In Gottes Hand. Gibt es Ansteckung?

In Saudi-Arabien, und fast nur dort, verbreitet sich das gefährliche und antsteckende MERS-Virus, das bis jetzt 38 Opfer gefordert hat. In Mekka, wo viele Pilger zusammenkommen, ist die Gefahr der Ansteckung besonders groß. Die Behörden haben deshalb den Pilgern nahegelegt Mundschutze zu tragen. Zwar ist jetzt kein Pilgermonat, aber nach Mekka kommen das ganze Jahr hindurch Pilger, nicht zuletzt im Ramadan. Überdies wird man mit Schrecken an den Haddsch im Oktober denken, wenn vielleicht zwei Millionen Menschen nach Mekka kommen wollen.
Aus islamischer Sicht haften an diesen Mundschutzen einige lästige Fragen. Mich persönlich berühren sie nicht, aber der Haddsch ist ein religiöses Fest und im Königreich ist man immer mit Religion beschäftigt; dort würde man schon einige theologische Reflexion erwarten.

Ich versuche nur ein wenig mitzudenken: Sollten die Saudischen Behörden auf Grund von Hadithen des Propheten den Haddsch in diesem Jahr nicht lieber absagen? Anlässlich einer Pestepidemie soll der Prophet ja gesagt haben:

  • Die Pest ist das Zeichen der Bestrafung; damit erprobt Gott manche seiner Knechte. Wenn ihr hört, dass irgendwo die Pest grassiert, geht dann dort nicht hin. Aber wenn sie in einem Gebiet auftritt, in dem ihr gerade seit, flieht dann nicht davon.1

Auch vor Aussatz soll er gewarnt haben:

  • Von Abū Huraira: Der Prophet hat gesagt: „Fliehe vor einem Aussätzigen, wie du vor einem Löwen fliehst!“ 2 

Aufgrund dieser Texte sollte man 2013 Mekka vielleicht meiden.

Andererseits, zu befürchten ist nichts, denn laut anderen Hadithen gibt es gar keine Ansteckung. Wenn Sie die Pest oder eine andere schlimme Krankheit bekommen, ist das Gottes Wille:

  • Von Abū Huraira: Der Prophet hat gesagt: „Es gibt keine Ansteckung.“ 3
  • Von Abū Huraira: […] Der Prophet hat gesagt: „Es gibt keine Ansteckung.“ Es stand ein Beduine auf, der fragte: „Wie ist es denn mit Kamelen, die im Sand so prächtig aussehen wie Gazellen, und wenn ein räudiges Kamel dazu kommt, bekommen sie auch die Räude?“ Darauf sagte der Prophet: „Aber wer hat dann das erste angesteckt?“ 4
  • Der Prophet nahm einmal die Hand eines Aussätzigen und tauchte die zusammen mit der seinigen in die Schüssel. Er sagte: „Iss in Vertrauen auf Gott und setze deine Hoffnung auf Ihn.“ 5

Wenn es keine Ansteckung gibt, wozu dann die Mundschutze für Pilger? Und sollte es doch Ansteckung geben, was soll man dann mit den Hadithen anfängen, die das Gegenteil behaupten?

Die Hadithe enthalten, wie so oft, strittige Meinungen. Es gibt noch viel mehr solche Texte; in dieser Diskussion muss es damals wirklich heftig hergegangen sein. Zur Medizin oder zur Alltagspraxis haben sie nichts beizutragen; sie sind der Niederschlag theologischer Diskussionen über die Frage, ob alles von Got vorherbestimmt ist oder doch nicht. Genauso wie z.B. im Hadith zur Verhütungstechnik Coitus interruptus:

  • Abū Sirma fagte Abū Saʿīd al-Khudrī: „Abū Saʿīd, hast du den Propheten je etwas zum Interruptus sagen hören?“
    „Ja,“ antwortete er, „wir gingen mit dem Propheten auf Kriegszug gegen die Banū al-Mustaliq und wir nahmen vornehme Beduinenfrauen gefangen. Wir waren schon lange weit von unseren Frauen weg, aber wir wollten auch das Lösegeld gerne haben, also wir wollten eine Genussehe schließen und die Rückziehermethode anwenden. Aber wir dachten: ,Werden wir das einfach so  machen, während der Prophet hier unter uns ist? Nein, lasst uns es ihn fragen.‘ Das taten wir und er sagte:
    „Es schadet euch nicht, wenn ihr es sein lasst, denn jedes Lebewesen, von dem Gott die Erschaffung vorherbestimmt hat bis zum Tage der Auferstehung, wird geboren werden.“ 6

Ob man krank wird oder nicht, ob eine Frau schwanger wird oder nicht, das hängt nur von Gottes Willen ab. Nein, lachen Sie nicht; so exotisch ist das nicht. Deutschland, Nordamerika und die Niederlande kennen ja unterschiedliche christliche und weltanschauliche Gruppen, deren Auffassungen auf dasselbe hinauslaufen, und die sich z.B. gegen Impfungen wehren.

Ich möchte mal wissen, ob es fromme Muslime gibt, die in Mekka nicht aus Ignoranz oder Faulheit, sondern aus Überzeugung keinen Mundschutz tragen oder in nachfolge des Propheten mit einem Aussätzigen essen gehen.

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ANMERKUNGEN
1. Muslim, Salām 93, Bukhārī, Ṭibb 30:

حدثنا عبد الله بن مسلمة بن قعنب وقتيبة بن سعيد قالا أخبرنا المغيرة ونسبه ابن قعنب فقال ابن عبد الرحمن القرشي عن أبي النضر عن عامر بن سعد بن أبي وقاص عن أسامة بن زيد قال  قال رسول الله ص: الطاعون آية الرجز ابتلى الله عز وجل به ناسا من عباده فإذا سمعتم به فلا تدخلوا عليه وإذا وقع بأرض وأنتم بها فلا تفروا منه.

2. Aḥmad ibn Ḥanbal, Musnad ii, 443: .قال رسول الله ص: فِرّ من المجذوم فرارَك من الأسد
3. Buḫārī, Ṭibb 54:

حدثنا أبو بكر ومجاهد بن موسى ومحمد بن خلف العسقلاني قالوا حدثنا يونس بن محمد حدثنا مفضل بن فضالة عن حبيب بن الشهيد عن محمد بن المنكدر عن جابر بن عبد الله  أن رسول الله ر قال  قال رسول الله ص: لا عدوى […] الخ

4. Buḫārī, Ṭibb 54; Muslim, Salām 101:

حدثنا أبو اليمان أخبرنا شعيب عن الزهري قال حدثني أبو سلمة بن عبد الرحمن أن أبا هريرة قال سمعت رسول الله ص يقول: لا عدوى قال أبو سلمة بن عبد الرحمن سمعت أبا هريرة عن النبي ص قال لا توردوا الممرض على المصح وعن الزهري قال أخبرني سنان بن أبي سنان الدؤلي أن أبا هريرة ر قال إن رسول الله ص قال لا عدوى فقام أعرابي فقال أرأيت الإبل تكون في الرمال أمثال الظباء فيأتيها البعير الأجرب فتجرب قال النبي ص فمن أعدى الأول؟

5. Ibn Māǧa, Ṭibb 44:

حدثنا أبو بكر ومجاهد بن موسى ومحمد بن خلف العسقلاني قالوا حدثنا يونس بن محمد حدثنا مفضل بن فضالة عن حبيب بن الشهيد عن محمد بن المنكدر عن جابر بن عبد الله أن رسول الله ص أخذ بيد رجل مجذوم فأدخلها معه في القصعة ثم قال: كل ثقة بالله وتوكلا على الله .

6. Muslim, Nikāḥ 125:

وحدثنا يحيى بن أيوب وقتيبة بن سعيد وعلي بن حجر قالوا حدثنا إسمعيل بن جعفر أخبرني ربيعة عن محمد بن يحيى بن حبان عن ابن محيريز أنه قال: دخلت أنا وأبو صرمة على أبي سعيد الخدري فسأله أبو صرمة فقال يا أبا سعيد هل سمعت رسول الله ص يذكر العزل فقال نعم غزونا مع رسول الله ص غزوة بلمصطلق فسبينا كرائم العرب فطالت علينا العزبة ورغبنا في الفداء فأردنا أن نستمتع ونعزل فقلنا نفعل ورسول الله ص بين أظهرنا لا نسأله فسألنا رسول الله ص فقال: لا عليكم أن لا تفعلوا ما كتب الله خلق نسمة هي كائنة إلى يوم القيامة إلا ستكون.

Diakritische Zeichen: Abū Ṣirma, Abū Saʿīd al-Ḫudrī, Banū al-Muṣṭaliq

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Ein Kommentar zu “In Gottes Hand. Gibt es Ansteckung?

  1. Ein Widerspruch lässt sich hier lediglich erkennen, wenn man die weiteren spezifizierenden Ahadithe ignoriert:

    Abu Huraira, Allahs Wohlgefallen auf ihm, berichtete:
    Der Gesandte Allahs, Allahs Segen und Heil auf ihm, sagte: „Es gibt keine Ansteckung von sich selbst ohne Allahs Willen, kein Safar (keinen Tod infolge der Ansteckung von Eingeweidewürmern) und kein Hama (keine Verwandlung von Totenknochen in eine Eule).“ Da entgegnete ein Beduine: „Und was ist mit den Kamelen in der Wüste, die Gazellen gleichen? Aber wenn ein räudiges Kamel bei ihnen wäre, dann wären sie bald alle räudig!“ Da sagte der Prophet, Allahs Segen und Heil auf ihm: „Und wie soll das erste Kamel angesteckt worden sein?“
    [Sahih Muslim Nr. 4116

    Anas, Allahs Wohlgefallen auf ihm, berichtete:
    Der Gesandte Allahs, Allahs Segen und Heil auf ihm, sagte: „Es gibt keine Krankheit, die von sich selbst und ohne den Willen Allahs ansteckt, und es gibt kein böses Vorzeichen (im Vogelflug). Mir gefällt aber das gute Vorzeichen, d.h. das recht gute Wort.“
    [Sahih Muslim Nr. 4123

    In diesen Berichten wird nicht die Ansteckung als solches negiert, sondern lediglich, dass sie ohne den Willen Gottes geschieht.

    Zur scheinbaren Widersprüchlichkeit von Ahadith sei desweiteren dieses hier empfohlen:
    http://library.islamweb.net/grn/index.php?page=articles&id=165767

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