Roes, Leeres Viertel (Besprechung)

Michael Roes, Leeres Viertel. Rubʿ al-Khali. Invention über das Spiel, Frankfurt (Eichborn), 1996.

Wie reisen? Gebildete Touristen können das nachlesen in Reiseführern, zum Beispiel aus der Reihe Richtig Reisen. Aber den Autor Michael Roes kann Edeltourismus nicht zufrieden stellen. Mit Leeres Viertel, das im Nahen Osten und vor allem im Jemen spielt, hat er einen alternativen Band Richtig Reisen geschrieben — und zwar in Form eines stattlichen Romans. Wenn auch das Buch auf der Titelseite nicht Roman, sondern nur eine „Invention“ genannt wird, in Analogie zu den so bezeichneten unkonventionellen, oft zweistimmigen Musikstücken.
Leeres Viertel stellt erst kurz den Ich-Erzähler vor, einen modernen Kulturanthropologen, der als Forscher in den Jemen reist. Sofort darauf folgen hundert Seiten eines Textes, den er im Gepäck mitführt: der Reisebericht des fiktiven Entdeckungsreisenden Alois Schnittke, der um 1803 in den Jemen gereist sein soll. Nach hundert Seiten wechseln die Notizen Schnittkes und die des Erzählers einander immer öfter ab, wobei ihre Erlebnisse und Beobachtungen allmählich parallel oder durcheinander laufen. Die erzählenden Teile sind mit Aufsätzen, aber auch mit arabischen Vokabellisten von z.B. Pferde- oder Kameltermini, und mit anthropologischen Aufzeichnungen durchsetzt. Die modernen Texte sind in normaler Sprache, die von Schnittke in einem archaisierenden Deutsch geschrieben.
Reisen nach Roes dauert lang und ist abenteuerlich. Selbstverständlich erleben seine Reisenden Rückschläge, Gefahr und Ungemach, und alle beide werden sie von Beduinen gefangen genommen. Aber Reisen soll auch einen Zweck haben: Kenntniserwerb. Der Ich-Erzähler erforscht die Kinderspiele im Jemen; sein Alter Ego Schnittke beteiligt sich an einer ziemlich drolligen vierköpfigen Expedition, die fleißig altsüdarabische Inschriften abschreibt und letztendlich nach nichts weniger als der verlorenen Bundeslade sucht, in der sich die Steintafeln des Gesetzes befinden.
Laut hartnäckigen, nicht übereinstimmenden Gerüchten hat der Autor diesen Roman als Doktorarbeit oder sogar als Habilitationsschrift eingereicht. Er kennt die deutschen Universitäten und kann nicht wirklich erwartet haben, dass man sein Werk akzeptieren würde. Aber er muss herzlich gegrinst haben, als sich eine Kommission wenigstens darüber beugte und manche Mitglieder es nicht abweisen wollten. Leeres Viertel enthält in der Tat einige Texte, die der Wissenschaft ähnlich sehen. Zum Glück sind sie es nicht. Das Arabische in den altmodisch und willkürlich wirkenden Vokabellisten taugt nicht viel. Und obwohl die kulturanthropologischen Betrachtungen interessant sind, entbehren sie jeder Systematik. Aber so wie eine Zeitung, die auf einem Gemälde oder in einem Comicheft abgebildet ist, nicht wirklich gelesen werden muss, so muss die hier geschilderte Wissenschaft nicht wirklich taugen.
Roes’ Versuch sein Buch als Wissenschaft anerkannt zu bekommen ist aber mehr als ein guter Spaß. Er wollte nicht nur Reisekritik bieten, sondern auch Wissenschaftskritik. Anthropologische Feldforschung gelingt am besten, wenn der Forscher das fremde Volk nicht mit kühlem Blick von außerhalb betrachtet, sondern sich daruntermischt und es „teilnehmend beobachtet“. Roes’ moderner Held geht viel weiter: Er studiert nicht mehr, sondern geht im Volk auf, indem er mit den Spielern mitspielt. Keiner dreckigen Gasse, keinem erotischen Abenteuer geht er aus dem Weg und er erreicht Vereinigungen, die manchmal nur schmuddelig-sexuell, aber in Glanzmomenten mystischer Art sind. Manch ein Wissenschaftler dürfte ihn um die so erworbene Kenntnis beneiden.
Am spannendsten in Leeres Viertel sind die Reiseerlebnisse selbst, die den Leser bis an den Rand der gleichnamigen Wüste mitnehmen. Dass die Handlung des Buches, wie auch die beiden Reisen selbst, im Sande verläuft, ändert daran nichts. Viel Platz nehmen die Beschreibungen der und Betrachtungen über die Kinderspiele ein. Die Spiele sind grausam wie überall, aber anders als bei uns sind sie noch nicht virtuell geworden. Das Spiel liegt im Jemen noch dicht beim Krieg und ist viel blutiger als ein Spielchen wie Mortal Kombat. Die Kinder werfen dort noch mit echten Steinen.
Noch interessanter als die Spiele ist die Homosexualität, die und dem ganzen Buch eine wichtige Rolle spielt. Der Erzähler läuft jedem Typ, der ihm winkt, hinterher, aber beschreibt seine Kontakte als freudlose Nummern, als Feldforschung. Seine Beobachtungen und Betrachtungen zu diesem Thema faszinieren mehr als seine Verrichtungen. Die Frage kommt bei ihm auf, ob es Homosexualität in traditionellen arabischen Umgebungen überhaupt gibt, in denen körperliche Handlungen zwischen Männern nur wie von selbst vorkommen, nicht auf Grund einer Absprache zwischen Ebenbürtigen, wie stillschweigend auch immer, und nie Gegenstand von Bewusstsein oder Gespräch sind. Ist die westliche Einteilung der sexuellen Orientierungen dann doch nicht universell gültig? Schnittkes Bericht wimmelt ebenfalls von den Intimitäten zwischen Männern. Roes weiß diese oft sehr gekonnt zu suggerieren ohne sie zu benennen. Das war notwendig, denn für Schnittke waren solche Handlungen noch genauso „unsagbar“ wie für die heutigen Jemeniten.
Der Erzähler hat keinen guten Sex und ist auch sonst ein ziemlicher Griesgram, was dem Lesevergnügen manchmal Abbruch tut. Über ihn lachen will auch nicht richtig gelingen. Er wird immer verzweifelter und kranker, aber ist auch oft stur, blöd und unpraktisch. Ausgerechnet während eines Bürgerkriegs begibt er sich an den Rand des Leeren Viertels und siehe da, prompt wird er entführt. Schnittke dagegen, ehemaliger Direktor eines Marionettentheaters, ist der ideale Reisende. Roes hat ihn zu einem Weimarer Musterbürger anno 1800 gemacht: aufgeklärt, lernwillig, mutig, verspielt und sogar humorvoll. Schnittke lernt gut Arabisch, bekämpft die Vorurteile seiner Mitreisenden, knüpft als einziger Freundschaftsbande mit „Einheimischen“ und verhält sich für seine Zeit unwahrscheinlich politisch korrekt. So sein, so reisen, das scheint Roes’ Ideal. Aber das geht nicht mehr, und war es vor zwei Jahrhunderten wirklich möglich?
Leeres Viertel ist ein reichhaltiges zweistimmiges Experiment, aber ganz gelungen ist das doch nicht. Auf Dauer wird das Weiterlesen eine Aufgabe: Die Spannung erschlafft und die gewaltigen Fragen, die aufgeworfen werden, bleiben unbeantwortet. Am Ende fühlt sich der Leser ungefähr wie Schnittke, als er die Steintafeln endlich findet und feststellt, dass sie leer sind. Das ändert nichts daran, dass dieses Buch wunderbare Erzählungen, viele Berichte über den Jemen, und wertvolle Aufsatzfragmente über Spiel, Krieg, Tanz und Sex enthält.

(Verfasst 2001)         Zurück zum Inhalt