Muhammad ibn Dawud al-Isbahani

Muḥammad ibn Dāwūd al-Iṣbahānī war ein nicht sehr bekannter Intellektueller aus Bagdad, der von 868–910 lebte. Über ihn habe ich meine Dissertation geschrieben.1 Ein Meisterwerk war das nicht, aber der Stoff ist noch immer interessant. Darum habe ich vor hier die Akte manchmal wieder zu eröffnen.
Der Wikipedia ist Ibn Dawud noch entkommen und den Artikel über ihn in der Encyclopaedia of Islam brauchen Sie nicht nachschlagen. Es gibt den dort zwar, aber er ist ziemlich schlecht und auf jeden Fall veraltet.
Wie alle Intellektuellen seiner Zeit war Ibn Dawud in mehreren Geisteswissenschaften zu Hause. Er war *Rechtsgelehrter, überlieferte *Hadithe und formulierte Meinungen zur *Theologie. Interessanter war er jedoch als *Literaturwissenschaftler und Kritiker. Er schrieb eine *Anthologie der arabischen Poesie in hundert Kapiteln, das *Kitāb az-Zahra,2 was an sich schon eine kritische Tätigkeit war; darüber hinaus gab er in der Zahra kurze *Kommentare zu vielen Gedichtfragmenten; oft ein wenig naiv, aber in einer Weise, die damals neu war. *Dichter war er auch; kein großer Dichter, aber ein eigenartiger. Der Beweis ist noch nicht ganz geliefert, aber es ist wahrscheinlich, dass er seine eigenen Gedichte in seiner Anthologie versteckt hat, unter der Überschrift: „Von einem Zeitgenossen“.
Im Kitāb az-Zahra hat er auch sog. *Graeco-Arabica überliefert: Texte mit einem griechischen wissenschaftlichen und philosophischen Hintergrund, aus dem Griechischen oder Syrischen übersetzt, bearbeitet, noch mal neu geschrieben usw.. Dabei handelt es sich vor allem um populärwissenschaftliche medizinische Literatur. Auch Altphilologen können sich über solche Texte freuen: Sie bieten oft einen Einblick in die Textgestalt womöglich mangelhaft überlieferter griechischer Werke oder in die Anthologien (florilegia) aus byzantinischer Zeit. Ich habe stark den Eindruck, dass Ibn Dawud selbst nicht immer verstand, was er da abschrieb, aber er hielt es wohl für notwendig, seinem Buch einen wissenschaftlichen Anstrich zu geben.
Sehr interessant ist Ibn Dawuds *Liebestheorie, die er anhand der ausgewählten Liebespoesie in den ersten fünfzig Kapiteln entfaltet. Möglicherweise hat seine Theorie sogar Westeuropa beeinflusst. Dass wir uns lieben müssen, wenn wir heiraten, kommt nicht von ungefähr: Irgendjemand hat das erfunden. Das war gewiss nicht Ibn Dawud persönlich, aber die arabische Liebestheorie war sicher von Einfluss.
Interessant ist auch seine Reaktion auf die islamische Mystik (Sufismus), die seinerzeit sehr im Kommen war.
Ansonsten gibt es einige *Anekdoten über sein Leben. Die eine Hälfte handelt von seinen Kontakten mit Juristen und Mystikern; die andere über seine *Liebeskrankheit und seinen Liebestod. Tja, er soll an Liebe gestorben sein; das passierte in der damaligen Literatur öfter. Auch ein lustiges Thema.

ANMERKUNGEN
1. W. Raven, Ibn Dâwûd al–Isbahânî and his Kitâb al–Zahra, (Diss. Leiden), Amsterdam 1989. Wer mag, kann für € 10 ein Exemplar bekommen: einfach Kontakt aufnehmen.
2. – Ibn Dāwūd al-Isbahāni, Kitāb al-Zahra (The Book of the Flower), The first half, Hg. A.R. Nykl und Ibrāhīm Tūqān, Chicago 1933.
– Abū Bakr Muhammad ibn Dāwūd al-Isfahānī, Az-Zahra, Hg. und kommt. Ibrāhīm al-Sāmarrāʾī, az-Zarqāʾ 1406/1985.
– Abū Bakr Muhammad ibn Dāwūd al-Isfahānī, An-niṣf al-ṯānī min Kitāb az-Zahra, Hg. Ibrāhīm al-Sāmarrāʾī und Nūrī al-Qaysī, Baghdād 1975.
– Abū Bakr Muhammad ibn Dāwūd al-Isfahānī az-Zahirī, Kitāb az-Zahra. Parte seconda, Hg. Michele Vallaro, Napoli 1985.

„Alles“ über die Handschriften und Ausgaben hier:
W. Raven, „The manuscripts and editions of Muhammad ibn Dāwūd’s Kitāb al-Zahra,“ in Manucripts of the Middle East 4 (1989), 133–37. Des weiteren:

Diakritische Zeichen: Muḥammad ibn Dāwūd al-Iṣbahānī, Ṭūqān, aẓ-Ẓahirī

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