Arabische Eroberungen: 632–750

Nachdem die nomadischen Araber sich jahrhundertelang mit ungeregelten Überfällen und Raubzügen ins besiedelte Land begnügt hatten, kamen sie um 630 plötzlich in Bewegung, vereinten sich und wurden stark expansiv. Erst wurde, so erzählen uns die Historiker, die Arabische Halbinsel zu einem Staat vereint (die Ridda-Kriege; 632–34), was zuvor nie gelungen war. Danach folgten in erstaunlichem Tempo die Eroberung (fath, Pl. futūh) des halben Römischen und des ganzen Persischen Reichs. Im Nu kamen der Nahe und Mittlere Osten unter arabische Herrschaft.

  • 632–634 Arabien vereint. Ridda-Kriege
    635 Damaskus, Syrien erobert
    634–642 der Irak und Westiran erobert
    639–642 Ägypten
    640 Caesarea (Palästina)
    640–660 Ost-Iran
    670 Qairawān (Tunesien)
    672 Angriff auf Konstantinopel
    711 Bis an den Indus (heute in Pakistan)
    711–732 Iberische Halbinsel; Feldzüge in Frankreich
    bis 750 Afghanistan, Teile Indiens, Zentralasien

Die neuere Wissenschaft sieht den Tatsachenverlauf zum Teil anders; auch an Jahreszahlen wird gerüttelt. Von der berühmten Schlacht bei Qādisīya z.B. (± 640), die Iran offengelegt haben soll, bleibt in der modernen Geschichtsschreibung nicht viel übrig.

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Wie konnte eine Handvoll Araber in kürzester Zeit zwei Weltreiche wegfegen?
Es hat im Laufe der Zeit einige Erklärungsversuche gegeben:

– „Die Araber stürmten vorwärts mit dem Schwert in der einen Hand und dem Koran in der anderen.“ Versuchen Sie das mal selbst: das heißt wirklich mühsam kämpfen! Diese alberne Vorstellung stammt von Edward Gibbon (1737–94).

– Die Muslime wurden durch ihren Glauben beflügelt. Sie befolgten das koranische Gebot Dschihad zu führen. Der Erfolg ist letztendlich Gottes Hilfe zu verdanken. (traditionell-islamische Vorstellung)

– Die Muslime hatten durch ihren Glauben eine große Selbstbeherrschung und eine eiserne Moral. (traditionell-islamische Vorstellung)

  • Text: [Ein römischer Spion arabischer Herkunft wurde ins feindliche Lager ausgeschickt und kam mit folgender Beschreibung der Muslime zurück:]
    „Nachts sind es Mönche, tagsüber Ritter! Selbst wenn der Sohn ihres Königs etwas stehlen sollte, so würden sie seine Hand abhacken; sollte er Unzucht betreiben, so würde er gesteinigt werden um das Recht unter ihnen aufrechtzuerhalten.“
    „Wenn das so ist,“ sagte der Cubicularius, „dann ist das Innere der Erde besser als mit ihnen auf deren Oberfläche zusammenzutreffen!“1

– Dagegen war der Feind feige, dekadent und demoralisiert (traditionell-islamische Vorstellung). Das „Belsazars-Gastmahl-Motif“: 2

  • Text: Als Khālid nach Suwā kam, überfiel er die Bewohner, als sie gerade Wein aus einem Trinknapf tranken, um den sie sich gesammelt hatten, während ihr Sänger sang:
    „Ja, schenk noch mal ein, bevor Abū Bakrs Heer erscheint!
    Vielleicht naht sich unser Todeslos ohne dass wir es wissen.
    Ja, schenk‘ noch mal ein,“ usw.3

– Die Bewohner der besetzten Gebiete standen jubelnd am Straßenrand als die arabischen Truppen einmarschierten. Die Eroberer waren eigentlich Befreier. Die Soldaten benahmen sich den Besiegten gegenüber korrekt und einfühlsam. (moderne islamische Vorstellung. Wo haben wir das noch gehört?)

– Die syrische Bevölkerung wollte ihre eigene(n) syrische(n) Kirche(n) und nicht die griechische Staatskirche von Konstantinopel; sie waren deshalb heilfroh, dass die Römer wegzogen. Die Araber waren ohnehin nicht an Kirchen interessiert. (traditionell-orientalistische Variante der „Befreiungstheorie“)

– Das Oströmische Reich und das Perserreich hatten einander in langen Kriegen militärisch gegenseitig erschöpft, boten nur noch wenig Widerstand. Die Römer hatten Jerusalem gerade erst 622, Ägypten 629, Palästina 630 von Persien zurückerobert. (traditionell-orientalistisch)

– Die beiden Großreiche hatten während ihres langen Krieges ihre arabischen Vasallen nicht länger finanziell unterstützt. Diese wurden jetzt aufständisch und waren bereit gegen ihre früheren Herren zu kämpfen. (neuere Orientalistik)

– Durch die einzigartigen und überlegenen militärischen Strategien der Araber. Flexibilität gegen schwer bewegliche Truppen, die brav in Reih und Glied standen; schneller Rückzug und dann wiederkommen (karr wa-farr). Das Rückzugsgebiet Wüste war für den Feind mit seinen Pferden und Wagen unzugänglich. (traditionell-islamisch und orientalistisch)

– Die Araber hatten immer schon Beutezüge ins besiedelte Land unternommen.4 Das war lästig, aber die Bewohner hatten gelernt, damit zu leben. Darum dachten sie, dass es auch jetzt wieder bloß ein Zwischenfall wäre. Wer hätte denken können, dass es diesmal anders kommen würde? (traditionell-orientalistisch)

– Die arabische Halbinsel war überbevölkert; man sah sich einfach gezwungen, woanders Lebensraum zu finden (traditionell-orientalistisch, Ende 19. Jh.).

– Die Araber müssen durch den Koran/Islam schon einen geistigen Schubs bekommen haben; sonst ist diese plötzliche Tatkraft nicht vorstellbar. (traditionell-orientalistisch)
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Und wie war es nun wirklich?
Vergessen Sie es. Auf jeden Fall war es sehr komplex; viele Ursachen haben dort zusammengewirkt. Die neuere Wissenschaft sucht weiter:

– Neue Vorschläge kommen aus der sog. Inârah-Gruppe: ein lockerer Verbund einiger kritischer Gelehrter, die von der frühislamischen Geschichte nicht viel übrig lassen wollen. Z.B. →Nevo & Koren, Crossroads; Ohlig, Anfänge u.a.: Das Oströmische Reich hatte sich militärisch längst freiwillig aus Syrien zurückgezogen; da gab es also nichts mehr zu kämpfen. Der oströmische Kaiser Heraklius hatte 628 die persische Armee bei Ctesiphon endgültig geschlagen. Als die Araber dann nach Persien kamen, stießen sie auf nur wenig Widerstand. Viele Araber wohnten schon in Syrien; es ging nur noch um die Oberherrschaft unter ihnen. Muʿāwiya war der erste Araber, der überhaupt über Damaskus regierte, und zwar schon ab 642; die ersten, sog. „rechtgeleiteten” Kalifen waren nie dort. (Vieles aus dieser neuen Richtung ist unausgegoren oder unsinnig; hin und wieder gibt es aber interessante Denk- und Forschungsansätze.)

– Namentlich die Idee, dass Medina von 632–660 Hauptstadt eines zentralistisch regierten Großreichs gewesen sei, ruft immer wieder Skepsis bei den Historikern hervor:

  • Es war zuvor noch nie gelungen, auf der Halbinsel einen selbständigen Staat zu gründen. In vorindustrieller Zeit war dies vielleicht grundsätzlich unmöglich,
    • denn für einen Staat braucht man landwirtschaftliche Überschüsse, Steuergelder, eine starke Organisation. War Arabien nicht arm?
    • denn für einen Staat braucht man eine geregelte Armee.
    • denn für einen Staat braucht man schnelle Verbindungen, um auch die entlegenen Teile regieren zu können. Medina liegt mitten auf der Halbinsel, 30 Tage per Kamel von Syrien, Irak oder Jemen. Schnellverkehr mit Pferden ließ die Beschaffenheit des Landes nicht zu. (Vgl. den Postdienst im alten Iran: von Persepolis bis zur Ägäischen Küste in 14 Tagen!)

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Weitere Forschung?
Wie kann die Forschung weitermachen? Wirklicher Fortschritt ist momentan nicht zu verbuchen, aber an den folgenden Fronten könnte weitergearbeitet werden:

– Texte anders lesen. Die islamischen Quellen, die alt, aber leider nicht alt genug sind und die oft eine ideologische, patriotische oder religiöse Tendenz haben, sind oft enttäuschend. Trotzdem würde man sie noch mal mit neuen Augen betrachten können.

  • →Noth und Conrad haben bereits 1973 angefangen die frühesten Quellen zu analysieren, z.B. im Geschichtswerk des aṭ-Ṭabarī. Sie haben befunden, dass die ideologisch gefärbten und stark literarisch gestalteten Berichte für die Geschichtsschreibung nur zum Teil brauchbar sind. Einige ihrer Erwägungen:
    • Dass der Kalif in seiner Hauptstadt Medina das ganze Reich mittels regen Briefverkehrs zentralistisch regiert hätte, ist eine Fiktion. Ein Brief nach Syrien dauerte ja einen Monat; die Antwort ebenfalls. Statt eine zentrale Strategie auszuführen, werden die Kriegsherren jeder für sich losgezogen sein.
    • Die Schlachtenbeschreibungen mit Elefanten, Poesieeinlagen und spannenden Zweikämpfen sind viel zu literarisch um zuverlässig zu sein.
    • Viele Motive sind einfach topoi (Pl. von topos), zum Beispiel die ständige Beratung des Kalifen mit seiner Umgebung; als Angriffszeichen wird immer Allāhu akbar gerufen; einzelne Muslime suchen den Märtyrertod, und noch etliche andere Topoi.

– Längst bekannte Fakten und Texte geraten manchmal in Vergessenheit. Z.B.: Das sog. Gegenkalifat des ‘Abdallāh ibn az-Zubair in Mekka (680-692) und die Schriften seines Bruders ‘Urwa könnten in der „Arabisierung“ des frühen Islams eine wichtige Rolle gespielt haben. Als der Bürgerkrieg zu Ende war, hat der versöhnungswillige Kalif ‘Abd al-Malik vielleicht in der offiziellen Geschichtsschreibung für die arabische Halbinsel mehr Platz eingeräumt als je zuvor. (Wenn ich Lebenszeit genug habe, möchte ich das mal ausarbeiten.) 

Andere Texte lesen:
1. Papyrustexte. Neben Geschichtsbüchern werden neuerdings auch Papyri studiert, die oft älter sind als Bücher und gemäß ihrer Natur nicht „lügen“ können. Es betrifft vor allem Handelsverträge, Korrespondenz usw, die statt ideologisch gefärbter Erzählungen einen Einblick ins Alltagsleben bieten.
2. Die Zeugnisse von Nichtmuslimen, die die Eroberungen oder den frühesten arabischen Staat miterlebten, sind z. T. älter und haben eine andere Perspektive: nicht die der Eroberer, sondern die der Besiegten. Viele dieser Texte sind studiert und übersetzt von →Hoyland.

– Es werden immer mehr archäologische Daten bekannt— obwohl die historischen Überreste in Syrien und in dem Irak momentan auch wieder vernichtet werden. Gebäude, Inschriften und Münzen haben keine Phantasie. Ein richtiger Numismatiker/Historiker sollte uns mal die frühesten Münzen erklären.

ANMERKUNGEN
1. Aṭ-Ṭabarī, Taʾrīḫ i, 2126.
2. Bibel, Daniel 5.
3. Aṭ-Ṭabarī, Taʾrīḫ i, 2124.
4. Bibel, Richter 8:11.

BIBLIOGRAPHIE
– Robert G. Hoyland, In God’s Path: The Arab Conquests and the Creation of an Islamic Empire (Ancient Warfare and Civilization), Oxford University Press 2015. [Ich habe es noch nicht gelesen. Wahrscheinlich das wichtigste Buch.]
– H. Kennedy, The Great Arab Conquests. How the spread of Islam changed the world we live in, London (Weidenfeld) 2007. [Bequeme Einführung]
– F. M. Donner, The Early Islamic Conquests, Princeton 1981
– M. G. Morony, Iraq after the Muslim Conquest, Princeton 1984.
– A. Noth & L. I. Conrad, The Early Arabic Historical Tradition: A Source-Critical Study (Studies in Late Antiquity and Early Islam, Vol. 3), Princeton 1994. [Diese Studie ist auch als eye opener für die Prophetenbiographie nützlich. Das deutsche Original: A. Noth, Quellenkritische Studien zu Themen, Formen und Tendenzen frühislamischer Geschichtsüberlieferung. Teil I: Themen und Formen, Diss. Bonn 1973, ist mittlerweile als veraltet zu betrachten.]
– R. G. Hoyland, Seeing Islam as Others Saw It, Princeton 1997.
– Aṭ-Ṭabarī, [Taʾrīḫ al-mulūk war-rusul] Annales, hg. M.J. de Goeje et al., 14 Bde., Leiden 1879–1901; Übers. Ehsan Yarshater (hg.), The History of al-Ṭabarī. An annotated translation, Albany 1985—  .
– G.-R. Puin, Der Dīwān von ‘Umar ibn al-Ḫaṭṭāb, Diss. Bonn 1970.
– Y.D. Nevo & J. Koren, Crossroads to Islam. The Origins of the Arab Religion and the Arab State, Amherst NY 2003 [wird von mir nicht empfohlen].
– K.H. Ohlig und G.R. Puin (hg.), Die dunklen Anfänge: Neue Forschung zur Entstehung und frühen Geschichte des Islam, Berlin 2005 [nicht alle Beiträge würde ich empfehlen].

Diakritische Zeichen: fatḥ, futūḥ, Ḫālid

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