Ibn Khaldun bei Timur Lenk

🇳🇱 Ibn Khaldūn (Tunis 1332–Kairo 1406) ist einer der berühmtesten Araber der Welt. Er war ein Rechtsgelehrter der malikitischen Schule, aber seinen Ruhm verdankte er einem großen Geschichtswerk über Nordafrika, dem Kitāb al-‘Ibar, oder besser gesagt der Einführung dazu: der Muqaddima. Warum das Buch so berühmt geworden ist, erzähle ich gerne ein anderes Mal.
Er hat aber auch eine Autobiografie hinterlassen, eine Seltenheit in der damaligen Zeit. Die ist nicht mit modernen Werken der Gattung zu vergleichen. Der Verfasser bleibt an der Oberflache, bietet keinerlei Selbstkritik, aber dafür durchaus Eigenlob. Er gibt einen schönen Überblick über seinen Lebenslauf, über seine vielen Arbeitgeber allenthalben in Nordafrika und ab 1382 in Ägypten, über Menschen, die er kannte und über seine Funktionen als Richter, Hochschullehrer oder Berater; außerdem zitiert er ganze Ansprachen, die er gehalten hat. Es ist eine wichtige historische Quelle, aber in seine Seele lässt er den Leser nur selten blicken. Als er auf dem Weg nach Mekka in Ägypten eintraf, geschah es, dass ihm ein Amt angeboten wurde, so dass er dort blieb. Er setzte alles daran seine Familie aus Tunis herüberkommen zu lassen; als diese endlich unterwegs war, sank das Schiff in einem Sturm vor der Reede Alexandriens. Zu dieser Tragödie, die ihn sehr berührt haben muss, schrieb er nur zwei Zeilen: „Das Schiff ging unter mit Mann und Maus; groß war mein Schmerz und ich geriet ganz in Verwirrung. Der Sultan enthob mich meines Amtes und bot mir eine Ruhezeit an, so dass ich mich der Wissenschaft widmen konnte, sowohl im Unterricht wie in meiner Schreibarbeit.“1 Erst erheblich später trat er wieder eine Professur im malikitischen Recht an.

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Timurs Reich

Als Ibn Khaldūn auf die Siebzig zuging und sich aus allen seinen Ämtern zurückgezogen hatte, erlebte er noch etwas Besonderes. Die Mongolen waren nämlich in Syrien eingefallen, dessen Süden zu Ägypten gehörte, während der nordöstliche Teil vom kriegslüsternen und grausamen mongolischen Herrscher Tīmūr Lenk (1336–1405) beherrscht wurde.Die Mongolen fielen manchmal in Südsyrien ein; dann musste der Sultan militärisch aktiv werden. Ibn Taimiyya hatte schon vor einem Jahrhundert beklagt, dass die Sultane mit dem Dschihad gegen die Mongolen zu lasch waren, und auch als Tīmūr Aleppo bedrohte, unternahm Kairo anfangs nichts. Erst als Aleppo tatsächlich zerstört wurde und Tīmūr nach Damaskus vorstieß, wurde eine Armee aufgestellt. Sultan Faradsch (reg. 1399–1405) führte sie an und machte sich im November 1400 mit zahllosen Emiren und Soldaten auf den Weg. Wie gewohnt nahm er auch die Führer der vier Rechtsschulen mit. Ibn Khaldūn hatte lange die malikitische Rechtsschule in Kairo geleitet, aber war nicht mehr im Amt. Man bestand jedoch darauf, dass er mitkam; vielleicht weil er schon mal mit einem früheren Sultan in Syrien gewesen war. Als die Truppen sich aber Damaskus näherten, kam dem Sultan zu Ohren, dass zu Hause ein Komplott gegen ihn geschmiedet wurde. Er trat eilends den Rückweg an um es niederzuschlagen, wobei er viele Soldaten und die Rechtsgelehrten zurückließ.
Diese Situation war heikel für Ibn Khaldūn und seine Kollegen, aber vor allem für Damaskus, das jetzt nicht länger zu verteidigen war. Es wollte sich ergeben und sich loskaufen von Plünderung und Zerstörung, wie es damals üblich war. Tīmūr bot an die Stadt zu verschonen; einen neuen Statthalter hielt er auch schon bereit. Ibn Khaldūn konnte jetzt für die Damaszener eine Rolle als Ratgeber und als Diplomat im Kontakt mit Tīmūr spielen. Auch über diese Episode kann man einiges in der Autobiografie lesen.
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Vielleicht bauscht Ibn Khaldūn hier seine eigene Rolle etwas auf. „Richter Burhān ad-Dīn erzählte mir, dass er [= Tīmūr] nach mir und auch danach, ob ich mit den ägyptischen Truppen abgereist oder noch in der Stadt sei, gefragt hatte.“3 Einer anderen Quelle zufolge war es eher ein Zufall, dass er bei Tīmūr landete. Wie auch immer, eines Tages wurde der betagte Gelehrte in einem Korb über die Stadtmauer heruntergelassen und von Tīmūrs Männern abgeholt.
Der Empfang im mongolischen Lager war freundlich, das Gespräch fand mit Hilfe eines Dolmetschers statt. Wie immer trug Ibn Khaldūn maghrebinische Kleidung und ließ sich vorstellen als maghrebinischer, maliktischer Rechtsgelehrter, wodurch er vielleicht betonen wollte, dass er nicht zu Ägypten gehörte, das ja Tīmūrs Feind war. Der Herrscher befragte ihn gleich weiter über den Maghreb und wollte alles wissen, über die Lage bestimmter Orte wie Tanger und Ceuta. Mit einer kurzen mündlichen Beschreibung gab er sich nicht zufrieden; er verlangte einen ausführlichen Bericht über ganz Nordwestafrika. Hier wird uns noch mal ein Einblick in die Seele des Gelehrten vergönnt: ‘Die Angst hatte mich gepackt, wegen der Katastrophe, die dem shafi‘itischen Oberrichter Sadr al-Dīn al-Munāwī widerfahren war. Die Verfolger der ägyptischen Armee hatten ihn in Shahqab verhaftet und mitgenommen. Er wurde bei ihnen gefangen gehalten und es wurde ein Lösegeld verlangt, was mich beängstigte …“4
Kein Wunder also, dass er sich sofort ans Schreiben setzte: Es wurden zwölf Hefte (240 Seiten) voller geographischer und historischer Informationen zu Nordwestafrika, wie Tīmūr sie haben wollte. Als es fertig war, wurde es ins Mongolische übersetzt.
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Fügsam lieferte der Gelehrte also die Informationen; des Weiteren versuchte er seine Angst durch Schmeichelei zu bändigen: „Gott stehe Ihnen bei: Seit dreißig oder vierzig Jahren habe ich mich danach gesehnt, Ihnen zu begegnen, […] weil Sie der Sultan des Universums und der Herrscher der Welt sind; ich glaube nicht, das von Adam bis heute ein Herrscher aufgestanden ist wie Sie!“6 Und dies, so betonte er, sage er nicht von ungefähr, denn als Gelehrter sei er sehr wohl im Stande seine Größe mit der von persischen und römischen Kaisern oder mit der von Alexander dem Großen und Nebukadnezar zu vergleichen, und Tīmūr sei bestimmt der größte. Dem fiel auf einmal ein, dass er mütterlicherseits mit Nebukadnezar verwandt sei, was Ibn Khaldūn dem Dolmetscher gegenüber spontan bejahte: „Noch ein Grund, weshalb ich mich sehnte, ihn zu treffen.“7 Ein anderer triftiger Grund um sich nach Tīmūr zu sehnen war, so Ibn Khaldūn, dass Astrologen die Erscheinung eines mächtigen Herrschers vorhergesagt hatten. Zwar wurde dies meist mit einem ganz anderen Herrscher in Verbindung gebracht, aber Ibn Khaldūn nahm sich die Freiheit diese Weissagung auf Tīmūr anzuwenden.
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Schmeicheln und schleimen gehörte damals einfach zum Leben. Ibn Khaldūn, der oft genug in Ungnade gefallen war, wird es bei seinen Brotherren getan haben wie jeder anderer auch, und jetzt setzte er vor Angst noch einen darauf.
War er ein Verräter, kollaborierte er mit dem Feind, indem er ihm die strategisch wichtige Information über Nordafrika zur Verfügung stellte? In der Tat. Aber konnte er anders, in der heiklen Lage in der er sich befand, mutterseelenallein und wohl wissend, wie salopp Tīmūr mit Menschenleben umging? Für ihn würde ja niemand Lösegeld bezahlen.
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Nach fünfunddreißig Tagen konnte Ibn Khaldūn sich am 10. Januar 1401 losreißen und ungehindert nach Kairo zurückkehren—zuvor hatte er freilich noch die Einnahme und Plünderung von Damaskus durch die Mongolen erlebt. Seine Scham über den Bericht, den er geschrieben hatte, überwand er zu Hause, indem er dem Sultan von Marokko ein Gegenstück sandte: einen Bericht über Tīmūr und die Mongolen.
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Offensichtlich hegte Tīmūr Sympathie für Ibn Khaldūn. Eines Tages wollte er ein Maultier von ihm kaufen. Ibn Khaldūn antwortete: „Menschen wie wir verkaufen einander doch kein Maultier?“ und schenkte es ihm—was sonst hätte er machen können? Später bekam er aber den Geldwert für das Tier durch eine Zwischenperson ausgehändigt, was sehr korrekt war, aber über das Verhältnis zwischen beiden Männern zu denken gibt: War es doch herzlich? Ibn Khaldūn gab sich Mühe diese Geldsendung gegenüber seinem Sultan zu verantworten; er wollte ja in Ägypten nicht durch seinen Kontakt mit Tīmūr kompromittiert werden.8

ANMERKUNGEN
1. Ibn Ḫaldūn, Ta‘rīf 320: فعصف بهم الرياح وغرق المركب بمن فيه وما فيه وذهب الموجرد والمولود فعظم الأسف واختلط الفكر. وأعفاني السلطان من هذه الوظيفة وأراحني وفرغت لشأني من الاشتغال بالعلم تدريبًا وتأليفًا.
2. Auf Englisch auch bekannt als Tamerlane. Man könnte ihn besser Tamerlame nennen, denn lenk ist Persisch für lahm. Sein rechtes Bein konnte er kaum gebrauchen; über längere Strecken wurde er getragen oder ritt er zu Pferd. Den Sowjetärzten zufolge, die 1941 seine Überreste untersuchten, litt er an Knochentuberkulose. Tīmūr selbst behauptete, es sei die Folge eines Pfeilschusses in sein Knie.
3. Ibn Ḫaldūn, Ta‘rīf 403: وأخبرني القاضي برهان الدين أنه سأل عني وهل سافرت مع عساكر مصر أو أقمت بالمدينة. Ibn ‘Arabšāh @
4. Ibn Ḫaldūn, Ta‘rīf 405–6: وقد غلبني الوجل بما وقع من نكبة قاضي القضاة الشافعية صدر الدين المناوي أسره التابعون لعسكر مصر بشحقب وردوه فحبس عندهم في طلب الفدية منه فأصابنا من ذلك وجل
5. Der arabische Text ist nicht erhalten. Es scheint noch eine osmanisch-türkische Übersetzung in Handschrift zu existieren.
6. Ibn Ḫaldūn, Ta‘rīf 407: أيدك الله لي اليوم ثلاثون أو أربعون سنة أتمنى لقاءك […] انك سلطان العالم وملك الدنيا وما أعتقد أنه ظهر في الخليقة مند آدم لهذا العهد ملك مثلك
7. Ibn Ḫaldūn, Ta‘rīf 408: وهذا مما يجعلني على تمني لقاءه
8. Ibn Ḫaldūn, Ta‘rīf 412, 414.

BIBLIOGRAFIE
–  ‘Abd-ar-Raḥmān Ibn-Ḫaldūn: Kitāb al-‘Ibar wa-dīwān al-mubtada’ wal-ḫabar fī ayyām al-‘arab wal-‘aǧam wal-barbar wa-man ‘āṣarahum min ḏawī as-sulṭān al-akbar, Erstausgabe von Étienne Quatremère, Prolégomènes d’Ebn-Khaldoun, texte arabe publié d’après les manuscrits de la Bibliothèque Impériale, 3 Bde., Paris 1858. Ausg. Ibrāhīm Šabbūḥ, 14 Bde., Tūnis 2006-2013. Andere Ausgabe: Beirut 2000-2001, auch online. [Dies ist das Hauptwerk, das aber auch die Muqaddima und eine Kurzfassung der Autobiographie (at-Ta‘rīf) enthält.]
– Ibn Ḫaldūn, Die Muqaddima, Betrachtungen zur Weltgeschichte. Übertragen und mit einer Einführung von Alma Giese unter Mitwirkung von Wolfhart Heinrichs, München 2011. Englisch: The Muqaddimah. An Introduction to History, Übers. Franz Rosenthal, 3 Bde., New York 1958, 1986, auch online.
– Ibn Ḫaldūn, at-Ta‘rīf bi-ibn Ḫaldūn wa-riḥlatihi ġarban wa-šarqan, Hg. Muḥammad ibn Tāwīt al-Tanǧī, Kairo 1951, 2003. Französische Übersetzung: Le Voyage d’Occident et d’Orient, Übers. Abdesselam Cheddadi, Paris 1980, 1995. [Die Autobiographie]

Sekundär:
– M. Talbi, Ibn Khaldūn, in EI2.
– Walter J. Fischel, Ibn Khaldūn and Tamerlane, Berkeley/Los Angeles 1952.

Diakritische Zeichen: Ibn Ḫaldūn, Faraǧ, Ṣadr al-Dīn, Šaḥqab

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