Urwa, der älteste Biograf Mohammeds

BAUSTELLE!

Der bekannteste arabische Autor zur Mohammedbiografie (sira) ist Ibn Ishāq (704–767), der oft gelesen wird in einer Bearbeitung von Ibn Hisham (gest. ca. 830). Zwei Generationen älter und mindestens so wichtig war aber ‘Urwa ibn az-Zubair (± 643–712). Weil er kein Buch hinterlassen hat,1 hört man aber über ihn weniger. Dies kann sich ändern, wo jetzt ein wichtiger Teil seiner separat überlieferte Texte in einer deutschen Übersetzung zusammengebracht und kommentiert worden ist (→Görke/Schoeler, Die ältesten Berichte). Das Buch ist wichtig; leider ist es in den USA erschienen und liegt hier nicht in den Schaufenstern.

‘Urwa war ein Sohn des az-Zubair ibn al-‘Awwām, der zu den ersten Anhängern Mohammeds und zu der frühesten Elite dessen Bewegung gehörte. Als ‘Ali 656 Kalif wurde, wandte diese Elite sich gegen ihn. Az-Zubair und noch anderen lieferten im Süden Iraks eine Schlacht mit ‘Alī: die Kamelschlacht, benannt nach dem Reittier, auf dem Aischa die Kriegshandlungen beobachtete. ‘Alī gewann, az-Zubair fiel und Aischa wurde gefänglich nach Medina abgeführt.

Ein Vierteljahrhundert später rebellierten zwei Söhne az-Zubairs, diesmal gegen den Umayyadenkalif Yazīd, den sie als illegitim betrachteten. Kurz zusammengefasst: ʿAbdallāh etablierte ein *Gegenkalifat in Mekka (680–692) und sein Bruder Mus‘ab eroberte und verwaltete in seinem Namen den Irak und einen Großteil Irans. Andere Provinzen zögerten noch; für die Umayyadenkalifen blieb erst mal nicht viel mehr als Syrien übrig.
‘Urwa war viel junger als die beiden Rebellen; er war der Intellektuelle der Familie und nicht politisch oder militärisch aktiv – wenn er auch in der Kalifatsfrage die Seite seiner Brüder gewählt hatte. Er wohnte meist in Medina und studierte und unterrichtete dort das Leben des Propheten, wie auch Hadith und Recht.
Zwölf Jahre lang gelang es den Umayyaden nicht das Gegenkalifat aufzurollen, vor allem weil gerade einige schwache Kalifen an der Regierung waren. Als der starke Kalif ‘Abd al-Malik angetreten war, ging alles ziemlich schnell. ‘Abdallāh wurde getötet; Mus‘ab war schon etwas früher im Irak gefallen und das war das Ende des Gegenkalifats.

Diese kleine Geschichtsfragment war nötig um ‘Urwa’s Schriften besser einordnen zu können. Nach der Katastrophe in Mekka eilte ‘Urwa nämlich zu ‘Abd al-Malik in dessen Hauptstadt Damaskus. Der Kalif ließ ihn nicht umbringen, aber gab ihm eine Aufgabe: er sollte die Geschichte des Propheten und der Anfänge des Islams aufschreiben – natürlich aus seinem Medinagefärbten Gesichtspunkt. Als er in Medina zurückgekehrt war, tat er das, indem er eine Anzahl „Briefe“ (rasā’il) schrieb.
Das milde Verhalten ‘Abd al-Maliks ist gut verständlich. Er stand ja vor der Aufgabe das verteilte Reich zu einigen und versuchte das u.a. mittels einer Geschichtsschreibung, die für alle Teile des Reichs akzeptabel sein würde. Der früheste Islam, mit seinem Orientierungspunkt (qibla) nach Jerusalem, war vielleicht doch eine überwiegend syrisch-palästinensische Angelegenheit gewesen. Der *Felsendom in Jerusalem, eine rotunda, die 691 fertig gebaut wurde, war Endpunkt und Höhepunkt des „syrischen“ Islams. Eigentlich ist das Gebäude eine Ansage an die Christen, zu denen der junge Islam auf Distanz ging. Oft hat man gedacht, dass der Felsendom gebaut wurde, weil Mekka während des Gegenkalifats vorübergehend nicht zugänglich war. Aber es kann genau so gut umgekehrt sein: 692 fand eine Umkehr statt, durch welche Arabien in der Staatsideologie einen viel größeren Platz zugeteilt bekam und der Felsendom, so jung wie er war, gleich schon zweitrangig wurde. Mit anderen Worten: Mekka, die Ka‘ba und Medina wurden erst jetzt wichtig gemacht; die arabische Halbinsel zählte fortan voll und ganz mit und somit wurde potentiellen Rebellen wenigstens aus Arabien der Wind aus den Segeln genommen.

Bei dieser Arabisiering des Islams haben ‘Urwas Schriften meiner Meinung nach2 eine wichtige Rolle gespielt. Die Briefe schrieb er für den Hof, aber er hatte auch noch etliche andere Texte, die er seinen Schülern überlieferte. Von seinem Werk ist ein erheblicher Teil bewahrt und somit können wir feststellen, dass ʿUrwa der Lieferant der wichtigsten sira-Kapitel gewesen ist. Sie sind hauptsächlich von zwei Personen überliefert worden: sein Sohn Hishām und der Gelehrte az-*Zuhrī. Ibn Ishāqs Werk enthält viel ‘Urwa-Material, wie auch das des *Ma‘mar ibn Rāshid, der noch einen separaten Beitrag verdient.
Die Briefe sind meist kurz gefasst. ‘Abd al-Malik mochte keine lange Texte und verabscheute die Fantasie der sog. Erzähler (qussās). Ein Beispiel von ‘Urwas persönlichem Wirken in der frühesten islamischen Geschichtsschreibung sieht man an der Rolle, die Abū Bakr und dessen Familie in einigen zentralen Texten spielen. ‘Urwa’s Mutter war Asmā’, eine Tochter Abū Bakrs. Ihre Schwester Aischa, die Frau des Propheten, war also seine Tante. In ‘Urwas Berichte und Erzählungen zur Emigration (*hidschra), zum Sterbebett des Propheten und zur Keuschheit Aischas werden Abū Bakr und seine Familie stark auf den Vordergrund gestellt. Liegt es nicht nahe, dass ʿUrwa auch in anderen Erzählungen seine eigene Akzente gesetzt hat und dabei die Wichtigkeit von Mekka und Medina gehörig aufgeblasen hat?

ANMERKUNG
1. Außer dem Koran gab es zu der Zeit noch keine Bücher. Das Werk: ‘Urwa ibn al-Zubair, Maghāzī rasūl Allāh, bi-riwāyat Abī al-Aswad ‘anhu, Hrsg. M.M. al-A‘zamī, ar-Riyād 1981, ist nicht von ʿUrwas Hand.
2. Sie werden es bemerkt haben: in diesem Beitrag gibt es viel Mutmaßungen von mir und wenig gefestigte Kenntnis. Meine Mutmaßungen sind aber auch nicht dummer als die von Anderen, die sich in der letzten Zeit zur frühislamische Geschichte geäußert haben. Mehr dazu hier.

BIBLIOGRAPHIE
– A.A. Duri, The rise of historical writing among the Arabs, Hg. u. Übers. L.I. Conrad, Einl. F.M. Donner, Princeton 1983, insbes. S. 76–95.
– A. Görke, The historical tradition about al-Hudaybiya. A study of ‘Urwa ibn al-Zubayr’s account, in H. Motzki (Hrsg.), The biography of Muḥammad. The issue of the sources, Leiden 2000, 240-75.
– A. Görke und G. Schoeler, Die ältesten Berichte über das Leben Muḥammads. Das Korpus ‘Urwa ibn az-Zubair, Princeton 2008.
– G. Schoeler, Art. „‘Urwa ibn al-Zubayr,“ in EI2.
– G. Schoeler, Charakter und Authentie der muslimischen Überlieferung über das Leben Mohammeds, Berlin und New York 1996, 28–32, 145–54.

Diakritische Zeichen: ʿUrwa, Ibn Isḥāq, Hišām, Muṣʿab, Maʿmar ibn Rāšid, quṣṣāṣ, Maġāzī, al-Aʿẓamī, ar-Riyāḍ, Ḥudaybiya

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