Scharia (Kurzdefinition)

  • „Das weite Verständnis der Scharia umfasst die Gesamtheit aller religiösen und rechtlichen Normen, Mechanismen zur Normfindung und Interpretationsvorschriften des Islam, also etwa der Vorschriften über Gebete, Fasten, das Verbot bestimmter Speisen und Getränke wie Schweinefleisch und Alkoholisches und die Pilgerfahrt nach Mekka ebenso wie Vertrags-, Familien- und Erbrecht.“  (→ Rohe, Scharia, S. 9)

Im islamischen Sprachgebrauch ist Scharia also: die Regeln und Verordnungen, die das Leben der Muslime bestimmen, zum Großteil abgeleitet aus Koran und Hadith.
Die Scharia ist umfassender als europäische Rechtssysteme: auch Glaubenslehre, Ethik und gute Manieren sind darunter begriffen. Sie ist eine Pflichtenlehre, die die Beziehung zwischen Mensch und Gott und zum Teil auch zwischen Mensch und Mensch regelt.

  • Im alten Arabisch bedeutete sharī‘a: „a watering place; a place to which men come to drink therefrom and to draw water“. Oder: „gaps, or breaches, in the banks of rivers or the like by which men or beasts come to water“ (Lane, Arabic-English Lexicon). Diese Bedeutung ist für „Scharia“ im Sinne von islamischem Recht nicht relevant. Warum immer wieder gesagt wird: Sharī‘a bedeutet „Weg“ ist mir ein Rätsel. Sogar → Calder, Sharī‘a, fällt darauf rein. Das verwandte shir‘a kann „Anfang eines Wegs“ bedeuten. Die Übersetzung „Weg zur Tränke“ scheint mir ein Bequemlichkeitskompromiss, um sowohl den „Weg“ wie auch die „Tränke“ hereinzubekommen. Dabei denkt man sich dann bestimmt etwas Erbauliches.

Die heutige Bedeutung des Wortes sharī‘a ist erst spat gängig geworden. Im ganzen „kanonischen“ Hadith kommt es nur einmal in relevanter Bedeutung vor; im Koran gar nicht. Das bedeutet: Es war im Frühislam nicht sehr verbreitet. Um 900 war es mit Sicherheit in Gebrauch; inwieweit die Juristen des 9. Jahrhunderts es verwendeten wäre mal nachzuprüfen.
Die Übersetzung „Islamisches Gesetz“ ist falsch. Sie stammt wohl aus dem englischen Islamic law. Das englische law umfasst sowohl Recht als auch Gesetz. Aber die Scharia ist kein Gesetz. Die Übersetzung: „islamisches Recht” ist besser, aber auch nur dann richtig, wenn man gerade von Recht redet. Am besten lässt man das Wort unübersetzt, in der längst eingedeutschten Form: Scharia.

Die Scharia ist kein Gesetz, nicht kodifiziert und sicherlich kein Buch, das jemand für die Ewigkeit niedergeschrieben hätte. Nicht etwas Greifbares, sondern ein Abstraktum. Fragen wie: „Was sagt die Scharia zu …? Was steht in der Scharia? Wer hat die Scharia geschrieben?“ sind also sinnlos. Die Scharia sagt nichts, sondern muss immer wieder in den Rechtsquellen gefunden werden, d.h. in Koran, Hadith und Jurisprudenz. Sie ist also dem Wandel unterworfen, wenn auch Rechtsgelehrte sich oft mit dem begnügen, was ihre Kollegen vor Jahrhunderten schon gefunden hatten. Das muss aber nicht so sein. Die Frage, inwieweit man den Alten folgen muss (taqlīd) oder die früher bereits gelösten Rechtsfragen noch mal aufs Neue aufrollen kann (idjtihād), ist seit mehr als einem Jahrhundert das wichtigste Diskussionsthema in der ganzen islamischen Welt.

LESEN
– Mathias Rohe, Das islamische Recht. Geschichte und Gegenwart, München 20092.
– Norman Calder, „Sharīʿa“ in EI2.
– Joseph Schacht, An Introduction to Islamic Law, Oxford 1964.
– Said Ramadan, Das islamische Recht. Theorie und Praxis, Wiesbaden 1980.

Kurzdefinitionen: Anlässe der Offenbarung, DhimmiFatwa, Hadith, Isnad, Isra’iliyatKalif, Koranauslegung, Muslim, Naskh, ProphetenerzählungenSabab an-nuzulSiraSunnaTafsirTaqiya,

Diakritische Zeichen: šarīʿa, širʿa, iǧtihād

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