Moderne Kreuzfahrer

Manche Muslime leiden rückwirkend unter den Traumata und Nachwirkungen der Kreuzzüge, seit diese ab 1865 im Osmanischen Reich durch französische und türkische Geschichtsbücher wieder bekannt wurden.1 Vor allem der Besuch des deutschen Kaisers in Palästina (1898) hat zu ihrer Bekanntheit beigetragen. Ab den Zwanzigern haben die Muslimbrüder die Kreuzzüge bewusst in ihrer antikolonialen Propaganda eingesetzt. Die Gründung des Staates Israel war ein gefundenes Fressen und verstärkte das Motiv noch mal: abermals wurde Palästina von Europäern besetzt! „Zionisten und Kreuzfahrer“ werden heutzutage in islamistischer Propaganda oft in einem Atemzug erwähnt. Die historischen Kreuzzüge waren jedoch stark antisemitisch inspiriert und kosteten vielen Juden das Leben.

Der erste Kreuzfahrer der Neuzeit war in der Tat nicht George W. Bush, sondern der deutsche Kaiser Wilhelm II. Am 31. Oktober (Reformationstag!) 1898 ritt der Kaiser in einem selbst erfundenen Tropenanzug2 in die Heilige Stadt hinein, u.a. um dort die von ihm finanzierte Erlöserkirche einzuweihen. Ein fotogener Einzug mit erhobenen Fahnen war möglich geworden, indem man an einer Stelle die Stadtmauer niedergerissen hatte. Die Presse, nicht zuletzt durch die offizielle Propaganda und die Wandmalereien3 in der Kirche inspiriert, nannte den Kaiser einen „neuen Kreuzfahrer“. Der Dichter Wedekind spottete:

  • Mit Stolz erfüllst du Millionen Christen;
    Wie wird von nun an Golgatha sich brüsten,
    Das einst vernahm das letzte Wort vom Kreuz
    Und heute nun das erste deinerseits.4

In Damaskus besuchte Wilhelm das Grab Saladins, des islamischen Kriegshelden aus der Zeit der wirklichen Kreuzzüge. Diesen „Ritter ohne Furcht und Tadel“ hob er in den Himmel in einer berühmt gewordenen Ansprache, in der er dem osmanischen Sultan und den damals 300 Millionen Muslimen seine bleibende Hilfe versprach. Es war vor allem diese Publizität, die Saladin und durch ihn die Kreuzzüge in das arabische „Gedächtnis“ zurückbrachte. Ein protestantischer Kreuzfahrer lobte also den früheren islamischen Feind und versprach Muslimen gegen ihre christlichen Widersacher beizustehen. Noch Fragen?

ANMERKUNGEN
1. Carole Hillenbrand, The Crusades: Islamic Perspectives, Edinburgh 2006 (2. Aufl.), 592
2. Tropenkostüme waren ein typisches Outfit der Kolonialherrscher. Ende Oktober ist es in Jerusalem ungefähr so warm wie in Berlin im Sommer. Spezielle Bekleidung erübrigt sich.
3. Diese sind 1970–71 bei einer Restaurierung vernichtet worden. Aus Scham? Ich habe keine Fotos finden können.
4. Simplizissimus, Palästina Sondernummer 1898. Vollständiger Text des Gedichts hier. Der Dichter musste schnell in die Schweiz ausweichen und landete nach Rückkehr doch noch in einem deutschen Gefängnis.

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