Die heiße und die kalte Hölle

dsc_7917-thumb-1024xauto-67094Aus Bibel und Koran kennen wir die Hölle als einen extrem heißen Ort, ein ständig loderndes Feuer. Im arabischen Text Kitāb al-Azama (anonym; achthundert Jahre alt?) fand ich neben einer ausführlichen Beschreibung der uns bekannten Hölle auch ein Fragment zum Temperaturkontrast. Der Autor konnte hier, wie immer unter dem Deckmantel der Gottesfurcht, seine sadistische Seite mal wieder so richtig ausleben.

Mālik ist der Wärter der islamischen Hölle. In Koran 43:77 wird er kurz erwähnt, wenn die Gefolterten ihn fragen, ob der Herr ihnen nicht den Garaus machen kann. Nein, ist die Antwort, ihr bleibt hier! Darauf baut der nachfolgende Auszug aus dem Buch auf. Ein Hinweis vorab: Er ist die freie Fantasie eines uns unbekannten Autors und nicht Bestandteil des gängigen islamischen Gedankenguts.

  • (Übersetzter Text:) […] Da kommen die Schergen der Hölle (zabāniya; K. 96:18) hervor um die Tore wieder zu schließen. Die Bewohner der Hölle toben laut, weinen bitter und sagen: Mālik, warum hast du beschlossen die Tore wieder zu schließen? Er antwortet: Es ist notwendig, sie zu schließen und zu vernageln, denn in Gehenna gibt es nur Enge und Bestrafung; sie ist stockdunkel und voller Bestrafungen und Fesseln. 
Da toben sie laut und sagen: Mālik, zeige uns doch etwas, was die Folterung erleichtern kann. Er antwortet: Betet zu eurem Herrn, dass er die Fessel nicht noch fester anzieht. Das tun sie, aber jedes Mal, wenn sie beten, wird das siedende Wasser (hamīm) noch heißer für sie und die Schergen worden zornig und Feuerzungen schießen aus gegen sie, bis sie elend dran sind. Da flehen sie alle zusammen um Hilfe: Herr, foltere uns, wie Du willst, aber sei nicht zornig mit uns!
 Dann sagen sie: Mālik, gib uns etwas zu trinken, was unsere Eingeweide erquicken kann. Aber er sagt: Ihr Elenden, in Gehenna gibt es nur siedendes Wasser, flüssiges Kupfer und Ekelkost. Sie sagen: Dies halten wir nicht aus! Er sagt: Ob ihr es aushaltet oder nicht, macht keinen Unterschied; euch wird nur vergolten, was ihr getan habt. Sie toben alle durcheinander und rufen: Mālik, Mālik! – hundert Jahre lang. Darauf antwortet er: Was ist los, ihr Elenden? Dann sagen sie: Mālik, bring uns in die Kälte)!
 Die Schergen führen sie in die Kälte, die besteht aus Löchern, Tälern, Höhlen, Grotten, Särgen und Schluchten. Sie schleppen sie aus den Seen des Höllenfeuers und führen sie in die Kälte. Erfreut kommen sie an bei den Bergen aus dem Schnee und dem Eis der Kälte, bei den Löchern in der Kälte und den Hügeln der Kälte, die von Gottes Zorn sind. 
In der Kälte gibt es einen Wind, Sarsar mit Namen, der sie mitführt und sie über die Hügel zerstreut und ihr Fleisch ausbreitet, es abschneidet und es in die Kälte wirft. ‘Abdallāh ibn Salām sagte: Bei ihm, in dessen Hand meine Seele ist, die Schergen hören nicht auf ihr Fleisch abzuschneiden mit Messern von Gottes Zorn, während das Blut aus ihren Körpern strömt und sie nackt und barfuß in der Kälte sind. Die Folterung durch die beauftragten Schergen endet nie.
 Hundert Jahre lang rufen sie: Mālik, Mālik! Aber er sagt zu den Schergen: Gießt etwas Wasser aus der Kälte über ihre Köpfe! Sie tun, wie er es befohlen hat und es gefriert an ihren Körpern. 
Sie schreien und toben laut und rufen wieder hundert Jahre lang: Mālik, Mālik! Dann sagt Mālik: Wie geht es euch jetzt, Ihr Elende? Und sie sagen: Wir hatten gehofft, dass unsere Folterung durch die Kälte erleichtert worden wäre, aber sie ist noch schlimmer geworden, also bring uns wieder zurück ins Höllenfeuer! Dann sagt Mālik zu den Schergen: Bringt sie zurück ins Höllenfeuer! und das tun sie. Wenn sie in ihren Unterkünften im Höllenfeuer ankommen, spüren sie, dass es siebzigmal heißer ist als zuvor. 
Sie rufen hundert Jahre lang: Mālik! Dann fragt Mālik sie: Wie geht es euch jetzt, Elenden? Und sie antworten: Bring uns zurück in die Kälte.
  • ‘Abdallāh ibn Salām sagte: Sie werden abwechselnd hundert Jahre am einem Ort gefoltert und hundert Jahre am anderen.

Das Wort für „eisige Kälte“, zamharīr, kommt einmal im Koran vor (K. 76:13). Der Vers handelt allerdings nicht von der Hölle, sondern vom Paradies, dessen Bewohner sich bei moderatem Wetter entspannen und weder durch Sonne, noch durch Kälte belästigt werden — anders als das auf der Erde der Fall ist, sollte man dazu denken. Ich habe nur einen Hadith gefunden, in dem von Kälte in der Hölle die Rede ist:

  • Der Prophet sagte: „Die Hölle beklagte sich bei ihrem Herrn: ‘Herr, Teile von mir haben andere verzehrt.’ Dann bekam sie Erlaubnis, zweimal zu verschnaufen: einmal im Winter und einmal im Sommer. Das sind die extreme Hitze, die ihr im Sommer erleidet und die Eiseskälte (zamharīr), die ihr im Winter erleidet.“ 1

Darauf habe ich das Wort zamharīr in den Korankommentaren von Muqātil ibn Sulaimān, at-Tabarī, Ibn Kathīr und al-Qurtubī nachgeschlagen. Dort werden hauptsächlich Worterklärungen angeboten. At-Tabarī und al-Qurṭubī zitieren den obigen Hadith; überdies verweist al-Qurtubī auf eine Verszeile von al-A‘shā (± 570–625), die stark an den Wortlaut von Koran 76:13 erinnert.Kurzum, sowohl die Koranexegese wie auch der Hadith zum Thema sind äußerst dünn und können nicht die Inspirationsquelle der lebhaften Beschreibung in al-Azama gewesen sein. Der Autor muss also Zugang zu anderen Gedankenwelten gehabt haben. Ich habe einen jüdischen, einen christlichen und einen vorislamisch-persischen Text gefunden, wo es in der Hölle kalt ist. Die jüdische Legende zur Höllenfahrt Mosis redet sowohl von Kälte wie auch von Hitze:

  • Moses willigte ein und sah zu, wie die Sünder verbrannt wurden, die Hälfte ihrer Körper in Feuer eingetaucht, die andere Hälfte in Schnee, während Würmer, die in ihrem eigenen Körper ausgebrütet waren, über sie her krochen […]. 3

In der Hölle, wie sie in der christlichen Paulusapocalypse (Visio Sancti Pauli, nach 400) beschrieben wird, ist zumindest ein kalter Ort vorhanden:

  • Und wiederum erblickte ich dort Männer und Weiber mit zerschnittenen (oder: abgeschnittenen) Händen und Füßen und nackt an einen Ort von Eis und Schnee gestellt, wo Würmer sie verzehrten.4

In der Hölle des Ardā Wirāz Nāmag (Persisch, ca. 600) mangelt es eben so wenig an Kälte. Auch hier wird der Kontrast zwischen heiß und kalt als Foltermethode angewandt:

  • Dann sah ich die Seelen der Sünder, die ewig Strafen erlitten, wie Schnee, Graupel, Eiseskälte und die Hitze eines lodernden Feuers, Gestank und Steine und Asche, Hagel und Regen und viele andere Übel […].5 Auf die Seelen derjenigen, die in die Hölle gefallen waren, wurde von unten Rauch und Hitze geblasen und ein kalter Wind von oben.6

In einem Gebiet in der Hölle ist es nur kalt:

  • Ich sah die Seele eines Mannes, der einen Berg auf seinem Rücken trug, und er trug den Berg in Schnee und Kälte.7

Die Vorstellung einer kalten Hölle war in der Antike also ausreichend vorhanden um Azama zu inspirieren. Aber in keiner der drei obigen Quellen werden die Kälte und der Kontrast zwischen heiß und kalt so ausgearbeitet wie in Azama. So lange ich keine andere Quelle entdecke, betrachte ich das als einzigartig.8

Der arabische Text, meiner ʿAẓamaWebseite entnommen:

قال فتقدمُ الزبانية لترد الأبواب فيضجون أهل النار ضجّة عظيمة ويبكون بكاءً شديدًا ويقولون: يا مالك ما بال الأبواب قد عزمت على أن تردها؟ فيقول: لا بدّ من ردّها وتسميرها فليس في جهنم الاّ الضيق والنكال وهي سوداء مظلمة شديدة الأنكال والأهوال. قال فيضجون ضجة عظيمة ويقولون: يا مالك ما تدلنا على شيء يخفف عنا العذاب، فيقول: ادعوا ربّكم حتى لا يضيق عليكم القيود. قال فيدعوا فكلما دعوا يشتد عليهم الحميم وغضب الزبانية وتطاولت ألسنة النار حتى يكونوا في جهد جهيد،  فيستغيثون بأجمعهم: يا ربنا عذبنا بما شئت وكيف شئت ولا تغضب علينا. ثم يقولون: يا مالك اسقنا ماء تبرد به أكبادنا. فيقول: يا معاشر الأشقياء ليس في جهنم الاّ الحميم والمهل والغسلين. فيقولون: ليس نصبر على هذا فيقول أصبروا أو لا تصبروا سواء عليكم انما تجزون ما كنتم تعملون. قال فيصيحون باجمعهم وهم يقولون يا مالك مائة سنة فيجيبهم بعد مائة سنة: أي شيء بكم يا أيها الأشقياء فيقولون يا مالك أخرجنا الى الزمهرير، قال فتخرجهم الزبانية الى الزمهرير من الجباب والأودية والكهوف والمغاير والتوابيت والفجاج ويشيلوهم من بحار النار، ثم يسوقوهم الى الزمهرير فيحضرونهم وهم فرحين الى جبال من الثلج وأيضا زمهرير من الثلج وإلى جباب من الزمهرير وإلى آجام من الزمهرير وذلك كله من غضب الله تعالى. وفي ذلك الزمهرير ريح يقال له صرصر فتحملهم وتنسفهم في تلك الآجام فتنثر لحومهم وتقطعها وتطرحها في الزمهرير.  قال عبد الله بن سلام والذي نفس عبد الله بيده لا تزال الزبانية تقطع لحومهم بسكاكين من غضب الجبار والدم يسيل من أجسامهم وهم عراة حفاة في الزمهرير. والزبانية موكلين عليهم لا يفنى عذابهم أبدًا. ينادون: يا مالك مائة سنة. قال فيقول للزبانية صبوا فوق رؤوسهم من ماء الزمهرير فيفعلون ما امرهم به مالك فيجمد على أبدانهم فيصرخون ويضجون ضجة عظيمة،  ثم ينادون: يا مالك مائة سنة فيقول: ما حالكم يا أشقياء؟ فيقولون: إنما رجونا أن يخفف عنا العذاب بالزمهرير فلقد زاد عذابنا فردنا إلى النار.  فيقول مالك للزبانية: ردوهم الى النار فيردوهم فاذا وصلوا الى منازلهم في النار وجدوا النار قد زادت سبعين ضعفا عما كانت. فينادون: يا مالك مائة سنة فيقول لهم مالك: ما حالكم يا أشقياء؟ فيقولون: أخرجنا الى الزمهرير. قال عبد الله بن سلام رضي الله عنه يعذبون هاهنا مائة سنة وهاهنا مائة سنة.
وان الله لما فرغ من خلق النار جعلها على عظمها في متن الريح.

ANMERKUNGEN 1. Muslim, Masāǧid 185; Buḫārī, Mawāqīt 9 und einige andere Stellen.

وَحَدَّثَنِي عَمْرُو بْنُ سَوَّادٍ وَحَرْمَلَةُ بْنُ يَحْيَى وَاللَّفْظُ لِحَرْمَلَةَ أَخْبَرَنَا ابْنُ وَهْبٍ أَخْبَرَنِي يُونُسُ عَنْ ابْنِ شِهَابٍ قَالَ حَدَّثَنِي أَبُو سَلَمَةَ بْنُ عَبْدِ الرَّحْمَنِ أَنَّهُ سَمِعَ أَبَا هُرَيْرَةَ يَقُولُ قَالَ رَسُولُ اللَّهِ ص اشْتَكَتْ النَّارُ إِلَى رَبِّهَا فَقَالَتْ يَا رَبِّ أَكَلَ بَعْضِي بَعْضًا. فَأَذِنَ لَهَا بِنَفَسَيْنِ نَفَسٍ فِي الشِّتَاءِ وَنَفَسٍ فِي الصَّيْفِ. فَهْوَ أَشَدُّ مَا تَجِدُونَ مِنْ الْحَرِّ وَأَشَدُّ مَا تَجِدُونَ مِنْ الزَّمْهَرِيرِ.

2. .مُنَعَّمَةٌ طَفْلَةٌ كَالْمَهَاةِ لَمْ تَرَ شَمْسًا وَلَا زَمْهَرِيرَ, „an Komfort gewöhnt, zart wie eine wilde Kuh; sie hat weder Sonnenglut noch zamharīr erlebt.“
3. Louis Ginzberg, The Legends of the Jews, 6 Bde., Philadelphia 1955, ii, 313; weitere Hinweise v, 418.
4. Apokalype des Paulus 39, in: Neutestamentliche Apokryphen in deutscher Übersetzung. II. Apostolisches. Apokalypsen und Verwandtes, hrsg. W. Schneemelcher, Tübingen 19895, S. 664. Die ältere englische Übersetzung von M.R. James steht online.
5. Ardā Wirāz Nāmag: the Iranian ‚Divina commedia’, Ausg., Übers. und Kommt. Fereydun Vahman, London/Malmö 1986, 209. Eine ältere, weniger gute Übersetzung steht online.
6. ibid. 217. Andere Stellen ibid. 202, 210. 7. ibid. 206. 8. Klaus Gronau weist mich hin auf Thomas Mann, Doktor Faustus, wo Adrian Leverkühn ebenfalls eine Vision hat, in der Seelen von der Hitze in die Kälte und zurück getrieben werden.

Diakritische Zeichen: ḥamīm, ġislīn, Ṣarsar, ʿAẓama, at-Ṭabarī, Ibn Kaṯīr, al-Qurṭubī

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