Lebensmittelhilfe für Medina. Arbeitsloses Grundeinkommen

canal_des_pharaons640 wurde Ägypten von ‘Amr ibn al-‘Ās für die Araber erobert; Alexandrien etwas später. Eine seiner ersten Maßnahmen war die Wiederherstellung des Bubastis-Kanals, der vom heutigen Zagazig im Nildelta zum heutigen Ismā‘īlīya verlief und von dort südwärts durch den Krokodilsee und die Bitterseen nach Qulzum bei Suez. Es handelte sich also um einen Wasserweg vom Delta bis zum Roten Meer. An einem Kanal vom Roten Meer bis zum Mittelmeer war zu der Zeit niemand interessiert. Alexandrien war ja Seehafen und die Schiffe waren klein genug um auch über den Nil oder durch einen Kanal zu fahren. Und notfalls wurde mal umgeladen; all das war billiger als der Transport über Land. Überdies waren die Handelskontakte mit dem feindlichen Römerreich erst mal zum Erliegen gekommen.
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Dieser oder ein ähnlicher Kanal existierte schon zur Pharaonenzeit. Der Kanal, den ‘Amr dort vorfand, hatte der persische König Darius (522–486 v. Chr.) bauen lassen, der dort Inschriften zurückließ. Nach dem Abzug der persischen Besatzungsmacht wollte niemand mehr per Schiff nach Persien und der Kanal wurde vernachlässigt. Ptolemæus II (284–246 v. Chr.) ließ ihn erneuern und zum Teil umleiten, mit einer Schleuse, die verhinderte, dass Salzwasser in den Nil strömen konnte. Der Endpunkt am Roten Meer hieß Arsinoë nach seiner Schwester, die auch seine Gattin war. Der Kanal wurde unter dem römischen Kaiser Traian (98–117) nochmals erneuert. Zu seiner Zeit beherrschte das Römerreich die Schifffahrt im Roten Meer und im Persischen Golf und trieb intensiv Handel mit Indien. Dieser Kanal endete bei Klysma („Schleuse“) oder Kleopatris, dem späteren arabischen Qulzum. Der Wasserweg dürfte bei Ankunft der Araber in einem nicht mal so schlechten Zustand gewesen sein; bei Hochwasser im Nil soll er noch befahrbar gewesen sein. Es war in der Antike natürlich keine Kleinigkeit solch einen Kanal zu bauen oder zu vertiefen. Aber das Gelände half mit, denn ein Großteil der Strecke verlief durch das weiche Bett des Wadi Tumīlāt. Und natürlich halfen zahllose Sklaven mit, von denen bestimmt viele ums Leben kamen.
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Als im neunzehnten Jahrhundert der moderne Suezkanal gegraben wurde, nahm man diesen alten Kanal wieder in Gebrauch um aus dem Delta Trinkwasser und allerlei Güter zur Baugrube zu bringen. Hier finden Sie eine schöne Karte aus dieser Zeit; durch wiederholtes Anklicken lässt sie sich vergrößern. Die fette horizontale Linie ist der Kanal; er heißt dort Canal de l’Ouadee Salsalamout bzw. Canal des Ptolémé (Orthographie ist nie die stärkste Seite von Ingenieuren.)
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640 oder 641 war der Kanal wieder befahrbar und die ersten Getreideschiffe fuhren nach al-Djār, den Hafen von Medina. Der Transport über das Meer war viel günstiger und sicherer als Karawanen aus Syrien. Das Getreide dürfte in Ägypten günstig gewesen sein, denn die üblichen Lieferungen nach Konstantinopel, das jetzt Feindesland war, waren erst mal zum Erliegen gekommen. Und wenn es nicht einmal bezahlt werden musste, weil es aus erbeuteten Staatsländereien stammte, war es sogar noch billiger. Für Medina konnte der Engpass des Katastrophenjahrs 639 sich nicht wiederholen.

  • Im Jahr 21 schrieb ‘Umar an ‘Amr ibn al-‘Ās, teilte ihm mit, in welcher Notlage die Menschen in Medina sich befanden und befahl ihm Nahrungsmittel aus dem Steuerertrag über das Meer nach Medina zu senden; darunter auch Öl. Als diese in al-Djār eintrafen regierte dort Sa‘d. Es wurde dann zu einem Gebäude in Medina gebracht und unter die Menschen verteilt.1

Eine Variante dieser Geschichte:

  • ‘Umar ritt aus mit den vornehmsten Prophetengefährten, bis er nach al-Djār kam, wo er die Schiffe sah. Er gab den Auftrag das Getreide in Empfang zu nehmen und er ließ an der Stelle zwei Festungen bauen, in denen er es speicherte. Darauf gab er Zaid ibn Thābit den Auftrag die Menschen nach ihren Wohnorten zu registrieren und befahl ihm Schecks (sikāk, Pl. von sakk) auf Papyrus zu schreiben, die er unten mit seinem Siegel versah.2

Dies sind Texte zu der ersten Güterverteilung; es gibt noch einige und sie passen nicht sehr gut zusammen. Ein anderer Bericht erzählt, dass ‘Umar einen Versuch anstellte, weil er wissen wollte, wie viel Getreide pro Person benötigt sei:

  • ‘Umar befahl einen djarīb (22,715 Kg) Weizen bereitzustellen. Der wurde gemahlen, dann gebacken und in Öl eingeweicht. Darauf ließ er dreißig Männer einladen, die damit ihr Mittagsmahl einnahmen […] und abends noch mal dasselbe und er stellte fest, dass für einen Mann zwei djarīb pro Monat ausreichend sind. Deshalb gab er jedem Mann, jeder Frau und jedem Sklaven 2 djarīb pro Monat.3

Aber die Getreideverteilung war bald überholt, denn es gab noch viel mehr zu verteilen. Es kam auch allerlei andere Beute aus den eroberten Gebieten. Zur selben Zeit wurden ja Syrien, der Irak und Iran erobert, was einen nicht versiegenden Strom von Beutegut zur Folge hatte. Die Regierung lagerte die meisten Güter erst in den Staatsdepots und verteilte sie von da aus auf kontrollierte Weise. Rückkehrende Soldaten hatten auch noch eigenes Geld in der Tasche. Medina wurde reich.
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Ca. 642, das ist nur ganz kurz nach den ersten Getreidesendungen aus Ägypten, organisierte Kalif ‘Umar deshalb ein Register aller frühen Gläubigen, den sog. Dīwān al-djund.4 Darin wurden alle Emigranten aus Mekka verzeichnet, aber auch die, die nach Äthiopien emigriert und zurückgekehrt waren, und die sog. „Helfer“ in Medina, und alle, die sich ehrenvoll in Mohammeds Militärexpeditionen betätigt hatten oder sonst Verdienste hatten für seine Sache—kurz: fast alle freien Einwohner Medinas! Hinter ihren Namen wurden ihre Taten aufgeführt.
Alle diese Menschen bekamen fortan jedes Jahr eine Zuwendung aus der Staatskasse, und oft genug ihre Kinder auch noch. Denken Sie dabei nicht an Hartz 4! Die Zuwendungen an die Armen unter den Emigranten (ahl as-suffa), die waren damals tatsächlich Armenfürsorge gewesen; jetzt handelte es sich aber um große Summen. Es war unerhört. Wenn Menschen in der Antike registriert wurden, war das normalerweise um effektiv Steuern von ihnen zu erheben. Hier ging es um die Gewährung eines Grundeinkommens oder Ehrengeldes oder, wenn Sie so wollen, um eine kontrollierte Verteilung von Kriegsbeute.
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Es gab eine Hierarchie unter den Zuwendungsberechtigten nach ihren Verdiensten. Puin unterscheidet vier Gruppen:4

  • Gruppe 1: Badr-Kämpfer; Witwen des Propheten 4000 DH (=Dirham), später 5000 oder 6000
    Gruppe 2: Übrige Emigranten und Helfer (ansār) 1000 DH weniger als Gr. 1
    Gruppe 3: Teilnehmer bei al-Hudaibiya und bei den Ridda-Kämpfen 1000/2000 DH weniger als Gr. 2
    Gruppe 4: Alle übrigen Einwohner Medinas 250–400 DH

Zwar setzt Puin bei allen seinen Daten ein Fragezeichen, aber man bekommt doch einen Eindruck. Ungewiss ist vor allem, wie viel die Nachkommen der ursprünglichen Zuwendungsberechtigten empfangen sollten.
Es war deshalb sehr wichtig, wie man registriert war. Söhne und Enkel werden sich Mühe gegeben haben, die guten Taten ihres Vorfahren noch etwas aufzubauschen, nicht nur wegen des größeren Prestiges, sondern auch für mehr Geld. Das hatte eine Auswirkung auf die biographische Literatur (Gattung: Verdienste der Prophetengefährten).
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Die Mekkaner bekamen übrigens nichts—es sei denn, sie hätten sich nach ihrer späten „Bekehrung“ im Jahr 630 noch für Gottes Sache angestrengt, indem sie als Soldaten nach Syrien oder in den Irak zogen. Das galt auch als Hidschra.

(Für mich ist dies eine erste Skizze, die als Vorarbeit über Kalif ‘Abd al-Malik dienen soll, über den ich eingehender schreiben möchte. Es ging darum, das Medina zu beschreiben, in dem er aufgewachsen ist; überdies war er einige Zeit Direktor des dīwān.)

ANMERKUNGEN
1. Al-Balādhurī, Futūh al-buldān (Liber expugantionis regum), Hg. M.J. de Goeje, Leiden 1866, 216.

وكتب عمر بن الخطاب في سنة ٢١ الى عمرو بن العاصي يعلمه ما فيه أهل المدينة من الجهد ويأمره أن يحمل ما يقبض من الطعام في الخراج الى المدينة في البحر فكان ذلك يُحمل ويحمل معه الزيت فإذا ورد الجار تولّى قبضه سعد الحار ثم جُعل في دار بالمدينة وقسم بين الناس بمكيال.

2. Al-Ya‘qūbī, Ta’rīkh, Hrsg M. Th. Houtsma ii, 177:

 كتب عمر الى عمرو بن العاص أن يحمل طعامًا غي البحر الى المدينة يكفي عامة المسلمين حتى يصير به الى ساحل الجار فحمل طعامًا الي القلزم ثم حمله في البحر في عشرين مركبًا في المركب ثلاثة آلاف إردبّ وأقل وأكثر حتى وافى الجار وبلغ عمر قدومها فخرج ومعه جلّة أصحاب رسول الله حتى قدم الجار فنظر السفن ثم وكّل من قبض ذلك الطعام وبنى هناك قصرين وجعل ذلك الطعام فيهما ثم أمر زيد ين ثابت أن يكنب الناس على منازلهم وأمره أن يكنب لهم صكاكًا من قراطيس ثم يختم أسافلها قكان أول من صكّ وختم أسفل الصكاك.

3. G.-R. Puin, Der Dīwān von ʿUmar ibn al-Ḫaṭṭāb. Ein Beitrag zur frühislamischen Verwaltungsgeschichte, Diss. Bonn 1970, 90; al-Balādhurī, Futūh al-buldān, Kairo ed. 363 @noch kontrollieren@@
4. Puin,
o.c., 94–5.
5. Puin, o.c.,
113–4.

Diakritische Zeichen: ʿAmr ibn al-ʿĀṣ, al-Ǧār, ṣakk, ṣikāk, ǧarīb, dīwān al-ǧund, ahl aṣ-ṣuffa, anṣār, al-Ḥudaibiya, al-Balāḏurī, futūḥ, taʾrīḫ

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