Der Westen

OccidentalismWo liegt er doch, „der Westen,“ an dem die bösen Jungs so gerne ihre Wut auslassen? Vergessen Sie lieber gleich die Himmelsrichtung. Nach meinem Telefonabo zu urteilen besteht er aus den Vereinigten Staaten, Kanada, Westeuropa und Australien. Mit Personen in diesen Gebieten kann ich nämlich nach einer monatlichen Zahlung von € 3,90 unbeschränkt telefonieren. Es gibt mehr Länder, die zum Westen gehören, aber welche? Neuseeland auf jeden Fall, aber Japan, Singapur, Israel, Mauritius, die Türkei und Argentinien auch? Den Westen irgendwo zu suchen scheint genau so vergeblich wie die Suche nach dem Orient. Auch der Westen ist nichts Geographisches, sondern ein Gedankending—und er war nicht immer gleich. Und was ist sein Gegensatz? Man kann den schwerlich Orient nennen. Zweite oder dritte Welt geht auch nicht, also sagen wir einfach: der Nichtwesten.

– Für Voltaire war ca. 1750 England der Westen: individuelle Freiheit und die Börse, frei fließendes Geld, im Gegensatz zu der rigiden Staatskontrolle in Frankreich. „Der Handel, der die Bürger Englands reich gemacht hat, hat dazu beigetragen, sie frei zu machen, und diese Freiheit hat ihrerseits den Handel gefördert; von daher hat sich die Größe des Staats gebildet.“
– Für die Deutschen um 1800 waren Frankreich und England der Westen; auch noch für Richard Wagner, der das kosmopolitische, ultramoderne Paris in Kontrast sah mit der anheimelnden Zurückgebliebenheitseiner Heimat. (Er bestellte aber gerne feine Damenwäsche aus Paris — ja, die trug er gerne auf seiner empfindlichen Haut. Westpakete waren daher willkommen.)
– Fontane sah in London auch den freien Geldverkehr, beurteilte ihn aber nicht so positiv wie noch Voltaire: „das gelbe Fieber des Goldes, […] das Verfallensein aller Seelen an den Mammonsteufel“.
– Für Russland im neunzehnten Jahrhundert war der Westen an erster Stelle Deutschland: das Land, in dem alles sachlich und ordentlich ablief, wo die Menschen aber keine „Seele“ hatten. Für Tolstoi war das aber auch Japan! Er beschreibt den japanischen Sieg über Russland im Jahr 1905 als einen Triumph des westlichen Materialismus über die asiatische Seele Russlands.
– Für Japan war der Westen vor dem und während des Zweiten Weltkrieg(s) alles was modern war, insbesondere Amerika. Japanische Intellektuelle versuchten „die Moderne zu überwinden,“ wie Deutschland unter den Nazis und Iran unter Khomeini. Heutzutage gehören Japan und Deutschland selbst zum Westen
.
– Für Hitler war der Westen Amerika + die Juden.
– Für die Sowjet-Union war der Westen vor allem die NATO: Amerika und West-Europa.

All dies entnehme ich dem vorzüglichen Buch von Buruma und Margalit, dessen Umschlag hier oben abgebildet ist.1

Für viele Muslime, sogar für Muslime, die „im Westen“ leben, ist der Westen die Koalition aus den Vereinigten Staaten, dem Weltkapitalismus, Juden und Kreuzfahrern, deren Hauptabsicht es ist „den Islam“ zu schädigen – wer war das noch mal?

Ganz abgesehen von der Geographie: im Westen scheint immer großer Reichtum, viel Freiheit und viel Modernität vorhanden zu sein.

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Eine kurze, unverbindliche Liste:

Der Westen
– ist demokratisch oder wird zumindest nicht links-diktatorial“ regiert.
– ist international, kosmopolitisch, globalisiert.
– hat eine überwiegend liberale, nicht staatlich geführte Wirtschaft.
– häuft Geld an, nicht zuletzt durch Ausbeutung des Nichtwestens erworben.
– hat keine zu verherrlichende Stammesstruktur, keinen Totalitarismus.
– ist die anonyme Stadt, in der man alles kaufen kann — inklusive der Hure Babylon. Der Nichtwesten ist das gemütliche Dorf mit seiner traditionellen Kultur. Und einem Blockwart, der darüber wacht.
– ist kalt, gefühlsarm, hat keine (russische) Seele, bzw. kein soul.
– gibt sich etwas schlicht (Obama, Juncker), im Gegensatz zu dem Glanz und Gloria von Stalin, Hitler, Ceauşescu, Bokassa, Putin, Erdoğan, Kim Eins bis Drei undsoweiter.
– ist unheroisch, feige: ein Westmensch stirbt ungern für Kaiser, Gott oder Vaterland.
– wird oft bekämpft, aber zugleich auch beneidet. Der Nichtwestler würde (heimlich) gerne dazu gehören, aber es gelingt ihm nicht.
– mischt sich überall ein und das ist ein Skandal! Aber bei Naturkatastrophen, Völkermord oder blutigen Kriegen heißt es auf einmal: Warum unternimmt der Westen nichts?

Der Westen ist an allem Schuld, aber wie gerne wären wir mitschuldig! Wer nicht zum Westen gehören kann oder darf, hegt oft einen Groll gegen ihn.

Viele Weltbewohner dürfen tatsächlich nicht zum Westen gehören, weil ihnen die Freiheit und ein Anteil an dem Wohlstand —und somit Zugang zur Bildung — vorenthalten bleibt. Die Bösewichte sind längst nicht immer fiese Diktatoren in Asien oder Afrika. Oft genug hat der Westen selbst demokratische oder wirtschaftliche Entwicklungen in den Kontinenten verhindert und tut das noch. Bodenschätze und sonstige wertvolle Güter empfängt man ja gern aus einer gehorsamen Hand.

Viele Andere können nicht zum Westen gehören. Frei sein, immer wählen, oft allein sein, die eigene Verantwortung tragen und ständig Energie entfalten um mit dem modern Leben Schritt zu halten ist Schwerstarbeit. Ich finde es persönlich auch oft schwierig, ein Westmensch zu sein, und für den durchschnittlichen Zwanzigjährigen „mit Migrationshintergrund“ wird das noch mehr der Fall sein. Stellen wir uns mal einen vor: er hat einen Schulabschluss oder eine Berufsausbildung; das ist immerhin gelungen und das ist nicht wenig. Aber spätestens bei der Jobsuche oder einer Weiterbildung bekommt er endgültig zu spüren, dass seine Sorte nicht gefragt ist— was er eigentlich schon viel früher gemerkt hatte. Er bekommt wenig Förderung und seine Kommilitonen oder Kollegen sind nicht nett zu ihm, aber er hat auch selbst nicht die Energie und den Mut um sich dagegen zu stemmen und seinen Platz in „dem Westen“ zu erobern. Dann liegt die Flucht in den Nichtwesten nahe, wie künstlich das in vielen Fällen bei hier Geborenen auch ist.

Die Freiheit kann so beängstigend sein. Ich denke an die Briefe von Saiyid Qutb (Kairo 1906–1969). Bevor er Muslimbruder wurde und einflussreiche fundamentalistische Bücher schrieb, besuchte er die Vereinigten Staaten und machte sich vor Angst fast in die Hose. Freizügige Frauen, die manchmal ein Glas über den Durst tranken; große, grobe, sogar tätowierte Mannsbilder; ein Tanzabend im Pfarrhaus der Provinzstadt, in der er sich aufhielt: das waren Sachen, die diesen kühnen Held, der auf Fotos eher wie ein kleines Männchen wirkt, sehr beängstigten und seine Flucht in die Gottesfurcht förderten. Er konnte nicht dazu gehören.

Ich denke auch an den kleinen Roman von Yahya Haqqi, Die Lampe der Umm Haschim (1940). Ein ägyptischer Junge darf in England Medizin studieren und tut das mit Erfolg. Das Beängstigende ist für ihn eine Freundin, eine Ärztin, die sich selbständig, ja souverän verhält. Nicht mal herrisch oder unsympathisch, aber ihr gegenüber fühlt er sich sehr minderwertig. Hier spielt Sexualangst ebenfalls eine Rolle.

Und Putin, der hat es auch nicht gekonnt. Vielleicht hätte er sein Land durchaus gerne modernisieren und öffnen wollen, wer weiß; aber es erwies sich als zu schwierig. Sein persönlicher Werdegang war nicht hilfreich und der Zustand Russlands war auch ein immenses Problem. Die leichtere Alternative ist dann eine antiwestliche Haltung.

Wer mit dem Westen nicht mitmachen kann oder darf, hegt oft einen Groll und wird antiwestlich, selbstverständlich aus der vollen, gegebenenfalls religiös untermauerten Überzeugung heraus, dass der Westen minderwertig, widerwärtig oder sündig ist. Dann sind die Trauben sauer. Diese Haltung schließt übrigens die Nachahmung desselben Westens nicht aus: Namentlich die Araber sind richtige Amerika-Fans, viel mehr als wir Europäer. Auch Salafisten sind oft viel westlicher als sie selbst erkennen.
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Es gibt keine Garantie, dass der Westen immer existieren wird. Freiheit und Reichtum nehmen im Westen ab oder beschränken sich auf so kleine Kreise, dass man fast wieder an vormoderne Herrschaftsformen erinnert wird. Dagegen nimmt die Modernität im unfreien Nichtwesten zu; denken Sie z. B. an China und Iran. An die sogenannten „westlichen Werte“ glaubt die Welt immer weniger, der Westen selbst nicht ausgenommen.

Dies waren nur so ein paar Gedanken. Sie sollten mal ausgearbeitet werden; das Thema ist wichtig, in unserer Zeit.

Nachschrift: Vor 1200 Jahren war Bagdad der Westen!

ANMERKUNG:
1. Ian Buruma und Avishai Margalit, Occidentalism: The West in the Eyes of Its Enemies, New York 2004; dt. Übersetzung Andreas Wirthensohn: Okzidentalismus: der Westen in den Augen seiner Feinde, München 2005.

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Ein Kommentar zu “Der Westen

  1. Interessante Überlegung. Wenn wir den Westen auf die antike Philosophie zurückführen, ist Westen überall dort, wo sie sich entfalten kann. Das könnte auch in der islamischen Welt geschehen. Wahrscheinlich ist es derzeit leider nicht.

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