Seeschlange

„Wie man erzählt, gibt es im Meer riesige, furchterregende Schlangen, die Tinnīn heißen. Wenn in tiefstem Winter die Wolken dicht über die Meeresoberfläche streichen, kommt der Tinnin hoch aus dem Wasser, weil die Wärme des Meeres ihn hindert; denn im Winter ist das Meereswasser so heiß wie ein Kochtopf. Der Tinnin wird in der Kälte der Wolken gefangen, und wenn der Wind sich dann über der Meeresoberfläche erhebt, steigen die Wolken auf und nehmen ihn mit. Die sich auftürmenden Wolken ziehen von der einen Seite des Horizonts zur anderen, und wenn sie ihren Regen losgeworden sind, werden sie leichte Staubwolken, die in der Luft schweben und durch den Wind auseinander fallen. Der Tinnin hat dann nichts mehr, was ihn stützt, und fällt hinunter ins Meer oder auf das Land. Wenn Gott mit einem Volk Böses vorhat, lässt er einen auf sein Land hinabstürzen, wo er ihre Kamele, Pferde, Rinder und Schafe verschlingt und sie zu Grunde richtet. Er bleibt dort, bis er nichts mehr zu fressen findet, oder bis Gott die Menschen von ihm befreit.
Seeleute, Reisende, Kaufleute und Kapitäne haben mir erzählt, dass sie ihn des Öfteren über sich hätten vorüberziehen sehen, schwarz und langgezogen in den Wolken. Wenn die Wolken hinunterkommen, kommt auch er hinunter zur unteren Wolkenschicht und lässt manchmal einen Teil seines Schwanzes in der Luft hängen. Aber sobald er die Kälte der Luft spürt, entfernt er sich, steigt hoch in die Wolken und wird unsichtbar. Gelobt sei Gott, der beste der Schöpfer!”

Unsinn, meinen Sie? Aber sehen Sie nicht, dass dieser tausend Jahre alte Text eine ziemlich genaue Beschreibung von einem auch heutzutage oft beschriebenen und sogar fotografierten Phänomen gibt?
Ich vermute, dass es dazu noch ältere griechische Texte gibt; die möchte ich mal ausfindig machen.

Quelle: Bozorg ibn Šahriyār ar-Rāmhurmuzī, ʿAǧā’ib al-Hind, hrsg. P. A. van der Lith, Leiden 1883–86 (mit franz. Übers.), 41-42.   TEXT@

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