Abd al-Malik übt sich in Grausamkeit und Mord

Als ‘Abd al-Malik 685 unerwartet die Nachfolge seines Vaters Marwān als Umaiyadenkalif in Damaskus antreten musste, fand er sich einem formidablen Gegner gegenüber: ‘Abdallah ibn az-Zubair, der in Arabien ein Kalifat gegründet hatte. Aber auch in Syrien war er nicht unangefochten. Dort bekam er es nämlich mit ‘Amr ibn Sa‘īd al-Ashdaq (?–689) zu tun. Dieser war auch Angehöriger der Sippe Umaiya und hatte sich u.a. als General und als Statthalter von Mekka und Medina verdient gemacht. Marwān hatte diesem ‘Amr versprochen, dass er ihm nachfolgen dürfe. Aber sobald er auf dem Thron saß, hatte er die Huldigung seiner eigenen Söhne forciert. Als ‘Abd al-Malik tatsächlich seinen Vater nachfolgte, war ‘Amr von Groll erfüllt. Trotzdem sah er noch eine Zukunft für sich. Als er einmal ‘Abd al-Malik auf einem Feldzug in den Irak begleitete, sprach er ihn auf eine mögliche Nachfolge an. ‘Abd al-Malik ließ sich aber nicht darauf ein.1 Nach diesem für ihn enttäuschenden Gespräch schlich ‘Amr mit einigen Anhängern weg aus dem Lager und ging zurück nach Damaskus. Es gelang ihm die Stadt an sich zu bringen, wo er einen beträchtlichen Anhang hatte. ‘Abd al-Malik sah sich gezwungen umzukehren um seine eigene Hauptstadt zurückzuerobern. ‘Amr ergab sich unter der Bedingung, dass er Leib und Leben behalten dürfe.
‘Abd al-Malik hatte aber etwas anderes mit ihm vor. Eines Tages lud er ‘Amr in seinen Palast. Dieser zog sicherheitshalber ein Kettenhemd an und nahm hundert Gefolgsmänner mit, von denen aber nur einer hereingelassen wurde. Als er die vielen Soldaten und Verwandten des Kalifen sah, witterte er Unheil und sandte seinen Sklaven weg um bei seinem Bruder Hilfe zu holen. Der Sklave verstand aber den Auftrag nicht richtig und die Hilfe blieb aus.
‘Abd al-Malik fing an ihn einzuschüchtern und zu piesacken. Er ließ ihm sein Schwert abnehmen und ließ ihn in Fesseln legen, seine Hände hinter seinem Nacken gebunden.

  • Darauf gab ihm ‘Abd al-Malik einen Stoß, so dass er mit seinem Mund gegen die Bank kippte und seinen Vorderzahn abbrach.
    „Verdammt noch mal,’ sagte ‘Amr, ‘ich hoffe, das reicht dir jetzt!“
    „Wenn ich wüsste, dass du mich verschonen würdest,’ antwortete ‘Abd al-Malik, ‘würde ich dich verschonen und laufen lassen. Aber es gab nie zwei Männer in einer Lage wie dieser, ohne das der eine den anderen beseitigte.“ […]
    ‘Abd al-Malik ließ sich jetzt eine Lanze bringen. Er schwang sie hin und her und warf sie auf ‘Amr, aber die Waffe drang nicht in dessen Körper ein. Er tat es noch einmal, wieder vergeblich. Als er einen Schlag auf ‘Amrs Arm gab, spürte er, dass dieser ein Kettenhemd trug. Er lachte und sagte: „Hah, ein Kettenhemd! Du bist gut vorbereitet hierher gekommen! Knappe, bring mir das kurze Schwert!“ Es wurde ihm gereicht und er befahl seinen Männern ‘Amr auf den Boden zu drücken. ‘Abd al-Malik setzte sich auf dessen Brust und schnitt ihm die Kehle durch. […]
    ‘Abd al-Malik zuckte und zitterte. So ergeht es, wie man sagt, einem Mann, wenn er einen Verwandten tötet. ‘Abd al-Malik wurde von ‘Amrs Brust fortgezogen und auf die Bank gelegt. Er sagte: „Nie habe ich so etwas erlebt: Er ist von jemandem getötet worden, der das Diesseits besitzt und das Jenseits nicht suchte.“2

Dann erschienen endlich ‘Amrs Männer—zu spät. Sie schrien die Anwesenden an und es begann ein Kampf. Aber jemand warf den Kopf des Getöteten unter die Leute, nebst einer Anzahl Beutel mit Geld, worauf sie auseinandergingen.

Der Kalif „zuckte und zitterte“. Dieser Erzählung zufolge wünschte ‘Abd al-Malik den Mord persönlich und vor Zeugen auszuführen. Leicht fiel es ihm nicht und stolz war er auch nicht. Vielleicht wollte er seine Umgebung wissen lassen, was für einer er war und dass er gnadenlos durchgreifen konnte. Vielleicht wollte er das vor allem auch sich selbst beweisen, weil er sich noch in Grausamkeit üben musste. Sein bisheriges Leben war relativ ruhig gewesen, aber als Herrscher musste er hart sein können—das verstand er sehr gut. Nicht ohne Grund ließ er sich auf seinen Münzen mit Schwert und Peitsche abbilden.

Eine Überlieferung3 berichtet, dass die Feindschaft zwischen ‘Abd al-Malik und ‘Amr auf altes Leid zurückging. Als Jungen sollen die beiden schon des öfteren gekämpft haben, dazu ermutigt von ‘Abd al-Maliks Großmutter Umm Marwān. Diese lud sie oft zusammen mit noch anderen Jungen zum Essen ein. Dann hetzte sie die Jungen gegeneinander auf; die fingen dann an sich zu schlagen und verließen das Haus ohne noch ein Wort zu wechseln. Wollte die Oma die Rivalität zwischen den Zweigen des Hauses Umaiya anstacheln, in der Hoffnung, dass ihre eigene Nachkommen schon früh die Oberhand bekommen würden? Oder hat diese Erzählung die spätere Rivalität in die Vergangenheit zurückprojiziert? Das ist gut möglich, denn das Motiv altes Leid“ kommt auch in anderen Texten zur Mordepisode vor.
‘Amr hatte nämlich vier Söhne, die nach der Ermordung ihres Vaters versuchten ihre Überlebenschancen sicherzustellen, indem sie die Flucht nach vorne antraten und sich zum Kalifen begaben:

  • Die Söhne ‘Amrs erschienen vor ‘Abd al-Malik nach der Wiederherstellung der Reichseinheit (djamā‘a). Sie waren zu viert. […] Als ‘Abd al-Malik sie sah, sagte er: „Ihr seid Männer aus einer noblen Familie, die ihr euch selbst immer für besser gehalten habt als alle eure Verwandten, wenn Gott euch das auch nicht vergönnt hat. Was zwischen eurem Vater und mir passiert ist, war nichts Neues: Es war ein altes Leid, das bereits in der vorislamischen Zeit (djāhiliya) tief in den Seelen eurer Väter und der unseren verwurzelt war.“
    Umaiya, der Älteste, konnte kein Wort herausbringen: Er war der Nobelste und Intelligenteste. Deshalb […] stand Sa‘īd, der Mittlere auf und sagte: „Fürst der Gläubigen, warum werfen Sie uns etwas aus der vorislamischen Zeit vor, wo doch Gott den Islam gebracht und das Alte niedergerissen hat […]? Was zwischen Ihnen und ‘Amr passiert ist: ‘Amr war Ihr Neffe und Sie wissen am besten was Sie getan haben. ‘Amr ist vor Gott erschienen, und Gott genügt als Abrechner.4 Bei meinem Leben, wenn Sie uns bestrafen für das, was geschehen ist, dann ist es für uns unter der Erde besser als darauf.“
    ‘Abd al-Malik war sehr gerührt und spürte eine große Milde für sie. Er sagte: „Euer Vater stellte mich vor die Wahl: ihn zu töten oder von ihm getötet zu werden, also zog ich es vor, ihn zu töten. Aber ihr—wie habe ich mich nach euch gesehnt, wie verwandt fühle ich mich mit euch—und natürlich habe ich ein Auge für eure Rechte!“ Er gab ihnen also große Zuwendungen, zeigte ihnen seine Gunst und behielt sie ganz in seiner Nähe.5

Mit dem Begriff „vorislamische Zeit“ (djāhilīya) verwies ‘Abd al-Malik auf eine weit zurückliegende Vergangenheit6—obwohl der Mord noch frisch in der Erinnerung haftete. Dass die Fehde alt und vererbt war, sollte offenbar als Entschuldigung dienen oder wenigstens zu Verständnis führen. ‘Amrs Sohn Sa‘īd reagierte geschickt und wies darauf hin, dass der Islam alles alte Leid aus der djāhilīya gelöscht hatte.
Das Verhalten ‘Abd al-Maliks den vier Söhnen seines Mordopfers gegenüber war typisch für ihn, als seine Macht gefestigt war: so wenige Menschen wie nur möglich sich zu Gegnern zu machen , vor allem nicht in Syrien und schon gar nicht aus der Sippe Umaiya—vielmehr die Menschen ganz in seiner Nähe zu behalten.

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Zur Ernüchterung: Es gibt auch kurze Überlieferungen, die zu ‘Amrs Ermordung etwas ganz anderes erzählen:

  • Es wird auch erzählt: Als ‘Abd al-Malik ‘Amr den Stoß gab, durch den dessen Zahn herausflog, fing ‘Amr an die verletzte Stelle zu reiben. ‘Abd al-Malik sagte zu ihm: „Ich sehe, dass du deinen Zahn so wichtig findest, dass du mir nie mehr gewogen sein kannst.“ Und er befahl ihn zu enthaupten.7

Und:

  • Es wird auch gesagt: Als ‘Abd al-Malik zum Gebet ging, beauftragte er seinen Sklaven Abū az-Zu‘ayzi‘a mit der Tötung ‘Amrs. Das tat der, und den Kopf warf er den Umstehenden und seinen Gefährten zu.8

Das waren normalere Manieren mit einem politischen Gegner abzurechnen. Aber mit solchen Berichten bekommt man kein spannendes Geschichtsbuch.

 

ANMERKUNGEN
1. aṭ-Ṭabarī, Ta’rīkh ii, 784.
2. aṭ-Ṭabarī, Ta’rīkh ii, 788–91.
3. aṭ-Ṭabarī, Ta’rīkh ii, 793–4.
4. Koran 4:6; 33:39.
5. aṭ-Ṭabarī, Ta’rīkh ii, 795.
6. Es sei denn, der Kalif meinte mit „vorislamischer Zeit“ die Periode vor der von ihm durchgeführten Wiederherstellung der Reichseinheit (djamā‘a). In dem Fall würde der Islam nicht mit dem Propheten Mohammed, sondern mit Kalif ‘Abd al-Malik anfangen—was nicht so abwegig ist, wie es sich anhört.
7. aṭ-Ṭabarī, Ta’rīkh ii, 789.
8. aṭ-Ṭabarī, Ta’rīkh ii, 791–2.

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2 Kommentare zu “Abd al-Malik übt sich in Grausamkeit und Mord

  1. Darauf bezogen: Als ich diesen Artikel gelesen habe, musste ich an Volker Popps These nachdenken: Abdul Malik sein ein „Merwide“ gewesen und Zubair sei eine Fiktion, sein Name würde in Wirklichkeit in den Münzen den Titel Zunbil wiedergeben.
    Der jeweils in Pahlavi wiedergegebene Patronyms Suffix -an in den Münzen (also MLW-n-an und ZNBL-an) soll die Herkunft anzeigen (von Merw, von den Zunbils).Das andere n bei MLW soll ein aramäisches Ideogramm darstellen.Die späteren arabischen Historiker sollen dann diese fehlerhaft gelesen haben und voila!
    Für mich eine semantische Spielerei und märchenhaft…..
    Die Inarah-Truppe soll sich letzendlich nicht wundern, warum sie zum Teil vernachlässigt wird.
    Natürlich sind einige ihrer Arbeiten durchaus interessant und natürlich kann man der Sira nicht vertrauen, trotzdem sind die nicht einzigen die so denken, zumal sie wirklich die restlichen Islamwissenschaftler zu Unrecht als naiv (hierauf bezogen) bezeichnen.Dies ist jedenfalls keine historisch-kritische Wissenschaft, es sieht vielleicht auf den ersten Blick so aus, es ist eher phantasievoll.Zudem sind arabische Inschriften mit jenen Namen durchaus enthalten:
    http://www.islamic-awareness.org/History/Islam/Inscriptions/tiraz.html
    http://www.islamic-awareness.org/History/Islam/Inscriptions/malik7.html
    Was meinen Sie? Ist der Großteil wirklich „naiv“? Oder wenigstens zum Teil?

  2. An die marwidische Märchen von Inârah möchte ich keine Zeit verschwenden. Es gibt, bzw. gab aber auch wertvolle Teilnehmer unter ihnen: Puin (2x), Gilliot.

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