Unbegleitete Begleiterin

Vielleicht haben Sie auch den weltweit verbreiteten Bericht gelesen, den ich hier von einer österreichischen Webseite zitiere:

  • Kritik an unbegleiteter Stewardess: Saudi musste Flugzeug verlassen
    Riad – Ein strenggläubiger Muslim hat in Saudi-Arabien ein Flugzeug verlassen müssen, weil er nicht mit unbegleiteten Frauen in der Maschine sein wollte. Während eine Stewardess Sicherheitsvorkehrungen erläuterte, kritisierte der Saudi, dass sie ohne einen männlichen Verwandten unterwegs war. Wie die saudische Zeitung „Okaz“ am Dienstag berichtete, sagte der Passagier: „Ich bin dagegen, dass dieses Flugzeug abhebt, bevor nicht alle Frauen, die ohne einen männlichen Verwandten reisen, ausgestiegen sind.“
    Nach dem in Saudi-Arabien geltenden islamischen Recht sollen Frauen in Begleitung ihres Ehemannes oder eines nahen männlichen Verwandten reisen. Allerdings hatte ein Religionsgelehrter, der König Abdullah berät, dieses Verbot eingeschränkt und Flugreisen davon ausgenommen, solange ein Verwandter die Frau am Zielort abholt.
    Die Fluggesellschaft folgte nicht der Argumentation des aufgebrachten Passagiers. Er und sein Sohn wurden von Sicherheitsleuten mit Gewalt aus der Maschine gebracht, die dann mit zwei Stunden Verspätung von Dschidda nach Dammam flog. (APA, 12.3.2013)

Es ist nicht meine Gewohnheit hier Berichte aus den Mischnachrichten zu übernehmen, und schon gar nicht, wenn die Veröffentlichung bezweckt beim Leser ein Gemisch aus Häme und Gruseln vor wieder so einem bekloppten Muslim hervorzurufen, was oft die Absicht solcher Artikel ist.
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Mir gefiel der Bericht vielmehr, weil er mal wieder zeigt, wie leicht die saudische Version der Scharia außer Kraft gesetzt wird, wenn das so passt.
Der erboste Fluggast hat aus Sicht der Scharia Saudi style nämlich vollkommen Recht. Frauen dürfen ohne Begleitung eines männlichen Verwandten nicht reisen, und das wird im Königreich meist sehr ernst genommen. Die Existenz unbegleiteter Flugbegleiterinnen ist also theoretisch unmöglich. Trotzdem gibt es sie: sowohl bei Saudi Arabian Airlines wie bei Nas Air, und nicht nur Ausländerinnen. Vielleicht von Seite des Königs ermutigt wird der betreffende Mufti gedacht haben: Flugbegleiterinnen begleiten zu lassen ist irgendwie unpraktisch und sinnwidrig; das machen wir nicht.
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Es gibt mehr Regeln, die nicht eingehalten werden. Beim Autofahren sitzt eine Frau oft alleine mit einem nichtverwandten männlichen Fahrer in einem Wagen, was ebenfalls regelwidrig ist. So lange eine Frau nicht selbst fahren darf, lässt sich das wohl nicht vermeiden. Ein kleines Entgegenkommen an die Sittsamkeit und die Verkehrssicherheit (ja, doch!) ist dann manchmal das Abschrauben des Innenspiegels.
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Vor mehr als einem Jahrhundert kippte das Verbot von Abbildungen von Lebewesen. Sobald die Photographie in der arabischen Welt erschien, fand man sie viel zu verführerisch um sie zu verbieten. Seitdem haben auch die frommsten Prediger sich ablichten lassen.
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Ohne Zweifel lässt sich nachschlagen, welche spitzfindigen Argumente jeweils angewandt wurden um alte, islamisch inspirierte Regeln zu entschärfen, aber das ist nicht mal so wichtig. Hauptsache ist, dass die Abschaffung solcher Regeln auch in Saudi-Arabien gegebenenfalls schnell und schmerzlos über die Bühne geht. Das macht Hoffnung auf eine zunehmende Modernisierung des noch immer sehr steifen Landes.

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