Das Kalifat in Medina, oder: das erste Arabische Reich, 622–661

Was braucht ein Reich und über was verfügte das erste Araberreich?

1. Ein großes Grundgebiet
2. Eine Bevölkerung
3. Eine zentrale Befehlsgewalt, Statthalter, Steuer- und andere Beamte, Richter
4. Schnelle und zuverlässige Kommunikationsmittel
5. Agrarüberschüsse und regelmäßige Steuereinkünfte
6. Ein stehendes Heer unter zentralem Kommando und das Geld um sie es bezahlen.
7. Legitimität der Regierung 

Es sieht so aus, dass von all dem in Arabien nicht viel vorhanden war.
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1. Ein großes Grundgebiet
 gab es, immens und sich noch immer erweiternd. Wenn dieses Reich je ein Territorialproblem hatte, war es vielleicht der Mangel an Grenzen, aber das ist hier nicht relevant.
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2. Was für eine Bevölkerung hatte das erste arabische Reich? Als die Eroberungen anfingen, ertrank die kleine Zahl der Kämpfer aus Zentralarabien, allenfalls erweitert um ein paar mehr aus dem verarmten Jemen, in einem Meer von Nichtarabern. Anfangs mischten sie sich kaum mit den eroberten Völkern; das blieb noch mehr als ein Jahrhundert ein Problem. Aber in der Antike war es offenbar möglich, große Gebiete mit nur wenigen Soldaten zu beherrschen, und das Araberreich unterschied sich in dieser Hinsicht nicht sehr von dem Reich Alexanders oder vom Oströmischen Reich, wo eine Handvoll griechischsprachiger Römer ihre Provinzen erfolgreich dominierten. Ein Stützpfeiler des neuen Reichs waren diejenigen Araber, die schon von alters her in Syrien und im westlichen Irak wohnten.
Natürlich lebten Millionen Nichtaraber in den eroberten Gebieten: Syrer, Perser, Ägypter und andere. Vielleicht waren sie den neuen Machthabern nicht feindlich gesinnt, weil diese anfangs viele der alten Strukturen in Verwaltung und Steuersystem intakt ließen. Aber konnten die Araber sich auf sie verlassen? Ein Beispiel: 646 wurde er eine Expedition übers Meer gegen Zypern unternommen. Die teilnehmenden Soldaten waren alle Araber, 12.000 wie man sagt, aber alle Seeleute auf den zweihundert Schiffen waren nichtarabische Syrer. In diesem Fall lief offenbar alles nach Wunsch. Aber sogar noch im Jahr 717, bei einem Angriff der Marine auf Konstantinopel mit Schiffen aus Ägypten, erkannten die Seeleute plötzlich, dass sie sich jetzt auf christlichem Gebiet befanden und desertierten zur Römischen Seite. Warum sollten die Untertanen gegenüber dem arabischen Herrenvolk loyal sein?
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3. Die zentrale Befelhlsgewalt soll also der Kalif in Medina innegehabt haben, der laut Überlieferung das gewaltige Reich von dort aus regierte. Die ersten Kalifen verließen Medina kaum; nur von ʿUmar wird glaubwürdig erzählt, dass er al-Djābiya, die alte Ghassānidenhauptstadt auf den Golan-Höhen und das Hauptquartier der arabischen Eroberung Syriens, besucht hat.
Die Anzahl der arabischen Beamten (Statthalter, Steuer- und anderen Beamte, Richter) war sehr beschränkt: dieses Reich hatte ein Personalproblem. Außerhalb Arabiens blieben die Beamte der vormaligen Reiche einfach im Dienst, weil ihr Sachverstand dringend benötigt wurde. Albrecht Noth hat bereits 1973 nachgewiesen, dass eine zentralistische Regierung, mit dem wie eine Spinne im Netz  in Medina residierenden Kalifen, wo er alles bis ins Detail organisiert und geregelt hatte, aus rein logistischen Gründen unmöglich war. Regierung durch Korrespondenz, wie es die arabischen Geschichtsquellen uns glauben machen wollen, ist eine literarische Fiktion, die laut Noth mit einem späteren Kalifatsideal übereinstimmen sollte. Oder es war ein Ideal, das aus der Antike übrig geblieben war. Der Historiker Diodorus Siculus schrieb ca. 50 vChr über die Pharaonen des alten Ägypten:

  • Morgens nach dem Aufwachen waren die von überallher an ihn geschickten Schreiben zu lesen, damit er über alles genau im Bilde war, was sich im Reiche ereignete, und in der Lage, dementsprechend zu handeln und seine Maßnahmen zu treffen.1

Viel wahrscheinlicher ist es, dass die militärischen Befehlshaber in den entlegenen Provinzen unabhängig und nach Lage der Dinge handelten, wobei die zentrale Regierung nur einen ideellen Orientierungspunkt bildete.
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4. Schnelle und zuverlässige Kommunikationsmittel
Landwege: Große Reiche, wie Persien in der Achämenidenzeit, wurden unter anderem mit Hilfe eines höchst effizienten Post- und Nachrichtensystems regiert, hauptsächlich mit Pferden, aber auch mit Kamelen und Maultieren, wo die geographischen Verhältnisse das erforderten. Darüber hinaus gab es Systeme von Feuer- und Leuchtsignalen. Aus der Hauptstadt Persepolis führten Postwege nach Kleinasien, Indien und Zentralasien. Alle 20–30 Kilometer waren Relaisstationen eingerichtet, in denen die erschöpften Pferde und/oder Kuriere durch frische ersetzt werden konnten und wo auch eine Garnison und eine Filiale der Schatztruhe stationiert waren. Kuriere konnten bis zu 300 Kilometer am Tag zurücklegen und wussten die 3400 Kilometer von Persepolis bis zur Ägäis in vierzehn Tagen zu bewältigen; normale Reisende brauchten neunzig Tage. Alexander der Große hatte dieses System übernommen. Das Römerreich hatte auch Postsysteme gehabt: der cursus publicus, Posttauben und Ketten von Leuchtsignalen, durch welche ein Militärbefehl viele Hunderte Kilometer pro Tag zurücklegen konnte. Am Vorabend der arabischen Eroberungen waren sowohl das persische wie auch das oströmische Postsystem verfallen. Die Umayyaden übernahmen später diese Systeme, brauchten aber einige Zeit um sie zu verstehen und wieder funktionsfähig zu machen. Vor der Umayyadenzeit wurden sie im Araberreich nicht benutzt oder bestenfalls örtlich und nur teilweise, und sie erreichten sicherlich nicht die Arabische Halbinsel. Medina hatte eine sehr unvorteilhafte Lage. In Arabien konnten auf langen Strecken keine Pferde verwendet werden, weil Wasser und geeignetes Futter vielerorts fehlten. Eine Kamelkarawane brauchte dreißig Tage von Medina bis zur Grenze Syriens oder des Iraks und dort fing die bewohnte Welt erst an. Natürlich konnten individuelle Reiter auf einem Kamel schnell reiten, aber ein Postsystem fehlte ganz und gar.
Seewege: Für Konstantinopel war Schifffahrt wichtig, aber für Medina war sie keine Option. Um 600 verliefen de wichtigsten Schifffahrtsrouten im Roten Meer entlang der afrikanischen Küste mit Adulis als wichtigstem Hafen. Äthiopier hatten die berüchtigt schwierige Navigation in diesem Meer von den Griechen gelernt. Der Verkehr von Indien nach Europa berührte Arabien kaum; nur der Hafen von Aden war von Bedeutung. Von Medina bis zum kleinen Seehafen der Stad, al-Djār, brauchte man drei Tage über Land und die Seeroute von dort gen Norden war wegen oft ungünstiger Winde mühsam. Das war schon für die Römer ein Grund gewesen die nordarabischen Häfen zu meiden, die indischen Waren vielmehr direkt im ägyptischen Berenice auf Kamele umzuladen und von dort über Land weiter zu transportieren bis an den Nil. Schifffahrt im Roten Meer kann zur Erhaltung des Reichs keine Rolle gespielt haben. Der Seeweg von Südpersien nach Aden und umgekehrt war für imperiale Zwecke brauchbar, wie die Perser bewiesen hatten, indem sie ab 570 den Süden Jemens ein halbes Jahrhundert besetzt hielten, aber für Medina war diese Route nicht relevant.
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5. Agrarüberschüsse und ein daran gebundenes Steuersystem. Ein Staat braucht gemeinhin beträchtliche Mengen Stapelwaren, wie Getreide oder Reis. Nach traditioneller Ansicht hatte die Arabische Halbinsel kaum Agrarüberschüsse zur Steuererhebung, sondern war weitgehend eine Bedarfs- oder Subsistenzwirtschaft. Dieses Bild findet man vor allem in der vorislamischen Poesie bestätigt. Vieh war Reichtum (māl), Reichtum war Vieh. Aber während es manchmal einen bescheidenen Überschuss an Vieh und Datteln gab, mussten Getreide, Kleidung, Waffen und Luxusgüter zum Großteil importiert werden. Dieses Bild der Armut muss vielleicht revidiert werden, wenn man Gold und Silber, die in ziemlichen Mengen in Gruben gewonnen wurden, miteinbezieht. Die Vorstellung von tapferen, aber bettelarmen Beduinen ist wohl zu romantisch.
Offensichtlich konnte das Arabische Reich in der ersten Zeit eine Weile ohne Agrarüberschüsse auskommen. Die Staatskasse wurde auf andere Weise gefüllt. Der Staat hatte Gruben in Arabien und machte in den eroberten Gebieten enorme Massen an Beute, sei es an Land, Vieh oder Geld. Bezahlungen und Zuwendungen konnten in Form von Grundbesitz Tausende Kilometer weiter getätigt werden. Nach dem späteren islamischen Recht kam ein Fünftel aller Beute dem Staat zu. Ob das in der Frühzeit auch schon so war und wie viel bewegliches Gut wirklich in Medina landete, ist noch nicht klar. Auf Dauer traf genug ein um in Medina einen Wohlfahrtsstaat und ein Gefühl von the high life zu kreieren, aber in den ersten Jahren vielleicht noch nicht unbedingt. Anfangs müssen die Staatseinnahmen noch ziemlich mager gewesen sein, aber der Ausblick auf fette Beute dürfte gereicht haben um das Heer auf Trab zu halten. Sobald die Eroberungen in Gang gekommen waren, konnte die Halbinsel allmählich auf eine Rentierwirtschaft umschalten.
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6. Ein stehendes Heer unter zentralem Kommando fehlte in den ersten Jahren des Arabischen Reichs, während sowohl das Oströmische wie auch das Persische Reich über solche Heere verfügten. Die Araber hatten anfangs eine unprofessionelle Volksarmee. Aber eben der Mangel an Organisation und klassischer Disziplin machte die ungeregelte Bande sehr flexibel, was zu ihrem militärischen Erfolg beitrug. Die Befehlshaber müssen nach eigener Einsicht gehandelt haben.
Die Kampesflust wird sehr unterschiedlich gewesen sein. Die Beduinen hatten immer schon gerne gekämpft, aber nur in ihrem eigenen wohlverstandenen Interesse. Die Plantagenbesitzer in Medina oder Tāʾif waren ohne Zweifel weniger begeistert als die Bewohner des verarmten Jemen, die in der Kriegsführung eine Chance gesehen haben werden um sich aus ihrem Elend zu befreien. Die Sira redet von einberufenen Kämpfern, die nicht mitmachen wollten, weil es gerade Erntezeit war; laut Koran klagten manche Männer über die Hitze oder hatten andere Ausreden (K 9:38, 42, 81). Abgesehen von Drohungen mit dem Höllenfeuer (K 9:81) können sozialer Druck und/oder Beuteversprechen sie überredet haben, doch noch mitzumachen. Regelmäßiger Sold Besoldung (‘atā’) wurde erst ab 640 gezahlt.
Geld, sei es Gold oder Silber, kommt immer gelegen beim Aufbau eines Reichs. Es erleichtert die Aufrechterhaltung eines stehenden Heers, ermöglicht das Kaufen von Verbündeten und hält Statthalter in den Provinzen glücklich und loyal. Die Schatztruhe von Persepolis hatte die persischen Heere und sogar die Oligarchien in den Stadtstaaten Kleinasiens ans Reich gebunden; das Gold von Thrakien hatte Alexander befähigt die Armee zu bezahlen, mit der er die halbe Welt eroberte.
 Was hatte das bettelarme Arabien in dieser Hinsicht zu bieten? Eine regelmäßige Steuererhebung in Form von Vieh oder Datteln kann es gegeben haben, aber in sehr bescheidenem Umfang; überdies war das Eintreiben von Steuern unter Beduinen nie eine leichte Aufgabe. G. W. Heck hat aber darauf hingewiesen, dass in Arabien Gold und Silber gefunden und gefördert wurden, so dass die Halbinsel, wie bereits erwähnt, gar nicht so bettelarm war. Quraisch handelte mit Edelmetallen. Unter den Goldgrubenbesitzern waren die Banū Sulaim; aber auch der erste Kalif Abū Bakr verdankte dem wohl seinen Reichtum. Dieses Gold — nicht in Form von Münzen, sondern in Krümeln und Bröckchen,— wird dazu beigetragen haben, die Kämpfer in der ersten, schwierigen Phase der Eroberungen bei der Stange zu halten. Das Versprechen reicher Beute muss den Rest getan haben.
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7. Legitimität der Regierung. In der Frühzeit existierte „der Islam, wie wir ihn kennen“ mit Sicherheit noch nicht. Aber ohne Zweifel war es ein ideologischer oder gar spiritueller Impuls, durch geheiligte Worte unterstützt, der die Araber dazu brachte, nicht länger gegeneinander, sondern zusammen gegen andere zu kämpfen. Ihre gemeinsame Sache können wir „Proto-Islam“ nennen. Was immer es war, es funktionierte erstaunlich gut und verlieh dem Reich ausreichend Legitimität, wenigstens in den Augen der Araber. Zweifel und Meinungsverschiedenheiten kamen unter ihnen erst am Ende der ersten drei Jahrzehnte auf. Die Meinungen der neuen Untertanen spielten in dieser Periode noch keine Rolle.

Die Halbinsel genügte also nur einigen, lange nicht allen Anforderungen für eine Reichsgründung. Über die ersten dreißig Jahre bleiben Zweifel bestehen. Es wuchs ein arabisches Reich heran, da gibt es keinen Zweifel. Anfangs war es vielleicht schwierig, Kämpfer zu mobilisieren, aber sobald die Beute hereinströmte, kamen sie zu Tausenden. Was unglaubwürdig bleibt, ist ist die Behauptung, dieser Staat habe einen zentralistischen Charakter gehabt und das unglücklich gelegene Medina sei seine Hauptstadt gewesen.

Und es gibt noch eine Erwägung. Die meisten zeitgenössischen nicht-islamischen Gelehrten neigen zu der Ansicht, dass wir über den Propheten Mohammed sehr wenig wissen. Und dann sollen die Ereignisse nach seinem Tod auf einmal im vollen Licht der Geschichte stattgefunden haben und allen schriftlichen Quellen soll nach ihrem Wortlaut geglaubt werden müssen? Auch das ist wenig wahrscheinlich.

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ANMERKUNG:
1. Diodorus Siculus, Βιβλιοθήκη ἱστορική / Bibliotheca Historica: i, 70: ἕωθεν μὲν γὰρ ἐγερθέντα λαβεῖν αὐτὸν ἔδει πρῶτον τὰς πανταχόθεν ἀπεσταλμένας ἐπιστολάς, ἵνα δύνηται πάντα κατὰ τρόπον χρηματίζειν καὶ πράττειν, εἰδὼς ἀκριβῶς ἕκαστα τῶν κατὰ τὴν βασιλείαν συντελουμένων. Übersetzung: Diodoros, Griechische Weltgeschichte. Buch i-ix. Erster Teil, übers. von Gerh. Wirth […], Stuttgart 1992.

Diakritische Zeichen: ʿUmar, al-Ǧābiya, Ġassāniden, al-Ǧār, Ṭāʾif, ʿaṭāʾ