Varianten der Koranauslegung (tafsir)

Fortsetzung von Tafsir (Koranexegese): Kurzdefinition

Wansbrough unterscheidet zwölf Arten, „kinds of procedural device,“ der Koransauslegung (oder Koranexegese, tafsīr). Ich würde sie glaube ich lieber mit einem Terminus aus der klassischen arabischen Literaturtheorie „Absichten“ (aghrād) nennen.
1. Variae lectiones, Lesarten
2. Poetic loci probantes, Belegstellen aus der Poesie
3. Lexical explanation, lexikalische Erklärung
4. Grammatical explanation, grammatikalische Erklärung
5. Rhetorical explanation, rhetorische Erklärung
6. Periphrasis
7. Analogy, Analogie
8. Abrogation
9. Circumstances of revelation, Anlässe zur Offenbarung
10. Identification, Identifizierung
11. Prophetical Tradition, Hadith
12. Anecdote, Anekdote

Diese werde ich hier auch kürzer oder länger behandeln, aber nicht alle auf einmal. Manche wurden schon besprochen.

1. Lesarten (qirā’āt)
In der islamischen Welt hat sich nie so etwas entwickelt wie die Textkritik unserer klassischen Philologie. Aber der Koran wurde wie alle alten Texte handschriftlich überliefert und deshalb entstanden unvermeidlich Textvarianten, „Lesarte“. Im dritten Jahrhundert des Islams hat man unter diesen Lesarten gehörig aufgeräumt, aber es sind noch viele bewahrt geblieben, die oft frühen Autoritäten zugeschrieben werden. Mehr dazu hier. In den Korankommentaren werden  Lesarte of erwähnt.
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2. Belegstellen aus der Poesie (shawāhid)
Ein Wort im Koran wird anhand eines alten, meist vorislamischen Verses erklärt, in dem das Wort ebenfalls vorkommt. Zu Koran 93:2: Und bei der Nacht, wenn sie still ist (sadjā), gibt Ibn Hišām ein Synonym zu saǧā (s. unter 3), aber er fügt hinzu: „Umayya ibn Abī as-Salt sagt: ,[…] und die Nacht war still, im tiefsten Dunkel.‘“ 2 Dieser Umayya war ein Dichter; seine Zeile wird zur Erklärung herangezogen.
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3. Lexikalische Erklärung
eines seltenen, schwierigen oder doppeldeutigen Wortes, wie ein Wörterbuch das tut.
Beim Wort al-kauthar (Koran108:1) sagt al-Qurṭubī: „Kauṯar, vom selben Wortmuster wie naufal und djauhar. Die Araber nennen alles, was groß ist an Zahl, Maß oder Wichtigkeit kauthar.“
Ibn Hišām: „Sadjā (Koran 93:2) bedeutet ,still sein‘“.3
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6. Periphrasis,
Circumlocutio, „Drumherumreden“. Ich bringe hier vorläufig auch die Erweiterung, Amplificatio und Vergrößerung unter, die ich hier schon ausführlich behandelt habe.
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9. Anlässe zur Offenbarung (sabab an-nuzūl)
Gemeint ist hiermit die typische Sorte meist kurzer Texte, die erzählen, zu welchem Anlass ein Koranvers offenbart wurde. Von traditionell orientierten Muslimen werden sie als Berichte über Ereignisse aufgefasst: Etwas sei geschehen, so wird erzählt, und anlässlich dieses Vorfalls habe Gott einen Koranvers offenbart. Hierzu gibt es schon einen längeren Beitrag.
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10. Identifizierung (tasmiya, ta‘yīn)
Wer war eigentlich der Mann mit den zwei Hörnern (dhū al-qarnayn), von dem in Koran 18:83–98 erzählt wird? Ibn Ishāq hatte von einem Gewährsmann, der mit ausländischen Erzählungen vertraut war, gehört, es sei ein Ägypter griechischer Herkunft namens Marzubān ibn Mardhaba gewesen, der von Yūnān ibn Yāfith ibn Nūh abstammte. Na schön. Aber er zitiert auch einen Hadith, nach dem es ein Engel gewesen sei, der die Erde unten herum@ mit Seilen vermessen habe. Ibn Hišām und viele andere Ausleger kennen noch einen anderen Namen: Es soll Alexander gewesen sein, der Alexandrien gebaut hat — Alexander der Große also.4
Wenn es im Koran 18:22 zur Legende der Siebenschläfer in der Höhle heißt: Drei, und der vierte von ihnen war ihr Hund, „wissen“ die Koranausleger, wie dieser Hund hieß — nämlich Qiṭmīr; nach anderen ar-Raqīm, auf Grund von 18:9.
Die Erzähler „wissen“ alles und lassen kein Detail unerklärt.

ANMERKUNGEN
1. John Wansbrough, Quranic Studies. Sources and Methods of Scriptural Interpretation, Oxford 1977, 121.
2. Ibn Ishāq: Das Leben Muhammed’s nach Muhammed Ibn Ishâk bearbeitet von Abd el-Malik Ibn Hischâm, hrsg. F. Wüstenfeld, Göttingen 1858–60, 156; übers. A. Guillaume, The life of Muhammad, Oxford 1955, 713–4.
3. Al-Qurtubī, al-Djāmi‘ li-ahkām al-Qur’ān, zum Vers. Ibn Ishāq, o.c., 156; übers. Guillaume, 713.
4. Ibn Ishāq, o.c., 197; übers. A Guillaume, 139, 719.

Diakritische Zeichen: aġrāḍ, šawāhid, saǧā, ibn Abī aṣ-Ṣalt, al-kauṯar, ǧauhar, ḏū al-qarnayn, Ibn Isḥāq, Marḏaba, Yāfiṯ ibn Nūḥ, Al-Qurṭubī, al-Ǧāmiʿ li-aḥkām al-Qurʾān

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