Eulogien

Ein Absatz aus einem willkürlichen islamischen Text aus dem Internet sieht so aus::

  • Die Gefährten des Propheten – radi´Allahu anhum – liefen um die Wette und der Prophet ermutigte sie dazu. Es wird berichtet, dass Ali – radi´Allahu anhu – ein schneller Läufer war. Der Prophet selbst lief mit seiner Frau Aischa – radi´Allahu anha – um die Wette, um ihr Freude zu machen, sich zu erfreuen und den Gefährten – radi´Allahu anhum – ein Beispiel zu geben.

So ein Text weckt hauptsächlich Lachlust oder Widerwillen. Lesbar ist er kaum, weil er so viel Ballast enthält. Wenn ich diesen kurz entferne, sieht er so aus:

  • Die Gefährten des Propheten liefen um die Wette und der Prophet ermutigte sie dazu. Es wird berichtet, dass Ali ein schneller Läufer war. Der Prophet selbst lief mit seiner Frau Aischa um die Wette, um ihr Freude zu machen, sich zu erfreuen und den Gefährten ein Beispiel zu geben.

So, jetzt ist der Text lesbar. Entfernt habe ich die schweren arabischen Eulogien: Segenssprüche, die bei der Erwähnung verstorbener Muslime gewisser Kategorien für Gläubige Pflicht sind.
Es gibt jede Menge Eulogien, die man traditionell jedem Gottesnamen, jeder Erwähnung eines Propheten oder Erzengels oder den Namen bestimmter verehrter Muslime beigibt. Im Arabischen werden sie sehr oft geschrieben, aber zunehmend kommen sie auch in islamischen Texten in anderen Sprachen vor. Einige Beispiele:

  • Allah: ta‘ālā = Er ist erhaben (oder etwas Längeres)
  • Der Prophet Mohammed: sallā allāhu ‘alaihi wa-sallam = Gott segne ihn und schenke ihm Heil!
  • Andere Propheten und Erzengel: ‘alaihi as-salām = Heil sei über ihm!
  • Prophetengefährten: radiya allāhu ʿanhu = Gott habe Wohlgefallen an ihm!

Die Übersetzungen der arabischen Phrasen können auch anders aussehen, und sie können verkürzt werden: Allah (swt), der Prophet (saws), Aischa (ra) , usw. In anderen europäischen Sprachen gibt es sie auch, z. B.: Mohammed (pbuh = Peace be upon him). Im obigen Zitat sind wir noch glimpflich davon gekommen, denn aus irgendeinem Grund fehlt dort eine Eulogie bei der Erwähnung des Propheten.
Bei verehrten Muslimen aus späterer Zeit steht oft ein Ehrentitel vor dem Namen: Maulana Galal-uddin Rumi, Hazrat Ali Karamullah, Hazrat Abu Bakr as-Siddiq, Imam as-Schafi‘i usw. Und dann gibt es noch feste Adjektive bei gewissen Ortsnamen: das erleuchtete Medina, das edle Konya, usw. Diese alle zusammen können einen Text bis zur Unlesbarkeit aufblasen und dem arglosen Leser das starke Gefühl vermitteln, der Text sei nicht zum Lesen gedacht.

Verehrte Muslime? Persönlich bin ich kein Muslim, aber es scheint mir doch, dass Muslime außer dem Propheten keine Menschen verehren sollten, und Orte schon gar nicht. Ist das nicht strittig mit der islamischen Glaubenslehre? Es schaut aus wie Heiligenverehrung. Nun ja, dazu schweige ich besser; ich bin nicht befugt. Wie auch immer, es wird Muslimen nicht leicht fallen, die Gewohnheit loszulassen, denn die Anwendung solcher Phrasen und Floskeln, zumindest bei der Nennung des Propheten, gilt als religiöse Pflicht. Ein diesmal recht gediegener Wikipediaartikel macht das klar. Dort kann man aber auch lesen, dass die verbindliche Eulogienschreibung nicht uralt ist, und mit Sicherheit nicht auf den Koran oder den Propheten zurückgeht. Muslime könnten sich also erdreisten, sie sein zu lassen. Das werden sie aber nicht, denn die Eulogien sind auch Identitätssache geworden. Über die Jahrhunderte sind sie immer zahlreicher geworden; beim Abschreiben von Handschriften hat jeder Kopist einige dort hinzugefügt, wo sie noch fehlten, und bei der Drucklegung alter Texte verhält sich dies ebenso.

Als nichtmuslimischer Leser möchte ich nur darauf hinweisen, dass mit Eulogien durchsetzte islamische Texte komisch aussehen. Nicht zum Lesen verlockend; eher sektiererisch. Für viele Leser werden Eulogien ein patentes Signal sein sich abzuwenden. Das Peinliche ist, dass Muslime mit Eulogien bezwecken Ehrfurcht bzw. Respekt auszudrücken, aber unfreiwillig eher lächerliche und unlesbare Texte produzieren, und somit genau das Umgekehrte erreichen. Der Verfasser eines anderen willkürlich gewählten Textes scheint das gespürt zu haben; er reduziert die Floskeln auf das Minimale und erfüllt trotzdem seine Pflicht:

  • Im zehnten Jahr seiner Botschaft erlebte der Prophet (s) das wunderbare Ereignis des „Isra und Mi‘rag“. Der Engel Gabriel (a.s.) kam eines Nachts mit der Aufforderung Allahs des Allmächtigen, der Prophet solle in den Himmel auffahren.

So stört es schon viel weniger, aber Ballast bleibt es.

Diakritische Zeichen: ṣallā, raḍiya

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