Waguih Ghali, Snooker in Kairo

đŸ‡łđŸ‡±Â Waguih Ghali, Snooker in Kairo. Mit einer EinfĂŒhrung von Diana Athill. Aus dem Englischen von Maria Hummitzsch. Beck, 2018.

Beim Schwimmen im Gezira Sporting Club in Kairo muss ich meine Kleider an einem Haken im Umkleideraum aufhĂ€ngen und schaue manchmal neidisch auf die schönen verschließbaren Schubladen aus dunklem Holz. Keine Chance: die sind fĂŒr Familien reserviert, die seit Generationen Mitglied sind. Es ist eine Gunst, dass ich in dem vornehmen Club ĂŒberhaupt schwimmen darf, wo noch immer die feine Gesellschaft von Ägypten quatscht und tratscht, isst, trinkt und hin und wieder etwas Körperbewegung unternimmt.
FĂŒr Waguih Ghali (1927–1968) war es selbstverstĂ€ndlich, dass er ĂŒber so eine Schublade verfĂŒgte. Zwar besaß er persönlich keinen Piaster, aber er gehörte zu einer steinreichen koptischen Sippe, der er gekonnt auf der Tasche lag. In seinem auf Englisch geschriebenen Roman Snooker in Kairo (1964) rechnet er damit weiter ab, indem er ein gleichermaßen humoristisches wie vernichtendes PortrĂ€t vom Club und von dessen Mitgliedern schreibt — wobei er sich selbst nicht schont.
Dazu bedient er sich einer intelligenten und einfĂŒhlsamen ErzĂ€hlerfigur, der des Studenten Ram, der deutlich sein Alter Ego ist. Dass es mit der Oberschicht in Ägypten nach Nassers Revolution bergab geht, bejubelt Ram fast öffentlich. Aber 1957 sind die höheren StĂ€nde noch lange nicht kaputt. Ihr Grund und Boden ist zwar enteignet worden und sie mĂŒssen auf einen Teil ihres Hauspersonals verzichten, aber Cadillacs und italienische Roben kaufen sie noch immer und sogar in den Konzentrationslagern genießen sie eine Sonderbehandlung. Ram meint, dass Nasser nicht weit genug gegangen ist, nicht nur aus Groll seiner Verwandtschaft gegenĂŒber, sondern auch aus aufrichtiger EnttĂ€uschung, weil aus seinem naiven sozialistischen Ideal nichts wird. Andererseits ist er durch den Terror des neuen Regimes geschockt.
Sowohl seinen Sozialismus wie auch seine Besorgnis um die Menschenrechte verdankt Ram seiner englischer Schulung. Die Kreise, aus denen er stammt, sind ja grĂŒndlich verwestlicht. Zu Hause spricht man kein Arabisch, sondern Französisch, die Herren dazu noch Englisch: sie sind „Fremde im eigenen Land“. Ehrgeizige junge MĂ€nner, die den Anschluss an die Revolution nicht verpassen möchten, nehmen schnell Arabischunterricht bei einem jĂŒdischen Freund, der die Sprache beherrscht. Aber den angry young man Ram und seinen besten Freund Font kotzt die neue Ordnung an. Sie fahren lieber mit einer kommunistischen jĂŒdischen MillionĂ€rstochter (und auf deren Kosten) nach England, wo sie jahrelang hĂ€ngen bleiben und in totale Verwirrung geraten.
In diesem Buch kommt nicht nur die erste arabische Revolution zur Sprache, es ist auch ein Migrationsroman. Er spielt sich fast zur HĂ€lfte in England ab und spiegelt Rams Ambivalenz gegenĂŒber der westlichen Kultur, aber auch die Verachtung der EnglĂ€nder ihm gegenĂŒber wider. Die anti-kolonialen Demonstrationen, an denen er sich in Ägypten begeistert beteiligt hatte, sind im Nachhinein bedeutungslos: alle noblen Standpunkte, die er sich zugelegt hatte, erweisen sich als englisches Fabrikat. Aber wie britisch er sich auch fĂŒhlt und wie gut er England auch kennen lernt, das Land ist doch nicht nobel genug um ihm ein Zuhause zu bieten: Er wird rassistisch beschimpft und bekommt sein Visum nicht verlĂ€ngert.
ZurĂŒck in Ägypten kann er sich nicht mehr an das dortige Leben gewöhnen. Er spielt und er sĂ€uft, ist heimlich politisch aktiv und fĂŒhlt sich noch am meisten im Billardklub zu Hause, wo Font inzwischen hinter der Bar steht. Das Bier, das sie dort trinken, ist symbolisch: die englische Marke Bass, die sie gewöhnt waren, ist nach der Revolution nicht lĂ€nger erhĂ€ltlich. Deshalb brauen sie sich ihr eigenes Gesöff: Ă€gyptisches Bier vermischt mit Wodka und Whisky.
Obwohl Snooker in Kairo einen melancholischen Grundton hat und ernste Problematik nicht scheut, ist es auch ein fröhlicher Schelmenroman. Ein Höhepunkt ist das Finale, wenn Ram, mitten in dem Haute-Couture-Laden, der fĂŒr Damen eine Art GegenstĂŒck des Sporting Club bildet, einem verhassten Neffen dessen Verlobte ausspannt: eine nicht-jĂŒdische, nicht-kommunistische MillionĂ€rstochter. Im damaligen Ägypten eine sehr praktische Wahl. Ram ist jetzt endgĂŒltig fĂŒr den Club gerettet und geht sofort eine gehörige Runde zocken, mit einem Pascha. Ob das ein happy end ist oder nicht, darf der Leser selbst entscheiden. Wie auch immer, das Buch endet mit schallendem GelĂ€chter.
Dem Autor ist es schlimmer ergangen als seinem Alter Ego. Seine letzten Jahre hat er in Europa, zum Teil auch in Deutschland verbracht, als Arbeiter in Fabriken oder parasitierend, gequĂ€lt von Armut, Alkoholismus, Spielsucht und immer schlimmer werdenden Depressionen. Schließlich hat er sich umgebracht, in der Wohnung seiner mĂŒtterlichen Freundin Diana Athill, die ihm spĂ€ter eine schöne Biografie gewidmet hat (After a funeral, 1986). Die Fragmente, die sie aus seinen TagebĂŒchern zitiert, wecken Verlangen nach mehr Texten von ihm, aber die gibt es nicht. Ghali wurde immer wĂŒtend, wenn man ihn einen Schriftsteller nannte, aber er war durchaus einer.

(Verfasst 1991)

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