oase. Arabisch war oft nicht die Muttersprache der Wüstenbewohner (Beduinen). Sollte der Islam bei näherer Betrachtung doch aus Jordanien oder Syrien stammen: Auch das sind keine Wüsten. Beduinen werden im Koran sehr negativ beschrieben. Für Religion waren sie offensichtlich wenig veranlagt.

Laut Überlieferung soll im 7. Jahrhundert mitten in Arabien ganz unerwartet ein Staat entstanden sein, mit der Hauptstadt Medina, unter Einfluss der geistigen Bewegung, die später unter dem Namen Islam bekannt wurde. Einen unabhängigen Staat mitten auf der Halbinsel hatte es vorher nie gegeben. Es hatte allerdings drei abhängige Staaten gegeben, die alle mit einem der unabhängigen Staaten aus der Gegend verbunden gewesen waren: mit dem Oströmischen Reich, dem Persischem Reich oder dem Jemen, wo Königreiche mit unterschiedlichen Namen aufeinander gefolgt waren, der aber zuletzt unter äthiopischer, bzw. persischer Herrschaft gestanden hatte. Alle drei Vasallenstaaten hatten sich bis tief in die Halbinsel ausgedehnt. Die Aufgabe ihrer Führer war es, die Nomaden an das jeweiligen Reich zu binden um Raubzügen vorzubeugen und Verkehrsverbindungen zu sichern. Sie bekamen einen Titel, ein Palästchen, einen schönen Königsmantel und einen Sack voll Geld. Damit sollten sie auch eine Armee finanzieren, die als Puffer gegen das jeweils andere Reich dienen konnte. Ostrom und Persien führten ja ständig Kriege miteinander.

Die drei Vasallstaaten waren:
– das Königreich der Ghassāniden (500–630), im heutigen Ostsyrien und Jordanien,
– das Königreich der Lakhmiden im Irak (266–640), westlich vom Zweistromland,
– Kinda (425–528), nördlich vom Jemen. 

Wenn diese Vasallenstaaten auch nicht stark waren, sie boten den Arabern Jahrhunderte lang Gelegenheit sich mit den Hochkulturen der damaligen Welt vertraut zu machen.
Sobald die Großreiche nicht länger geneigt oder im Stande waren ihre Verbündeten finanziell zu unterstützen, verschwanden die Vasallenstaaten wieder. Ganz unabhängige Staaten waren in den trockenen Teilen Arabiens wohl nicht möglich. War das Kalifat von Medina (622–661) denn möglich? Zu dieser Frage habe ich hier einen separaten Beitrag geschrieben.

ANMERKUNGEN
1. Amrilkais / Der Dichter und König / Sein Leben dargestellt in seinen Liedern / Aus dem Arabischen übertragen von Friedrich Rückert, Hrsg. Hermann Kreyenborg, Hannover 19242, S. 5–8.

BIBLIOGRAPHIE
– Robert G. Hoyland, Arabia and the Arabs from the Bronze Age to the Coming of Islam, London 2001.
– M. M. Bravmann, The Spiritual Background of Early Islam. Studies in Ancient Arab Concepts, Leiden 1972.
– Ewald Wagner, Grundzüge der klassischen arabischen Dichtung. Band I: Die altarabische Dichtung, Darmstadt 1987.

Diakritische Zeichen: aṭlāl, Ibn Isḥāq, Ibn Hišām, Kitāb al-Tīǧān, Kitāb al-aṣnām, Ġassāniden, Laḫmiden

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Die Zerstörung Mekkas

makkah-and-the-makkah-clock-tower-950x615Damit meine ich nicht den Abbruch der Ka‘ba, der am Ende der Zeiten zu erwarten ist, sondern die Tätigkeiten des heutigen saudischen, wahhabitisch geprägten Regimes bei der Modernisierung Mekkas und bei der Ausweitung der Einrichtungen für Pilger. 2012 kamen drei Millionen Pilger in die Stadt; 2013 bekamen nur zwei Millionen die Erlaubnis, was bald mit den Baumaßnahmen, bald mit der Gefahr der Ansteckung durch den MERS-Virus begründet wurde. 2025 werden aber 17 Millionen Pilger erwartet (wieso eigentlich?) und etwas muss unternommen werden um diese in der engen, von Bergen eingeschlossenen Stadt aufnehmen zu können. Ein Artikel in The Guardian zeigt die sehr megalomanen Baupläne. Die Kaʿba ist darin kaum noch wiederzufinden.

Foto Saudi Bin Laden Group

Foto Saudi Bin Laden Group

Schön wird das alles nicht, aber wo gibt es heute noch schöne Architektur? Eine gewaltige Tiefgarage unter der Kaʿba gibt es bereits. Auch verschiedene Shopping Malls sind in der Nähe vorhanden, mit u.a. einer Boutique von Paris Hilton; oder hat die wieder zugemacht? Hauptstück ist ein 601 meter hoher Uhrturm, im Vergleich zu welchem der Campanile in Venedig und der Big Ben nur Winzlinge sind. Die Riesenuhr ist 43 meter in Durchschnitt und ist made in Germany. Indem sie durch aufleuchtende Zeiger die genauen Gebetszeiten vorgibt, zementiert sie eine Neuerung, die mit der Erfindung der Stehuhr schon eingesetzt hatte. Im frühen Islam konnten die Gläubigen selbst anhand des Sonnenstandes feststellen, wann es Zeit zum Beten war; in der Praxis half ihnen ein menschlicher Muezzin. Es gab ziemlich breite Zeitfenster, in denen das Gebet gültig war. Jetzt werden die genauen Zeitpunkte mit deutscher Präzision durch eine unpersönliche Behörde festgestellt — wenn es nach den Saudis ginge, gleich für die ganze Welt. Wer auf diese Uhr schaut wird das Gebet nicht zu unterlassen wagen; in Riesenbuchstaben steht ja der Name Gottes darüber.

Für Hotels, Kongresszentren, Malls, Apartmentblocks und Parkplätze müssen selbstverständlich historische Bauten und archäologische Fundstatten aus allen Jahrhunderten weichen; das ist nichts Neues und kommt überall vor. Aber nicht jeder weiß und erwartet vielleicht, dass in Mekka eine Sorte Denkmäler mit besonderem Eifer zerstört wird: die frühislamischen. Das hat nicht nur mit den Bauplänen zu tun, sondern auch mit der religiös fundierten Abneigung der Regierung gegen Gräber und (mögliche) Pilgerorte einerseits, gegen die Biografie des Propheten andererseits. Bereits 1925 hat die frisch angetretene wahhabitische Regierung den Friedhof Medinas, Baqiʿ al-Gharqad, zerstört. Dort lagen nicht irgendwelche Menschen begraben, sondern die Frauen und Zeitgenossen des Propheten! Die islamische Welt war entsetzt; trotzdem wurde noch im selben Jahr auch der historische Friedhof Mekkas planiert. So gingen auch die Gräber von Mohammeds Vorfahren verloren und das seiner ersten Frau, Khadidja. Bei den heutigen Bauaktivitäten verschwindet unter anderem jede Reminiszenz an das Geburtshaus des Propheten. Das Wohnhaus Khadidjas ist schon abgetragen worden; laut Guardian musste es Platz machen für einen Block von nicht weniger als 1400 Toiletten. In Mekka sch….t man auf die Vergangenheit.

Doch spricht vieles für den saudischen Zerstörungsdrang, oder? Alle diese historischen Stätten sind ja nicht wirklich historisch. In Goethes Geburtshaus in Frankfurt ist der Dichter wenigstens wirklich geboren, das ist nachgewiesen … wenn auch das Haus nur eine Kopie des kriegszerstörten Originals ist, haha. Aber hat Mohammed je einen Fuß in sein angebliches Geburtshaus gesetzt? Hat es ihn überhaupt gegeben? Hat Khadidja gelebt; und wenn ja, war das ihr Haus, war sie dort wirklich begraben? Liegt Abraham wirklich in dem heftig umkämpften Grab in Hebron (al-Khalil), wo doch sogar seine reale Existenz angezweifelt wird? Dass die Herberge des Barmherzigen Samariters, die angeblich in der Wüste Judäas steht oder stand, nepp ist, versteht jeder Leser von Lukas 10:34 auf Anhieb. Alle drei westlichen Religionen haben ganze Haufen Ballast dieser Art. Erfrischend also, dass die Saudis mit solchem Kram mal aufräumen?

Mekka 1953

Mekka 1953

Natürlich nicht. Ich bedaure es, dass diese Baudenkmäler zerstört werden. Auch wenn sie nichts mit Mohammed zu tun haben, Bauten oder Gräber aus den letzten vierzehn Jahrhunderten und vielleicht aus der Zeit davor sind historisch wertvoll; ich hätte gerne mehr darüber gewusst. Die wahhabitische Abneigung gegen Archäologie und Denkmalschutz folgt nicht nur aus der Sauberkeit ihrer Lehre, sondern auch aus der Angst vor der möglicherweise auffindbaren Vergangenheit. Vielleicht könnte nachgewiesen werden, dass die Heilsgeschichte doch anders verlaufen ist, dass die vorislamitische Zeit (Dschahiliyya) weniger barbarisch war als geglaubt oder christlicher als erwünscht.

Die wahhabitische Abneigung gegen die Prophetenbiografie hat zwei Aspekte. Die Verehrung von Menschen ist streng verpönt und für den Propheten wird keine Ausnahme gemacht. Der andere ist der religionsübergreifende fundamentalistische Hass gegen Dichtung im Allgemeinen. Die Biografie (Sīra) ist erzählend und deshalb Dichtung, das haben die Wahhabiten schon richtig verstanden. Ihr geistiger Urahn Ibn Taimīya (1263–1328) vertrat bereits den Standpunkt, dass das biografische Material wertlos und nicht bei juristischen Argumentationen einsetzbar ist; es sei denn, das Thema ist von großer Wichtigkeit und der Text wird mehrfach überliefert. Durch diese Einschränkung entfällt ein erheblicher Teil der Sīra. Die Geburt, die frühe Jugend, das erste Offenbarungserlebnis, all das interessiert nicht. Indessen bleibt Mohammed für die Saudis natürlich eine äußerst wichtige Person, daran ist kein Zweifel. Er darf nur kein Leben gehabt haben, nichts Menschliches-Allzumenschliches. Was von der Sīra übrig bleibt, ist eine relativ beschränkte Zahl Hadithe, die die Rechtsregeln oder deren Basis bilden — man findet sie in juristisch verwendbaren Fiqh as-sīra-Sammlungen. Sīra light also. Wenn ich Muslim wäre, würde es mir schwer fallen, so einen nahezu abstrakten Propheten zu haben.

(Auch veröffentlicht in zenith Januar/Februar 2014 und in zenithonline.)

Mehr Fotos von Mekka 1953 finden Sie hier.

NACHSCHRIFT 21.07.2016: Siehe jetzt auch hier.

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Das Gewand hochziehen

Assyrische Reliefs im British Museum (8. Jh. v. Chr.) zeigen uns arabische Krieger in Lendenschurzen bis etwas oberhalb des Knies, die durch schmale, später auch breitere und dickere Gürtel am Platz gehalten werden. Aber vielleicht diente dieses Tuch nur als praktische Kampfkleidung, während man zu Hause im Zelt etwas Längeres anhatte?

Das lange Männergewand scheint aus dem Norden zu stammen. Ein Araber auf einem Relief, nicht in einer Kampfszene, trägt ein längeres Gewand in nordsyrischem Stil. Die Stoffe mussten ja auch aus dem Norden kommen. Oder ganz aus dem Süden: Viele Kleidungsstücke haben jemenitische Namen. Mittelarabien hatte genug Wolle, aber keinen Flachs zur Leinenherstellung.

Nach Herodot (484–425 v. Chr.)1 trugen sie eine ζειρά (seira), das ist ein langer Lendenschurz, der bis unter die Fußgelenke geht. Seira wird wohl nicht, wie ich anfangs meinte, das arabische Wort izāra sein, d.h. ein Lendentuch bis unterhalb des Knies. Die seira wurde auch in Teilen Griechenlands getragen und es ist unwahrscheinlich, dass die alten Griechen ihrer Kleidung arabische Namen gaben.

Als der Islam aufkam, wurde das uns wohlbekannte lange Männergewand also schon lange getragen. Zu solchen Gewändern passt das arabische Wort tashmīr, das Aufkrempeln oder Hochziehen. Vielleicht haben die alten Araber auch ihre Ärmel aufgekrempelt, aber vor allem denkt man bei diesem Wort an das Hochziehen des Gewandes, das mittels eines Gürtels um die Hüften  befestigt wird, so dass die Unterschenkel frei werden und man sich flotter bewegen kann. Hochgekrempelt wird das Gewand, wenn gerannt, gearbeitet oder gekämpft werden muss. Dies war schon in alttestamentlichen Zeiten bekannt, wie der biblische Ausdruck: „um die Lenden gegürtet“ (2. Mose 12:11 u.v.a.) beweist. Dort wird es bei ähnlichen Aktivitäten gemacht.

In Koran 68:42 wird mit Bezug auf den Jüngsten Tag gesagt يومَ يُكشف عن ساق , „am Tag, da ein Unterbein entblößt wird …,“ was auf das Hochziehen des Gewandes hinausläuft — wessen Bein ist das aber?

Es gab Ausleger, die meinten, es betreffe Gottes Bein.2 So merkwürdig ist das nicht: Der Koran spricht von Gottes Auge und Gottes Hand; warum sollte Gott nicht auch ein Bein haben? Es gab in der Tat Muslime, die diese Ausdrücke wortwörtlich nahmen — natürlich ohne zu fragen, wie das Bein wohl aussähe. Bilā kaif („ohne zu fragen wie“) war die orthodoxe Losung. Verständlich: Sonst würden nur seltsame Fragen aufkommen. Andere Kommentare meinten, dass der Satz die Beine der in der Hölle gequälten Menschen betreffe.3 So fasst es auch der Koranübersetzer M.A. Rassoul auf: „am Tage, wenn die Beine entblößt werden“. Der Amerikaner Majid Fakhry dachte noch etwas weiter; er übersetzt: „… when nothing shall be concealed.“ Das erinnert an unseren Ausdruck: „Er muss die Hosen herunterlassen“ — keine Wahrheit kann mehr verborgen bleiben.

Der Ausdruck wird ursprünglich mit dem Aufkrempeln des Gewandes zu tun gehabt haben, war aber wohl längst idiomatisch geworden, so dass nicht mehr an ein konkretes Bein gedacht werden musste. So wie wir bei „die Ärmel hochkrempeln“ und „seine Hände in Unschuld waschen“ meist auch nicht an echte Ärmel oder Hände denken. Dann bedeutet der koranische Ausdruck so etwas wie: „am Tag, da es heftig hergehen wird“.

ANMERKUNGEN
1. Herodotus, Historiae vii, 69.
2. U.a. al-Buḫārī, Ṣaḥīḥ, Tafsīr sūra 68, 2.
3.

Sonstige Kleidung
• Damen: Kopftuch, Schleier, Burka & Co, Tschadorhot pants. Siehe auch Hidschab.
• Herren: Burka, Arabische Kleidung in der Bibel

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Ta’abbata Sharran, Räuber und Poet dazu

Ta’abbata Sharran war ein arabischer Dichter, der ca. 550, also lange vor der Enstehung des Islams, gelebt haben soll. Er gehörte zum Stamm Fahm, aber offensichtlich hielt er es im Stammesverband nicht aus. Es gab solche Menschen, die entweder selbst ihren Stamm verließen oder vergrault wurden und dann allein weiterlebten. Manchmal fanden sie bei Geistesverwandten Anschluss und bildeten eine kleine Bande von Räubern (su‘lūk, sa‘ālīk), die von der Jagd und von Überfällen und Raubzügen lebten. Helden und Kraftmenschen waren sie auch, denn ohne Stammesverband in einem wüsten Land zu überleben fordert Mut und Kraft. Anders als unsere modernen Räuber waren sie oft gute Dichter. Das war auch Ta’abbata Sharran .1
Sein Name bedeutet: „Er hat etwas Böses unter dem Arm getragen“ und ist also kein Name, sondern ein Beiname. In der „bürgerlichen“ Stammesgesellschaft hieß er Thābit ibn Djābir al-Fahmī. Es gibt mindestens drei Anekdoten, die erzählen, wie er zu seinem Beinamen gekommen ist:

  • 1. Die Poesieüberlieferer erzählen, dass er eines Tages in der Wüste einen Widder sah. Er hob ihn auf und trug ihn unter seinem Arm, aber das Tier pinkelte ihn den ganzen Weg an. Als er nahe an [das Lager] seines Stammes gekommen war, wurde es ihm zu schwer.2 Er konnte es nicht länger tragen und warf es von sich, und siehe da, es war ein Wüstendämon (ġūl, ghoul). Seine Leute fragten ihn:
    „Was hast du unter deinem Arm getragen?“
    „Einen Wüstendämon,“ antwortete er.
    „Dann hast du schon etwas Böses unter dem Arm getragen!“
    Und danach wurde er benannt.3

Eine andere, ziemlich gekünstelte Anekdote, zeigt den Mutter-Sohn-Konflikt des unerträglichen Rauhbauzes.

  • 2. Es wird auch erzählt: Nein, seine Mutter sagte zu ihm: „Alle deine Brüder bringen mir abends etwas mit, aber du nicht!“ Darauf sagte er: „Heute Abend werde ich dir etwas mitbringen.“ Er ging weg und fing eine große Anzahl Nattern, die größten, die er erwischen konnte. Als er am Abend nach Hause ging, tat er diese in einen Sack, den er unter seinem Arm trug. Den warf er vor seine Mutter hin. Sie öffnete ihn und siehe da, da schossen die Nattern los in ihrem Zelt. Sie sprang auf und rannte nach draußen.
    „Was hat Thābit dir mitgebracht?“ fragten die Frauen des Stammes.
    „Nattern in einem Sack!“
    „Aber wie hat er den denn getragen?“
    „Unter seinem Arm.“
    „Dann hat er schon etwas Böses unter seinem Arm getragen!“
    So blieb der Name Ta’abbata Sharran an ihm hängen.4

Von einer dritten Anekdote zitiere ich nur den in diesem Zusammenhang relevanten Teil:

  • 3. […] und er wurde Ta’abbata Sharran genannt, weil er, wie man erzählt, in einer dunklen Nacht, an einer Stelle namens Rahā Bitān, im Stammesgebiet der Hudhail, einer ghūl begegnete. Sie versperrte ihm den Weg, aber er bekämpfte sie so lange, bis er sie getötet hatte. Die ganze Nacht blieb er auf ihr liegen und am nächsten Morgen trug er sie unter seinem Arm zu seinen Gefährten. Diese sagten zu ihm: „Du hast schon etwas Böses unter dem Arm getragen!“5

Ein oder eine ghūl ist ein Dämon, der sich in der Wüste aufhält und einsame Reisende belästigt. Eine seiner Eigenschaften ist, dass er seine Form ändern kann. Oft nimmt er die Gestalt eines weiblichen Wesens an.6
Ta’abbata Sharran hat Verse über eine Begegnung mit einem Wüstendämon gedichtet. 

  • 4. Da leistete mir die ghūl nachbarliche Gesellschaft.
    Oh Nachbarin, wie unheimlich bist du doch!
    Ich forderte sie zum Koitus auf, aber sie machte mir Schwierigkeiten,
    und ich versuchte es (nur) zu tun.
    Wenn mich jemand nach meiner Nachbarin fragt,
    so hat sie ihre (letzte) Wohnung an der Krümmung des Sandhügels.7

„Nachbarin“ war eine Benennung, die Beduinen auf ihre Ehefrauen anwendeten. Der Dichter ist von dem gefährlichen Wesen überhaupt nicht beeindruckt. Im Gegenteil: Er verspottet den ängstlichen Glauben des braven Stammesvolks. Für ihn selbst existieren gar keine Wüstendämonen; fuck the ghoul! Und sollte jemand anders das auch tun wollen, sie wohnt um die Ecke beim Sandhügel, ihr wisst schon. Die Adresse ist im sandigen Arabien eindeutig.

Der Wüstendämon kommt in noch in weiteren Verszeilen vor, von denen ich hier einige zitiere:

  • 5. Auf, wer berichtet den Recken des Stammes Fahm,
    was mir bei Rahā Bitān begegnete?
    Ich traf die ghūl, als sie durch eine Wüste,
    so eben wie eine Seite (zum Beschreiben), hastete.
    Ich sprach zu ihr: Wir sind beide vor Müdigkeit erschöpft.
    (Du bist mein) Reisegenosse. Drum lass mir meinen (Ruhe)platz!
    Aber sie griff mich an. Da streckte meine Hand
    ihr ein gutgefegtes jemenitisches (Schwert) entgegen.
    Ich schlug sie ….; sie fiel auf ihre Vorderpfoten und ihren Hals
    […]
    und ich ließ nicht von ihr ab, mich auf sie lehnend,
    um am nächsten Morgen zu sehen, was zu mir gekommen war.

Auch hier brüstet sich die Dichterpersona, wie sie die ghoul bezwungen hat; auch hier liegt er, der Dichter, auf ihr, wenn auch von Sex keine Rede ist.

Der Versuch ein Gespräch anzuknüpfen erinnert an das „Gespräch mit dem Wolf,“ ein Motiv aus der etwas späteren Poesie. Wenn ein einsamer Reisender in der Wüste einem ebenfalls einsamen Wolf begegnet, haben die beiden viel gemeinsam: ihren Hunger, ihre Einsamkeit, ihre heikle Lage. Aber solche Begegnungen sind auch sehr gefährlich; deshalb sprechen die Dichter dem Wolf oft beschwörend zu.9 Das geschieht hier auch, aber naturgemäß geht die ghoul nicht darauf ein.

Anekdote Nr. 3. will den merkwürdigen Beinamen des Dichters erklären, wie die anderen auch. Aber sie ist von dem Gedichtfragment Nr. 5 inspiriert und will dazu ein wenig „Geschichtsschreibung“ bieten. Die Erzählung verhält sich zum Gedicht wie eine sabab an-nuzūl-Geschichte zu einem Koranvers. 

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ANMERKUNNGEN
1. Albert Arazi, „Ta’abbaṭa Sharran“ in EI2. Ewald Wagner, Kap. „Räuberdichtung“ in seinem Grundzüge der klassischen arabischen Dichtung, Band 1. Die altarabische Dichtung, Darmstadt 1987, 135–44.
2. Wie viele Meter können Sie zurücklegen mit einem Widder unter dem Arm?
3. Abū al-Faraǧ al-Iṣfahānī, Kitāb al-Aġānī, hrsg. Kairo 1927, xxi, 127.

ذكر الروة أنّه كان رأى كبشًا في الصحراء فاحتمله تحت إبطه فجعل يبول عليه طول طريقه. فلما قرب من الحيّ ثقل عليه الكبش فلم يُقِلّه فرمى به فإذا هو الغول. فقال له قومه: ما تأبّطَّ يا ثابت؟ قال: الغول. قالوا: لقد تأبّطَّ شرا! فسُمّي بذلك.

4. Aġānī xxi,127:

وقيل بل قالت أمّه له كل إحوتك يأتيني بشيء إذا راح غيرَك. فقال لها: سآتيك الليلة بشيء. ومضى فصاد أفاعيَ كثيرة من أكبر ما قدر عليه. فلمّا راح أتى يهنّ في جِراب متأبّطًا به فألقاهه بين يديها ففتحته فتساعين في بيتها. فوثب وخرجت. فقال لها نساء الحيّ: ما ذا أتاك به ثابت؟ فقالت: أتاني بإفاعٍ في جراب. وقلن: وكيف حملها؟ قالت: تأبّها. قلن: تأبّط شرّاً، فلزمه تأبّطا شرّاً.

5. Aġānī xxi,128–29:

[…] وإنّما سمّي تأبّط شرّاً لأنهه فيما حُكي لنا٬ لقي الغول في ليلة ظلماء في موضع رَحَى بِطَانٍ في بلاد هذيل فأخذت عليه الطريقَ فلم يزل بها حتى قتلها وبات عليها فلمّا أصبح حملها تحت إبطه وجاء بها الى أصحابه فقالوا له: لقد تأبّطّ شرّاً.

6. Ghouls gibt es noch immer; vgl. was hier gesagt wird zu Soraya Qadir, alias Dust.
7. Aġānī xxi, 128, Übersetzung von Ewald Wagner, o.c., i, 140

فَأَصْبَحَتِ‎ الغُولُ‏ لِي‏ جَارَةً  *  فَيَا جَارَتَا لَكِ‎ مَا أَهْوَلاَ
فَطَالَبْتُهَا بُضْعَهَا فَالْتَوَتْ  *  عَلََيَّ‏ وَحَاوَلْتُ‏ أَنْ‏ أَفْعَلاَ
فَمَنْ‎ كَانَ‎ يَسْأَلُ‏ عَنْ‏ جَارَتِي  *  فَإنَّ‏ لَهَا باللِّوَى مَنْزِلاَ

8. Aġānī xxi, 129, Übersetzung zum Großteil von Ewald Wagner, o.c., i, 140–1.

أَلاَ‎ مَنْ‏ مُبْلِغٌ‏ فِتْيَانَ‏ فَهْمٍ  *  بِمَا لَقِيتُ‏ عِنْدَ‏ رَحَى بِطَانِ
وَأَنِّي‏ قَدْ‎ لَقِيتُ‏ الغُولَ‏ تَهْوَى  *  بِسَهْبٍ‏ كَالصَّحِيفَةِ‏ صَحْصَحَانِ
فَقُلْتُ‏ لَهَا‏: كِلاَنَا نِضْوَأَيْنِ  *  أَخُو سَفَرٍ‏ فَخَلِّي‏ لِي‏ مَكَانِي
فَشَدَّتْ‏ شَدَّةً‏ نَحْوِي‏ فَأَهْوَى  *  لَهَا كَفِّي‏ بِمَصْقُولٍ‏ يَمَانِي
فَأَضْرِبُهَا بِلاَ‎ دَهَشٍ‏ فَخَرَّتْ  *  صَرِيعًا لِلْيَدَيْنِ‏ وَلِلْجِرَانِ
[‏…]
فَلَمْ‏ أَنْفَكَّ‏ مُتَّكِئًا عَلَيْهَا  *  لأَنْظُرَ‏ مُصْبِحًا مَاذَا أَتَانِي

9. Manfred Ullman, Das Gespräch mit dem Wolf, München 1981.

Diakritische Zeichen: Taʾabbaṭa Šarran, ṣuʿlūk, ṣaʿālīk, Ṯābit ibn Ǧābir al-Fahmī, ġūl, Raḥā Biṭān, Huḏail

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Arabien

Was ist Arabien? Die Arabische Halbinsel; aber wo hört die auf? Auf der Karte ist eine Grenze, die 200 mm Isohyete gezogen, d.h. die Verbindungslinie zwischen Orten mit gleicher Niederschlagsmenge. Südlich davon überwog in vorindustrieller Zeit die typisch nomadische Lebensweise (überwiegend Kamelzucht). Landwirtschaft mit Bewässerung ist möglich in dem Irak; des Weiteren in Oasen. Im Südwesten liegen aber der Jemen und der Asīr; das sind bergige Gebiete, in denen es mehr regnet und Landwirtschaft möglich ist. Im Südosten hat der Oman eine tropisch-feuchte Küstengegend. Auch der 3000 Meter hohe Jebel Akhdar zieht Regenwolken an. Nein, ich will hier keine Geographie betreiben, möchte aber schon ein wenig gegen das Klischee „Arabien=Wüste“ ankämpfen.

Manche sagen: „Arabien“, aber meinen Saudi-Arabien. Dann klammert man den Jemen, Oman und die kleineren Golfstaaten aus. Arabien ist eine geographische Bezeichnung; Saudi-Arabien ist der Name eines Staates. Die dürfen nicht verwechselt werden, genau so wenig wie „Amerika“ und „die Vereinigten Staaten“.

Manche sagen: „Arabien“ und meinen: „die Arabische Welt“. Das ist auch ungenau. Einige willkürliche Zitate:

  • „Seit 30 Jahren bietet XY Reisen individuelle Fernreisen in die Urlaubs-Zielgebiete Asien, Arabien, Indischer Ozean und Pazifik.“
  • „Dabei steht uns die arabische Kultur ja gar nicht so fern. Rechnen, Kaffeetrinken und ärztliche Kunst haben wir aus Arabien geerbt …“.
  • „Arabien in Aufruhr – Aber wo sind die Islamisten?“ (Die Welt Online, 29.1.2011)>

Manche sagen: „Arabien“ und meinen: den Orient. Aber den gibt es nicht.

  • „Das Buch Kulinarisches Arabien zeigt den betörenden Hintergrund der orientalischen Küche in so vielen verführerischen Bildern, wie es ein Reiseprospekt nicht wirkungsvoller fertig brächte.“

Selbstverständlich darf „Arabien“ oder die Arabische Welt nicht mit der Islamischen Welt verwechselt werden. Grob geschätzt sind nur ein Fünftel der Muslime Araber. In der Türkei und in Iran wird kein oder wenig Arabisch gesprochen.
Ein CSU-Politiker wollte neuerdings „die Migration aus dem arabischen Kulturkreis“ stoppen; er meinte wohl den islamischen Kulturkreis. Seine Kritiker waren auch nicht besser und meinten, die iranischen Exilanten kämen hier doch recht gut an! Iran gehört ebenfalls nicht zum arabischen Kulturkreis. Solche Fehler können nur Politiker machen.

Wer auf sorgfältigen Sprachgebrauch Wert legt, verwendet „Arabien“ nur, wenn er die Halbinsel in der Antike meint. Für die heutige Zeit ist „die Arabische Halbinsel“ passender.
„Die Arabische Welt“ ist am Platze, wenn man von mehreren oder allen Ländern mit arabischsprachigen Einwohnern redet. Die Wikipedia hat vernünftige Artikel über die Arabische Welt und das Arabische Vaterland.

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Araber

Was sind Araber? Es gibt verschiedene Definitionstypen:
­ – Nach Sprache: Araber sind Menschen, die Arabisch als Muttersprache haben. Gibt es solche? Nein! Am besten gleich korrigieren: … die eine arabische Sprache als Muttersprache haben.
– Nach Herkunft: sie stammen ursprünglich von einem bestimmten Volk auf der Arabischen Halbinsel ab, namentlich in Nord-­ und Mittelarabien. Na schön, aber was soll’s.
– Nach Religion: „Araber sind Muslime.“ Falsch: es gibt einige Millionen Araber, die Christ sind. Überdies soll jeder Araber selbst wissen, ob er Muslim ist oder nicht. Manchmal hört man sogar: „Muslime sind Araber.“ Noch falscher. Nur ca. ein Fünftel aller Muslime sind Araber.
– Geographisch/Politisch: Es sind Menschen, die in einem Land wohnen, das zur Arabischen Heimat gehört, oder: zur Arabischen Liga gehört. Trifft auch nicht ganz zu: es leben auch Nichtaraber in der arabischen Welt und es gibt Mitgliedsstaaten der Liga, in denen kein Arabisch gesprochen wird (Somalia, Komoren). In den beiden Amerikas und Europa wohnen viele arabische Migranten; die wären dann keine Araber mehr?
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Es gibt auch Mischdefinitionen, z.B.:

  • Herkunft+Religion: „Die Araber sind Nachkommen Abrahams (Ibrāhīm), wie die Juden auch. Dessen Sohn Ismael (Ismāʿīl) wird von ihm in die Wüste geschickt, zieht dann nach Mekka und wird der Urahn der Araber.“
  • Sprache+Ideologie: „Ein Araber ist eine Person, deren Sprache Arabisch ist, die in einem arabischsprachigen Land lebt und die Bestrebungen der arabischsprachigen Nationen befürwortet.“ (Arabische Liga, 1946, meine Übers.).

Was sind das für Bestrebungen? Ich vermute, dass die angestrebte Vereinigung der arabischen Staaten gemeint ist.
Oft spielten in der Definition mehrere oder alle Merkmale eine Rolle: 

  • Religion+Geschichte+Sprache: „All those are Arabs for whom the central fact of history is the mission of Muhammad and the memory of the Arab Empire and who in addition cherish the Arab tongue and its cultural heritage as their common possession.“ (H.A.R. Gibb, The Arabs, Oxford 1940, S. 3)

Diese Mischdefinition scheint die arabischen Christen und Juden wie auch die Analphabeten auszuklammern. Obwohl viele arabische Christen schon einsehen, dass die Sendung Mohammeds usw. das wichtigste ist, das den Arabern je passiert ist.
Die am ehesten brauchbare Definition scheint mir zu sein: Araber sind Menschen, die eine arabische Sprache als Muttersprache haben.
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Politisch ­korrekt wäre vielleicht überhaupt nicht von Arabern, sondern von „arabischsprachigen Völkern,“ „arabischen Muttersprachlern’, „Menschen mit arabischem Hintergrund“ o. Ä. zu sprechen. Im Alltag bringt man so etwas nicht immer über die Lippen und sagt aus Bequemlichkeit doch „Araber“. Aber aufgepasst! Viele arabische Muttersprachler sind stolz Araber zu sein, andere aber wollen es gar nicht sein; sind sogar beleidigt, wenn man sie so bezeichnet. Ägypter sprechen gerne von „Ägypten und den arabischen Ländern“; Libanesen fühlen sich manchmal als Nachfahren der alten Phönizier; in Marokko gibt es Leute, die sich als Berber fühlen, auch wenn sie eine arabische Muttersprache haben.

  • Zu der „Herkunftsdefinition“ noch Folgendes. Seit dem 2. Weltkrieg hat das Studieren von (vermeintlich) rassischen Merkmalen milde gesagt wenig Konjunktur, und es würde auch beim besten Willen nichts bringen.
    Vor hundert Jahren gab es schon einen anti-arabischen Rassismus, einen Zweig des Antisemitismus. Den sollte man erkennen können, auch wenn er versteckt ist, z. B. in Behauptungen, dass die Araber dies oder jenes von den (immerhin „arischen“) Persern oder Griechen übernommen haben; oder dass Araber „eigentlich“ von Natur aus alle Kaufleute und deswegen unzuverlässig seien.
    Noch älter ist vielleicht ein romantischer pro-arabischer Rassismus, der auch später immer wieder auftaucht, besonders gern bei reisenden englischen gentlemen. Dann hört man, dass die Araber von der Halbinsel, im Gegensatz zu den dekadenten Mischlingen in anderen Ländern, so reinrassig und daher nobel und aristokratisch seien; of pure and noble blood, genau wie ihre Rennpferde auch. Alles Unsinn; schon vor zweitausend Jahren war die Halbinsel ein Schmelztiegel, und das ist seitdem nicht weniger geworden.

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Wörterbücher des Modernen Hocharabisch

Wörterbücher des Arabischen sind weltweit minderwertig. Als Arabist muss man lernen mit dem Vorhandenen auszukommen. Wer ein Wörterbuch einer anderen Sprache aufschlägt, z.B. Muret-Sanders für Englisch, sieht den enormen Qualitätsunterschied. In Deutschland geht es ja noch. Die fünfte Auflage Arabisch-Deutsch von „dem Wehr“ sieht modern und gediegen aus, aber die Antiquiertheit und Willkür der Erstausgabe (1952) schimmern noch durch. (Für fortgeschrittene Arabisten sei auf den Exkurs am Ende dieses Artikels hingewiesen.) Trotzdem ist die 5. Auflage das beste Wörterbuch; insbesondere bezüglich der Einträge zu den jeweiligen Verb-Präposition-Verbindungen und der idiomatische Ausdrücke erweist es sich als tauglich. Das größere und moderne Werk von Schregle ist leider nie fertig geworden. Es gibt zwei kleinere Arabisch-Deutsche Wörterbücher und ein halbwegs brauchbares deutsch-arabisches. Für Juristen gibt es ein spezialisiertes Wörterbuch.

  • – Hans Wehr, Arabisches Wörterbuch für die Schriftsprache der Gegenwart, Arabisch-Deutsch, 5. Aufl., Wiesbaden (Harrassowitz) 1985. [Günstiger Nachdruck meist vorhanden bei Lehnert & Landrock, 44, Sherif Str., Kairo; und in Beirut. Die 4. Auflage ist billiger, aber um 150 Seiten dünner. Man kann es auch illegal herunterladen, aber wer ein Wörterbuch benutzen will, hat davon nichts.]
    – Götz Schregle, Arabisch-deutsches Wörterbuch, Wiesbaden (Steiner Verlag) 1981–92. [Gut, modern, groß, aber teuer und kaum erhältlich. Es geht nur bis qusṭanṭīna.1]
    – Lorenz Kropfitsch, Handwörterbuch Arabisch-Deutsch, Langenscheidt 2003. [Gut, modern, kleiner als Wehr.]
    – Götz Schregle u.a., Deutsch-arabisches Wörterbuch, Wiesbaden 1974.
    – Eberhard Leicher, Wörterbuch der arabischen Wirtschafts- und Rechtssprache, deutsch-arabisch, Baden-Baden 1991; idem, arabisch-deutsch, Baden-Baden 1992.
    Langenscheidts Online-Wörterbuch. Wie groß und wie gut es ist kann ich nicht überblicken.

Die englischsprachige Welt verfügt seit kurzem endlich über ein gutes Wörterbuch:

  • Oxford Arabic Dictionary. Qāmūs Uksfūrd al-‘Arabī. Arabic-English, English-Arabic, ed. Tressy Arts et al., Oxford 2014.

Das zweitbeste ist die Übersetzung (!) vom deutschen Wehr:

  • J. M. Cowan (ed.), Arabic-English Dictionary: The Hans Wehr Dictionary of Modern Written Arabic, 4th. ed., Spoken Language Services 1993.

Im Niederländischen gibt es ein hervorragendes Werk:

  • Jan Hoogland, Kees Versteegh und Manfred Woidich, Woordenboek Arabisch-Nederlands, Amsterdam (Bulaaq) 2003.

Für Französich gibt es allerlei; ich will hier nur ein kleines Buch nennen, aus dem ich als Student viel gelernt habe; vor allem Ausdrücke:

  • Louis Saisse & Iskandar Chéhata, Vocabulaire français-arabe à l’usage des écoles d’Égypte et autres pays de langue arabe, London 1950. 396 S.

Das einzige brauchbare einheimische Wörterbuch für das moderne Arabisch ist Al-Mundjid fī al-luġa al-‘arabīya al-mu‘āṣira, das ist aber auch wirklich äußerst nützlich und mit vielen alltäglichen Beispielen (1. Aufl. 2000, nicht der bekannte Mundjid fi l-luġa wal-a‘lām, der bringt nichts)(Dieser Absatz ist von Frank Weigelt.)
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Warum sind Wörterbücher des Arabischen so schlecht?

– Weil die Arabische Welt nichts unternimmt. Das beste japanische Wörterbuch wird wohl aus Japan stammen, und das beste chinesische aus China. Aber die Arabische Welt schlägt sich mit bizarren, veralteten Wörterbüchern aus dem Mittelalter durch und produziert nichts Neues. Somit fehlt eine gediegene Basis für arabische Wörterbücher in und aus Fremdsprachen.
– Weil die Arabische Welt momentan schwach ist. Die Sprache der Macht wird immer gerne gelernt; mit Chinesisch wird es also auf Dauer schon werden, aber Arabisch gilt nun mal als zweitrangig. Es gibt deshalb nur wenige Menschen, die sich darum kümmern.
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  • EXKURS zu Hans Wehrs ‘Schriftsprache der Gegenwart’
    Wehr hat beim Erstellen seines Wörterbuchs offensichtlich seinen Assistenten beauftragt, das Glossar von Brünnow-Fischer2 auf Karteikärtchen zu schreiben. Wehr erwähnt Brünnow-Fischer jedoch nicht unter seinen Quellen. Das hätte auch schlecht ausgesehen, denn B/F enthält nur jahrhundertealte Texte und hat mit der Schriftsprache der Gegenwart nichts zu tun.
    Einige Beispiele:
    — 1. ḥanīf bedeutet nach B/Fs Glossar: „jmd. der statt e. ihn umgebenden falschen d. wahre Religion bekennt’. Nach Wehr, 5. Aufl.: „Rechtgläubiger; e-r der statt der ihn umgebenden falschen die wahre Religion bekennt,“ usw. Obwohl dieses Wort koranisch und uralt ist, steht es mit Recht in Wehr, weil es auch heutzutage vorkommt. Aber es ist klar, dass Wehrs theologisierende Umschreibung wörtlich aus B/F stammt. Die Hinzufügung „Rechtgläubiger“ stammt wohl aus seiner eigenen Phantasie. Welcher rechtgläubige Araber nennt sich je ḥanīf?
    — 2. B/F, Wurzel √srr: „V tasarrā (neben tasarrara) c. bi mul.: zur Beischläferin (surriyya) nehmen.“ Wehr: „V tasarrā (neben tasarrara) zur Konkubine (surriyya) nehmen, als Geliebte haben (bi od. -hā e-e Frau).“ Nur das veraltete „Beischläferin“ ist ersetzt worden. Beide Werke ordnen das Wort unter die Wurzel √srr statt √sry ein, obwohl beide offensichtlich √sry als primär betrachten. Das Wort ist nicht mehr gängig.
    — 3. taḥannatha bedeutet nach B/F: „Entsündigung, religiöse Läuterung suchen“. Wehr: „Frömmigkeit üben; Entsündigung, relig. Läuterung suchen; der Sünde widerstehen, der Sünde nicht nachgeben.“ Dieses Wort kommt in nur einem alten Prosatext aus dem 8. Jahrhundert vor. Was es bedeutete, war bereits im 9. Jahrhundert unklar.3 B/F wagte sich an eine Bedeutung; Wehr übernahm sie und „wusste“ noch viel mehr.
    Wehr hat also auch ausgefallene klassische und sehr alte Wörter aufgenommen und ihre Bedeutung zum Teil abgeschrieben, zum Teil selbst erdacht.

 

ANMERKUNGEN
1. Auch Edward William Lane war seinerzeit der Buchstabe Q verhängnisvoll geworden.
2. R. E. Brünnow und A. Fischer, Arabische Chrestomathie aus Prosaschriftstellern, Leipzig 31924 und spätere Auflagen.
3. M. J. Kister, „Al-taḥannuth: an enquiry into the meaning of a term,“ BSOAS 31 (1968), S. 223-236. PDF-Datei online hier erhältlich.

Weiter lesen: Arabisch lernen     Grammatikunterricht Arabisch
• Lehrbücher: Modernes Hocharabisch, Klassisch-Arabisch, Dialekte
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