Arabisch lernen

Modernes Hocharabisch (MHA; eine Schriftsprache!) lernen Sie an einer Universität. Das ist nicht die ideale Umgebung dazu, aber kostenlos und immer noch besser als kommerzielle Sprachschulen oder Volkshochschulen. Eine hochwertige Alternative ist das Landesspracheninstitut Bochum. Selbstverständlich können Sie es auch an einem Sprachinstitut in einem arabischen Land versuchen. Das ILI in Sahafiyeen, Kairo, war immer ausgezeichnet; hoffentlich hat es seinen guten Standard nach Frühling und Restauration bewahrt. Auch in Beirut wird man natürlich fündig; meist läuft das über das Orient-Institut vor Ort. In Syrien geht es nicht mehr.

Sie brauchen zwei Jahre und viel Zeit und Geld. Kürzere oder billige Kurse führen nicht zum Ziel, auch nicht, wenn sie in einer malerischen Umgebung oder an einem Strand abgehalten werden.
Arabisch gilt als eine schwierige Sprache und das ist sie auch. Einer der Gründe ist, dass das MHA eine Schriftsprache ist, die nicht gesprochen wird. Die akustische Unterstützung, die man normalerweise in Gesprächen und im tagtäglichen Hören erhält, fällt aus.

Warum will jemand Arabisch lernen? Die meisten Menschen, die das wollen, haben einen arabischsprachigen Partner oder sind Muslim oder auf dem Weg zum Islam. Ihnen gelingt es meistens nicht, habe ich bemerkt. Solche Triebfedern sind offenbar nicht die besten, um die Sprache zu lernen. Interesse an Sprache und Kultur sind das schon, und Erfahrung mit anderen „exotischen,“ d.h. nicht nahe mit dem Deutschen verwandten Sprachen (Altgriechisch, Russisch, Hebräisch) erleichtert die Sache. An meiner Universität gibt es Studiengänge der Arabistik und Islamwissenschaft. Die Erfahrung lehrt, dass fast nur diejenigen mit Schwerpunkt Arabistik die Sprache richtig erlernen. Ich hatte immer gedacht, dass diejenigen, die am Islam interessiert sind, gerne den Koran und noch andere alte islamische Texte im Original lesen möchten, aber dies ist lange nicht immer der Fall. Sie wollen es nicht und können es also auch nicht; von Ausnahmen natürlich abgesehen. Die christlichen Theologen konnten von alters her von den Bibelsprachen Hebräisch und Altgriechisch auch nur wenig, und jetzt wahrscheinlich gar nichts mehr. Heilige Schriften müssen vielleicht nicht unbedingt verstanden werden.

Nehmen wir an, Sie seien gut motiviert und willensstark, und Sie wollen ernsthaft Arabisch lernen. Müssen Sie dann erst die Schriftsprache lernen, obwohl Sie vielleicht nur, oder an erster Stelle, sprechen möchten? MHA wird zwar in allen arabischen Ländern geschrieben, aber nirgendwo gesprochen, außer in künstlichen Situationen: in Ansprachen und Predigten, im Fernsehen und bei formellen Gelegenheiten. Die europäischen Universitäten unterrichten fast alle erst MHA und bieten vielleicht später, z.B. im 5. Semester, noch mal einen kleinen Kurs in Ägyptisch-, Syrisch- oder Marokkanisch-Arabisch an, in der Hoffnung, dass die Studenten den Dialekt des gewählten Landes „von selbst“ weiter aufschnappen. Eine andere Möglichkeit gesprochenes Arabisch zu erlernen ohne MHA und ohne Uni ist einem Kurs in einem arabischen Land zu folgen. Solche Dialektkurse gibt es selten, aber es gibt sie: beim bereits erwähnten ILI in Kairo und in Marokko. In Syrien gab es sie auch. Syrien, Libanon, Jordanien und Palästina gehören zu einer Dialektgruppe, aber sonst sind die Unterschiede zwischen den Dialekten groß. Natürlich soll man sich immer für den Dialekt der Gegend entscheiden, mit der man zu tun hat oder bekommt. Für den Nahen Osten macht Marokkanisch-Arabisch keinen Sinn.

In der alten Zeit, die noch sehr lange angedauert hat, ging Arabisch lernen an der Uni ungefähr so: Im ersten Jahr wurde man von einem Dozenten, der meist nicht sehr pädagogisch veranlagt war, durch „die ganze Grammatik“ des MHA gejagt. Fünf Wörter hintereinander zu sagen war schon ein Problem — ich meine das rein Akrobatische daran. Im zweiten Jahr fing man an stolpernd irgendwelche einfachen Texte zu lesen, im dritten Jahr etwas mehr. Dies alles in der Hoffnung, dass man sich beim Lesen die relevanten Teile der Grammatik rechtzeitig erinnern würde; und wenn nicht, so musste man diese nachschlagen. Vokabeln lernte man auch nicht; dafür gab es ja Wörterbücher. Das richtige Sprachverständnis kam oft erst nach vier oder fünf Jahren, und dann auch nur, wenn man lange in einem arabischen Land wohnte. Der Student bekam den Eindruck, diese Sprache würde er nie lernen, und so war es oft auch. Viele flüchteten in Türkisch oder Persisch; wer mit Arabisch weiter machte, musste schon etwas masochistisch veranlagt sein.

Dies hat sich jetzt geändert. Einige Universitäten haben die neuen Lehrbücher von Kirsten Brustad et al. in Gebrauch genommen, mit sehr vielem audiovisuellem Material. „Die ganze Grammatik“ in einem Jahr zu erlernen, geht jetzt längst nicht mehr. Nach zwei Jahren sitzt sie einigermaßen. Lesen also erst im dritten Jahr; das finde ich sehr spät, nachdem jetzt die Regelstudienzeit auch noch drastisch verkürzt ist. Aber schau an: was die Studenten gelernt haben, kennen sie wenigstens wirklich. Das Bluffen und Tun als ob ist vorbei. Langsam, aber ohne Frust kommen sie vorwärts. Im dritten Jahr können sie etwas lesen: einige Kurzgeschichten, einen halben Roman vielleicht, ein Paar Zeitungen, etwas aus dem Internet.

Übrigens: So schwierig es für einen Deutschen ist Arabisch zu lernen, so schwierig ist es auch für einen Araber Deutsch zu lernen. Bei Debatten über Einbürgerung sollte man dies berücksichtigen. Ein kleiner Kurs reicht nicht aus.

Siehe weiter hier:   Grammatikunterricht

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