Alexander doch kein Bücherdieb

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🇳🇱 Während meines Italienurlaubs sah ich im Palazzo Te in Mantua auf einem Fresko eine Abbildung von Alexander dem Großen mit einem Kästchen, das einige Buchbände enthielt. Sie illustriert einen Passus in Plutarchs Alexanderbiografie:

  • Als diejenigen, die die Schätze und Güter von Darius aufnahmen ihm ein Kästchen brachten und sagten, dies sei das Allerkostbarste, fragte er seine Freunde, welche Kostbarkeit darin am besten aufbewahrt werden könnte. Als viele unterschiedliche Antworte kamen, sagte er selbst, er wolle die Ilias da hineinlegen um sie gut zu bewachen. 1

Alexander hat den persischen König Darius III (reg. 336–330 v.Chr.) in Etappen geschlagen, wobei er immer wieder reichlich Beute machte. Homers Ilias war ihm ein wichtiges Buch; er stellte sich ja gerne vor, er sei ein neuer Achilles.
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Könnte dies vielleicht mit der frühabbasidischen, eigentlich persischen Annahme zusammenhängen, dass Alexander alle Bücher von den Persern gestohlen habe, so dass sie später wieder aus dem griechischen ins Arabische zurückübersetzt werden mussten? Dazu hatte ich hier etwas geschrieben.
Warum war das Kästchen so kostbar? Vielleicht war es aus massivem Gold und mit Edelsteinen besetzt, aber es kann auch sein, dass vielmehr der Inhalt so kostbar war. Darius III hatte bekanntlich die alten persischen Zand Avesta-Texte herausgeben, übersetzen und kommentieren lassen. Sie bildeten den Mittelpunkt seiner Reichsideologie und wurden in seiner Schatzkammer aufbewahrt, die Alexander plünderte. Das Kästchen brachte er an sich, aber die persischen Bücher werden wohl das letzte gewesen sein, das ihn interessierte. Es ist gut denkbar, dass er die Bücher gleich wegwarf und ersetzte durch etwas, das ihm ein Schatz war: die Ilias, das wichtigste griechische Buch überhaupt. Und wenn es nicht wirklich so geschehen ist, ist es doch eine schöne Symbolik.
Das Thema kann noch etwas näheres Studium vertragen.

ANMERKUNG:
1. κιβωτίου δέ τινος αὐτῷ προσενεχθέντος, οὗ πολυτελέστερον οὐδὲν ἐφάνη τοῖς τὰ Δαρείου χρήματα καὶ τὰς ἀποσκευὰς παραλαμβάνουσιν, ἠρώτα τοὺς φίλους ὅ τι δοκοίη μάλιστα τῶν ἀξίων σπουδῆς εἰς αὐτὸ καταθέσθαι: πολλὰ δὲ πολλῶν λεγόντων αὐτὸς ἔφη τὴν Ἰλιάδα φρουρήσειν ἐνταῦθα καταθέμενος. (Plut. Alex. 26, 1–2)

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