Das Kalifat in Medina, oder: das erste Arabische Reich, 622–661

Was haben die Gelehrten aus dieser Periode gemacht?
Im neunzehnten Jahrhundert waren die Quellen der Orientalisten zum Großteil islamische Texte auf Arabisch. Die meisten nichtislamischen und nichtarabischen Quellen und das Bodenarchiv wurden erst in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts bekannt.
Die Orientalisten des 19. Jahrhunderts folgten in großen Zügen die islamische Standarderzählung. Aber sie waren Gelehrte: Sie benutzten ihren gesunden Menschenverstand und wandten die historisch-kritische Methode an. Wie Gustav Weil es ca. 1850 sagte, war ihr Zweck das Material gründlich zu sichten „und aus diesem Gewebe der Verblendung und Lüge die nackte Wahrheit herauszufinden.“ 1 Das hört sich drastisch an, aber die Ergebnisse waren im Allgemeinen eher zahm und wichen nicht stark von der islamischen Geschichtsschreibung ab. Es fällt auf, wie im 19. Jahrhundert die Gründungsmythen des Judentums und des Christentums dekonstruiert wurden, während zur gleichen Zeit die islamischen nahezu intakt gelassen wurden. Und das oft genug noch von denselben Gelehrten, wie z.B. Julius Wellhausen (1844-1918).
Ab 1905 schuf Leone Caetani einen ausführlichen Überblick über die frühislamischen Geschichte, indem er alle damals bekannten Texte zu allen Ereignissen in italienischer Übersetzung nebeneinander stellte und verglich. Dadurch fiel u.a. auf, dass etliche Texte sich widersprachen oder dass manchmal dieselbe Geschichte mit Bezug auf unterschiedliche Ereignisse erzählt wurde und dass die Chronologie oft viel später und ziemlich willkürlich hinzugefügt worden war.
Der Jesuit Henri Lammens (1862-1937) war noch skeptischer. Er betrachtete die ganze sīra als von dem Koran abhängig und deshalb als historisch unzuverlässig. Neu für die damalige Zeit war, dass Lammens von Verachtung und Hass gegenüber dem Islam getrieben wurde; ein Phänomen, das ein Jahrhundert später wieder in Erscheinung treten sollte.
Die beiden Weltkriege schienen in Europa den kritischen Geist bei den Orientalisten getötet zu haben. Lange Zeit geschah gar nichts, aber in den Siebzigern kam eine neue Welle der Kritik und des Skeptizismus auf. Ich nenne hier zwei — oder lieber drei Vertreter: den bereits erwähnten Albrecht Noth, und das Duo Patricia Crone und Michael Cook.
Noth (1973) fing an die historischen Quellen auf’s Neue kritisch zu lesen, mit einem feinem Gespür für die Realien in den behandelten Perioden und Gebieten. Ein großes Verdienst war, dass er ein offenes Auge  für den literarischen Charakter der Textquellen hatte: Mit ihm hielt die Literaturwissenschaft Einzug in das Fachgebiet. Noth entdeckte narrative Strukturen und Topoi, die überall in den Quellen wiederkehrten — was sie für die Historiographie weniger zuverlässig machte.
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Hagarism
Die Studie Hagarism von Crone und Cook schlug im Jahr 1977 ein wie eine Bombe. Die zwei angry young people hatten offensichtlich genug von einem halben Jahrhundert des Stillstandes. Ihre wichtigsten Angriffsziele waren etablierte Orientalisten wie R. B. Serjeant und W. Montgomery Watt. Der Letztere hatte in den Fünfzigern eine anspruchsvolle gelehrte Biografie Mohammeds verfasst.
In Hagarism blieb nichts, wie es gewesen war. Der Islam stammte nicht aus Mekka und Medina, sondern vielmehr aus Nordarabien; eigentlich gab es gar keinen Islam. Der Koran musste auf viel später als das siebte Jahrhundert datiert werden. Über Mohammed war kaum etwas bekannt, aber er musste eine Art Johannes der Taufer für ʿUmar gewesen sein, dessen Beiname ja Fārūq war, (Aramäisch parūqā, „Erlöser“). Die ersten sogenannten „Muslime“ waren vielmehr eine Mischung aus Arabern und ketzerischen jüdischen Messianisten, die versuchten das Gelobte Land von dem Oströmischen Reich zurückzuerobern. Mohammed und seine Anhänger hießen Hagarener oder mahgraye oder auf Arabisch muhādjirūn, „Emigranten“. Die hidschra ging nicht nach Medina, sondern nach Jerusalem. Hagarism fängt herausfordernd mit einem Zitat aus einer nichtislamischen Quelle an — aber mit einer, die viel früher ist als die ganze islamische Überlieferung. Auch der Rest des Buchs ist mit nichtislamischen Quellen durchzogen, die hier zum ersten Mal in großem Stil verwendet wurden.
Hagarism wurde heftig kritisiert; viele Gelehrte waren wirklich außer sich. Wie konnten die Autoren es wagen, so laut aufzuschreien, in der Ruhezone der Orientalistik!? Die Kritiker waren emotional, aber sie hatten auch starke Gegenargumente und von den Thesen des Buchs blieb auf Dauer nicht viel übrig. Patricia Crone widerrief 2006 implizit ihren Anteil in einem Internet-Artikel, in dem sie mehr oder weniger die traditionelle Sicht auf den Propheten verkündete, über den nach ihrer Meinung doch recht viel zu wissen sei. Zum Glück hatte Crone noch zwei Bücher und mehrere Artikel zum 7. Jahrhundert geschrieben. Ihre Studie Early Meccan Trade, die das bis dahin unangefochtene Bild Mekkas als einer Art Welthandelszentrum untergrub, hat noch immer Bestand, wie auch ihre Arbeiten Slaves on Horses über das Umayyadenreich und God’s Caliph über den Anfang und die Bedeutung des Kalifats.
Bücher wie Hagarism sind nützlich und sollten auf keinen Fall herablassend weggeworfen werden. Das Buch war ein Weckruf für die verschlafenen Gelehrten und hatte einen bleibenden Einfluss auf das Studium des frühen Islams. Es nahm endlich die Diskussion wieder auf und öffnete die Augen für die geographischen Umstände im alten Arabien, für den relativ späten Bruch mit den Juden und/oder Christen von welcher Sorte auch immer und für den Wert nichtislamischer Quellen. Was auch blieb, war die Einsicht in den literarischen Charakter der Quellen, auf den Noth kurz zuvor hingewiesen hatte.
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Nach Hagarism
Hagarism hatte etliche Trittbrettfahrer: Studien die noch weiter gingen, noch wilder waren, deren Autoren die breite Öffentlichkeit gesucht und erlangt haben. Ich werde drei davon kurz erwähnen:

Koren und Nevo
Yehuda Nevo (1932–92)) war ein Archäologe ohne viel Kenntnis der Textquellen; Judith Koren ist in Informatik spezialisiert. Doch sie entfalten in ihrem Crossroads to Islam eine umfassende Theorie. Muhammad war keine historische Figur. Der Koran datiert aus dem achten Jahrhundert. Syrien wurde nie von den Arabern erobert, weil das Oströmische Reich sich bereits freiwillig aus dieser Provinz zurückgezogen hatte, die nicht länger als gewinnbringend betrachtet wurde. Die sogenannten Muslime, die in Wirklichkeit Heiden waren, mussten nur noch die so entstandene Lücke ausfüllen. Sie stammten aus dem heutigen Südjordanien und übernahmen erst in den eroberten Gebieten einen vagen jüdisch-christlichen Monotheismus, der sich erheblich später zum Islam entwickeln sollte. Die ersten vier Kalifen könne man besser vergessen; der wirkliche Herrscher in Syrien sei Muʿāwiya gewesen, anderswo bekannt als der erste oder zweite Umayyadische Kalif, der dort in der Tat ab 642 Statthalter war.

Inârah
Des Weiteren gibt es die sog. Inârah-Gruppe, benannt nach dem Inârah Institut in Saarbrücken, und die sechs Bände, die die Mitglieder/Angehörigen bis jetzt veröffentlicht haben (2005–2012). Die führenden Gelehrten in der Gruppe sind K.-H. Ohlig, Gerd R. Puin und Volker Popp. Auch Chr. Luxenberg fand hier ein Zuhause; sein Beitrag war, dass der Koran als syrischer Text gelesen werden muss, und dass er ganz andere Sachen enthält, als jeder gedacht hatte. Auch Claude Gilliot machte eine Zeitlang bei der Gruppe mit.
Diese Autoren verspüren das Bedürfnis die arabische Geschichte noch drastischer neuzuschreiben, als es je zu vor geschah. Ich versuche zusammenzufassen: Der Koran ist ein ursprünglich christlicher Text, geschrieben auf Syrisch (Luxenberg). Als Quelle für den frühen Islam ist er wertlos. Die Biografie des Propheten wurde nach 800 zusammengebastelt; Ibn Ishāq hat nie existiert. Echte Quellen sind Inschriften, Münzen und christliche Texte. Muḥammad ist kein Eigenname, sondern ein Adjektiv, „gepriesen“ oder „lobenswert“, das sowohl auf  Jesus, wie auch auf  ‘Alī ibn abī Tālib angewandt wurde. Als historische Persönlichkeit hat es Mohammed nie gegeben. Die Religion der Araber, die Syrien im 7. Jahrhundert beherrschten, war nicht der Islam. Der wurde nämlich erst ca. 700 ins Leben gerufen, von dem Umayyadenkalif ‘Abd al-Malik, der die sogenannte koranische Bewegung aus Zentralasien (!) nach Syrien und Palästina hinüberbrachte. Sie war dort aus einem starken arabischen vor-nizänischen Christentum enstanden, das nach der sassanidischen Deportation der Christen von Hatra im Jahr 241 irgendwo bei Marw in Zentralasien überlebt hatte. (Sind Sie noch da?) 
Die Beweise für all dies sind so dünn, dass man solche Artikel kaum noch wissenschaftlich nennen kann. Trotzdem stehen auch einige unbestreitbar wichtige Beiträge in diesen Bänden, z.B. die von Gerd und Elisabeth Puin über den Koran, von Gilliot über Hadithgelehrte. Überdies regen sie das eigene kritische Denken an.
Die Autoren der Inârah-Veröffentlichungen bilden eine ziemlich heterogene Gruppe, sie scheinen aber zwei Abneigungen zu teilen: eine gegen den modernen Islam und eine gegen traditionelle Orientalisten. Crone und Cook bekämpften nur ihre orientalistischen Lehrer; die meisten Inârah-Beiträge dagegen haben auch einen Anti-Islam-Abschnitt. Für Islamhasser wäre es bestimmt angenehm, ein siebtes Jahrhundert ohne Mohammed, ohne Koran, ohne arabische Eroberungen und ohne Islam zu haben. Aber solch ein Wunschdenken ist kein brauchbarer Ausgangspunkt für ein wissenschaftliches Studium.

Mainstream Forschung
Inzwischen wurde auf der Grundlage der Standarderzählung in aller Ruhe weitergeforscht. Auch hier nenne ich nur drei Werke.
Hugh Kennedy schrieb ein ruhiges und auch für Laien sehr gut lesbares Buch über die Eroberungen, in dem neue Forschungsergebnisse, auch seine eigenen, nicht fehlen.
Michael Moroney schrieb über den Irak nach der Eroberung durch die Araber. Sein Buch handelt also nicht von Medina, bietet aber viele Details über Verwaltung und Alltagsleben in einer der wichtigsten Provinzen des neuen Reichs.
Eine besondere Erwähnung verdient hier das Buch von Michael Lecker, Muslims, Jews and Pagans, und zwar aus zwei Gründen: Erstens konzentriert sich der Autor auf Medina; er bietet sogar eine historische und geografische Nahaufnahme der sog. Oberländer oder Hohen Länder (‘awālī) Medinas zu Mohammeds Zeit und kurz danach. Zweitens bleibt er der Standarderzählung extrem treu. Sein Buch ist sehr reichhaltig und um Vieles wissenschaftlicher als die post-hagaristischen Werke, die ich weiter oben beschrieb. Doch weiß auch Lecker meine Zweifel in Bezug auf Medina keineswegs zu beheben, wenn er es auch noch so detailliert beschreibt. Was mich vor allem verwundert, ist zum einen die Leichtigkeit, mit der er ein Buch von as-Samhūdī aus dem fünfzehnten Jahrhundert zur Hauptquelle für die Geschichte Medinas im siebten Jahrhundert erklärt, und zum anderen das Vertrauen, das er in alte Genealogien hat.

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