Al-Hakim: ein Verrückter auf dem Thron – 2

Fortsetzung von Al-Hakim: ein Verrückter auf dem Thron? – 1 .   . Braucht noch Korrektur.

Nuance
Aber war al-Ḥākim wirklich so verrückt, wie im Artikel von Canard zum Ausdruck kommt? Sind es denn Fakten, die dort erzählt werden; ist das alles wirklich so geschehen? Wie so oft standen Gelehrte auf, die das Bild nuancierten, die neue Fakten entdeckten und alte als fake news entlarvten. Ein wenig schade ist das schon, denn es gibt ein enormes Bedürfnis nach markanten Fakten und Horrorgeschichten; aber die Wissenschaft ist streng. Meist erweist sich bei solchen Forschungen, dass die verrückten Könige gar nicht so verrückt waren, oder wenigstens nicht ganz. Der babylonische König Nebukadnezar (reg. 605–562 v. Chr.) war Daniel 4:31–34 zufolge sieben Jahre lang geisteskrank, aber der Autor stand ihm feindselig gegenüber. Und vielleicht hat er ihn verwechselt mit König Nabonidus (556–539 v. Chr.), der eine Zeitlang als gestört galt und einige Jahre im arabischen Taima verbrachte — zur Kur? Moderne Altphilologen haben längst nachgewiesen, dass „verrückte“ Kaiser wie Nero und Caligula zwar grausam und gewalttätig waren, aber nebenbei ganz vernünftige Dinge taten. Auch al-Ḥākim ist Gegenstand solcher kritischen, nuancierenden Studien geworden, u.a. von Josef van Ess und vor allem Heinz Halm. Es ist die gleiche Sorte von Historikern, die zum Beispiel entdeckt, dass Martin Luther seine berühmten Thesen vielleicht viel später an der Kirchentür zu Wittenberg angeschlagen hat und nirgendwo gesagt hat: „Hier stehe ich und ich kann nicht anders“ — oder die darauf hinweisen, dass Mohammed nicht nachweisbar mit einem kleinen Mädchen verheiratet war.
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War Canard denn kein Wissenschaftler? Durchaus, aber sein Artikel erschien 1971 und ist veraltet. Er hatte noch nicht so viele Quellen zur Verfügung, und die kritische historische Forschung zur islamischen Welt war damals noch nicht so weit fortgeschritten. Inzwischen ist man sich bewusst geworden, dass viele Erzählungen zu al-Ḥākim von Christen stammen, die unter ihm gelitten hatten, oder von Sunniten, die ihn im Nachhinein kaputtschreiben wollten, weil er Schiit war: Gründe genug um mal richtig auf den Tyrannen loszugehen und ihn verrückter zu machen als er vielleicht war. Viele seiner Gräueltaten können einfach gelöscht werden. Folgende zwei z.B. sind einfach zu entlarven, wenn man bedenkt, dass die Autoren Christen waren und ihre Klassiker kannten:
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Al-Ḥākim soll Alt-Kairo (Fusṭāṭ) in Brand gesteckt haben und noch zwei Tage genüsslich von dem Hügel Muqaṭṭam auf die Flammen geschaut haben. Aber das ist natürlich ein recycling des großen Brandes von Rom, den Kaiser Nero angesteckt haben soll. Andere Quellen erwähnen keinen Brand in Fusṭāṭ zu der Zeit. Erst 1168 wurde in der Stadt nach Evakuation absichtlich Feuer gelegt um Eroberung durch die Kreuzfahrer zu verhindern.
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Der Kalif, so wird erzählt, wusch sich sieben Jahre lang nicht, verblieb in einem unterirdischen Gewölbe bei Kerzenlicht, liess seine Haare wachsen bis sie Löwenmähnen ähnelten und liess seine Fingernägel wachsen, bis sie Adlerklauen glichen. Dies hört sich an wie die Verrücktheit des Königs Nebukadnezar, die in Daniël 4:31–34 beschrieben wird. Der christliche Autor sah eine schöne Parallele: Nebukadnezar musste wie ein Verrückter herumirren, weil er den Tempel in Jerusalem zerstört hatte, al-Ḥākim wurde ähnlich bestraft, weil er die Grabeskirche, das christliche Heiligtum in Jerusalem, hatte abreißen lassen.
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Die bizarren Dekrete entsprachen bei näherer Betrachtung in großen Zügen dem islamischen Recht. Auch in anderen Umgebungen wurden schon mal Weinfässer kaputt geschlagen, oder wurden Juden und Christen mit diskriminierenden Maßnahmen belästigt; nur nie so eindringlich und nie alles auf einmal. Al-Ḥākims Dekrete waren auffällig, weil niemand je die Regeln so streng anwendete. Dass sie ständig aufs Neue erlassen werden mussten, zeigt, dass die Bevölkerung so viel Rechtschaffenheit nicht gewöhnt war. Frauen auf der Straße und Alkohol waren einfach nicht zu unterdrucken. Die Scharia wird in ihrer vollen Pracht nur von Fundamentalisten für ausführbar gehalten, und al-Ḥākim war einer—wenn auch nicht immer konsequent. Das war er seinem Stand verpflichtet: war er nicht der Messias? Wir können das unsinnig finden, zu seiner Zeit war es mainstream ismailitische Theologie.
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Die Abschaffung gewisser Dekrete kann durch Aufstände oder andere politische Unruhen verursacht gewesen sein. Turbulente Perioden liessen einfach keine Zeit für übereifrige Gesetzeshandhabung.
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Die wechselhafte Haltung der sunnitischen Mehrheit gegenüber kann man auch verstehen: es gab schon genug Unruhe im Land, dabei konnte der Kalif nicht auch noch unzufriedene Massen Sunniten gebrauchen. Des Weiteren hielt er das Volk zufrieden durch Aufhebung von Steuern und Zöllen.
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Halm hat nachgewiesen, dass es nie eine generelle Christenverfolgung gab: nach der Zerstörung einer Kirche konnte am nächsten Tag ein Christ zu Minister ernannt werden. Al-Ḥākim konnte nicht allzu streng sein für Christen: er brauchte sie ja für seine Verwaltung. Gelegentliche Plünderung von Kirchen und Klöstern geschah oft einfach, weil die Staatskasse leer war oder irgendein Soldatentrupp mit Beute beschwichtigt werden musste. Aus demselben Grund konfiszierte er auch die Erbschaften der hingerichteten Funktionäre und das Vermögen seiner Mutter. Die Staatskasse war oft leer, weil er die Zölle abgeschafft hatte; das war wirtschaftlich nicht tragbar, deshalb musste er sie entweder wieder einführen oder er brauchte andere Einnahmequellen.
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Sogar die Gewohnheit des Kalifen, ganz bescheiden auf einem Esel zu reiten ist erklärbar. Sie steht in einer Tradition: so verhält sich nämlich ein Messias—und al-Ḥākim war einer, so glaubten seine Anhänger. Er war es nur konsequenter als andere schiitische Kalifen.
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Positive Punkte, die von al-Ḥāḳims Regierung genannt werden, waren Hungerbekämpfung, Steuersenkungen und ein Streben nach stabilen Preisen. Er war volksnah und stand offen für Bittschriften und Beschwerden; seine Gerechtigkeit wurde gepriesen. Überdies förderte er die Wissenschaft: Er gründete eine große, allgemein zugängliche Bibliothek, in der auch unterrichtet wurde.
Für al-Ḥākim wird das Regieren nicht immer leicht gewesen sein. Soldaten maghribinischer und türkischer Herkunft kämpften ständig um die Macht und mussten in Schach gehalten werden. Als geistiger Führer oder gar der Messias der Schiiten (den Drusen zufolge sogar Gott selber!) herrschte er über ein Reich, das hauptsächlich von Sunniten und Christen bewohnt war. Das war schon fast zum verrückt werden, um so mehr, weil er durch seine griechisch-orthodoxe Mutter selbst eine gehörige christliche Komponente hatte.
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Kurzum: verhaltenssauffällig, aber nicht total behämmert. Allerdings ein sehr strenger und unberechenbarer Herrscher, der viel mehr Hinrichtungen auf dem Buckel hatte als zu der Zeit üblich war. Volksnah, aber gerade dem Hof und den höheren Beamten gegenüber sehr misstrauisch.

Alt Hist
Nuancierte Geschichtsschreibung ist eine Sache, es gibt aber auch parteiische, propagandistische Geschichtsschreibung, die eine Person gänzlich neu schreiben kann. Stalin, zum Beispiel war, nachdem russische Historiker und Medien die Fakten neu gemischt hatten, ein Spitzenmanager, ein netter Kerl, ein Pfeifenraucher, unter dessen Regierung das Leben in der Sowjet-Union, wie er selber sagte, „besser, fröhlicher geworden“ ist. Zu al-Ḥākim findet man solche „Geschichtsschreibung“ u.a. in der Encyclopaedia Iranica. Dies ist ein meistens vorzügliches englischsprachiges Nachschlagewerk, das alle Themen zu Iran und zum schiitischen Islam behandelt.1 Al-Ḥākim war Ägypter, aber auch Schiit und er bekam also einen Artikel in der EIr. Dieser hat mich aber sehr enttäuscht. Nichts als Lob dort für diesen Kalifen, der sein Reich so schön zusammenhielt und sogar noch zu vergrößern wusste, der sich um sie Sittlichkeit seiner Untertanen kümmerte und die Wissenschaft förderte. Kein Wort zu der Zerstörung von Kirchen, den zahllosen Hinrichtungen, den oft launenhaften Dekreten, der Vergöttlichung oder etwaigen Geistesstörungen. Der Mord an seinem Vormund Barǧawān heißt hier zum Beispiel: „the latter’s removal“ (Hervorhebung von mir). Dass al-Ḥākim einen so schlechten Ruf hatte, liegt dem Autor zufolge nur an der feindseligen Haltung der christlichen und sunnitischen Historiker.2 Der Autor dieses Artikels ist Farhad Daftary, ein führender Ismailit, also von derselben Glaubensrichtung wie der Mann, von dem er handelt. Ich kann seinen Artikel nur parteiisch nennen und hätte ihn in einem wissenschaftlichen Werk lieber nicht vorgefunden.

Volksepik
Es gibt noch eine Textgattung, die sich mit al-Ḥākim beschäftigt hat: die Volksepik.3 Fantastische, vielbändige Heldengeschichten zu historischen Personen oder wenigstens unter Verwendung ihrer Namen, die weit verbreitet waren in der ganzen islamischen Welt und überall vorgelesen wurden. Auch dem Kalifen al-Ḥākim wurde lange nach seinem Tod solch ein Werk gewidmet: die Sīrat al-Ḥākim. Die sunnitischen Erzähler hatten als heimliches Ziel die Bekämpfung der Schia. Oft genug dürfte  das Klientel solche Geschichten für Geschichte gehalten haben.
Al-Ḥākims Lebenslauf aus diesen 1600 Seiten zusammenzufassen wäre verlorene Liebesmühe. Aber wo war der Kalif letztendlich geblieben? Für die seriösen Historiker war er wohl ermordet worden; für die Druzen war er verschwunden, was ihnen gut passte. Die sunnitischen Volkserzähler „wussten“ aber, dass er nicht auf, sondern in dem Hügel Muqaṭṭab (eine Verballhornung von Muqaṭṭam) verschwunden war. Er war ja mit 360 Schätzen vertraut gemacht worden; nur zwei Schätze blieben ihm verwehrt, in einer Schatzhöhle in dem Berg. Sein Rivale ‘Abd al-‘Azīz, der aus magischen Büchern viel Wissen gesammelt hatte, führte ihn in das Höhlensystem im Berg, das randvoll mit Gold und Juwelen war. Beide waren tief beeindruckt. Sie nahmen dort die Fähre über einen Fluss mit vergiftetem Wasser. Als al-Ḥākim Hunger bekam zeigte ‘Abd al-‘Azīz sich hinterlistig: während al-Ḥākim durch das Essen abgelenkt wurde, sprang er wieder auf die Fähre um selbst die Macht in Kairo zu ergreifen und Blutrache zu üben für dessen Bluttaten.
Der Kalif war also tief im Berg eingeschlossen. Dort ist er gestorben, aber nicht sofort, denn für seine Ernährung wurde gesorgt. Als sein Töchterchen aufwuchs und ihn suchte, fand sie ihn, als er gerade verstorben war.
Auch bei dieser Geschichte ist fact checking völlig sinnlos.

ANMERKUNGEN
1. Die EIr wird von Gelehrten außerhalb Irans herausgegeben. Von der Islamischen Republik Iran ist sie unabhängig. Siehe auch hier.
2. „Ḥākem also concerned himself with the moral standards of his subjects; many of his numerous edicts (sejellāt) preserved in later sources are of an ethico-social nature. He was also prepared to mete out severe punishment to high officials of the state who were found guilty of malpractice. Anṭāki and the Sunni historiographers have generally painted a highly distorted and fanciful image of this caliph-imam, portraying him as a person of unbalanced character with strange and erratic habits. However, modern scholarship is beginning to produce a different account on the basis of Ḥākem’s own edicts and the circumstances of his reign. As a result, Ḥākem is emerging as a tactful leader who was popular with his subjects.“
3. Auch Volksroman genannt, Arabisch: sīra sha’bīya; man spricht vielleicht besser von epischen Erzähltexten. Zur Gattung s. → Heath, Sīra.

BIBLIOGRAPHIE
– Marius Canard, „al-Ḥākim bi-Amr Allāh,“ EI2.
– Farhad Daftary, „Ḥākem be-Amr-Allāh,“ Encyclopaedia Iranica, XI/6, blz. 572-573, online hier (zuletzt gesehen am 12. Mai 2017).
– Josef Van Ess, Chiliastische Erwartungen und die Versuchung der Göttlichkeit. Der Kalif al-Hakim (386-411 H.), Abhandlungen der Heidelberger Akademie der Wissenschaften, Philosophisch-Historische Klasse, Jg. 1977, Abh. 2.
– Heinz Halm, Die Kalifen von Kairo. Die Fatimiden in Ägypten (973–1074), München 2003, S. 167–304.
– Heinz Halm, „Der Treuhänder Gottes. Die Edikte des Kalifen al-Ḥākim,“ Der Islam 63 (1986), 11–72.
– Peter Heath, „Sīra sha‘biyya,“ EI2.
– Antje Lenora, Der gefälschte Kalif. Eine Einführung in die Sīrat al-Ḥākim bi-Amrillāh, Diss. Halle/Saale 2011. Hier herunterzuladen.
– Claudia Ott, „Wo versteckt sich al-Ḥākim? Eine Spurensuche in der Sīrat al-Ḥākim bi-Amrillāh und ihrer Berliner Handschrift.“ In H. Biesterfeldt and V. Klemm (Hrsg.), Differenz und Dynamik im Islam. Festschrift für Heinz Halm zum 70. Geburtstag, Würzburg 2012, 399–410.

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