Das Kalifat in Medina, oder: das erste Arabische Reich, 622–661


Gegenkalifat
Obwohl ich den wilden Theorien der Post-Hagaristen nicht folgen kann, weiß ich manche ihrer Ideen doch zu schätzen. Zum Beispiel ihr Augenmerk auf Syrien, wo beträchtliche Teile der Bevölkerung immer schon arabisch waren und wo Mu‘āwiya zwar erst 661 Kalif wurde, aber schon seit 642 de facto regierte. Und wie gesagt fühle ich mich weiterhin bei der Vorstellung von Medina als Hauptstadt eines aufstrebenden Weltreichs nicht wohl.

Vorschlag
Mein eigener Beitrag zur Geschichtsschreibung wird eher bescheiden bleiben. Ich möchte nur hinweisen auf zwei Dinge, die bis jetzt meistens vernachlässigt wurden, obwohl sie doch großen Einfluss auf unsere Quellen ausgeübt haben müssen. Ich meine das Gegenkalifat (680-692) des ‘Abdallāh ibn az-Zubair und die Schriften seines Bruders ‘Urwa.

Nach dem Tod des Umaiyadenkalifen Muʿāwiya 680 regierten in Damaskus einige schwache Kalifen, von denen einige nur sehr kurz im Sattel blieben. Die Umaiyaden stammten aus der späten vorislamischen Elite, die sich eher spät — und manchen Autoren zufolge aus reinem Opportunismus — zu der neuen Bewegung bekehrt hatte, die sich zum Islam entwickeln sollte. Sie fühlten sich in Syrien und Palästina und in der christlichen Zivilisation zu Hause.

Die Umaiyaden gerieten mit unterschiedlichen Gegnern aneinander: Schiiten, Kharigiten, und auch mit dem gefährlichen Gegenkalifat von ‘Abdallāh ibn az-Zubair in Mekka und seinem Bruder Muṣʿab im Irak. Diese Rebellen waren die Nachfahren der ersten „islamischen“ Elite: Mohammeds Gefährten der ersten Stunde, die ältesten Anhänger der Bewegung, die in ihren Augen von den Umaiyaden gekapert worden war. Statt der syrisch-palästinensischen Orientierung bevorzugten sie die Arabische Halbinsel. Das Gegenkalifat dauerte zwölf Jahre und verursachte einen bedrohlichen Riss im Reich. Nicht nur die Halbinsel, sondern auch große Teile des Iraks und Irans folgten den Zubairī Brüdern. Andere Provinzen zögerten noch. In manchen Jahren war nur Syrien noch dem Umaiyadenkalif getreu.
 Zwölf Jahre lang schaffte Damaskus es nicht, das Gegenkalifat zu beenden, aber sobald der starke Kalif ‘Abd al-Malik die Macht übernommen hatte war es schnell vorbei. ‘Abdallāh wurde 692 getötet, Muṣʿab war schon etwas früher in einer Schlacht gefallen und somit war das Gegenkalifat Vergangenheit. Die Umayyadische Herrschaft war mit militärischen Mitteln wiederhergestellt worden.
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Urwa ibn az-Zubair (± 643–711)
Der interessante Überlebende ist ‘Urwa, ʿAbdallāhs zwanzig Jahre jüngerer Bruder und der Intellektuelle der Familie Zubair. Er war nicht militärisch und kaum politisch aktiv gewesen, hatte in der Rebellion allerdings die Seite seiner Brüder gewählt. Er lebte meist in Medina, wo er die Biografie des Propheten studierte und lehrte, wie auch Hadith und Recht. Sofort nach ʿAbdallāhs Tod eilte er nach Damaskus um seine Haut zu retten und ‘Abd al-Malik Treue zu geloben. Das war ein gewagter Schritt, denn ʿUrwa wird doch sehr eng mit seinen Brüdern verbunden gewesen sein, aber er war erfolgreich. Der Kalif, der bereits aus strategischen Gründen öffentliche Trauer für Mus‘ab ausgerufen hatte, verzichtete auf die Hinrichtung ʿUrwas und entschied ihn sich lieber zunutze zu machen. Er erlaubte ihm nach seinem Wohnort Medina zurückzureisen und bat ihn kurz darauf die Geschichte des Propheten und der Folgezeit niederzuschreiben. Das tat ʿUrwa und ein Großteil seiner Texte ist noch erhalten.
‘Abd al-Maliks Milde ist verständlich. Er stand ja vor der Aufgabe das geteilte Reich zu einigen und versuchte das u.a. mittels einer Geschichtsschreibung, die für alle Teile des Reichs akzeptabel sein sollte, auch für die alte Elite. Seinen widerspenstigen Untertanen versuchte er zu gefallen, indem er ihnen eineVersion des Gründungsmythos gönnte, die reiner arabisch war als je zuvor, denn er muss vorhergesehen haben, dass ‘Urwas Geschichte stark durch die Halbinsel geprägt sein würde.
Der früheste Islam, mit seinem Orientierungspunkt (*qibla) nach Jerusalem, war wohl eine überwiegend syrisch-palästinensische Angelegenheit gewesen. Der *Felsendom in Jerusalem, eine rotunda, die 691 fertig gebaut wurde, war Höhepunkt, aber auch Endpunkt des „syrischen“ Islams. Eigentlich ist das Gebäude eine Erklärung an die Christen, zu denen der junge Islam auf Distanz ging. Goldziher hat mal gemeint, dass der Felsendom gebaut wurde, weil Mekka während des Gegenkalifats unzugänglich war. Aber es kann genauso gut umgekehrt sein: 692 fand eine Umkehr statt, durch welche Arabien in der Staatsideologie einen viel höheren Rang zugeteilt bekam und der Felsendom, so jung er war, gleich schon zweitrangig wurde. Mit anderen Worten: Mekka, die Ka‘ba und Medina wurden erst jetzt wichtig gemacht; die arabische Halbinsel zählte fortan voll und ganz mit und somit wurde potentiellen Rebellen wenigstens aus Arabien der Wind aus den Segeln genommen. Man kann es ruhig eine Änderung der qibla nennen. Ab dann wurde die Arabisierung fortgezetzt und immer mehr jüdisches und christliches Material (isrā’īlīyāt) aus den Erzählungen und Genealogien entfernt.
Bei dieser Arabisiering des Islams haben ʿUrwas Schriften wohl eine wichtige Rolle gespielt. Die Briefe schrieb er für den Hof, aber er hatte auch noch etliche andere Texte, die er seinen Schülern überlieferte: die meisten über das Leben des Propheten, andere über die Ridda-Kriege und die Jahrzehnte danach. Von seinem Werk ist ein erheblicher Teil erhalten und so können wir feststellen, dass ‘Urwa der Lieferant der wichtigsten sira-Kapitel gewesen ist. Sie sind hauptsächlich von zwei Personen überliefert worden: von seinem Sohn Hišām und dem Gelehrten az-*Zuhrī (gest. 742). Ibn Isḥāq’s Sīra enthält viel ʿUrwa-Material, wie auch die des *Ma‘mar ibn Rāshid (714–770), der noch einen separaten Beitrag verdient.
Die „Briefe“ sind meist kurz gefasst. ‘Abd al-Malik mochte keine langen Texte und verabscheute das Geplapper der „Erzähler” (qussās). Ein Ergebnis von ‘Urwas persönlichem Wirken in der frühesten islamischen Geschichtsschreibung ist z.B. die Rolle, die Abū Bakr und dessen Familie in einigen zentralen Texten spielen. ‘Urwa’s Mutter war Asmā’, eine Tochter Abū Bakrs. Ihre Schwester Aischa, die Frau des Propheten, war also seine Tante. In ‘Urwas Berichten und Erzählungen zur Emigration (*hidschra), zum Sterbebett des Propheten und zur Keuschheit Aischas werden Abū Bakr und seine Familie stark in den Vordergrund gestellt. Es ist klar, dass ʿUrwa für seine Vorliebe für den ersten Kalif seine allerpersönlichsten Gründe hatte. Sollte er in seinen übrigen Erzählungen nicht genau so fleißig die Wichtigkeit seines Wohnorts Medina und die von Mekka aufgeblasen haben ? Mich würde es nicht wundern, wenn ‘Urwa’s Texte durch einen robusten Lokalpatriotismus inspiriert wären und er die Halbinsel damit richtig auf die Landkarte gesetzt hätte.

Künftige Geschichtsschreiber sollten also jedenfalls das Gegenkalifat und ‘Urwa mit einbeziehen.

ANMERKUNG:
1. Zitiert in Sabine Mangold, Eine „weltbürgerliche Wissenschaft“. Die deutsche Orientalistik im 19. Jahrhundert, Stuttgart 2004, 104ff.

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Diakritische Zeichen: Muṣʿab, Maʿmar ibn Rāšid, quṣṣāṣ

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