Einundvierzig Höllenqualen

Momentan arbeite ich konzentriert an der Ausgabe eines alten arabischen Textes, das Kitāb al-‘Azama.

Eine Textausgabe hat etwas Handwerkliches, etwas Gemütliches für die Winterabende: Rätsel lösen, mit (Fotos von) ungefähr zehn alten Handschriften auf dem Tisch. Nachdem ich zur Einstimmung ein Fragment über die heiße und die kalte Hölle hier eingegeben hatte, sind jetzt die Höllenqualen an der Reihe, um die vierzig an der Zahl, eine noch grausamer als die andere — das macht richtig Spaß. Um Ihnen einen Eindruck zu geben: Es sieht so aus:

  • – Darauf wurden andere aus dieser Gemeinschaft gebracht, deren Haut abgezogen und danach wieder aufgebracht wurde. Über sie rief ein Herold: Dies sind diejenigen, die sich um einen guten Ruf und Ruhm bei den Fürsten und Sultanen dieser Welt bemüht haben.
    – Darauf wurden andere aus dieser Gemeinschaft gebracht, deren Bauch aufgeschlitzt wurde, in den dann Pfähle aus Feuer getrieben wurden und denen ihre Ohren zu essen gegeben wurden. Über sie rief ein Herold: Dies sind die Imame und Muezzins der Muslime, die zum Gebet riefen, aber für Lohn beteten, die Güter der Menschen begehrten und sich die Belohnung bei Gott versagten.
    – Darauf wurden andere aus dieser Gemeinschaft gebracht, die mit dem Kopf nach unten gekreuzigt wurden und in deren Ohren Blei aus dem Höllenfeuer gegossen wurde. Über sie rief ein Herold: Dies sind diejenigen, die an der Botschaft Mohammeds zweifelten.

Solche Texte gab es schon im alten Persien, aber sie sind auch in apokryphen christlichen Texten zu finden — und in der Biographie des Propheten Mohammed, der ja während seiner Reise durch Himmel und Hölle seine Augen offen gehalten haben soll. Ein kurzer Hinweis auf die verwandten Texte bereits hier.

Man kann schon verstehen, warum der Koran so gerne gelesen wird. Der spielt ja immer nur kurz auf die Hölle an, so dass sich jeder selbst Angst einjagen kann. Bei ausgearbeiteten Beschreibungen der Höllenqualen wie den obigen tritt nach einiger Zeit Langeweile ein und der Schrecken bleibt aus. Man sieht auch in den Handschriften, dass der eine oder andere Kopist mit Leichtigkeit noch einige Foltern hinzuerfinden konnte. Sein Nachbar, ein Neffe oder der Steuerbeamte sollte auch noch zur Hölle fahren und bekam mit Gusto eine Folterung zugedacht.

Das Prophetenwort, nach dem „die meisten Einwohner der Hölle Frauen sind“,1 ist in diesem Text übrigens nicht berücksichtigt worden. In ʿAẓamas Hölle gibt es nur ganz wenige Frauen. Ganz hart bestraft — allerdings nur in zwei Handschriften — werden Frauen, die behaupten, sie hätten Kopfschmerzen, während sie keine haben.

Nachschrift: Inzwischen kann man hier das ganze Kapitel in englischer Übersetzung lesen.

ANMERKUNG
1. Bukhārī, Bad’ al-khalq 8: . اطّلعت في الجنة فرأيت أكثر أهلها الفقراء واطّلعت في النار فرأيت أكثر أهلها النساء

Diakritische Zeichen: Kitāb alʿ-Aẓama, Buḫārī, bad’ al-ḫalq

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